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Full text of "Erwin Rohde: Ein biographischer Versuch mit einem Bildnis und einer Auswahl von Aphorismen und ..."

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EKWIN EOHDE 



EIN BIOGRAPHISCHER VERSUCH 



VON 



0. CRUSIUS 



Mit einem Bildnis and einer AnHwahl von Aphorismen 
und Taiifebiichblättem Rohde^s 



EBGÄXZrXGSHEFT ZU ERWIN ROHDES KLEINEN SCHRIFTEN 




TübiDgen und Leipzig 

Verlag von J. C. B. Mohr (Paul Siebeck) 

1902. 






Das Recht der üebersetzung in fremde Sprachen behält sich die 

Verlagsbuchhandlung vor. 



Druck Voll II. Luu])]> jr in Tul>iim(*u. 



III 



Y r w r t. 

An die Aufgabe, eine Biographie Erwin Rohdes zu 
schreiben, bin ich erst im Herbst 1900, fast durch Zufall, 
herangeführt worden. Für einen Andern eintretend, entwarf 
ich einen kurzen Nekrolog für Bettelheim's Jahrbuch, der dann 
schliesslich doch zu spät kam, um noch aufgenommen zu wer- 
den. Mit schwerem Herzen hatte ich darauf verzichtet, das 
schöne Material, das mir schon damals zur Verfügung stand, 
wirklich sprechen zu lassen ; das lebendige Wort musste durch 
eine oft kaum verständliche Abbreviatur ersetzt w^erden. Diese 
mich selbst nicht recht befriedigende Skizze sollte dann hinter 
der Vorrede der Kleinen Schriften ein Unterkommen finden. 
Inzwischen wurden mir aber die Aufzeichnungen und Briefe 
Rohde's im weitesten Umfang zugänglich. Seine Gattin (die 
das dritte und vierte Kapitel noch kurz vor ihrem Tode 
durchsehn konnte) w^andte der Arbeit ihre Theilnahme zu; 
seine Freunde und Schüler verpflichteten mich durch immer 
neue Aufschlüsse aus dem Schatz ihrer Correspondenzen und 
Erinnerungen. .letzt erschien mir das alte Verfahren vollends 
als ein unzulässiger Nothbehelf. An die Stelle eines litterarischen 
Nekrologs trat der Versuch, die Interessen- und Gedanken- 
welt Rohde's in ihren wesentlichen Zügen aufzunehmen, ihre 
Wurzeln bioszulegen, ihr Weiterwachsen zu verfolgen, kurz, 
seiner geistigen Gesammt persönlichkeit gerecht zu wer- 



IV 

den, wie sie sich in den Briefen an die sehr verschieden gerich- 
teten Freunde in ihrer ganzen Vielseitigkeit abspiegelt. Bei 
einem Manne, der *nur' Philologe ist, mag ein solches Unter- 
nehmen heut zu Tage wohl zu umständlich und feierlich er- 
scheinen. Aber je länger ich in dies verschlossne Antlitz 
schaute, desto beredter und bedeutender erschien es mir. Rohde 
als Mensch ist fast unbekannt: ich hoffe, dass Manche, die 
neben ihm gelebt haben, jetzt noch mit ihm leben werden. 



Die beiden grössern Arbeiten Rohde's — die Geschichte 
des griechischen Romans und die Psyche — gehören zu den 
nicht gerade zahlreichen philologischen Büchern, die, bei streng 
wissenschaftlicher Haltung, doch über die engen Kreise der 
Pachgenossen hinaus eine unmittelbare und tiefe Wirkung ge- 
übt haben. Sie haben sich einen Platz in unsrer Litte ratur 
erobert, etwa neben BüRCKHARDTs *Constantin' und 'Kultur 
der Renaissance'. 

Rohde ist eine jener Ausnahmepersönlichkeiten, in denen 
eine Gelehi'tennatur getragen und beschwingt wird durch ein 
kräftiges Stück Künstlerthum. Dem Werden einer solchen 
Persönlichkeit nachzugehn , hat einen eignen Reiz. Diese 
ideale Biographie , die Darstellung des inneren Lebens- 
ganges, hat Rohde in den Briefen an seine Freunde selbst ge- 
geben. Man glaubt einen dramatischen Conflict sich schürzen 
und lösen zu sehn. Die »beiden Seelen c — die wissenschaft- 
liche und die künstlerische, die eine scharf, klar, an schlichten 
Aufgaben ihre derbe Kraft erprobend, die andre i)hantastisch, 
allen Reizen zugänglich, mit einem Zuge zum Dunkeln und 
Fernen — entzweien und entfremden sich in den Jünglings- 
jahren; es gibt einen Riss durch die Existenz, den Rohde »halb 
Wagner, halb Faust« lange nicht verwindet. Aber Angesichts 
der ersten grössern Aufgabe linden sich die verfeindeten Ele- 
mente wieder zusammen, um hinfort in wechselvollem Neben- 
einander und Miteinander weiterzuwii'keu bis ans Ende. Die 
Auszüge aus Rohdc's Briefen, die in die Darstellung eingelegt 



mu\\ ^'eben wenigstens die Grundlinien dieser innern Biograi)liie 
und werden unsrem Versuch etwas von dem ganz individuellen 
Heiz niittheilen, der jedes Wort erfüllte, das Rohde schrieb. 

Rohde's äusseres Leben hält sich ganz und gar zwischen 
den engen Ufern, innerhalb deren sich die Gelehrtenexistenz 
an einer kleinen deutschen Universität zu bewegen i)flegt. 
Rohde hat weder als Akademiker und wissenschaftlicher *Ar- 
beitgeber', noch als Politiker oder litterarisch-philosophischer 
Wortführer je eine Rolle gespielt und zu spielen beansprucht. 
Aber dieser schlichte Lebenslauf gewinnt doch, bei der Ener- 
gie, mit der alle menschlichen Verhältnisse aufgefasst und 
verarbeitet werden, einen besondern, man möchte fast sagen: 
heroischen Stil und Rhvthmus. Vor allem sind es die Be- 
Ziehungen zu Fr. Nietzsche und R. Wagner, die ihm eine ein- 
heitliche Bewegung und erhöhten Schwung verleihn und schliess- 
lich auf eine gradezu tragische Katastrophe hinaustreiben. 

Ich habe das Alles lediglich als Berichterstatter, möglichst 
mit Rohde's eignen Worten, darzustellen versucht. Aber wer 

* Die Chiftre der Correspondenten ist, meist mit dem Datum, in ecki- 
gen Klammern beigeiligt: [Cr.] = an 0. Crasius, [E.] = an die Eltern, [G.] 
= an Tb. Gomperz, [M.] = an die Mutter, [N.] = an Fr. Nietzsche, [0.] 
= an Franz verbeck, [R.] = an 0. Ribbeck, [Ri.] = an Const. Ritter, [Rii.] 
= an Franz Rühl, [Schm.] = an W. Schmid, [V.] = an Job. Volkelt. Brief- 
liche oder mündliche Aeusserungen Rohde's sind durch eckige Anführungs- 
zeichen (» — «) markirt. Wie ich den Correspondenten Rohde's für das Ver- 
trauen, mit dem sie mir manches sehr intime Schriftstück zur Verfügung 
»teilten, zu danken habe, so ganz besonders Frau Geheimrath E. Ribbegk 
und Frau Dr. E. Fökster-Nietzsche, die mir in den Nachlass der beiden 
ältesten Freunde Rohde's Einblick gewährten; ohne diese Unterstützung 
hätte ich von einigen kritischen Jahren in seinem Leben keine irgend- 
wie genügende Darstellung geben können. Ausserdem haben mich Tü- 
binger Hörer Rohde's (W. Schmid und E. Holz er) sowie Heidelberger 
Freunde (in erster Linie Fr. Scholl) durch werthvolle Mitteilungen und 
Berichtigungen (bei der Correctur) zu Danke verpflichtet. Vor Allem 
aber möcht ich auch hier der Gattin Rohde's gedenken, die mir, nach- 
dem sie sich mit dem Plan und Geist des Ganzen einmal befreundet 
hatte, bis in ihre letzten Lebenstage eine treue Helferin gewesen ist. 
Willkommene Unterstützung beim Beginn der Arbeit bot mir der Nekrolog 
ScHüLLs (s. Kl. Sehr. I S. XXIII) und der biographische Abriss von W. 
Schmid (im ^Biographischen Jahrbuch f. d. kl. Alterthumswissenschaft' 
1899 S. 87 ff.). Wegen des beigegebenen Bildes vgl. Kl. Sehr. 1 S. XXIV. 
Es stellt Rohde im dreissigsten Jahre dar. den Verfasser des Griechischen 
Romans. 



VI 

in den siebenziger .Fahren jung gewesen ist, mag Rohde's Er- 
lebnissen oft mit ganz persönlicher Theilnahme folgen : de te 
narratur fabula. Und die Jugend von heute? Auch sie kommt 
auf ihre Rechnung; die Ideen und Persönlichkeiten, mit denen 
Rohde gerungen und für die er gekämpft hat, stehn lebendig 
und mächtig an der Schwelle des beginnenden Jahrhunderts. 
So wage ich zu hoffen, dass auch der Rohde , der in die- 
sem Buche spricht, seine Hörer nicht nur unter den Zunft- 
genossen findet. 



Heidelberg, Weihnacliten 1901. 



0. Grusius. 



ERWIN ROHDE 



EIN BIOGRAPHISCHER VERSUCH 



Wer ist denn so begabt, dass er 
vielseitig gemessen könnte ? 

(Motto aus Goethe in Rohiie's Tagebuch.) 



I. 
Das Vaterhaus. Die Schuljahre iu Jeua und Hamburg. 

(1845—1865). 



Erwin Rohde ward, als der erste Sohn seiner Eltern, 
am 9. October 1845 in Hamburg geboren. Seine ganze Jugend 
fällt also noch vor die Gründung des norddeutschen Bundes, 
in eine Zeit, wo die alte Hansestadt sich ungestört in ihre 
Sonderexistenz einspinnen konnte und wo in der Schule der 
wesentlich ästhetisch-litterarisch gerichtete Neuhumanismus un- 
angefochten das Regiment führte. 

Rohde's Vater wirkte als angesehener Arzt in einer Praxis, 
die ihm nur zu selten eine freie Stunde Hess. Trotzdem muss 
er für die jungen Seelen viel bedeutet haben. In des Sohnes 
Erinnerung ist sein Bild immer, bis in die kleinsten Züge 
hinein, lebendig geblieben; noch der Fünfzigjährige gedenkt, 
wehmüthig lächelnd, charakteristischer Aeusserungen des längst 
Dahingegangenen ^ Auch in den wissenschaftlichen Anfängen 
Rohde's lebt etwas vom Geiste des Vaters, wenn er sich, schon 
als Student, in die Litteratur der antiken Heilkunde vertieft 
und trotz seiner ausgesprochenen litterarisch-künstlerischen 
Neigungen zweifelt, ob er sich nicht lieber der Natui-wissen- 
schaft, als der Philologie zuwenden solle*. Von ihm hat Rohde 
seine geistige Beweglichkeit, sein starkes Temperament, und 
wohl auch seine äussere Erscheinung, die „in jungen Jahren 
von einer ganz seltnen Schönheit war.** Kurz nach der 

* So tröstet Rohde Ribbeck einmal damit, dass sein Vater das Podagra 
für eine > gesunde Krankheit erklärt« und sich eine rechtschaffene »Ge- 
lenkgicht gewünscht habe statt der latenten Gichterei« [R. 9 XI 91]. 

^ An Nietzsche 24 XI 68; ähnlich 15 II 69. In dem Briefe spricht 
freilich der jugendliche Himmelstürmer, der sich mit der Thatsache, dass 
keine Wissenschaft (auch nicht die von der Natur) ohne die > kleinliche 
Geschäftigkeit < der Kärrner auskommen kann , noch nicht abgefunden 
hat. Aber auch später [z. B. Rü. 23 X 89] tauchen solche Stimmungen 
oft genug auf. Die Abneigung gegen den philisterhaften *vom Demiurgos 

C r u 8 i u t» , E. Rohde. 1 



2 Das Vaterhaus. 

silbernen Hochzeit im Beginn von Rohde's Universitätsjahren 
wurde er den Seinen entrissen, etwa im gleichen Alter, wie 
später der Sohn; auch Er hatte in rastloser Arbeit seine gesunde 
Kraft übernommen. Die Grossmutter Rohde's erlebte noch 
ihres Enkels ersten Erfolge; sie ist im Herbst 1872, im 82. 
Lebensjahi-e, »sanft eingeschlafen« [N. 27 IX 72], 

Rohde's Mutter, „eine stille, blonde Frau", gehörte der 
in Holstein und Hamburg altansässigen Familie Schleiden 
an; ein Verwandter von ihr w^ar der Physiologe M. J. Schlei- 
den, der bis 1862 Univei'sitätsprofessor in Jena war, sowie 
der, aus den Schleswig-Holsteinschen Wirren bekannte, später 
als Freiconservativer im deutschen Reichstag thätige Politiker 
Rudolf Schleiden. Gegen die gemessene Art der Mutter hat 
sich der temperamentvolle Knabe zeitweilig w^ohl angestemmt. 
In reiferen Jahren, zumal nach dem Tode des Vaters, war 
der Gegensatz ausgeglichen und Rohde Hess sich in den Ferien 
von der >ihn viel zu sehr liebenden guten Mutter geduldig 
erziehen und saginiren« , machte sie zur Vertrauten seiner 
Freundschaften und Feindschaften (in -den frühsten Briefen 
an Nietzsche fehlt selten ein Gruss von ihr an den Freund 
und seine Angehörigen) und dirigirte (von Italien aus) die 
»fürstlichen Einkünfte« aus seinen Erstlingsarbeiten an ihre 
Adresse. Zu ihrem praktischen Blick und Geschäftssinn 
besass er unbedingtes Vertrauen. Als schönstes Erbtheil 
von ihrer Seite galt ihm sein inniger Musiksinn, der sich schon 
in den Knabenjahren regte, während »die Mutter allerlei Lie- 
der sang, die ihn seitdem nie wieder losliessen.« Sie starb 
1882, siebenzig Jahr alt. 

Nach beiden Seiten sind es lebensvolle, kernige Menschen, 
von denen Rohde al)stammt, mit entschiedenem Hang und 
Talent zu geistiger Bildung und Ar])cit; nur w^andte sich dies 



außdrückUch dazu tabricierten Uq)hilologeii'^ , der xganz voll von der 
Wichtigkeit einer Conjectur, die -(i statt xal setzt, überzeugt istv und Hieb 
bestenfalls »am schaalen Trunk schulmeisterlicber Begeisterungspbrasen^, 
etwa aus >den akademischen Pauken von E. Curtius« inspiriren lilsst 
[N.] — diese Abneigung ist bei Rohde wohl immer lebendig geblieben. 
Er hat das Handwerk in seiner Wissenschaft als Meister geübt und ge- 
schätzt, aber nie überschätzt ; das blosse »verdienstlose savoir faire* konnte 
er nicht leiden. 



Die Verwandten. 3 

Talent viel mehr nach der Seite der Naturwissenschaften und 
einer (von Rohde oft gepriesenen) lebendigen Tzpät^iq^, als auf 
das Gebiet, auf dem sich Rohde heimisch machte. 

Den gleichen Charakter trägt der Kreis der Geschwister 
und Jüngern Verwandten, in dem Rohde aufwuchs und in 
dem er auch später in den Ferien sich gern bewegt hat. 
Mancherlei Beziehungen führten in's Ausland, auch über See, 
in's Hamburgische Handelsimperium. Ein jüngerer Bruder, 
mit dem Rohde als Docent wiederholt irgendwo in Süddeutsch- 
land oder Oesterreich zusammentraf, liess sich als Ingenieur 
in Ungarn nieder: er fiel, als Rohde Extraordinarius in Kiel 
war, einer Choleraepidemie zum Opfer. Die eine Schwester 
war Gattin des trefflichen, auch von Rohde hochgeschätzten 
Ingenieurs Brandt; sie lebte meist ausserhalb Deutschlands, 
wiederholt und längere Zeit in Spanien, wo Brandt mancherlei 
industrielle und technische Unternehmungen in die Wege ge- 
leitet hat. Eine zweite Schwester war mit ihrem Gatten nach 
Mexiko übergesiedelt. Wenn Rohde von allem in übelm Sinne 
Schulmeisterlichen unberührt blieb; wenn er sich, ohne viel 
Aufhebens, auch in den modernen Sprachen und Litteraturen 
völlig heimisch zu machen wusste* und allezeit mit freiem Blick 
in sich und um sich schaute — so haben dabei diese Eindrücke 
und Beziehungen gewiss still und nachhaltig mitgewirkt. 

Der Erziehung des Sohnes sich dauernd anzunehmen, ver- 
bot dem Vater seine aufreibende Thätigkeit. Auf Veranlas- 
sung der Mutter, die Fühlung mit den Jenenser akademischen 
Kreisen hatte, wurde der nicht leicht zu behandelnde Knabe 

* In dem ersten Briefe nach Nietzsche'« Berufung [15 II 69] meint 
Rohde, >gute Capacitäten< würden besser aufs Leben selbst gelenkt, 
wobei ihnen »das eigentlich Bildende am Alterthum« nicht verloren zu 
gehen brauche. Auch später äussern sich wohl einmal ähnliche Stim- 
mungen ; der ßio; O-scDprjTtxög des modernen Gelehrten sei eben im Grunde 
doch nur ein halbes Leben [vgl. z. B. Rü. 2.S X 89]. An Leuten, wie 
George Grote, hatte Rohde sein besondres Wohlgefallen. Er war immer 
geneigt und bereit das, was ihm fehlte, unumwunden anzuerkennen. 

^ Rohde verstand nicht nur Französisch, Italiänisch und (wie jeder 
geVjildete Hamburger) Englisch, sondern er hat sich frühzeitig auch mit 
dem Spanischen wenigstens soweit vertraut jjjemacht, dass er die grossen 
Novellisten im Urtext lesen konnte; wie denn in den Briefen auch ge- 
legentlich spanische Citate auftauchen ; vgl. auch die 'Psyche' II- 27 A. 1. 

1* 



4 Das Stoy'sche Institut. Das Johanneuni. 

im Sommer 1852 dem STOYsclien Institut in Jena übergeben ; 
er blieb dort bis 1859, also bis zum 14. Lebensjabr. Robde 
war nicbt gerade davon überzeugt, dass diese frühe, von ihm 
schmerzlich empfundene Verbannung aus dem elterlichen Hause 
eine nothwendige und zweckmässige Massregel gewesen sei. 
Er fand sich hi der Knabenherde, in die er eingestellt wurde, 
nicht leicht zurecht ^ und hatte keine sonderlich freundliche 
Erinnerung an diese sieben Jahre, in denen er sich, mit seinem 
erregbaren , anlehnungsbedürftigen Gemüth , ganz wesentlich 
auf sich selbst zurückgewiesen sah. Seinen Mangel an An- 
passungsfähigkeit und Aufgeschlossenheit, dessen er sich klar 
bewusst war, schrieb er ganz wesentlich aufs Conto dieses 
Exils, wo er gedrillt, aber nicht erzogen sei. Die STOYsche 
Erziehungskunst ist für seine Geistesrichtung jedesfalls nicht 
bestimmend gewesen — höchstens in dem Sinne bestimmend, 
dass sie ihm (wie manche briefliche Aeusserungen zeigen) ein 
stark ausgeprägtes Misstrauen gegen alle systematische und 
privilegirte Pädagogik eingeimpft haben mag. 

Als heranwachsender Jüngling kehrte Rohde 1860 in die 
geliebte Heimath und in's Vaterhaus zurück, um auf dem 
Johanneum seine Vorbildung zu beenden. 

Den vollen innern Anschluss an die Seinen wiederzuge- 
winnen, gelang ihm nicht ohne weiteres; es war inzwischen 
aus ihm eine verschlossene, auf sich gestellte Persönlichkeit 
geworden. Um so mäclitiger wirkten auf ihn die Eindrücke, 
die er in der Schule empting ; auch in seiner Erinnerung blie- 
ben sie immer frisch, wie ein Stück Gegenwart. Das war 
wirkliches geistiges Leben, an dem er theilnehmen durfte und 
mit jedem Jahr erfolgreicher theilgenounnen hat. Bestimmend 
war der freie und erwärmende Geist eines ganz wesentlich im 
Griechischen wurzelnden Humanismus. Männer, wie F. 
W. Ullrich, auch L. Hekbst, später J. Classex, nicht nur 
Lehrer, sondern scliaffensfreudige Gelehrte, wussten in den 
jungen Geistern die ersten Regungen künstlerischen Emptin- 

* Das» zei»,'t u. A. auf der Rücktseitc des ersten Briefchens von seiner 
Hand, ein Brief des Direktors Stüy, eines der wenij^en Schriftstücke aus 
und über Rohde's Jugendzeit, die mir vorgelegen haben. 



Das Johanneum. F. W. Ullrich. 5 

dens und wissenschaftlichen Interesses zu wecken und zu 
pflegen; das mächtige Werk des Thukydides, der gemeinsame 
Mittelpunkt ihrer Arbeiten, galt auch im Unterricht als »letzte 
der AVeihen«. Zu der grossen AVeit, die sich ihm hier auf- 
schloss, trat der junge Feuerkopf bald in ein ganz persönliches 
Verhältnis; eine schlechte Unterrichtsstunde, etwa eine »flaue« 
Erklärung eines alten Schriftstellers, empfand er wie die Miss- 
handlung eines Freundes. Dabei ging es denn im engen Leben 
der Schule nicht ab ohne Reibungen und Conflikte. Noch als 
Fünfzigjähriger gedachte Rohde gewisser Lehrer, bei denen er 
wissenschaftliche Ehrlichkeit oder pädagogischen Takt zu ver- 
missen glaubte, mit einer Erbitterung, die vor allem beweist, 
wie viel Bedeutung er im Guten w^ie im Schlimmen diesen 
letzten Gymnasialjahren beimass [Cr. 10 II 95]. Aber das Gute 
überwog doch weitaus. Die ersten, in geistiger Gemeinschaft 
wurzelnden Freundschaften wurden geschlossen, Freundschaften, 
deren Rohde noch in den letzten Lebensjahren mit treuem 
Empfinden gedenkt ^ Der Thukydidesforscher F. AV. Ullrich, 
als Mensch und Gelehrter »der Beste« am Johanneum, ge- 
wann die volle Zuneigung des spröden jungen Geistes; er ist 
Rohde weit über die Schul- und Universitätszeit hinaus ein 
gern angegangener Berather und Helfer gewesen^. Thuky- 
dideer, wie seine Lehrer, ist Rohde freilich nicht geworden; 
dazu war er zu selbständig und individuell in seinen Neigungen. 
Aber wie gut er, schon in jüngeren Jahren, den einsamen 
Begründer aller geschichtlichen Einsicht verstand, zeigt manche 
gelegentliche Bemerkung in seinen frühsten Schriften^, und 
wenn er in den ersten Docentensemestern, neben ganz anders 
gearteten Studien, just Reden des Thukydides behandelte, so 

* »Haben sie j^ehört, dass der gute Richard [H. Richard, bekannt 
durch Arbeiten zu Lucian], der sich als Krankenpfleger angeboten hatte, 
dabei sich den Tod geholt hat? Ich wusste lange schon nichts mehr von 
ihm, nun hat er (was ihm eigentlich gar nicht nahe lag) einen Helden- 
tod gefunden. R. i. p.* [R. 26 X 92]. 

* Auch Cl ASSEN gewann frühzeitig Interesse für Rohde ; er bot ihm 
schon für 1869 eine Lehrstelle am Johanneum an [N. 28 IV 68]. 

^ Z. B. die gegen Classen gerichtete Beobachtung über die Tyche bei 
Th. 'gr. Roman' S. 298 '^ Später pflegte R. in seiner Litteraturgeschichte 
die Thukydidesprobleme sehr eingehend und zweckmässig durchzuspre- 
chen. 



(3 Verhältnis zur Heimath. Musikliebe. 

sieht das aus, wie eine stille Huldigung vor den Hambui'ger 
Tbukydideern. 

Am 31. März 1864 bestand Rohde die Reifeprüfung mit 
schönem Erfolgt , blieb aber aus freien Stücken noch ein 
Jahr in der höheren, mehr akademisch zugeschnittenen Al)- 
theilung der Anstalt. Er belegte hier in jedem Semester ein 
Colleg über Philosophie und deutsche Geschichte (bei Redslob 
und Aegidi) und hörte sämmtliche Vorlesungen des alten 
Cur. Petersen, ausser Plato de legibus, Aristophanes, Plau- 
tus eine durch das ganze Jahr weitergesponnene ^Geschichte 
der griechischen Mythologie', nach dem Zeugnis des Lehrers 
„ mit ausgezeichnetem Eifer und regem Fleiss, sowie dem besten 
Erfolg'*. Hier werden die tiefsten AV^urzeln der *Psyche' liegen. 
Als „Beweis seines Privatiieisses'* legte Rohde Catullische 
Studien vor; Catull, der naivste unter den römischen Poeten, 
war und blieb einer seiner besten Freunde. 

Daneben wirkte in den letzten entscheidenden Jahren auf 
seine werdende Individualität still und mächtig das reiche 
Leben der Bürgerrepublik, der anzugehören er das Glück 
hatte und deren Sonderart und Bedeutung er lebhaft empfand; 
er hat sie später, mit gerechtem Stolz, gelegentlich mit dem 
alten Kaufmannsstaat von Rhodos verglichen, dem letzten 
Träger griechischer Grösse in den Zeiten des Niedergangs. 
»Im Grunde bin ich wie jeder Hamburger« bekennt er als 
Student »ein eifriger Chauvinist für meine gute alte Vater- 
stadt. Es ist wirklich hier gar mancherlei zu lernen, und so 
ist es gar nicht allein Egoismus, wenn ich Dich dringend ein- 
lade, mich doch einmal ... zu besuchen : ein wenig Vorberei- 
tung für Paris wäre auch das« [N. 28 IV 68]. Persönlich nützte 
er eifrig jede Gelegenheit aus, die »Flaunne seiner stillen 
künstlerischen Neigungen« zu nähren, vor Allem seine leiden- 
schaftliche Musikliebe, die eine der sein Dasein tragenden und 
bestimmenden Mächte geworden ist, obgleich er den rechten 
Augenblick, sich die technische Herrschaft über ein Instru- 

* Das erste Prädikat hat er im Lateinischen, Grieehiachen, Deutschen, 
Englischen und in der alten Litteraturgeschichte: ihre Unterschrift als Exa- 
minatoren gei)en Corn. Müller, F. W. Ullrich, E. P. Hinrichs, G. H. Bu- 
bendey, L. Herbst, E. Meyer, E. W. Fischer. 



Verhältnis zur Heimath. 7 

nieiit anzueignen, versäumt hatte und sich auf eine dilettan- 
tische PHege seines klangvollen Organs beschränken musste^ 
Den eigenen Stil des niederdeutschen Volksthums, das ihn 
umgab, lernte er, gerade nach den Erfahrungen seines »Exils«, 
frühzeitig schätzen und auöassen. Eindrücke, die er damals 
auf seinen Wanderungen in der l^mgegend, nach Ottensen 
oder AVandsbeck^, empfing, tauchen Jahrzehnte später wieder 
auf; sie mögen der Leben spendende Kern gewesen sein für 
seine ausgebreiteten, auf das Volksthümliche gerichteten Ar- 
beiten und Beobachtungen. 

Später zieht es ihn immer wieder zurück nicht nur zur 
Mutter und zu den Freunden, sondern in die stolze Heimath, 
an der sein Herz hängt. Bei R. Wagner's Aufenthalt in 
Hamburg 1873 berichtet er Nietzsche mit sichtbarer Genug- 
thuung, dass sich seine Vaterstadt »im Ganzen sehr anständig 
benommen habe«, und vertraut auch für die Zukunft auf den 
gesunden Sinn der »guten Hamburger« [N. I 73]. »Hamburg 
hat mir viel Kummer gemacht; ich liebe es doch noch sehr« 
schreibt er zwanzig Jahr später bei der Epidemie jener furcht- 
baren Krankheit, der einst sein Bruder zum Opfer gefallen 
war [R. 1892] *'*. Rohde w usste wohl , dass in diesem Boden 
doch schliesslich sein Bestes wurzelte: nicht überall hätte er 
sich zu einer so aufrechten, weitblickenden, nach allen Seiten 
unabhängigen Persönlichkeit auszuwachsen vermocht. 
Das sind Gaben, die gerade die alten Hansestädte ihren Söh- 
nen ins Leben — auch ins wissenschaftliche Leben — mitzu- 
geben befähigt sind. 

» S. unten S. 16». 

- Vgl. z. B. unten Cogit. Nr. 41. 

^ Seine Angehörigen waren damals auf einer Herbstreise in Spanien. 



II. 
Die Studienjahre. Bonn. Leipzig. Kiel. 

(1865-1869.) 



Sclioii im letzten Jahr auf dem Johanneiim hatte sich 
Rohde aus freier Neigung der Alterthumswissenschaft zuge- 
wandt; äussere Rücksichten brauchte er, in den zwar nicht 
glänzenden, aber sichern Verhältnissen, in denen er stand, 
nicht zu nehmen. Der Ruf Fr. Ritschls und der Bonner 
Philologie im Bunde mit der Romantik des Rheins und des 
Südens zog den hochstrebenden, lebensdurstigen Jüngling an 
die rheinische Hochschule, wo er am 2. Mai 1865 imniatricu- 
lirt wurde. 

Im ersten — oder dritten — Semester Hess er sich für 
eine Burschenschaft gewinnen, ohne sich freilich, bei seiner 
ganz auf sich selbst gestellten Art, auf die Dauer mit ihrem 
Leben und Geist befreunden zu können. Immerhin löste sich 
in den ersten Monaten eine ganz »normale und kräftige Fuch- 
senstimmung« aus, der er auch eine Hüchtige Bekanntschaft 
mit dem Bonner Carcer verdanktet Seine reinsten Erinne- 
rungen knüpften sich an die Fahrten und Erlebnisse in den 
Ptingstferien, wo er Verwandte »auf dem Hammer« bei Neu- 
wied aufsuchte und mit seinen Genossen am grossen Kölner 
Musikfest theilnahm. »Dafür war aber das Fest selbst auch 
ein Genuss, der für's Leben nachwirken wird, ein rechtes 
xTfjfJLa ei;, de:. Am ersten Tage Israel in Aegypten . . . Am 
schönsten und für mich der Gipfelpunkt des ganzen Festes 
war das Bassduett von Stockhausen und Stägemann: Der 
Herr ist der starke Held. Wenn die Beiden zum Schluss 



* >. letzt soll denn das rej^elmässige Leben wieder angehen, aber mit 
der Regel wirds nun einmal in Bonn nicht \iel; überhaupt glaube ich 
nicht, dass e.s eine iidelere und mehr zur Freiheit reizende Universität 
giebt als unser Bonn : mag es nun an der verlockenden Umgegend liegen 
oder an dem leichten und beweglichen »Sinn des ganzen Volkes am Rhein: 
man kommt eben nicht zu einer regelmässigen Alltäglichkeitc [E. 65]. 



Bonn. Musikfest in Köln. 9 

ritenuto sangen: *A11 die Helden, All versanken . . .' so durcb- 
schauerte man ordentlich vor AVonne : das war ächte Poesie ! 
Am 2. Tage dann der letzte Theil des Schumannschen Faust : 
ein himmelweiter Contrast von Händel's genialer Ruhe, aber 
in sich eben so ergreifend wie der Goethesche Text selber: 
in dieser Ausführung verstand man erst die Tiefe der un- 
scheinbai'en AVorte, den ganzen Reichthum von Gefühlen im 
Mariencult. Mir machte namentlich das Solo des Doctor 
Marianus, Stockhausen: Höchste Herrscherin der AVeit, mit 
dem ganz leisen und zarten Schluss „gnadebedürfend" einen 
tiefen Eindruck. Und dann w^elche Gedankentiefe in dem 
letzten Chorus mysticus „Alles Vergängliche ist nur ein Gleich- 
niss", von dem ich jetzt wenigstens die ersten AVorte mit 
ganzem Verständniss nachemptinden und mit ganzem Glauben 
nachsprechen kann. Dann folgte Sommer und Herbst aus 
Haydn*s Jahreszeiten : ein einfältiger Text, aber eine hinreis- 
sende Musik voll plastischer gesunder Kraft. Unvergleichlich 
namentlich ist der bacchantisch jubelnde Chor bei der AVein- 
lese, der den Schluss bildet. Am 3. Tage waren wir auf den 
Galerien des Domes und sahen herab auf den AVald der gothi- 
schen Bogen und darüber auf das grosse heilige Köln mit seinen 
zahllosen Thürmen imd den vornehmen grauen Dächern* [E. 12 
VI 65]. Das sind die frühsten, gewiss sehr jugendlichen Aeus- 
serungen Rohde's über künstlerische Dinge. Man wird sie 
nicht ohne Theilnahme lesen ; sie zeigen vor Allem , dass 
Rohde für musikalische Schöpfungen ein feines und lebhaftes 
Verständnis hatte, lange ehe er mit Fr. Nietzsche vertraut 
geworden war. 

Die Harmlosigkeit des studentischen Treibens wurde sehr 
bald getrübt durch den beklagensw^erthen Streit zwischen und 
um O. Jahn und Fr. Ritschl. Rohde hatte zunächst bei 
Ritschi lateinische Grammatik' belegt, kurz darauf auch bei 
Jahn *Grundzüge der Archäologie'. Den Persönlichkeiten der 
Lehrer steht der Hörer kühl und mit einer bemerkenswerthen 
Freiheit des Urtheils gegenüber. Zu den »nachgemachten 
Biedermännern O. Jahn und Genossen« spüiie er, trotz einer 
gewissen landsmannschaftlichen Sympathie, keinen rechten Zug, 
und vollends fehlte dem hochbetagten AVelcker die rechte 



10 Jahn und Ritschi. 

»auf das persönlicbe Weiterwirken unter Lebendigen gerich- 
tete Kräfte. Andrerseits fühlte sich der bei aller Leiden- 
schaftlichkeit zurückhaltende und spröde Hamburger auch durch 
KiTSCHLs impulsive Thüringer Art zunächst fast abgestossen; 
aber er wurde doch langsam innerlich erfasst und erwärmt 
»durch die Feuerkraft, die in diesem Ritschi lebte«. Sein 
Stinmiungsbericht (in einem Brief an die Eltern) ist nicht nur 
für seine Perstm von Interesse. ». . . Dass in diesem einseitigen 
Vorgehen Jahn's . . . [als er bei der Ablehnung eines Rufes 
nach Wien die Berufung Sauppes beim Ministerium durchzu- 
setzen suchte] wenn auch nicht eine Rechtsverletzung, doch 
eine Verletzung der Billigkeit und des usus liegt, der um so 
eher von einem li])eralen Manne beobachtet werden musste, 
als das Junkerministerium es liebt, eigenmächtig Professoren 
zu ernennen — das scheint mir klar, wenn auch Jahn's An- 
hänger, d. h. eigentlich meine sämmtlichen philologischen Be- 
kannten, worunter fast das ganze Seminar — es leugnen. So 
hatte .Fahn den Impuls des ganzen Streites gegeben : nun aber 
haben Ritschi und seine Anhänger in der Folge sich derartige 
Blossen gegeben, dass sie Jahn's Schuld reichlich aufgewogen 
haben ^. . . Die Facultät ist grösstentheils für Ritschi: Sybel, 
Springer . . . und einige Andre stehen auf Jahns Seite. Unter 
den Studenten sind die Philologen fast sämmtlich für Jahn, 
sogar mit bedeutender Parteiübertreibung. Mir scheint, dass 
beide Theile nicht völlig im Recht sind. Jedenfalls ist die 
Sache ausserordentlich fatal . ., zumal ist es sicher, dass RitschPs 
Abgang für Bonn ein sehr schwerer Schlag ist : wenn auch 
ohne Zweifel seine Blüthezeit längst vorüber ist, so thut es 
ihm doch keiner in seinen Specialfächern an Kenntniss, Ge- 
nialität und klarer Lehrgabe gleich : im Seminar vollends soll 
er unü])ertrett'lich sein. AV^as i c h eigentlich hier noch soll, 
wenn Ritschi fort ist, weiss ich nicht : ich denke mir, dass ich 
Ostern wohl fortgehen werde. Ins Seminar bin ich l)is jetzt 

* Wf^lcker steckt ganz in seinen Büchern, was für seine Bücher von 
y ortheil ist, denn es steckt ein ganz seltner Mensch drin.< [R. 23 XTI ^0.]. 

* Es folgen ein paar Seiten mit sehr drastischen Schilderungen, in 
denen die bei 0. Kibbeck, 'F. W. Ritschr II 357 ff. dargestellten Vor- 
gänge z. Th. in wesentlich andre Beleuchtung gerückt werden. Vgl. da- 
gegen die Anzeige in den Kl. Sehr. II S. 459. 



Uebersiedlung nach Leipzig. H 

noch nicht gedrungen , denke aber in den näclisten AVochen 
meine Arbeit fertig zu machen. . . Freilich, was habe ich viel 
davon, wenn Ritschi fortgeht, ehe ich ordentliches Mitglied 
werden kann!« [E. 12 VI 65]. 

Nach diesen Aeusserungen kann es nicht überraschen, 
dass Rohde, wie AV. Clemm und Fr. Nietzsche, zu den Ge- 
treuen gehörte, die dem freiwillig scheidenden Meister nach 
Leipzig folgten ^ Der AVunsch, den unhaltbar gewordenen 
Beziehungen zur Burschenschaft aus dem Wege zu gehen, mag 
ihn in seinem Entschluss bestärkt haben. 



In Leipzig ging Rohde mit aller AV^ucht daran, durch 
selbständige Kleinarbeit im Seminar und vor Allem in Ritschl's 
SSocietät' sich der Forschungstechnik in seiner AA^issenschaft 
zu versichern. Zu den Intimen in RitscliFs Hause hat er nicht 
gehört und ist Ritschi menschlich wohl immer fremd geblieben. 

Damals traten, auf RitschFs Anregung, seine Schüler 
auch im studentischen Leben zu einem freien, jede Comment- 
reiterei und sonstigen studentischen Zopf ablehnenden *philo- 
logischen A^ereine' zusammen : lauter Namen von gutem Klang, 
neben Rohde R. Arnold, K. Angermann, G. Kinkel (d. 
J.), O. Kohl, E. AVindisch, E. AVisser, AV. H. Röscher, 
H. RoMUNDT und vor Allem Fr. Nietzsche '\ Ein sicherer 
Instinkt schloss die beiden Ausnahmemenschen bald enger 
aneinander. Sie fühlten sich in der Philologenschaar , nach 
Rohde's Ausdruck, »wie auf einem Isolierschemelf ; nur »der 
Problematiker« H. Romündt, der dann zeitweise neben Nietz- 
sche in Basel lebte, kam ihnen innerlich näher und besass 
auch in spätem Jahren Rohde's > wahre freundschaftliche Theil- 
nahme«^. In der societas freilich, wie im A'erein hatte nicht 
Rohde, sondern Nietzsche die Führung [W. H. Röscher]; 
noch in der Mitte der Siebenziger Jahre — zu einer Zeit, 

» S. 0. Ribbeck a. 0. II S. 401 K 

» R. Weber, Gesch. d. phil. Vereins 1 f., E. Förster, Fr. Nietzsche I 232. 

^ Aus andern Kreisen ist besonders R. Kleinpaul zu nennen, >ein 
trefflicher kluger Mensch, mit dem man schon Haus halten könnte« |N. 
28 IV 68]. 



12 Philologischer Verein und Ritschra Societas. 

wo von einer Wirkung Nietzscbe's auf breitere Massen nicht 
die Rede sein konnte — war ein Naclizittern der Bewegung, 
die von ihm ausgegangen war, in diesen Kreisen deutlich zu 
spüren. Die eminent psychagogische Begabung Nietzscbe's be- 
währte sich auch hier, in den engsten Verhältnissen. Rohde 
hielt zwar eine Reihe anzieliender Vorträge (auffallender Weise 
meist über Probleme der römischen Litteratur, wie Catulls 
Todesjahr, Apulejus, Ovids Heroiden), liebte es aber im Ueb- 
rigen, sich mit seiner Persönlichkeit „aristokratisch zurückzu- 
halten". „Nur einmal versetzte er uns in ein Gemisch von 
Schrecken und Bewunderung, als er in der Ritschrschen Ge- 
sellschaft, wie Meister Ritschi eine von ihm in einer schrift- 
lichen Arbeit geäusserte Behauptung zurückwies, diesen mit 
rücksichtsloser Energie, als wäre Ritschi ein gewöhnlicher 
Student, bekämpfte" [W. H. Röscher]. Die mündliche Ueber- 
lieferung in Leipzig gab dieser Scene noch einen viel drasti- 
scheren symbolischen x\bschluss. Sie ist gleich bezeichnend 
für den von aller Menschenfurcht freien Schüler, wie für den 
zu einem Waffengange unter gleichen Bedingungen stets be- 
reiten greisen Lehrer. Rohde hatte später wohl die Empfin- 
dung, bei solchen Gelegenheiten in der Form zu weit gegangen 
zu seni; er klagt, dass er gerade Ritschi gegenül)er »aus klei- 
nen Verstössen ein (.^apital von ansehnlichem Umfang ange- 
häuft zu haben« sich bewusst sei und ^eine einmal verlorene 
Unbefangenheit nicht zurückzufinden vermöge« [R.]. Bei Ritschi, 
der sel])st — zumal bei den ü])lichen Fuchstaufen — derb ge- 
nug zuzugreifen pHegte, konnte aber von einer wirklichen 
»Verstimmung«, wie sie Rohde argwöhnte, keine Rede sein^ 
In der That war Fr. Ritschl für so eigenwüchsige Geister, 
wie das Freundespaar, der rechte Leiter, während er schwächere 
Naturen wohl einmal — nicht immer zu ihrem dauernden 
Glücke — aus der Richtung, auf die sie ihre innerste Be- 

* Sympathisch ist Rohde aU Persönlichkeit dem Lehrer freilieh nicht 
gewesen. Vgl. den schönen Brief Rib])eck's an Ritschl IG V 75, Nr. 173, 
S. 275. — Intime Einblicke gewähren vor Allem die Briefe an Nietzsche; 
dafür, dass Ritschl die Krstlingsschrift über Lucians Lukios nicht ohne 
Weiteres in's Rheinische Museum aufnahm, wittert Rohde durchaus per- 
sönliche Motive. Nietzsche ist hier durchweg der Vermittler und Aus- 
gleicher. Vgl. unten S. 29. 



Verhältnis zu Rit«chl. 13 

gabung führte, hinausdrängen mochte. Unter dem frischen 
Eindruck der eben hinter ihm liegenden Lehrjahre gestand 
Rohde, er sei »ernsthaft überzeugt, die ganze Grundlage seiner 
philologischen Existenz Ritschi zu verdanken« [R. 5 XII 69J. 
Doch hat er, wie manche gelegentliche Aeussening zeigt, 
an dieser Schulung Eins vermisst: eine wirkliche Orientie- 
rung und Führung in dem Gesammtgebiet der antiken Li- 
teratur und Kultur, die er in den gar zu skizzenhaften Col- 
legien von G. CüRTiUS (über griechische Literatur und Ency- 
klopädie der Philologie) vergebens suchtet Aber für ihn, 
dem eigne (iabe und Neigung nach dieser Richtung von vorn- 
herein die rechten Wege gewiesen hatte, erwuchs daraus kein 
fühlbarer Schaden. So hat sich seine Stimmung dem alten 
Lehrer gegenüber, trotz gelegentlicher Miss Verständnisse *, mit 
den Jahren nur geklärt und gehoben ^. Oeffentliches Zeugnis 
für diese Gesinnung legte er ab vor Allem in der Anzeige 
von Ribbeck's schöner Ritschl-Biographie (Augsburger AUg. 
Zeitung, Beilage 1879, 1882, = Kl. Sehr. II S. 454 ff.). Die 
Charakteristik des »einzigen Mannes«, die er dort giebt, will 
nicht erschöpfend sein ; sie ist ganz persönlich gefärbt ; sie 
zeigt, was Rohde vornehmlich bei Ritschi gesucht und als 
Wohlthat empfunden hat: »die köstliche Gabe des gesunden 
Menschenverstandes und die Freiheit von schwärmerischer 
Dunkelheit und allen Stimmungen, die ihn seinen philologi- 
schen Aufgaben hätten entziehen können«. 



* Erst nach Rohde's Zeit hat Ritschi in Leipzig wieder sein köst- 
liches Encyklopädie-Colleg gelesen, das jedem Hörer unvergesslich sein 
wird. Im Uebrigen sei auf Rohde's Kl. Sehr. II S. 461 hingewiesen. 

^ Eine kritische Zeit für das Verhältnis zwischen Ritschi und Rohde 
war das Jahr, wo Nietzsche's 'Geburt der Tragödie' erschien. Ritschis 
Zurückhaltung enttäuschte Rohde. Vgl. unten S. 56*. 

^ Vgl. unten S. 29 tf. >Zu ihrer Ritschibiographie wünsch ich Ihnen 
Glücke heisst es in einem Brief aus der Jenaer Zeit an Ribbeck [8 IV 78] ; 
^mit einer so vollen, feurigen Natur sich intimst bekannt zu machen, 
ist sicher sehr erquickend ; wie gar nichts hatte sein, wegen seines Reich- 
thums so naives Naturell von der . . . gezierten Studiertheit solcher 
Leute, wie Lachmann, Haupt und ähnlicher Götter«. Rohde's Tübinger 
Schüler wussten davon zu tizählen, wie gern er die Gelegenheit benutzte, 
um seine Ueberzeugungen über den gross^en Forscher und optimus magi- 
ster auszusprechen in Ausdrücken , so warm und bedingungslos bewun- 
dernd, wie man sie selten aus seinem Munde hörte. 



14 Freundschaft mit Fr. Nietzeche. 

Unter solchen Anwandlungen hatten in der That die beiden 
jugendlichen Stürmer und Dränger schwerer zu leiden, als 
manche massig begabten Leute — auch Rohde, in seiner >zu 
dunklen Phantasieen nur zu geneigten Natur« [R.]. 

Rohde hatte sich ohne Säumen in selbständige fachmässige 
Arbeit geworfen, wie Ritschi sie verlangte. Aber er verschloss 
seinen Sinn nicht gegen das bunte Leben, das ihn umgab und 
mit einer fast beängstigenden Fülle neuer Eindrücke und 
Anschauungen auf ihn eindrang. 

Sein Genosse und Führer in diesem AVirrsal war der 
just ein Jahr ältere Fr. Nietzsche. Für beide Männer be- 
deuten diese Leipziger Semester den Frühling des Menschen- 
lebens, wo der Samen ausgeworfen wird für alle Zukunft; 
Rohde insbesondere war sich bewusst , damals die Richtung 
empfangen zu haben, in der er »wohl l)is ans Ende weiter 
rollen werde « [N. 29 VI 70]. 

Ein Bild dieser »unvergleichlichen Tage« blickt uns wie 
aus einem Heckenlosen Spiegel aus den Briefen und Aufzeich- 
nungen des »Bruderpaaresf entgegen ^ Da führen die beiden 
Genossen zusammen »platonische (Trespräche über alle Dinge, 
die einen anständigen Menschen interessiren« ; sie besuchen 
gemeinsam Theater , Motetten und Concerte ; sie wandern 
nach den Seminarü])ungen an langen Sommerabenden selb- 
ander durch's »gelobte Rosenthal oder zum Neuen Schützen- 
haus, traben auf Leipziger Miethsgäulen durch die *Linie' und 
wohnen schliesslich eine Zeit lang im gleichen Hause. .^Viel 
gearbeitet in jenem ])anausischen Sinne ha])en wir nicht und 
trotzdem rechneten wir uns die einzelnen verlebten Tage zum 
Gewinn. Ich habe es bis jetzt nur dies einemal erle])t, dass 
eine sich ])ildende Freundschaft einen ethisch-philosophischen 
Hintergrund hatte. ... Es gab eine ungewöhnliche Menge von 
Dingen, über die wir nicht zusannnen klangen. So])ald aber 
das (jespräch sich in die Tiefe wandte, verstummte die Dis- 

* NiKTZSCHEs Briefe und Aufzeichnungen sind schon verötfontlicht 
oder gehn einer Publication entf]jegen; ausser (hin Briefen la<: mir von 
Rohde's Hand ein Stoss loser Blätter vor, Cofjitata betitelt, die frühesten 
datirt aus dem September 1SÜ7, die letzten aus dem August 1>^78: ein 
Niederschlag iles Besten, was Uohdo damals gedacht und gefühlt hat, 
s. den Anhang. 



Musik und Philosophie. 15 

sonanz der Meinungen und es ertönte ein ruhiger und voller 
Einklang." [Fr. Nietzsche bei E. Föi^ster I 243]. 

In solchem Verkehr wurden Gedanken und Anschauungen 
gewonnen, an denen beide gleichen Antheil hatten. Man muss 
sich das gegenwärtig halten, um gewisse Uebereinstimmungen 
in den Schriften beider, die bis in die stilistische Manier liinein- 
reichen \ richtig zu beurteilen. 

Unverkennbar war aber der unendlich bewegliche, schon 
damals nach allen Seiten seine Fühlfäden aussendende ältere 
der beiden Freunde in den meisten Fällen das primum mobile, 
zumal auf seinen Lieblingsgebieten, Musik und Philosophie. 

Das Leipzig der fünfziger und sechziger Jahre war — 
in ausschliesslicherer Weise als das jetzige Leipzig — eine 
Theater- und Musikstadt ; es mag nur an die Namen Mendels- 
sohn, ß. Schumann, M. Hauptmann, N. W. Gade, Franz 
von Holstein, C. Reinecke, Laube und im Gegensatz zu 
Alledem an ß. AV agner erinnert werden. Nietzsche, der 
noch damals gelegentlich zweifelte, ob er nicht die Philolo- 
gie mit dem Musikerhandwerk vertauschen sollte, fühlte sich 
hier ganz in seinem Element. Er spann Beziehungen an mit 
Originalen vom Conservatorium (wie dem alten AVenzel), mit 
ausübenden Künstlern und ästhetisirenden Literaten, und warf 
sich eifrig auf die Comi)Osition ; ein liebenswürdiges Liedchen, 
im Stil etwa zwischen Schumann und Robert Franz in der 
Mitte stehend, ist in der Nietzsche-Biographie mitgetheilt. Den 
Schöpfungen BiCHARD Wagners, die auf der Leipziger Bühne 
tüchtige Vertreter hatten, stand Nietzsche, der damaligen Durch- 
schnitts-Stimmung entsprechend, zunächst zurückhaltend, ja 
skeptisch gegenüber (E. Förster I S. 66, 250); ein völliger 
Umschwung trat erst ein, als er Wagner persönlich kennen 
lernte und sich in die Musikdramen des letzten Stils hinein- 

* Dahin gehört z. B. das immer wieder (E. Förster II 209; Rohde 
Kl. Sehr. II 278 Z. 6) auftauchende *condescendiren' oder der masHenhafte 
Gebrauch des gezierten *al8 welcher', 'als wo' in den Jugendschriften, 
der von Schopenhauer herstammen wird, lieber den Missbrauch der 
Fügung in Nietzsche's 'Geburt der Tragödie' bemerkte Rohde später [12 
I 73] er brauche 'als' mit dem Relativum meistens falsch; man könne 
es doch nur setzen, wo es einem latein. qui mit dem Conjunctiv oder 
einem quippe qui entspreche; bei N. scheine das 'als' verkehrt: p. 8 
Zeile 7 p. 13, 1 v. u. u. s. w. 



16 Musik und Philosophie. 

arbeitete. In dieser Luft schlug auch bei Rohde seine > stille 
Liebe zur Musik« zu hellen Flammen empor. Aber mehr noch, als 
alle Concerte, Motetten und Opern, bot ihm der Verkehr mit dem 
Freunde. »Und vor Allem denke ich mit Freude zurück an die 
Abende, wenn du mir im Finstern Ciavier vorspieltest: ich fühlte 
den Abstand zwischen einer productiven Natur und mir ohn- 
mächtig wallender Halbhexe ^ aber die Seele schloss sich doch 
auf unter den Tönen und ging einen some what elastischeren 
Schritt« 2 [X. 10 1X67]. So hat Rohde, im Verkehr mit Nietz- 
sche, seinen Musiksinn zu nähren und steigern gewusst, ohne 
dass er technisch und theoretisch geschult gewesen wäre. Aber 
so entschieden er sich hier dem Freunde gegenüber in einer Art 
von Schülerverhältniss fühlte, so behauptete er dabei doch die 
volle Selbständigkeit seines durchaus naiven Empfindens. So 
scheint er sich, früher als Nietzsche, in dem beruhigenden Bewusst- 
sein »nichts davon verstehn zu wollen«, dem Zauber auch der 
Wagner'schen Jugendwerke hingegeben zu haben '\ Um so wil- 
liger machte er dann, obgleich er fern von Nietzsche in Kiel lebte, 
die entschiedene Schwenkung zum spätem Wagner mit, deren ein- 
zelne Momente wir in dem Briefwechsel verfolgen können. Diese 
künstlerischen »Träume« hielt Rohde noch in späten Jahren für 
»die besten Stunden des ganzen Lebens x ; nur sei ihm nach dem 
Erwachen die Tagesarbeit doppelt grau und kalt erschienen. 
Neben den musikalischen Allotria wurde eifrig Philosophie 
getrie))en, obgleich Ritschi diesen Bestrebungen innerlich fremd 
gegenüberstand (ganz wie A. v. Gutschmid, mit dem er, nicht 
als Mensch, wohl aber als Gelehrter, Manches gemein hatte). 
Auch liier war XiETZSCHE der bestimmende. Plato und die 

* Dio Worte sind undeutlich geschrieben, es liegt aber oft'enbar eine Re- 
niiniaCeuz an die Walpurgisnacht im Faust vor, der Wortlaut ist also sicher. 

'^ In demselben Briefe erbitt<'t sich Kohde eine Composition des 
Freundes für eine Barytonstimme gesetzt: dann wolle er dies Carmen 
sinjren, wenn kein menschliches Ohr als seine Mutter und Schwester es 
höre, vor denen er zuweilen .losschnarre.« 

^ Eine charakteristische Briefprobe: »Jene Briefe aber waren rechte 
Lichtpunkte in jener trüben grauen Zeit, wie der freundliche Abendstern 
nach Wagner, in »huckender Dämmerung. (NB. Die elementare Kraft 
jenes Abendstern hedes wunle mir auf der Heise einmal seltsam anschau- 
lich, als ich . . . im Abenddunkel in einem engen AValdthal allein wanderte 
und plötzlich am bleiernen Himmel jenes freundliche Licht aufleuchtete.)c 
[N. 4 XI 6b]. Auch verschiedene Stellen der Cogitata gehören hierher. 



Schiller. Kant. Schopenhauer. 17 

Geschichte der antiken Philosophie gehört zu den ersten Ar- 
beitsgebieten, die Er und mit ihm Rohde in Leii)zig durch- 
messen hat^ Gleichzeitig wagten sich die Freunde an die 
sublimsten modernen Denker ; bald debattierten sie über Kant 
und über Schillers philosoi^hisch-ästhetische Schriften (die auf 
R. bestimmend gewirkt haben), bald über Fechner oder Fr. A. 
Lange ^. Der Boden war wohl vorbereitet als ein verhängnis- 
voller Zufall Nietzsche die Hauptschrift Schopenhauers in 
die Hände spielte (E. Förster I S. 232), die auf ihn, anders 
als andere wissenschaftliche Bücher, in ihrer den ganzen 
Menschen packenden Kraft und Fülle geradezu revoltirend 
gewirkt hat. ADt dem bedingungslosen Enthusiasmus seiner 
Jünglingsjahre gab sich Nietzsche dem „düstern Genius" ge- 
fangen und verstand es, manche seiner Genossen und bis zu 
einem gewissen Punkte auch Rohde mitzureissen '. Die frühsten 
Tagebuchblätter wie die ältesten Briefe Rohde's an Nietzsche ge- 
statten wohl, wenn sie auch um einige Jahre später geschrieben 
sind, einen Rückschluss auf jene bewegte Zeit, wo sich gewisse 
Grundlinien in Rohde's geistigem Antlitz dauernd eingegraben 
haben. Nicht nur dass die Gesammtanschauung des Buches 

* Noch 1871 meinte Nietzsche, auf jene geraeinsamen Studien zurück- 
blickend, Rohde und er würden einmal „die bisher so schäbige und mu- 
mienhafte Geschichte griechischer Philosophie tüchtig und innerlich er- 
wärmen und erleuchten". 

' Im 'griechischen Roman' benutzt Rohde gern Gedanken aus Schil- 
lers Aesthetik als Ecksteine, z. B. S. 7 f. 119. 197 (*211). Vgl. auch 
*Afterphilologie' S. 11. 46. Anders der »verwandelte« Nietzsche Werke 
III S. 263. Kant: Cog. 36. Nietzsches Exemplar der Geschichte des Mate- 
rialismus begleitete Rohde nach Kiel [N. 4 XI 68] ; vgl. Nietzsches Ge- 
sammelte Briefe I S. 68. — Ob Rohde (und mit ihm Nietzsche) schon 
damals den ^Einzigen und sein Eigenthum** (Kl. Sehr. II S. 15, Rhein. 
Mus. 1894 S. 116) kennen gelernt hat? In Mode gekommen (vor Allem 
durch zwei Poeten, J. H. Mackay und L. Hildeck) ist das Buch ja erst 
seit etwa einem Jahrzehnt : aber in jenen Leipziger Kreisen wurde schon 
in den siebenziger Jahren lebhaft darüber verhandelt und Carl Göring 
pflegte in seiner Geschichte des Materialismus eine eingehende Darstel- 
lung und Kritik der Stirner'schen Paradoxen zu geben. 

^ Im Juni 1868 meldet Nietzsche einem Freunde mit sichtbarer Ge- 
nugthuung, dass auch Rohde zu den „Verführten" gehöre, die in Schopen- 
hauer ihr „geistiges Centrum'* gefunden hätten. (P. Deussen, Erinne- 
rungen an Fr. N. S. 50). Und Rohde schreibt in seinem ersten Briefe 
an Nietzsche, bei der Uebersendung von Schopenhauers Bild, dass sie es 
diesem »genialen Manne« verdankten, wenn sie »in allen Hauptsachen 
80 ausnehmend harmonisch gestimmt waren«. 

CrnsiaB, E. Rohde. ^ 



18 Schopenhauer. 

den tiefsten Stimmungen des jungen schwerblütigen Grüblers 
verwandt waren und die breite und lebendige Kenntniss des 
Alterthums den Philologen anheimelte ^ : auch charakteristische 
Einzelheiten, wie die hohe Einschätzung der Kunst, vor Allem 
die Apotheose der geliebten Musik, ferner die kühnen Ver- 
suche, in die dunkelsten sonst kaum befahrenen Schächte alter 
Religion und Kultur hinunterzudringen ^, schliesslich das freie 
und ehrfurchtsvolle Verhältnis Schopenhauers zum „göttlichen 
Plato** — alles dies erweckte bei Rohde einen sympathischen 
Widerhall, der Jahre lang auch aus seinen Briefen und Be- 
kenntnissen herauszuhören ist. Auch für die prinzipielle Auf- 
fassung seiner Wissenschaft ist die Bekanntschaft mit Schopen- 
hauer für Rohde in dieser Frühzeit bestimmend gewesen. Er 
fühlte sich bestärkt in seiner Abneigung gegen Politik und 
Geschichte, in seiner Vorliebe für eine philosophisch-ästhetische 
Betrachtung dieser versunkenen grossen Welt. Erst in den- 
selben Jahren, wo sich bei ihm (in Kiel) die Vorboten einer 
freieren und umfassenderen geschichtlichen Auffassung mel- 
den, begann er sich vom Banne der Schopenhauerschen Aes- 
thetik zu befreien (die ^Cogitata' gestatten diese Wandlung zu 
verfolgen), und allmählich wurde ihm Schopenhauer's Per- 
sönlichkeit und Philosophie ein Problem, das er in seiner 
Weise aus dem Geiste der Romantik heraus zu begreifen 
glaubte ^. Der Schriftsteller Schopenhauer ist für Rohde immer 
ein Stück eigenen Lebens geblieben *. Rohde's Studien und 

* In der Jiigendschnft über den 'Ovo^ citirt R. S. 19 Anm. mit sicht- 
barem Behagen eine Ansicht Schopenhauers, obgleich er sie für ziemlich 
confus hielt [an N.] ; er wollte den Namen des » Alten <« in seiner Schrift sehn. 

■-* Wie weit gewisse Gedanken Schopenhauers in Nietzsche's und 
Rohde's letzten Arbeiten fortleben, werden wir unten (Kap. X) in einem 
Einzelfall zu beobachten haben. Jeder philologische Leser des Philo- 
sophen wird sich überrascht fühlen durch die Liclitblicke. mit denen 
gelegentlich dunkle Winkel des Alterthums aufgehellt werden. Die un- 
heimliche Theoklymenoseinlage in der Odyssee (XX) hab ich erst durch 
Schopenhauers Bemerkungen über die Deuteroskopie (Par. 1 268) recht ver- 
stehn lernen; auch Rohde (Psyche S. 11) fasst sie in diesem Sinn auf. 

^ Dass Schopenhauer ihm verständlich geworden sei als »Philosoph 
der Romantik r, hat Rohde wiederholt, und schon sehr früh [s. z. B. un- 
ten S. 25] geäussert. Ich erinnere mich nicht, diese einleuchtende For- 
mel irgendwo so klar ausgesprochen gefunden zu haben. 

* Das spürte man gelegentlich im Gespräch wie in der Correspon- 



Philologische Pläne. 19 

Briefe aus der Kieler Zeit werden uns Veranlassung geben, 
auf diese Dinge zurückzukommen. 

Schliesslich deckten sich auch die besonderen philo- 
logischen Pläne und Arbeiten der Freunde in viel weiterem 
Umfange, als die Andeutungen Nietzsche' s (a. O. I S. 248) 
vermuthen lassen. Schon in jener Frühzeit beschäftigten 
Nietzsche — ganz wie Rohde nach dem Zeugnis seiner Co- 
gitata — gewisse räthselhafte (von ihm jetzt Schopenhauerisch 
umgedeuteten) Erscheinungen der antiken Religiosität, wie der 
Orgiasmus und das Bedürfnis nach Sühnung und Erlösung. 
Von seinen Quellenuntersuchungen zu Diogenes Laertius aus- 
gehend, plante Nietzsche eine Geschichte der litterarischen 
Studien im Alterthum (E. Förster I 265), und für die Frage 
nach der Entstehung des Romans meinte er den Schlüssel in 
der Tasche zu haben. Das sind einige leitende Ideen aus 
Nietzsche's Lehrjahren und zugleich die Hauptprobleme, mit 
denen Rohde gerungen hat. Wessen man sich freilich, im 
Einzelnen, von Nietzsche zu versehen gehabt hätte, das lässt 
beispielsweise die verwegene Formel für die Entstehung des 
Romans ahnen (*Die Geburt der Tragödie' S. 75), wonach das 
Vorbild des Roman's Plato gegeben hat, da der Roman „als 
die unendlich gesteigerte äsopische Fabel zu bezeichnen ist, 
in der die Poesie in einer ähnlichen Rangordnung zur dia- 
lektischen Philosophie lebt, wie viele Jahrhunderte hindurch 
dieselbe Philosophie zur Theologie". Gewiss steckt in dem 
Erzähler, der den Protagoras, das Symposion, den Rahmen 
des Staates geschafifen hat, das Zeug zu einem Romandichter 
im höchsten Sinne ^. Aber jener wunderlich einseitige Satz 

denz. Wenn R. z. B. an Ribbeck schreibt [26 VII 94] »dass Sie nicht 
nach Gastein müssen, ist ja jedenfalls ein Zeichen von Gesundheit und 
also xaXÄXCav«, so schwebt ihm bei dem griechischen Citat nicht die Sep- 
tuaginta vor, sondern das berühmte Kapitel von der Verneinung des 
Willens zum Leben, das jene alttestamentliche Stelle glossirt (Welt als 
W. und V. II, IV 68 S. 710. 713). 

^ Bemerkens werth ist es immerhin in diesem Zusammenhange, dass 
der von Rohde zu tief hinabgerückte alterthümlichste griechische Roman 
— der des Chariton — an eine Gruppe geschichtlicher Persönlichkeiten 
anknüpft, die in Piatons Timäus und Kvitias hineinspielt. — Uebrigens 
mag an Nietzsche'« Paradoxon eine Bemerkung Schopenhauers über Wil- 
helm Meister als ,intellectuellen Roman* mit schuld sein, Parerga V S. 394. 

2* 



20 Sonstige Studien. 

Nietzsche's würde bestenfalls auf einige Romane der fran- 
zösischen Aufklärung oder AVieland's und Klinger's i)a8sen. 
Rohde hatte allen Grund, ihn einfach zu ignoriren, als er 
sein Buch über den griechischen Roman schrieb. Von 
vornherein kam es Nietzsche, wo er über das rein Handwerks- 
mässige hinausging, nicht darauf an, einen geschichtlichen 
Stofi' oder Ergebnisse einer entsagungsreichen, auf das *That- 
sächliche' gerichteten Forscherarbeit zur Darstellung zu bringen, 
sondern Sätze, die er angeregt von Aeltestem und Neuestem 
mehr erlebt, als gefunden hatte, mit Hilfe der ^Historie' zu 
bekräftigen und gewissermassen zu materialisiren. Trotzdem 
kann man die befruchtende und {nach einem seiner Lieblings- 
ausdrücke) agacirende Kraft seiner Paradoxen, auch auf 
diesem Gebiet, gar nicht hoch genug anschlagen. 

Nach einer andern Seite hin mag Rohde der Neurer 
und Führer gewesen sein. In Leipzig lehrte der geistvolle 
Mitbegründer der modernen Völkerkunde, Oskar Peschel. 
Wenn Rohde schon in seinem ersten Buch eine geradezu fach- 
männische Sicherheit und Findigkeit in der Ausnützung eth- 
nographischer Vergleiche und Parallelen an den Tag legt, so 
hat sich das wohl schon in den Leipziger Anfängen vorbe- 
reitet; Nietzsche hat diese Dinge grundsätzlich acceptirt, aber 
sich im Einzelnen des Apparats zu bemächtigen, lag ihm stets 
fern, selbst als er seine, ganz in diese Richtung weisenden 
Gedanken zur Geschichte der moralischen Emptindungen zu 
fixiren suchte. 

Dass Rohde ein Hörer und Schüler von Peschel ge- 
wesen wäre, lässt sich freilich nicht nachweisen. Ausser den 
Fachcollegien bei Ritschi und Curtius zeigt sein Leipziger 
Collegienbuch nur Einträge über Geschichte der Malerei und 
Geschichte der politischen Theorien (bei v. Zahn und RosCHER). 
Die kunstgeschichtlichen Orieutirungsversuche wurden sehr bald, 
vor und während der italiänisclien Reise, wieder aufgenommen, 
während von tiefergehenden politischen Interessen noch Jahre 
lang wenig zu merken ist. 

So gingen die beiden hochstrebenden .Jünglinge festen 
Schrittes ihre eigene Strasse ; man glaubt es gern, dass sie 



Abschied von Nietzsche. Kiel. 21 

von den Genossen „wie zwei junge Götter" angestaunt wurden ^ 
Die letzten Tage des Sommersemesters 1867 wohnten die 
Freunde zusammen am Saum des damaligen Klein-Leipzig im 
„Italiänischen Garten"; mit dem Ferienbeginn machten sie, 
um ihrem gemeinsamen Treiben eine rechtschafifene Krönung 
zu geben, eine Fahrt in den Böhmischen und Bayrischen Wald, 
von der in der Nietzsche-Biographie zu lesen ist (I S. 243, 257). 
In Eisenach schieden sie von einander im Gefühl »tiefsten 
Glückes« mit dem Versprechen nicht nur durch das dünne 
Band der Correspondenz , sondern allem Trennenden zum 
Trotz durch ständige Fahrten und Unternehmungen a due ihre 
Gemeinsamkeit aufrecht zu halten 2. Lange Jahre ist ihnen 
das gelungen. Wer in die Bekenntnisse und Briefe beider 
einen Blick thut, \vnrd sich innerlich bereichert fühlen durch 
das rührende, ganz unmoderne Bild dieser hochgestimmten 
Jünglings- und Mannesfreundschaft. 

Nietzsche hatte damals seine Lehrzeit schon hinter sich; 
er kehrte in die Heimath zurück. Rohde fühlte sich weder 
mit Ritschi noch mit einem der Genossen durch ein wirk- 
lich persönliches Verhältnis verbunden; so zog es ihn in die 
heimathliche Luft der nordischen Wasserkante: er siedelte, 
nach einigen stillen Wochen in Hamburg, im Herbst 1869 
nach Kiel über. 



In den engen Verhältnissen der kleinen Universität fiel 
Rohde in den Schoss, wonach die Hand auszustrecken er zu 
stolz oder zu befangen gewesen war. 

* E. Förster I 243: da«8 der Typus des „ehrsamen Philisters* da- 
mals im Seminar, und vollends in der Societät die Alleinherrschaft ge- 
habt habe [VV. Schmid S. 89], ist freilich eine unbegründete Annahme. 

^ „ In erster und einziger Stellung Dr. Erwin Rohde, von bester und 
seltenster Sorte und mir in rührender Liebe treu zugethan", so charak- 
terisirt Nietzsche 1869 einem andern Bekannten gegenüber das Verhält- 
nis (P. Deussen, Erinnerungen an Fr. N., S. 67). Der Briefwechsel 
zwischen den beiden Freunden setzt schon mit dem 10. September 1867 
ein, wo Rohde von Hamburg aus Nietzsche ein Bild Schopenhauers schickte: 
»So hänge den Alten also auf wie ein Schiboleth der kleinen Ketzerge- 
meinde, und denke dabei auch, wie ich Dir dadurch ein Zeichen meiner 
Dankbarkeit geben wollte für die herzliche Theilnahme, die Du mir 
querköptigem Kerl erwiesen hast«. 



22 Kiel. P. W. Forchhammer. 0. Ribbeck. 

Freilich, mit dem »Nestor« der Facultät, dem mythologischen 
»Wasserdoctor« P. W. Forchhammer, wollte sich kein Ver- 
hältnis herausbilden \ so sehr sich die Interessen beider stoff- 
lich deckten. Der junge Mann, der ganz und gar »de notre 
si^cle^ war und sein wollte, hatte nichts gemein mit dem wie- 
dererstandenen Olaus Rudbeck. An diesem Missverhältnis hat 
Rohde schwer gelitten, zumal es sich bald auch in i)raktischen 
Fragen peinlich genug bemerkbar machte. 

Um so förderlicher gestalteten sich die Beziehungen zu 
O. Ribbeck. Rohde hörte bei ihm 1867/68 die schönen 
Vorlesungen über die griechische Tragödie, sjjäter lateinische 
Syntax', und nahm mehrere Semester an seinen Seminarübungen 
theil. Die Erstlingsarbeit über Pollux beantwortet eine damals 
von Ribbeck gestellte Preisfrage und wurde auf seinen An- 
trag mit dem Schassischen Preise gekrönt s. Von vornherein 
fühlte sich Rohde durch seines Lehrers »Frische und künstle- 
risch-ästhetischcFeinfühligkeit« angezogen ; gemeinsame Freunde 
— der Historiker Junghans und seine Frau, Rohde's Ver- 
wandte — und fürsorgende Briefe des alten Ullrich gaben 
dem Verhältnis bald einen persönlichen Ton, so dass Rohde 
auch im Hause des Lehrers heimisch zu werden begann, in 



* Die amüsante Vorstellung des »Peter Wilhelm als Wasserdoctorc 
wird in einem Brief an Nietzsche als Tema con variazioni behan- 
delt. Die völlige Nichtigkeit dieser Theoreme blieh Rohde schon als 
Studenten keinen Augenblick verschleiert, während 1864 Forchhammers 
Hellenika von sehr achtungswerther Seite als ,ein geistreiches Buch* 
bezeichnet wurden. In der vor kurzem erschienenen Biographie Forch- 
hammera ist von Rohde begreiflicher Weise keine Rede. 

'*■ >Collegien, die man begreiflich hier in dem kleinen Nest nicht 
mit solcher Feierlichkeit scliwänzen kann, als wir weiland in Leipzigt 
schreibt er an Nietzsche 29 II 68. 

^ Darauf bezieht sich der humoristische Glückwunsch Niktzsche's 
bei E. Förster a. a. 0. I S. 273. Rohde antwortet 15 VIII 68: »Mit meinem 
Preisruhm ist's nicht weit her ; in aller Welt wird eine Preisaufgabe alle- 
raal gekrönt. In Kiel hat solch ein Ereignis nur das Angenehme, dasa 
es baare 96 Rthlr. mit sich führt.« Rtbbeck nennt die Arbeit in einem 
Zeugnis, das er Rohde ausstellte [15 X 6y], „eine schöne Probe nicht 
nur der Arbeitskraft und Gewandtheit . . ., sondern auch gründlicher 
Methode und glücklichen Scharfsinns-. Dem Lehrer stellt der Schüler 
in gleichzeitigen Briefen eine Art Gegenzeugnis aus , das nach einigen 
skeptischen Bemerkungen über Ribbeck's Horazkritik in den Worten 
gipfelt, Ribbeck sei »auf keinen Fall jemals trivial«. 



A. V. Gutschmid 23 

dessen Gattin er später seine »erprobteste Freundin < verehrte. 
Ribbeck rühmt in Briefen an Ullrich Rohdes Arbeitskraft und 
die geistige Feinheit, die er im Gespräch an den Tag lege: 
„Rohde verspricht wirklich Bedeutendes zu leisten", schreibt er 
im Frühjahr 1868, „seine Arbeiten haben einen leichten glück- 
lichen AVurf und er hat offenbar Ertindung** [12 IV 68]. So 
hat doch erst Ribbeck Rohde wirklich * entdeckt'. In ihm ge- 
wann Rohde einen Ersatz für den Meister, wie für den Ge- 
nossen: einen ideenreichen, seine weitausholenden Studien mit 
offenem Sinne würdigenden Lehrer und ein gleichgestimmtes 
»wirklich treues Freundesgemüth« [N. 12 VII. 72]. Das schöne 
Verhältnis hat, durch gelegentliche Meinungsverschiedenheiten 
wohl einmal auf die Probe gestellt, aber nie gestört, fortbestan- 
den bis zu dem fast gleichzeitigen Tode der beiden Trefflichen. 
Von den übrigen Kieler Docenten ist an erster und ein- 
ziger Stelle Alfred von Gutschmid zu nennen: »ein kleiner 
blasser Mann mit einem gewaltigen Schnauzbart, i^ersönlich, wie 
alle Sachsen, sehr zuvorkommend, innerlich wie mii* scheint 
fein organisii*t . . . .; eine ähnliche Gelehrsamkeit habe ich 
mein Lebtag nicht gesehen.« Rohde hat 1867/68 und 1868 
sämmtliche Vorlesungen und Uebungen Gutschmid's besucht 
(Griechisch-römische Geschichte seit Pyrrhus, Historiographie, 
Xenophon's Athenerstaat , historische Uebungen) ; wenn er 
sehr bald die Quellenkritik antiker Schriftsteller mit fach- 
männischer Sicherheit angreifen und in der Analyse der chro- 
nologischen Systeme selbst als Bahnbrecher auftreten konnte, 
so erkennt man unschwer die Schule des scharfsinnigen Zer- 
gliederers der geschichtlichen Ueberlieferung, dem Rohde später 
auch als College und Freund nahegestanden hat. Diese histo- 
rischen »Allotria« bei (iutschmid waren aber auch der erste 
Schritt auf dem Wege, der Rohde später zu einer vertieften 
geschichtlichen Auffassung seiner Wissenschaft führte. In einem 
Brief an Nietzsche, wo er von der »historischen Gesellschaft 
bei Gutschmid« spricht, spöttelt er zwar, auf alte, von Nietzsche 
später formulierte Lieblingsmeinungen hindeutend: »nun bitte 
ich Einen, ich und Historie!« Aber gerade dadurch verräth 
er, dass er sich der principiellen Bedeutung dieser Wendung 
doch schon damals bewusst war. 



24 K. Weinhold. Arbeiten. Leetüre. 

Ausserdem hat RoLde nur bei deui Germanisten K. Wein- 
hold Vorlesungen über deutsche Litteraturgeschichte gehört. 
Er wollte sich die Möglichkeit des a/oXaCe'.v xacXö; erhalten. 
Nun bot ihm Kiel >kein Thejiter, so gut wie keine Musik« ; 
unter den Philologen fand er > nicht Einen, der ihn im Gering- 
sten anzögen ^: damit sah er sich dann ganz und gar auf sich 
sell)st angewi(?sen und führte monatelang ein wahres Einsiedler- 
leben. So wurden in verhältnismässig kurzer Zeit die Quellen- 
forschungen zu Pollux al)geschlossen, unter des Freundes Theil- 
nahme, »meliorisirt« und in die endgiltige Form gebracht [N. 
15 VI 11 68], und zugleich gewann ein alter Leipziger Ge- 
danke, die Klarlegung des Verhältnisses zwischen Lucian's 
Lukios und Apulejus, eine einleuchtende, zur Ausführung ge- 
eignete Gestalt. Daneben kündigen sich an allen Ecken und 
Enden die Ansätze und Keime zu neuen Arbeiten an ; so ent- 
hält ein Brief an den Freund [20 XU (>8] Bemerkungen über 
den Stammbaum Homers und Hesiod's die sich erst in den 
Studien zur Chronologie der Litteraturgeschichte (kl. Sehr. I. 
1 ff.) recht entfaltet haben. Versagte der Reiz und die Kraft 
zu solcher Arbeit, spann sich R. ein in seine ^ Phantasien- und 
Gedankenträume« ^, im stillen Verkehr mit seineui »Dämon« 
und mit einer aus allen Windrichtungen citirten Gesellschaft 
von schwarzen und weissen litterarischen (leistern; den besten 
Theil seiner Staunens werthen, schon in der Lucianstudie bemerk- 
baren Belesenheit hat er sich damals angeeignet. Da erscheint 
Leopardi, Byron, Kleist oder Ariosto neben den Veden 
und dem Pantschatantra; n(4)en einem zweifelhaften Pariser 
Roman von Hans Hopfen, der ihm ])ei seinen Reiseplänen als 
Pariser Milieuschilderung willkommen ist [N. 28 IV 68], liegen 
die Briefe von Lenz und ein Buch, das ihn tiefer ergreift, JuNG 

* »Ich war, durch nicht j^rade beglückende Natunmlage, immer pau- 
corum honiinum: hier werde ich fast nullius hominiH< [N. 29 II 68]. 
Verkehrt hat er gelej^entlich mit seinem Landsmann Richard, dessen 
er auch in den Briefen an Ribheck wiederholt gedenkt, ausserdem mit 
dem 'Hülsaten' G. Andukskn, einem alten Bekannten (»er ist ein treft- 
licher Philologe, aber, scheint mir, . . . von jener philosophischen Ver- 
wunderung . . . fjanz frei; ein voUständijres Complement zu Romundt« : 
N. 11 V 6S.) 

- Die Cogitata (s. ol^en S. 14 ') werden sichtlich reicher und reifer 
in der Kieler Einsamkeit. 



Lessing. Rojnantiker. La Rochefoucauld. 25 

Stillings Selbstbiographie ^ Die immer wieder aufgenommene 
Beschäftigung mit dem »geliebten« Lessing lässt deutliche 
Spuren in der stilistischen Manier seiner Aufzeichnungen 
zurück (s. 6W/. 1. 2). Selbst wie die Zeit der Promotions- 
prüfung naht, findet er sich veranlasst, sich durch »eine Art 
litterarischer Henkersmahlzeit« zu stärken. »Einstweilen habe 
ich mich«, schreibt er an den Freund, »ein wenig in die 
Romantiker vertieft ; wobei ich dann namentlich obser- 
virt habe, dass in Schopenhauer's Lehre eine reine, von pfäff- 
ischen Quarzen gereinigte Krystallisation der Bestrebung dieser 
seiner Jugendzeit zu erkennen ist. . . . Ich verkenne gar nicht 
alle ihre Krankhaftigkeiten, ihr nur ^passives Talent', ihre Un- 
fähigkeit, von musikahschem verschwimmenden Heiz zur Bil- 
dung frei wandelnder Gestalten zu gelangen. Aber was mir 
sympathisch entgegenschlug, ist ihre starke Aversion vor allem 
Trivialen. . . .« Mit lebhaftem Widerwillen wird in solcher 
Stimmung der Romane Gustav Freytags gedacht, vor allem 
der * verlorenen Handschrift' : »wohlpräparirtes Skelett eines 
Musterfrosches: der gräuliche Professor in der verlorenen Hs.« 
[N. 3 I 69]. Den alten Freunden Schopenhauer und R. 
Wagner tritt, zum ersten Male in diesem Kreise, ein fran- 
zösischer Aufklärer und Skeptiker, La Rochefoucauld ent- 
gegen. Rohde ist dabei freilich päpstlicher als der Papst, und 
urtheilt über das ^unsterbliche Büchlein" viel verdriesslicher 
als sein Meister, der ihn ofienbar darauf geführt hatte (Schopen- 
hauer Parerga § 127). »Er [La Rochefoucauld] kitzelt nur 
den AV^itz mit den tausend, stets pikant garnirten Wendungen 
der Einen Behauptung, dass der Egoismus Alles bestimme. 
Auch das Mitleid sogar : und hier fasst man den schwa- 
chen Punkt des Mannes. Wie die im jüdischen Theismus . . . 
befangene Mehrzahl kennt auch er zwischen den Individuen 
keinen andern Zusammenhang, als den die Drähte der Puppen 

^ >Im Anfang so weit Goethes Einfluss reicht von kindlicher Lieb- 
lichkeit, im Gninde furchtbar arrogant, unchristlich mal ganz entschie- 
den, weil, von äusserst egoistischem Optimismus ganz iniprägnirtv [N. 11 
V 68]. Fr. Nietzsche zählt« später (1879) „das erste Buch von Jung- 
Stillings Lebensgeschichte ** zu den wenigen Prosaschriften, die es ver- 
dienten „wieder und wieder gelesen zu werden". (Der Wanderer 109 
= Werke III S. 257.) 



26 ^' A. Lange. Methaphysik als Dichtung. R. Wagner. 

in der Hand des Alten da oben finden. . . Da ist denn frei- 
lich die Möglichkeit jeder auf die Einheit des Alls basirten 
Empfindung unerklärlich . .« [N. 24 XI (>8]. Rohde ahnte 
nicht, dass dies der Rocken war, von dem dereinst gerade 
Nietzsche seine gleissenden Gedankenfaden spinnen würde. — 
Tiefer war der Eindruck, den er aus einem wiederholten Stu- 
dium von Langes Geschichte des Materialismus mitnahm. 
>Ganz gewiss hat er Recht, mit Kants Entdeckung von der 
Subjectivität der Anschauungsformen so bitter Ernst zu machen, 
und wenn er Recht hat, ist es dann nicht ganz in der Ordnung, 
dass ein Jeder sich eine Weltanschauung wähle, die ihm, d. h. 
seinem ethischen Bedürfnis , als seinem eigentlichen Wesen, 
genüge? ... So ist mir auch durch die wachsende Ueber- 
zeugung von der s u b j e c t i v e n P h a n t a s t i k aller 
Speculation die Schopenhauer'sche Lehre durchaus nicht 
im Werthe gesunken . . .« [X. 4 XI 68]. Leise kündigt sich 
hier doch schon die Lockerung des auf den Freunden ruhen- 
den Bannes an; der befreiende Gedanke, dass Schopenhauer's 
Metaphysik im Grunde nur eine Dichtung sei und in dieselbe 
Sphäre gehöre, wie die »Träume der Romantik« oder Fechners, 
taucht noch wiederholt auf in diesem philologisch-philosophischen 
Briefrondo (s. f V>//. 23. 25). Da fällt just in dieser kritischen 
Zeit schwer in die Wagschaale Schopenhauers die Bekannt- 
schaft mit R. Wagner dem Schriftsteller: »Wahrlich, schon 
der Gedanke einer, gleichsam die ganze Welt, Willen und In- 
tellekt, in reinerem Bilde darstellenden Kunst, ist eine ganz 
grossartige Conception, und dazu doch kein reines unerreich- 
bares Hinigespinstx [N. B Xll (JH]. So bleibt die Tönung 
des Denkens und Darstellens im Ganzen auch bei Rohde noch 
lange die alte. Aber im Pjinzelnen frappirt manche entschieden 
selbständige Beobachtung; zumal auf den einsamen Wande- 
rungen durch die stille Landschaft, deren Bild traulich in seine 
Bekenntnisse hineinblickt, gingen Rohde's Gedanken ihre eignen 
Wege und Hessen sich wohl auch einmal auf jene problema- 
tischen Gebiete hinüberlocken, die seinem Freunde später zur 
Heimath w^urden. In einem Briefe an Nietzsche stellt R. kalt- 
blütig die Frage, worin denn eigentlich der Grund liege, dass 
einen Menschen zu erschlagen eine ganz unbezweifelbare Sünde 



Briefe an Nietzsche. Erkrankung und Kur. 27 

sei, und die ersten Blätter der Coffitata beschäftigen sich mit 
der peinlichen Lage eines »innerlich frei gewordenen Theo- 
logen c. Vor allem ist es der Briefwechsel mit dem Freunde, 
worin er, neben allerlei »sandigen« philologischen Debatten, 
seine kühnsten Stimmungen und Phantasien ausströmt. Da- 
bei ist er Nietzsche gegenüber von einer Hingebung und, man 
möchte fast sagen: Demuth, die gerade bei ihm befremden 
könnte. Aber er deutet es mehr als einmal an, weshalb er 
vor dem Freunde, als vor der reicheren Natur, sich beugen 
zu müssen meinte : er spürt an ihm die mächtig pulsierende 
productive Ader des Künstlers, die er bei seiner »philo- 
logischen Geschäftigkeit« in sich kaum noch schlagen fühlt. Und 
so munter und erfolgreich er sich in dem Element seiner Unter- 
suchungsarbeiten bewegt, so kommen doch Stunden, wo ihm 
Alles schaal erscheint und w^o er ausschaut nach einer »wür- 
digen, einer wahrhaften Gestaltung fähigen Aufgabe.« 
Der erste ungeformte Keim des griechischen Romans mag 
schon damals entstanden sein. 

Unterbrochen wurde dies stete stille Schaffen und Grübeln 
nur durch die Ferienreisen nach Hamburg (wo freilich die Ge- 
dankenräder bald wieder ihren alten ruhelosen Gang gingen) 
und durch eine dem Genius Thorwaldsens geltende Pfingst- 
fahrt nach Kopenhagen '. Nur einmal, im Oktober und No- 
vember 1868, ]nusste eine Generalpause gemacht werden: Rohde 
war, wie er seinen Freunden klagt, von einem bösartigen »gast- 
risch-nervösen Fieber« ergriffen, das ihn »am Tage mit jener 
eignen fieberhaften Unruhe und in den Nächten mit totaler 
Schlaflosigkeit grausam quälte« [R. 13 X 68; N. 4 XII 68]. 
Man wird in dieser, wohl durch die äusserste Anspannung aller 
Kräfte heraufbeschwornen Erkrankung das Vorspiel späterer 
Leiden erblicken dürfen. Eine mehrwöchige Kur in der Heil- 
anstalt Reinbeck (im Lauenburgischen) »mitten in schönen 



* »Vorzugsweise betete ich Thorwaldsen's unvergleichlichen Genius 
an: die Empfindung von der unerreichbaren Grösse dieses Mannes ist 
mir ein wichtiger Zuwachs. . . Sodann aber habe ich auch die ganze 
Art der Stadt und des Volkes recht objektiv auf mich wirken lassen« 
[N. 17 VI 68J. 



28 Reisepläne. Nietzsche's Berufung. 

Wäldern« führte »Schlaf und Gesundheit« allmählich wieder 
zurück. Aber an Weiterarbeiten war vorläufig nicht zu denken. 
So nmsste denn der Studienabschluss wie die Ausführung 
eines lange stillgehegten Reiseplans aufs Frühjahr verschoben 
werden. 

Schon seit Jahresfrist nämlich hatten sich die Freunde 
an dem Gedanken erbaut und aufgerichtet, nach der Erledi- 
gung der Promotion nach Paris zu ziehn und dort eine Art 
akademischen Nachsommer, »den wahren ßosensommer unsres 
Le])ens«, gemeinsam durchzukosten. >Dann soll es dort eine 
Existenz geben, die sich in eitel triumphirendem Tanzschritt 
bewegt! . . . Wir wohnen im achten Stock, geben täglich 
wegen mangelnder Subsistenzmittel einige Stunden . . . und 
im übrigen leben wir, d. h. saugen mit allen Organen ein 
was Gutes und Wissens wer tlies in den Museen, Bibliotheken 
und namentlich im Leben sich uns darbietet« [X. 28 IV 68]. 
Schliesslich wurde das Frühjahr 1869 als Reisetermin festge- 
setzt. Da erhielt Nietzsche, noch ehe er seine Promotion 
erledigt hatte, im Januar 1869 einen Ruf an das Pädagogium 
und die Universität in BaseP, j^ein ganz beispielloses Glück, 
mit beiden Händen festzuhalten«. So lösten sich, zu schmerz- 
licher Enttäuschung Rohdes, die so lange und liebevoll ge- 
bauten Luftschlösser der Pariser Reise »in flatternde Wolken 
auf« [N. 17 ] 59]. »Ich beneide nicht Dir die Basler, aber 
Dich den Baslern ; denn was mir das gemeinsame Leben mit 
Dir gewesen ist — und gewesen sein würde: das kann ich 
mehr fühlen als ausdrücken. Das Reinste und auf alle Dauer 
Erciuickendste, ein Wohlgefühl, für das ich Dir zu tiefstem 
Danke verpflichtet binc [N. 15 II 69]. 

* Der Gedanke, Nietzsche zu Vjerufen, ist von dem Baseler Professor 
ViscHKK ausgegangen; als die Anfrage, ob er N. empfehlen könne, 
an Ritsch L gerichtet wurde, hätte er der Philister sein müssen, der er 
nicht war, um seinen Correspondenten kopfscheu zu machen. Nietzsche 
wie Rohde haben den Basler Ruf stets als ein »Göttergeschenk« be- 
trachtet, und Ueberarbeitung im Amt war es nicht, was Nietzsche's 
Gesundheit untergraben hat. Dass solche Dinge wie die Berufung des 
Studenten Nietzsche zum Professor oder die Ernennung des Litteraten 
Gottfried Keller zum Stadtschreiber in ihr möglich sind, darauf kann 
die Schweiz stolz sein. 



29 



III. 

Erstlingsschriften, Die Reise in Italien nnd ihr Ertrag. 

(1869. 1870.) 



Das erste ausgereifte Erträgnis der Lehrzeit war die schon 
in Leipzig entworfene, in den ersten Kieler Semestern vollendete 
Untersuchung *über Lucians Lukios und sein Verhältnis zu 
Lucius von Patrae und den Metamorphosen des Apulejus.' 
RiTSCHL hatte sie für das Rheinische Museum nicht ohne 
Weiteres angenommen, sondern mit Rücksicht auf eine gleich- 
zeitig erschienene Doctorschrift eine Revision verlangt ; Rohde 
fand die Forderung unbillig, zog das Manuscript zurück und 
gab es, nachdem er durch Nietzsches Vermittlung einen 
Verleger gefunden hatte, 1868 noch als Student in den Druck. 
Das ganze Vorgehn ist für seine stolze und tapfre, aber auch 
leidenschaftliche und leicht verletzbare Art bezeichnend i. 

* Die Arbeit war für Rohde von vornherein ein wahres Schmerzens- 
kind. Er hatte sie schon Frühjahr 1868 ziemlich in's Reine gebracht, da 
sich die *Societätsraitglieder' mit dem Plane trugen, ihrem Lehrer eine sa- 
tura Ritscheliana oder symbola Lipsiensis zu stiften. Schliesslich blieb nur 
eine tetras Lipsiensis von den »Symbolisten' über »woraus die Welt eben 
nur schliessen würde, dass Vater Ritschis philologische Lendenkraft er- 
loschen seic [N. 11 V 68]. So zerschlug sich »der ganze schöne Plan«. 
Nietzsche, auch bei diesen Dingen der Mittelpunkt des Kreises, meldete 
die Arbeit, die er im Manuscript durchgesehen hatte, nunmehr mit 
Rohde's Zustimmung bei der Redaktion des Rheinischen Museums an. 
R sandte die Arbeit ein, in ziemlich resignirter Stimmung, »da offenbar 
noch eine Anzahl edler Zuchthengste und Schulpferde . . . vorher vor- 
geführt zu werden verlangen : vielleicht wird sich auch der neu enga- 
gierte Clown Lucian mit seinem bekannten bissigen Mops produciren« 
[N. 17 VI 68]. Er dachte sehr bescheiden von seiner Arbeit: »Ich bin, 
was selbst in solchen wenig persönlichen Dingen doch von wesent- 
lichem Einfluss ist, an 'Glückseligkeit des Herzens' um mit Lenz zu 
reden, die Zeit her recht arm gewesen; ich kam mir recht sandig vor, 



30 Erstlingsschriften. Lucian's "Ovo;. 

Eine gewisse Umständlichkeit in Nebendingen mag den 
Anfänger verrathen (bei dem man sie kaum missen möchte), 
aber sie beeinträchtigt in keiner Weise die erfreuliche Wir- 
kung der, nach Nietzches Meinung * musterhaften' kleinen 
Schrift, in der ein bis dahin nur flüchtig und unklar umredetes 
Litteraturproblem vor Allem auf eine scharfe Formel gebracht 
wird. Im Gegensatz zur herrschenden Meinung sucht R. dar- 
zuthun, dass Lucian eine in gläubigem Ton berichtete Wunder- 
erzählung parodirt habe , und dass diese »in's Heitre und 
Spöttische gewandte Darstellung* von Apulejus zu seinem 
episodenreichen Roman ausgeweitet und schliesslich in den 
alten Sinn zurückgedeutet sei. Das wunderlich Zwiespältige 
in Ton und Haltung des berühmten lateinischen Werkes er- 
klärt sich durch diese Hypothese vorzüglich, und Rohde hat 
immer daran festgehalten (Rh. Mus. L 91 tf. Kl. Sehr. II 69), 
während gerade gegen diesen Kernpunkt später Zweifel laut 
wurden (W. SCHMID, Philol. L 314). Dem Glauben an die *Echt- 
heit', d. h. den Lucianischen Ursprung der Schrift hat Rohde später 
entsagt \ und darüber, dass an diesem Punkte das Gebiet des 
Problematischen beginne, war er sich schon 1868 völlig klar. 
Der beiläutig ausgesprochene Satz, die Frage nach dem Autor 
des "Ovo; lasse diejenige nach seinem Verhältnisse zu den 
Metamorphosen des Lucius gänzlich unberührt (S. 30), war 
völlig ernst gemeint; Nietzsche gegenüber betont R. das nach- 
drücklich ^. So hat er von vornherein die Abstufungen der 

und so wird auch das opusculum ein wenig ledeni geworden sein«. Aber 
als die Redaction eine Umarbeitung verlangte (Ritschi hatte vor Allem 
die Berücksichtigung einer ziemlich werthlosen später im Anhang S. 38 
abgethanen Dissertation empfohlen), verstimmte das Rohde doch ge- 
waltig; er argwöhnte persönliches üebelwoUen und zog die Schrift zu- 
rück. NiETZSCHK wusste den ihm persönlich bekannten Dr. Engel- 
MANX zur Annahme zu bestimmen, der sich als ein »unbegreiflich nobler 
Verleger entpuppte« [N. 17 I 69]. Vgl. P. Deussen, Erinnerungen an 
Fr. N. S. 49. Rohde an Nietzsche 11 V, 5 XI, U XI, 24 XI, 2 XII 68; 
an Ribbeck 5 XII 69. Ritschl gegenüber blieb bei Rohde ein Rest von 
Verstimmung lange zui*ück. 

^ Vor allem auf Grund einer skeptischeren Schätzung der Hand- 
schriften, deren Classiticierung er schon in einem Anhang jener Erst- 
lingsschrift gefördert hatte. 

'-*... selbst wenn Luc. nicht der Autor wäre, könnte meine An- 
sicht richtig sein, denn Spassvögel gab's eben ausser L. noch. Aber frei- 



Quellenuntersuchungen zu Pollux. 31 

Wahrscheinlichkeit zutreffend abgeschätzt. Auch eine kleine 
Schwäche in der Anlage der Arbeit, eine »verkehrte Voraus- 
nahme des eigentlichen Geheimnisses« durch einige Urtheile 
und Andeutungen, empfand er und gab er dem, die Forde- 
rungen der Schriftstellertechnik Ritschl's vertretenden Freunde 
zu, ohne sich deswegen zu einem Umbau des Ganzen zu ver- 
stehn. Bemerkenswerth ist es, dass Rohde schon in dieser 
Erstlingsarbeit über den Horizont der klassischen Literaturen 
vielfach hinausblickt ; grundsätzlich hat er seinen Standpunkt 
hier schon ebenso hoch genommen, wie im 'Roman' oder in 
dem Vortrag über die Novelle. 

Das rechte philologische Gesellenstück Rohdes sind die 
gleichfalls bei Engelmann 1869 erschienenen Quellenuntersu- 
chungen zu den theatergeschichtlichen Abschnitten eines an- 
tiken Reallexikons (de Julii PoUucis in apparatu scaenico enar- 
rando fontibus), von denen schon (oben S. 23) die Rede ge- 
wesen ist. Die Formulirung der Frage (die Rohde später 
zu eng abgegrenzt erschien) rührt von Ribbeck her; bei der 
endgiltigen Gestaltung des Schriftchens gab Nietzsche einige 
gern benutzte Rathschläge. Für Rohde hatte die Arbeit be- 
sonders die Bedeutung, dass er sich bewusst wurde, »zu dieser 
Art von Quellenuntersuchungen Trieb und Geschick zu haben*. 
In der That haben sich die Hauptergebnisse — vor allem 
die nur angedeutete Ansicht von der centralen Stellung des 
grossen Philologen Aristophanes von Byzanz — gegenüber 
den neueren Funden im Ganzen als stichhaltig erwiesen. Was 
aber die Arbeit über das Durchschnittsmass solcher specimina 
eruditionis entschieden hinaushebt, das ist der freie Blick, mit 
dem der kaum Vierundzwanzigj ährige auch die weiter ablie- 
genden sachlichen Fragen in's Auge fasst ; erst die Tü- 
binger Scenica haben den Bau nach dieser Seite hin ergänzend 
weitergeführt. Der Anhang über die Quellen der medicinisch- 
anthropologischen Abschnitte verräth eine nicht gewöhnliche 
Vertrautheit mit der medicinischen Litteratur; das Material 



lieh ist das ganze Verfahren bei Lucian unendlich glaublicher. Das 
sage ich aber auch gleich darauf. Bei völliger Umkalfaterung würde 
ich all dies mildernc [N. 11 V 68.] 



32 Promotion. Fr. Rühl. 

war auch hier reich und solide genug, um später von anderer 
Hand (von E. Zarncke) weiter gesponnen zu werden \ 

Auf Grund dieser Arheit wurde Rohde am 9. März 1869 
mit Auszeichnung promovirt ; gleichzeitig erwarb er nach da- 
maligem Kieler Brauche durch eine Probevorlesung ein Anrecht 
auf die venia legendi^. Der »collegialen« Art, in der ihm seine 
Lehrer entgegengetreten seien, gedenkt er dankbar in seinen 
Briefen; trotzdem fühlt er sich ihnen gegenüber bei aller 
»Freundschaftlichkeitc des Verkehrs im Tiefsten »fern und 
fremd : yi.Q^0L ^vf eanfjpixiaLc ^. Praktische Dinge konnte 
nmn aber auch Ul)er diese Kluft weg ganz behaglich verhan- 
deln. Die Reisedispositionen und der (Jperationsplan für die 
Bil)li()theksarbeiten wurden nochmals mit RiBBECK durchge- 
sprochen. Auch GuTSCHSiin (bei dem Rohde danmls Fr. RühL 
kennen lernte) gal) zweckmässige Directiven; so veranlasste 
er den jungen Entdeckungsreisenden, eine Horentinische Jose- 
plmshandschrift in sein Arbeitsprogramm aufzunehmen*. Nach- 
dem er so »acht Tage auf seine Promotion verschwendet hattet, 



* Der Druck wurde 1869 in Italien zu Ende geführt; die Addenda 
sind datirt von Florenz 17 IX 69. 

'^ Rohde wollte sich erst gleichzeitig auch dem iStaatsexamen unter- 
ziehen, »als welchen Lindwurm der Holste meii?tens zugleich mit seinem 
Jüngern und wtmiger giftigen Bruder , dem Doctorexamen , zu erlegen 
pflegt. [N. '28 IV 68]. Er hatte ernsthafte Zweifel, oh er überhaupt zum 
Akademiker berufen sei [N. *J8 IV 68]. Erst auf Nietzsche's Zureden 
wandten sich seine Gedanken allmählich mit voller Bestimmtheit zur 
Universität, und nun entHchloss er sich, ^^jene widerliche peinliche Be- 
fragung abzuwerfen«. »Da ich . . . eine Schulstellung höchstens als 
'Kohlenstation' betrachtete, so wäre eine scheussliclie Halbheit heraus- 
gekommen« [N. 17 l 69]. — Nach dem Diplom wurde unter dem Decanat 
des (Termanisten Th. Möbius, in . . Ervinum Rohde . . . exhibita disser- 
tatione . . . specimine eruditionis et acuminis egregio examine legitimo 
praelectione publica disputatione inaugurali nuigna cum laude perfunc- 
tum . . die IX. mensis Martii anni MDCCCLXIX die Doctorwürde über- 
tragen. 

•' Das charakteristische Citat wird in dennoch ganz Schopenhauerisch 
gestimmten Briefen und Aufzeichnungen ans diesen Jahren wiederholt 
gebraucht ; es ist (mit späterer Hand) auch auf das Abgangszeugnis vom 
.lohanneum eingetragen. 

* Dieser Laureutianus erwies sich als Archetypus der erhaltnen gric- 
chischen Handschriften. Gütschmid entwarf 1868/69 seine Vorlesungen 
über Josephus, vgl. Fr. Rühl zu Gutschmid's Kleinen Schriften IV S. :i86. 
II S. 89. 



Abreise nach Italien. Verona. Florenz. Rom. 33 

eilte der neue Doctor nach Hamburg zurück, um die letzten 
Vorbereitungen zu der lang geplanten Fahrt vorzunehmen »mit 
seltsam gemischten Empfindungen« : aus der Pariser Boheme 
an der Seite Nietzsche's war die normale Studienreise nach 
Italien geworden. »Unsre Pariser Träume werden mir nicht 
ersetzt, aber ich hoffe doch mannigfachen Genuss und För- 
derung. Ich habe Goethe's Italiänische Keise wieder gelesen und 
daran gemessen, dass ich doch seit dem letzten Mal, da ich 
sie las, lun Haupteslänge gewachsen bin. Es ist freilich, wie 
er von einem Herderschen Buch sagt, keine Speise, sondern 
ein köstlich Gefäss, in das ein Jeder legen mag, was er selbst' 
mitbringt. Und nun empfand ich das Göttergleiche des Mannes 
in seiner Fähigkeit nur zu schauen, ohne Begriffsgrauheit, 
wie ein stärkendes Bad« [X. 16 UI 69]. So zog Rohde, Ende 
März 1869, von Ribbeck mit Empfehlungsbriefen an italiä- 
nische Freunde versehn, nach dem Südens * 

Die erste Hauptstation war Zürich, wo er im Auftrag 
der Mutter mit seinem am Polytechnicum studirenden Jüngern 
Bruder zu verhandeln hatte. Dann ging es nach München 

— seitdem ein Lieblingsziel seiner Wünsche und Reisepläne 

— und über den Brenner nach Verona. Die alte CatuU- 
stadt war es, »wo zum ersten Mal das italiänische Leben in 
seiner fröhlichen Buntheit und dies italiänische Sonnenlicht, 
das auch Trümmer und Lumpen golden verklärt, den erstaunten 
Blicken sich aufthaten«. Wie so mancher Nordländer hat Rohde 
seitdem eigentlich immer ein stilles Heimweh nach dem Süden, 
eine »förmliche italiänische Nostalgie« [N. 22 III 71] mit sich 
herumgetragen. In Florenz, wo er sich mit einem alten 
Leipziger Bekannten, W. H. RosciiER, zusammenfand, machte 
er in ein paar stillen Wochen die ersten Versuche, sich der 
altitaliänischen Kunst zu nähern; »namentlich an der jung- 
fräulichen Reinheit des Fra Angelico« hatte er seine Freude. 
Am 18. April traf er in R o m ein und fand bei W. Helbig, 
dem ihn Ribbeck empfohlen hatte, freundliche Aufnahme. Die 
ei^sten Wochen vergingen, >\ie sie zu vergehn pflegen: »mit ange- 



* Eine Reiseunterstützung aus dem Fonds einer Hamburger Stiftung, 
auf die Ullrich seinen Schützling hinwies, brachte eine willkommne 
ZubuBse zum Viaticum. 

C r Q 8 i u 8 , E. Uühde. O 



34 Rom. Neapel. Florenz. 

streiigter Abarbeitung des geradezu endlosen Materials der 
Besichtigung« ; eine Krholung war eine »herrliche Reise«, 
die Rohde und Röscher unter Helbig's Führung in Etrurien 
(Corneto, Montetiascone, Viterbo) unternahmen [M. 24 V 69]. 
Dann wurde Ernst gemacht mit der > Alltagsexistenz &, die aber 
bald genug noch einmal durch eine AVaiiderung ins Sabiner- 
gebirge unterbrochen wurde. --Stelle dii* vor, dass wir zwei Beide 
neben einander durcli dies schöne Land trabten, im Gebirge 
umh(tr streiften, de^ Abends, etwa in (Jlevano, hoch auf dem 
Berge, unter uns das kleine graue verwitterte Städtchen und 
vor uns den weiten Kranz zackiger Berge und die weite bunte 
Ebene, auf dem Altan des Gasthauses sässen, das Gold der 
sinkenden Sonne schlürften in friedlichen Gesprächen, oder 
in stummem Einverständniss die Seele heimliche Weisen singen 
Hessen. Das waren so meine Wünsche, als ich kürzlich eine 
viertägige Tour durch das Sal)inergel)irge machtt? . . -< [X. 1 VI 69]. 
Beim Eintritt des Sonnners rettete man sich, wie üblich nach 
N e a j) e 1 und S o r r e n t : von dort w urden förderliche (in 
manclien Capiteln des 'gr. Romans' nachklingende) Ausflüge 
in <iie V(*suvstädte gemaeht (mit den neu gewonnenen Ereunden 
DiLTHKV und Matz) und küimere Vorst(isse i)is nach Sicilien 
hinab unternoniUKMi ' . Im .Juni und rJiili versiegen die Briefe 
nahezu völlig. .Es ist in diesem il(M^sen J^ande der J^azza- und 
Maccaroni eine Kraft des Eaulmachens, die einen förndich lälimt. 
In Neapel nun gar war man nach überstandener Bibliotheksas- 
kese froh, endlich in ein küldes Va\\\\\\wv sich retten . . . und 
*schalkhaft und l)eselieiden' die Augen zum üblichen Xach- 
mittagsschlafe zudrücken zu kcinnen. Endlich hat solch eine 
schweifende Kxistenz . . das Ei«(ne, dass sie, in der Wirrnis 
. . von aussen konnn(*nder Bilder, dem Menschen keine Hulie 
zu abgescldossen(»m Naciulenken lässt : man empfindet schliess- 
lich diese Uebermacht des immer neu sich Andrängenden fast 
wie eine Ueberwältigung der Persönlichkeit. Erst in der Er- 
innerung wird man der grossen Bereicherung inne ,,.<'. [X. 2\) 
Vlll 69]. Im Septend)er ging es zurück nach Florenz in die 
CasaXardiniS zur »Sklavenari)eit« auf der Laurentiana; doch 

« E. Förster- N. II Sil; Briefe R. 126 IX tf. M. 28 VI. IG Vll. 20 VIII OD. 
* Noch in Hpäten Jahren erzählte Rolule gern allerlei Schnurren von 



Perugia. Winter in Rom. Daa Concil. 35 

Spannen sich auch mancherlei neue Bekanntschaften an, z. B. 
mit LüDMiLLA AssiNG und ihrem Kreis. »Icli lehte ein walires 
TrageUiphenleben : am Vormittag höchst mechanische Biblio- 
theksbüffelei . . . , am Nachmittag ein Bummel am Arno entlang, 
oder nach Bello Sguardo hinauf, am liebsten allein, in seltsame 
Phantasmen vertieft . . Nun kam das üdele Ende, ein ganz 
sybaritisches ifahl, in Gemeinschaft einiger, in diesem Punkt 
. . Gleichstrebenden. Tm Grunde war es eine thörichte Exi- 
stenz, die mich namentlich zu einer rechten Veiliefung in 
die zahlreichen Reste jener herrlichen Florentiner Kunst 
des 14. und 15. Jahrhunderts (das 16. zieht mich nicht 
mehr an) wenig kommen liess. Auf dem Rückwege war ich 
in Perugia und A s s i s i kurze Zeit, aber lange genug um 
der Phantasie das lebendige Bild des örtlichen Hintergrundes 
jener mir so symi)athischen Kunstübung des 15. Jahrb. ein- 
zuprägen [X. 5 XI 69]. Am 23. Oktober ging Rohde mit einem 
wahren Heimathsgefühl, wieder in Rom »via della stamperia 
17 ultimo piano« vor Anker : um dann »in einem nasskalten 
italiänischen Winter eine ganz nordische Bücher- und allen- 
falls Kneipenexistenz zu führen« [R.]. Aber die ^grauen Mo- 
nate« wurden bewegter und reicher, als er zu hofi'en gewagt 
hatte. Die künstlerischen Eindrücke des Sommers bekamen 
jetzt erst rechte Triebkraft und verlangten Verbindung und 
geschichtliche Ergänzung, und auch das römische Gesellschafts- 
leben (in dem ihm wieder W. Helbig ein willkommener Führer 
w^ar) brachte Lockungen, von denen er sich »nichts hatte träumen 
lassen« ; seltsam stimmungsvolle Briefe an die Freunde erzählen 
von diesen Gesichten und Erlebnissen [X. 15 II 70. R. 25. II 79]. 
Daneben beutete Rohde alle Möglichkeiten, zu sehn und zu be- 
obachten, wie sie die Zeit des Concils darbot, stärker aus, 
als die meisten deutschen Philologen ' ; vom Geist der mittel- 
alterlichen Scholastik einen lebendigen Hauch zu spüren, war 
für ihn ein Erlebnis ^. In diesem zerstreuenden Treiben, 

seinem Florentiner hospes; so habe er einem Freunde gegenüber seine Genug- 
thuung darüber geäussert, dass der signore tedesco wiederkommen wolle mit 
dem sonderbaren Namen, dem Namen del re che a ammazzato i bumbini. 

* Nach dem Urteil und den Erinnerungen Franz Rühls. Vgl. auch 
Nietzsche, Briefe I S. 93. Rohde an die Mutter 19 XII 69. 

- Er erzählte gern von den Disputationen in der Sapienza mit ihrem 

3* 



36 Florenz. Bologna. Venedig. 

kamen aber auch die besondeni Pflichten und Neigungen zu 
ihrem Rechte ; es wurden sehr ernsthafte geschichtliche und 
kunstgeschichtliche Studien betrieben, und es gab stille Stunden, 
wo sich Rohde ganz in seine alten philosophischen Grübeleien 
versenkte oder zwischen seinen vier Wänden einen scharfen 
Waftengang mit dem eben auftauchenden E. V. HARTMANN 
machte ^ Dabei wurde dann freilich wohl einmal die Nacht 
zu Hilfe genommen, „was auffiel und was R. bald, sich der 
römischen Sitte fügend, aufgab" [Fr. Rühl]. Im üebrigen 
hielt sich Rohde möglichst die Ellenbogen frei und vermied 
es, sich der eigentlichen ragazzeria Capitolina anzuschliessen. 
Ausser W. H. Röscher gehörte zu seinem Umgang besonders 
Fr. Matz, Franz Rühl und der später bei Mars la Tour gefal- 
lene H. Papst, auch R. Scholl und R. Förster. So sehr sich 
R. schliesslich in Italien heimisch fühlte, verzichtete er doch 
auf den von Ullrich und Ribl)eck ausgehenden und von der 
Mutter gut geheissenen Plan, sich durch ein weiteres Wan- 
derjahr »zu einem philologischen Allerweltskerl, zugleich gram- 
maticus und archaeologus, auszubilden« [M. 25 I 70]; es schien 
ihm, dass (»r zum Archäologen doch nicht die rechte Begabung 
habe. So machte er sich im Februar 1870 auf den Rückweg, wenn 
Hucb in Hom die Sehnsucht nach dem alten Xest gleich auf dem 
Jiahnhof miteinstieg . In Florenz wurde »um den römischen 
Triunnen^ien zu entfliehen etwas forcirter Weise Carneval ge- 
feic^rt«, in Bologna Freundschaft geschlossen *mit einzelnen 
Bildern von Fi'ancia und den sj)ätern Bolognesen, die ich bisher 
sehr antipatliisch fand«. Schliesslich, nach einem kurzen Inter- 
mezzo von Schnee und Regen, wundervolle Früiilingstage in 
Venedig, die des Wjindrers »Sonnenhunger« stillen. »Jetzt 
endlich scheint die Sonne» mit einiger Ausdauer und gründ- 
lichem Ernst, und wcnin man so am Nachmittage in den La- 
gunen herumgondelt, leuchtet sie Einem bis in die innersten 

festen MeoUanisinus und dem tyiiischen net/o imiiornn des Opponenten. 
* »HaHt Du etwa E. v. Hartmann'H „IMülosoplnc <1<»h Unbewussten" 
gelesen? Plündert Schopenhauer, Hchinipft aber auf ihn: setzt dem Wil- 
len, thuend als gebäre Er ihn «d>en, zwei blinde Augm ein, einen u n- 
b e'w u 8 8 t e n Intellect, womit da« (ian/.e zu einer Art Maulwurf wird . . .« 
IN. 5 X 69]. Ks< ist das Vorspifd der Toh^mik Nietzseln''s in der zweiten 
'Unzeitgemässen' (Werke I S. I^OU tf.)- 



Neugewonnene Freunde. 37 

Gebeine, ohne doch zu erhitzen . . . Man kann auch nirgends 
so mit philologischer Gründlichkeit ganze oder halbe Tage 
durchfaullenzen, wie hier in Venedig, wenn die Sonne scheint« 
[R. III 70]. Zwischen den muntersten »Natur- und Kunst- 
studien« (meist in Gesellschaft des Aristophaneers v. Velsen) 
wurde auf Nietzsche's Rath eine kleine Arbeit für RitschPs Acta 
»aufgeputzt« und wirklich > so gut wie fertiggemacht« ; nur einige 
Citate sollten in Basel nachgeholt werden [N. 19 IV. 24 V 70]. 
Für Mailand mussten acht Tage genügen; aus seiner »unleid- 
lich heissen, dumpfigen und staubigen Stadtatmosphäre« rettete 
sich Rohde bald nach B eil agio, zu einer rechten Abschieds- 
feier vom ^gelobten Lande'. »Ich sitze mitten im schönen 
See von Como, im Gasthause Genazzini, mit stetem Blick auf 
die blühenden reichen Ufer und die ernsten Berge dahinter, 
und zu Füssen der grüne liebliche Wasserspiegel. Ich wollte 
meine Wallfahrt und meine Finanzen hätten noch nicht ein 
so ganz entschiedenes Ende erreicht, dann bliebe ich, in süssester 
Faulheit, hier noch vierzehn Tage liegen, . . ., endlos viele 
Stunden nichts thuend und gar nichts denkend : die schwerste 
und trefflichste aller Künste« [N. 24 V 70]. 

Es ist eine Italienreise, wie viele; aber man lässt seine 
Gedanken an der Seite dieses temperament- und geistvollen 
Begleiters doch mit einer Art von jugendlicher Spannung die 
vertraute Strasse ziehn^ Für W. H. Röscher (dem wir einige 
ergänzende Mittheilungen verdanken) ist die Gemeinschaft mit 
dem alten Genossen eine köstliche, durch keinen Missklang 
getrübte Erinnerung, l^nter den wandernden Durchschnitts- 
philologen war Rohde freilich *niehr gefürchtet, als beliebt*. 
In der That kam er sich unter ihnen vor »wie ein Fremder« 
und empfand peinlich »eine Trivialität des Tones, die Einen 
wirklich abnutzt und verrosten lässt: es ist als ob man ein 
Schwert nur brauchte zum Apfelschälen« [N. 5 XI 69]. Aber 
einige der Besten unter diesen Jüngern hat er sich damals 
doch dauernd zu Freunden gewonnen, so Franz Rühl und 
vor Allem Fr. Matz, dessen vorzeitiger Tod (im Frühjahr 75) 
ihn tief ergriff und ihn recht empfinden Hess, »wie viel er an 

* Umfänglichere Mittheiluiigen aus den italiänischen Briefen Rohdes 
wird vielleicht der Briefwechsel Niktzschk's bringen. 



38 Besuch bei Nietzsche, Wagner und Ritschi. 

diesem treusten und reinsten Herzen verlor* [K. undX. 2711 75]. 
Ende Mai traf Rohde in Basel ein, um mit dem Freunde 
endlich das Glück der nächsten Nähe zu geniessen, wonach 
er auf seiner >ini (irunde einsamen Fahrt« sich so oft und 
schmerzlich ges(*lint hatte. Beide mochten dem kritischen 
Auf^(»nl)lick des AViedersehens mit einer gewissen Bangigkeit 
entgegcMi schauen ; ah«*r er hielt, was sie sich von ihm ver- 
sprochen liatten'. XiKTZSCiiK schrieh damals an einen Bekann- 
ten: „Mein Krcuud Rolide hat in glänzender Weise die Freund- 
schaftsprohe (h*r Kutfeniung (ca. 3 Jahre) bestanden. Hiezu hilft 
seihst ein so zaiiherkräftiger Name, wie der Schopenhauers nicht: 
es kommt (hiraiif an, eins oder wenigstens einmüthig zu sein. 
Oh jcch*r dieseihe Kormel fin<let, sicli auszudrücken, ist nicht 
(his Wichtigste;". Man darf aus diesen Worten (bei Deussen, 
Krinnerungen S. TtJ) wolil schli(»ss(*n, dass sich eben über jene 
^Formel sich Jiuszudrücken' , d. li. über die Werthung und 
Veiwerthnng (h'r Anscliauungen Scliopenhauers, mancherlei 
Dissonanzen ergaben hatten, die sich aber in den alten tiefen 
Jsinkhing in (h'r ( irundstinnnung dei* l\'rsönlichkeiten« ver- 
sillmrncl jiufh'istcn. I)(»n tiefsten Kindruck hinterliessen bei 
W. die Stunch-n, in (h'nen er damals durch den Freund die 
Mi'istersin^^er kennen lernte (Tr;//. ()(>). Kr habe nie, so oft er 
die Meistersin;;er nachher auf der niihne gesehen hal)e, von 
dem eigentli<"lien Wesen jene?% wundeibaren Werkes eine so 
tiefe und, i'igentlich gesagt, be^^liickendi» Kmptindung bekom- 
men, N\ie damals durch Nietzs<-lie's X'ortrag [( ). 27 IV 751. 
Kin gemeinsamer Üesueli bei \{. W.\(JM-:h in Tribsclu'ii war der 
krrmende Absehluss der ;njin/en Reise. Uohde hat von diesem 
Tage an au<'h dem grossen Mens< hen in ganz peixinlicher 
lliniL^abe an;;elian^c*n. 

X'on liasel ging es iiber l''reiburg (wn Ixohde HUAMHAl'H 
und WiLMANNS aufsuchte) in ilei- ausgesprochenen Absicht, 
(bis N'erhiiltnis /u KlTscni. in's Keine /u bringen, nach Leii)zig. 
>I)ort feierte ich denn, bedai'htsam VNaiulebul, stille Krinne- 
rungsfest(» ilbtuall . . . Keciil ergangen habe ieh mich mit 
Freund Womundt i^ines Abends iiu Ixosenllial lu^i Kintsehv. 
wo wir, festgeregni't bis in die Naehl, alleilei Sehopt^uhaueriana 
* (.lenaut'ii'H in einem Uvi«»!' nu «hr Miilln '.» VI tO, 



Ertrag der Reise. Italiänisches Volksleben. 39 

beredeten ... In L. habe ich denn auch jenen grossen Haupt- 
besuch beim Altmeister in's Werk gesetzt ... Er war ausser- 
ordentlich liebenswürdig und, zum ersten Mal gegen mich, 
wirklich herzlich« [N. 29 VI 70]. Mitte Juni, als eben die 
ersten Wölkchen des heranziehenden Kriegswetters am Hori- 
zont emporstiegen, traf Rohde wieder in der Heimath ein. 

♦ 
Zieht man mit Rohdes Briefen das Facit dieser Wan- 
derungen, so gewinnt man den Eindruck, dass hier vor Allem 
ein ganzer Mensch von dem »Lande der Wunder« redet. 
Als den wichtigsten Zuwachs empfand Rohde selbst (nach 
einem Briefe an Ribbeck) »die Aufnahme dieses neuen fremden 
Lebens und der Bilder dieser unvergleichlichen Landschaft«. 
In der That hat er sich mit der Abenteuerlust und dem 
offnen Blick des geborenen Beobachters, der vihil himani a 
sc nlienum putut^ in diesem fremden Leben zu bewegen ver- 
standen ; bald fesselte ihn ein schwermüthiges Volkslied, das 
zu ihm herüberklang, bald die markante Gebärdensprache 
eines Süditaliäners und der groteske dionysische Humor des 
Carnevals oder eines Volkstheaters. Dabei kam es ihm sehr 
zu statten, dass er sich (nach dem Zeugniss seines Reisege- 
sellen W. H. Röscher) „mit bewundrungswürdiger Schnellig- 
keit das italiänische Idiom aneignete, bis hinein in dialektische 
Feinheiten" ^ für die er überhaupt ein offenes Ohr hatte (das 
können die bezeugen, die ihn in guten Stunden schwäbeln 
oder sächseln hörten). AVie ihm nichts Menschliches fernlag, 
zeigt eine Scene die Röscher berichtet: „Wir befanden uns 
auf dem sogen. Felsen des Tiberius und ein paar hübsche 
Mädchen forderten Rohde und mich auf, mit ihnen die Ta- 
rantella zu tanzen. Ich lehnte ab, aber R. tanzte mit und 
machte mit seinen scharfgeschnittenen Zügen den Eindruck 
eines geborenen heissblütigen Italiäners. Es war ein Bild zum 
malen . . Nicht unmöglich, dass dieser Tanz von Bedeutung 
für Rohde's Auffassung des Orgiasmus geworden ist"^. Nicht 

^ So versteht aich's, dass er später in kritischer Zeit den Gedanken 
fassen konnte, irgendwo in Italien eine Stelle anzunehmen ; »die Sprache 
würde ich sehr bald vollkommen sprechen können« [N.]. 

^ Auch Kohde erwähnt die Episode in einem Brief an die Mutter 



40 Plastik. Altitaliäniöche Kunst. 

sowohl bei der Auffassung, als bei der Schilderung jener räth- 
selhaften Phaenomene des antiken Volkseniptindens mag die 
Erinnerung an den »Tanz mit den Mänaden« am Tiberius- 
felsen und ähnliche Erlebnisse leise mitgesprochen haben. 

Je leichter Rohde sich in diesem Italien von heute zurecht- 
fand, desto peinlicher war es ihm Monate lang, dass er die 
Sprache »der lel)endigen Zeugen einer grösseren Vergangen- 
heit < nicht besser verstand. >Ich emptinde es mit euier Art 
Beschämung täglich mehr, dass eigentlichen Gewinn nur ein 
Kunstverständiger aus einem italiänischen Aufcnthalt ziehen 
kann« [K.]. »Anfangs macht diese AVeit ewiger Kunstwerke 
auf den Fremdling fast einen feindlichen Eindruck; aber all- 
mählich, wenn man mit den göttlichen Gestalten nähere Freund- 
schaft geschlossen hat, ist es ein er([uicklicher Gedanke, so 
oft man will die Dürre der Tagesexistenz im Anschauen wenig- 
stens auf kurze Zeit unterljrechen zu können. Nur kommt 
man sich fast wie ein Unrechtthuender vor, wenn dann doch 
auch hier jene Tagesexistenz einen so lireiten Kaum einnimmt« 
[N. 27 V 69]. So fühlt er denn sehr bald, dass er allmäh- 
lich einiges Verständnis für Plastik gewinnt; man könne selt- 
samer Weise (so meint er) das Verständnis i)lastisclier Kunst- 
werke bei sonst nicht todtt^m Sinne durch viele Hebung e r- 
lernen, was bei der Musik nicht möglich sei. »Wenn ich in 
dieser Uebung es zu einem mich befriedigenden Grade bringe, 
so habe ich, für meine eigene Emptindung, einen unvergäng- 
lichen Gewinn aus Italien mitgebracht« [.M. 20 VllI N. 29 VJJl (>9]. 
Zur italiänischen Malerei selieint Jiolide den Zugang schneller 
gefunden zu haben, als zur antiken Plastik. Wenigstens bildete 
sich ihm sehr bald ein ganz lebendiges und persönliches Ver- 
hältniss zu gewissen Hauptmeisteru und Schulen heraus, mit 
einer ausgesprochenen Neigung zur Frührenaissance ; er ge- 
winnt, wie er Ribbeck schreibt, >^das beglückende Bewusst- 
sein, allmählich ein, wenn auch nicht li i s t o r i s c h e s Ver- 
ständnis — womit die Sache erst fruchtbar wird — , doch 
mindestens ein ästhetisches aufdämmern zu fühlen. . .« 
Im ersten Halbjahr sind es vielfach noch die Gläser der 

16 VII 69. üeberhaupt bringen die Faniilienbriefe iHe unbefangensten 
Beobachtungen über Land und Leute; einige Auszüge ev. im Anhang. 



Wendung von der ästhetischen zur geschichtlichen Auffassung. 41 

Schopenhauerschen Aesthetik, durch die Rohde diese neue 
Welt betrachtet; so meint er bei seinem ersten Florentiner 
Aufenthalt, den Bildern des Fra Angelico gef|:enüher habe man 
»mehr noch, als sonst wohl, die Empfindung von der Richtigkeit 
und Tiefe des Schopenhauerschen Theorems vom Schäften des 
Genies, in der seligen Ruhe des Schauens, in jenen Momenten 
wo einmal die Hast und Unruhe des Willens schweigt« [X. 
27 V 69] ^ Gerade diesen potenzierten Piatonismus in der 
Schopenhauerschen Kunstlehre hat er sehr bald als anfechtbar 
erkannt. Vor Allem aber drängte sich ihm mehr und mehr 
die Ueberzeugung auf, dass »für seine Natur wenigstens der 
Weg zu einem innigen und klaren Verhältnis mit der Kirnst 
nur der historische« sein könne« [X. 5 XI 69]. So schob 
er denn bei seinem zweiten römischen Aufenthalte alles Andre 
bei Seite, um sich mit seinen »allgemach steif werdenden 
Geistesgebeinen ganz in die Fluthen der Kunst zu stürzen«. 
Erst jetzt wird ihm, neben Andern, J. BURCKHARDT ein Führer. 
»Historisch präpariert sieht man nachher tausendmal mehr, 
behält besser und zieht auch aus Geringem . . . einen Nutzen.« 
Die Wendung ist auch für Rohde als Philologen bedeutsam; 
den Uebergang zur geschichtlichen Auffassung hat er auf 
diesem ihm fremden Gebiet früher und entschiedener vollzogen. 
Das alles trieb er mit : rein dilettantischen Absichten«. Aber 
auch hier blieb, was er einmal an sich herangezogen hatte, 
sein unverlierbarer, ihn stets umgebender Besitz. Das zeigen 
seine späteren Briefe. So schreibt er Nietzsche von Kiel aus 
[11 II 71] in seine Villeggiatur nach Lugano, er erinnere sich 
vor allem, wie er in Lugano eine Andacht vor jenen köstlichen 
Fresken des Luini gefeiert habe; »namentlich eine Weibergestalt 
schwebt mir vor ... in gelbem Kleid, schlank und fein, im Gesicht 
jenes wunderbare, träumerisch verlorene Lächeln des Mundes, 
zu Boden gesenkten Blickes: jener eigenthümliche lionardische 
Weibertypus; ich dachte immer: sie ist der umgebenden Dis- 
harmonie ganz entrückt, und lauscht in stiller Wonne über- 
irdischem Wohlklang, der sie umschwebt — Du siehst wie ich 



* Kurz vorher heisat es : »Vater Schopenhauer bleibt auch hier Haus- 
götze und Hauapostille : im Grunde freilich ein Zeichen, dass ich kein 
rechter homo plasticus bin.* Vgl. auch Cog. 14 ff. und M. 1 IV 70. 



42 Bibliotheksstudien. . 

in's Faseln komme, wenn ich von ituliänischer Malkunst rede: 
aher so ins Kimmerierland versoblagen, kann ich der sonnigen 
Länder oltra i monti . . . gar nicht ohne sehnsüchtige Regung 
mich eiinnern : lese ich nur ein [)aar italiänische Verse, so 
übei'fällt es mich wie ein übermächtiges Verlangen. . .« 

Trotz all dieser lockenden Stimmen, die drüben an sein 
empfängliches Ohr klangen, hat Kohde mit zäber Energie seine 
liibliotheksstudien g(»trieben und jenen elementaren Theil des 
j)hiloh)gischen Handwerks beherrschen lernen, den irgendwie 
als Selbstzweck anzuerkennen ihm doch gänzlich fern lag. 

Sein Augenmerk richtete er dabei überwiegend auf die 
spätgriecbische Litteratur, in der auch sein erstes Meisterwerk 
wurzelt: auf Lucian, die Para(lox()gra])hen, die Fabelsaram- 
lungen, die antiken Aerzte, aber auch auf Schoben, Lexika 
und ähnliche Schutthaufen ; hier konnte ein hndiges Auge 
noch am ersten verlorene kleine Kostbarkeiten zu entdecken 
horten. In den Briefen an Ribbeck und Nietzsche berichtet 
er gelegentlich von <liesen Dingen, oft mit einer sehr begreif- 
lichen Selbstii'onie ; so unmittelbar neben Gedanken über die 
hiiclisten künstleriscben oder i)hilosoj)bischen Probleme gerückt 
nimmt sich dieser > Krimskrnm« ja wunderlich genug aus ^ 
Audi für Fremde, vor Allem für die oben genannten Freunde 
und Tjehi'ej", hat Jioluh» Handschriften identiticiert und ver- 
gli<'lien; er war sich bewusst M^in ganz guter (vollationator 
zu sein<^ [X. 1 \'I i)^)]. 

Der ( iesammt<'rtrag wai* schliesslich reicher, als seine sehr 
ske|)tisclien briefliclnMi Hem(»rkungen ahnen lassen. Die sichere 
Methode, <las aiisgebreitet(*, auf d(?n verschiedensten Ge])ieten 
sich bewäbren<le Wissen, womit der Küiifundzwanzigjährige 
seine Funde, z. T\\. scbon in Jtalien, nicht nur lesbar, sondern 
nutzbar zu machen versteht, haben (*twas gradezu Verbliitfendes. 

Ln Rbeiniscben Museum seines Lehrers Ritschi führte er 
sich ein mit einem kleinen Aufsatz über ninedirte Lucian- 

* In eiiu'iii Brief an Uil>b(»ck hoisst e« einmal: -Völlijre anecdota 
prtegen nnr solche Schätze zu sein, wie ein kiirzhch von inii ^^elesenes 
Ktyniologicuni, von dessen Treillichkeit f'()lt^en<le er«j:r>tzlich(; Probe einen 
Bef^ritf j^eben mag: xaTir^Xslov öia to xai)y,}iivo'j; Tiivs-.v Xiav« u. s, w. 
(.)b dieser »Schatz« nicht doch inzwischen gelioben ist? 



Paradoxographen. Aelius Promotus. 43 

scholien' (XXV 1870 S. 552 = Kl. Sehr. II 355); der Titel 
ist fast irreführend, da es Kohde vor Allem darauf abgeselien 
hat, niit Hilfe der von ihm entdeckten Scholien das unheim- 
liche Dunkel attischer Reli^ionsbräuche zu lichtend Schon 
hier erkennt man die Hand, die die Psyche geschaffen hat. 

Aus einem Vaticanus wurde ein anonymes Mirabilien- 
excerpt ans Licht gezogen, das R. >combinationswei8e< schon 
in Venedig dem Isigonus zuschrieb : der von O. Keller und An- 
dern so getaufte jmradoxodnifihns Jiolidii '^, Neben allerei 
»fabellae anilesc enthält das Schriftchen »eine nicht ganz in- 
teresselose Zusammenstellung von Stücken des Xicolaus Da- 
mascenus, Pseudosotion etc. : woraus vielleicht für die Quellen 
des Erstereu etwas folgt«. Die werthvollsten Notizen haben 
ethnologischen Charakter und gaben Rohde's Studien nach 
dieser Richtung einen neuen Anstoss. In einem der vorbe- 
reitenden Abschnitte des Buchs über den griechischen Roman 
und in dem Aufsatz zu Phlegon (Kl. Sehr. II. 173 mit der 
feinen Analyse der *Braut von Korinth') hat sich Rohde noch- 
mals mit dieser wunderlichen Litteraturgattung beschäftigt. 

Verwandten Charakters ist der gleichfalls in dieser Zeit 
entworfene Aufsatz über Aelius Promotus (Rhein. Mus. XXVIII 
1873 S. 266 = Kl. Sehr. I 381). Mit entsagendem Muthe war 
Rohde als einer der ersten in unserm Jahrhundert in den ver- 
schütteten Schacht der spätantiken medicinischen Sammelwerke 
hinabgestiegen und hatte einest heils willkommene Aufschlüsse 

* In dem Brief an Nietzsche 29 VI 70 wird der Aufsatz betitelt 'über 
Thesmophorien und Haloen'; Scholl hat ihn mit Recht unter die reli- 
gionsgeschichtlichen Beitriljre gerückt. Ich vermuthe, dass die Fassung 
des Titels von der Redaktion herrührt. Uebrigens schlägt Rohde die 
Bedeutung der alten Festsitte an einigen Punkten wohl zu gering an; 
die Legende ist meist von ihr abgeleitet, nicht für sie bestimmend. Von 
spätem Versuchen, die Fra^e zu fördern, war er wenig erbaut. So schrieb 
er in seiner zwanglosen Weise mit Bezug auf einen Mitarbeiter des Phi- 
lologus : »Ich finde keine Veranlassung, auf das, was er in seiner . . . 
überladenen Ausführung gegen mich sagt, zu repliciren. Es bezieht sich 
zudem Alles auf Nebenpunkte, in der Hauptsache stimmt er . . . mit 
mir tiberein. Seine Kalktheorie ist für i h n vielleicht wichtig (da sich 
ihm der griechische Cultus auf eine solche heilige Oekonomiethätigkeit 
reducirt), mir aber völlig egal.« [Cr. 6 VIII 91]. 

'' Acta soc. phil. Lips. I 24, 1871, datiert aus Venedig, Mai 1870; 
näheres in den Briefen an Nietzsche 19 IV; 3 V 70. S. oben S. 37. Nach- 
träge Rohdes besonders in der praefatio zu Keller's Rer. nat. script. min 



44 Griechische Fabeln und Novellen. 

über den Volksaberglauben der Alten, andern theils Beiträge 
zur Litteraturgeschichte und Doxographie der antiken Medicin 
an den Tag gefördert. In der findigen Verwerthung dieser ab- 
gelegenen, erst neuerdings energischer in Abbau genommenen 
Ueberlieferungsmassen verräth sich wohl der Sohn des Arztes. 

Eine von Rohde im Rhein. Mus. XXXI 628 (= Kl. Sehr. -11 
193) als Anecdoton veröffentlichte griechische Novelle war frei- 
lich schon von A. El)erhard herausgegeben, in einer, weitem 
Kreisen sogut wie unbekannt gebliebenen Gelegenheitsschrift. 
Al)er wissenschaftlich fruclitbar machten die künstlerisch werth- 
lose Erzählung doch erst Rohde's Erläuterungen, die dem 
scurrilcn Motiv in den Litteraturen des Orients und Occidents 
nachgehen. Neben einigen Bemerkungen in dem Schriftchen 
über Ijuciairs Lukios ist das Rohde's erster Beitrag zur ver- 
gleichenden M ä r c h e n- u n d N o v e 1 1 e n f o r s c h u n g. 

(icmeinsam ist diesen ersten Arbeiten eine entschiedene 
Richtung auf jene Masse von Ueberlieferungen, die man folklore 
zu nennen pth'gt. Neben H. L'sENKR gehört Rohde zu den 
ersten ziinftigiMi Vertret(»rn der klassischen Philologie', die 
<iiese sozusagen untiu* der Erde liegende Fundamente der an- 
tiken Kultur mit modenu'n Mitteln und in lebendig theilneh- 
luendem Verstiln<hns untei'sucht hai)en. 

.lahn' sind vi'rgang(»n, ehe (h»r Krtrag dieses iter Italicum 
annähernd ausgeuiiinzt war. Manches weniger Erhebliche, wie 
(»in grosser l^heil (h^r Kxeerpte aus (h»n alten Aerzten, Lexiko- 
graphen und ( iraniuiatikern, blieb für iunuer im Pulte. 

So ist Rohde (lurehaus nicht als ingenium luxurians durch 
Italien gepilgert. Kv Nvussle, wnn den rechten Cielehrten, wie 
(h'U wahrhal't(»n Klinsller, nou dem giMstvollsti^n Dilettanten 
unterscheidet : die sichre Ueherrsehung der handwerksmäs- 
sigen Teehnik und <lie lieharrliehkeit in ihrer Ausübung. Vor 
der («el'ahr. Ilher Nolelu^r AiImmI selbst ein Handwerker, ein 
jiavauao;* zu werden, brauchte Mr sich nicht /u iVirchtcn. 

* Aus ilor vorluMK«'luMnli«ii (ii'inMiiliiiii inl o Mei, i. ru uml Wkh^kkr 
zu noniuMi. liii;ii|{r.rM r mul MsNNMMim mlmili'u uu lit .\ir Zunft. 



45 



IV. 

Habilitation in Kiel. Stndien über Pythagoras nnd 
dengriecMschenEoman. Die Streitschrift fttr Nietzsche. 

(1870—1873.) 



Schon von Italien aus hatte Rohde darum nachgesucht, 
als Privatdocent zugelassen zu werden, ehe die vorgeschriebene 
Frist (nach der Promotion) abgelaufen sei [M. 21 II 70]; mit 
Hinweis auf diesen Plan hatte er das Anerbieten, ein weiteres 
Jahr in Italien zu bleiben, ausgeschlagen. Allerlei Bedenken, 
die ihm in einsamen Stunden kamen, wogen nicht allzuschwer. 
»Das übelste ist« meint er in einem Brief an Nietzsche [N. 
24 m 70], »dass meine lateinischen Studien, die mir doch 
immer noch am paratesten liegen« — ein Zeugnis für die dis- 
ciplina Ritscheliana — »in Kiel nicht zur Verw^endung kommen 
können, und meine griechischen, die mir allerdings innerlich 
lieber sind, auf Gebieten sich bewegen, die keine Vorlesungs- 
themen bieten. . . Ich habe Dich immer um die Ganzheit 
deiner Studien beneidet, wozu mir die Ruhe fehlt, während 
ich sonst . . . nicht einsehe, warum ich mein Haupt nicht so 
gut erheben soll, wie die Melirzahl meiner theuern Fachge- 
nossen.« Die Angelegenheit wurde noch im Sommersemester 
1870 erledigt. Doch versagen die uns vorliegenden Briefe und 
Schriftstücke in diesen Monaten vollständig. 

Rohde's Lehrthätigkeit setzt mitten im grossen Kriege 
ein. Zwar hatte er in den ersten kritischen Wochen ernst- 
lich erwogen, ob er als Freiwilliger in die Armee treten solle. 
Aber als alter Hamburger war er ohne alle militärische Aus- 
bildung geblieben ; er glaubte vorauszusehn , dass der Krieg 
entschieden sein werde, ehe er vor den Feind geschickt wer- 
den könne, und gab den Gedanken nach den schnellen Er- 



46 Lehrthütigkeit in Kiel. Politik und Patriotismus. 

folgen unsres Heeres eiulgiltig allf^ So zur ünthätigkeit ge- 
zwungen, suchte er sieh — wie ein Grösserer, der zu seinen 
Lehensf uhrern gehörte — „aus der (legenwart zu retten, weil 
es unmöglich ist, in der Nähe solcher Ereigniss nur leidend 
zu leben'' ^. 

Jn seltsam zwiespältiger Stimmung ^verurteilte« er sich 
dazu, als erstes Hauj)tcolleg (Winter 1870) eine Geschichte 
der grammatisch-philologischen Studien zu lesen, mit pädago- 
gischen Absichten, vor Allem sich selbst gegenüber; daneben gab 
er eine Erklärung von Piatos Symposion, die er, in Tübingen 
und Heidelberg, noch oft wiederholt hat: fünf Zuhörer bildeten 
^seiu ganz(^s (.'ontingent, bescheiden und dürftig wie die ganze 
höchst j)rivate Existenz ^. War so das Hauptcolleg des ersten 
Semesters eine Art Proi)ädeutik für den Vortragenden selbst, 
so ring er im zweiten mit dem Anfang an: er las über Homer, 
»zu wahrer Enjuickung; die Ijachmannerei [wie sie Georg 
(^irtius v(^rtrat] erscheint mir täglich mehr als eine nur bei 
Schuhueisteni mögliche ganz abscheuliche Barbarei. Hier ist 
gar nichts phih)h)gisrh zu erreichen, nur auf ästhetischem 
W<»gt' . . .« |X. 2H V 71]. Erst in Leij)zig und Heidelberg 
kamen dicsr (iedanken zur Keife, während NIETZSCHE dem 
Momerprobicm schon in seiner Hasler Antrittsrede von ähn- 
licb<Mn Stan(l|)nnkt aus bc'izukommcn versuchte hatte. 

Den grossen I'^rcignissen, die hen'ingel)rochen waren, stand 
Hohde (wie dir wenigen erhaltenen Briefe um die Wende des 
flalires IH7() zn 71 zeigen) mit einer gewissen Beklemmung 
und Dnmpflieit gegenüber: erst viel später ist er zu einem 
überzengtcn Anhänger drv Politik und Persönlichkeit Bis- 
marck's jUM'Woich'n, im (Janzen doeli ^^obl einer ^ der nationalen 
Allerweltskerle-, auf die er während der kritischen Zeit [z.B. 
N. .*i I (;j)| so sehliM'ht /.ii spr<«elH'n ist. Stün patriotisches 
Empfinden wai* und blieb deswegen nicht minder tief und leb- 
haft. Aber vor dem (JedanktMi, dass nun Preussen, dass Berlin, 

' Vor Alh'iii nmli Mitllirilini^'i'n vmi rijwz lÜMii., iUt mit Kohde 
in Hamburg «h'ii \\. S«'|»lrinlnM |S',M liMril««. 

- HcrtinicltTK (Jnrllir'ii W'illirim Mi-imIim lullt«« «T tlauiiils >\ iinler ge- 
lert«^!. ^WiT int «Irim m«» Im'j.jiiI»1, ihi . i «t virl^rilivr ^iMiit'>M'n köniito?" 
notiert«^ fr kur/. vor tlmi AumIuiicIi ilr i Ki ir^i •) \\\ ^«Mnr To^itata (Wan- 
(lerjahi'c I 7). 



Nietzsche und Wagner. 47 

das »grosse Babel«, als der Sitz der siegreichen Macht, be- 
stimmend werden könne für das geistige Leben, schreckte 
er zurück ^ »Dass ich nicht froh bin in dieser dunkeln Zeit 
wirst Du Dir denken können. Blut und immer Blut, und Notli 
und Palend täglich gehäuft, wann wird das endlich aufhören? 
Cnd dann nachher? . . . Auch die Aussicht in die Friedenszeit 
erscheint mir dunkel. Wenigstens unklar. Ein neues Mittel- 
alter nun gerade befürchte ich nicht . . . Aber ^Jetztzeit' in 
entsetzlichster Steigerung . . ., ein völliges Abdorren aller tief- 
sten Kräfte, aller künstlerischen, schaifeuden Fähig- 
keit. Wer wird noch so abgeschlossen in reinen Gebieten 
leben dürfen, wie unsre grossen Befreier, Goethe und seine 
Genossen, es vennochten .... Dass man ein stolzes Gefühl 
beim Glanz unseres Volkes empfindet, ist recht und gut : aber 
wie man so ganz nur Metztzeit' sein kann, um bei der Aus- 
sicht in die Zukunft nicht wenigstens zagend zu verstummen 
. . ., das verstehe ich nicht« [N. 11 XII 70]. Rohde hatte 
oflFenbar so eine Art second sight von einem Zeitalter der Ba- 
nausokratie, das damals noch fern genug war. 

Den in preussischen Traditionen aufgewachsenen impulsiven 
Freund hatte es inzwischen aus seinem Schweizer Asyl mitten 
in's Unwetter hineingetrieben ^, Er kehrte mit den Nachwehen 
einer schweren Krankheit behaftet im Herbst 1870 als Inva- 
lide nach Basel zurück. Weihnachten verlebte er in Tribschen 
bei R. Wagner, im Verkehr mit dem Meister und seiner 
Gattin. »Im Reich des einzigen Genius, den die Welt 
jetzt trägt« , fand Nietzsche damals für gewisse philolo- 
gische Häresien, die bei beiden Freunden gleichzeitig auf- 



* Am schärfsten spricht sich diese Stimmung aus in einem etwas 
später (bei Burckhardt's Berufung nach Berlin) geschriebenen Briefe N. 
27 IX 72. Aehnlich 14 X 72, wo er» nach einer Schilderung des (in den 
Freiheitskriegen gefallenen) Alexander v. d. Marwitz (nach Varnhagen, 
Galerie von Bildnissen II 11 iF.) die Meinung äussert, dass unsre Zeit 
gräulich hinter jener zurückgeschritten sei. 

* Einer der Vielen, die neuerdings über Nietzsche geschrieben ha- 
ben, findet diesen Schritt für einen Menschen, wie ihn, unbegreiflich. Als 
ob der harte, alle natürlichen Instincte niederzwingende Solipsismus des mit 
stetem Leiden ringenden Einsiedlers seine ursprüngliche Normalstimmung 
gewesen wäre. Ein Zug zum Heroischen ist gerade beim jungen N. 
unverkennbar. 



48 Richard Wagner. 

tauchen^, jenen auf unmittelbare AVirkung *unter den Besten' 
bere(!linet6n, durch ganz persönliche Erfahrungen und Stim- 
mungen beseelten Barockstil, der das äusserste Befremden der 
»Philologenkaste« erregen sollte; er begann, im Sinne seiner 
zweiten Unzeitgemässen, Litteratur- und Musikgeschichte *mo- 
numental' darzustellen. 

Rohde, längst ein überzeugter Wagnerverehrer, sah sich 
durch die lebensprühenden Briefe des Freundes in diese neue 
Ätm()sj)häre wie mit magischer Gewalt hinübergetragen^. Auch 
die eben erscheinenden ersten Bände der Gesammelten Schriften 
des Meisters thaten ihre Wirkung. Als der Ergänzer und 
Volhuider des grossen Werkes unsrer Feldherrn und Staats- 
männer, als der R e 1 1 e r der deutschen Cultur in den Ge- 
fahren, vor denen wir Rohde bangen sahen — erschien ihm 
nun der künstleriscli-philosophische Genius Richard Wagners. 
»Audi die Baireutlier Pläne scheinen ja ihrer Reife nahe zu 
s(»in . . . Das wäre nun freilich ein seltsam erfreuliches Schau- 
sjiiel, wenn sich mitten in unsrer . . . Zeitwüste eine Oase fände, 
wo man sich in frei(Mn Stolze seines Adels freute. Ach, wann 
wird denn dit's deutsche Volk es neu begreifen — denn es 
bat 's (locb nur vergessen -- dass es im eigentlichsten Sinne 
der A d e 1 der Viilker zu sein bestimmt ist. So viel Treue 
und liiebe und Wärme nocb in dieser Nation, aber wo ist 
jenei* sieb aufselnvingende Zug, d(»r zu Schillers Zeit . . . die 
Hi'sten *bneli über die liefen Tbale' enij>or riss ! Geht nicht 
st'it .Ijdirzebnten eine Abnung kommender Barbarei durch so 
nninebe «'delsten (Jeister, undwer^^(Mss d(Min, ob der äussere 
Kern hr\ uns einem jdötzliehen liosbrucb viel fester wider- 
stcben würtb*, mIs bei unsern aiinen Naebbarn. wo jetzt die 
entfesselte iliille . . . jiMes Kdle ausrottet . . . Eines hotfent- 
licb wird sieb gut erproben, dir KonigstrtMie. Man rüttele 
«loch um Alb's an diesem letzten hle;d so vieler einfältiger 
Herzen ni<'bt ; \r\\ glauln«, tiass den unseligi'u Franzosen eben 
das den b'tzlen St»>ss giebt, dass sie niebt Treue halten kön- 



» Vjjl. z. H. 1{. nu N. ••••» IV VI. 

^ Nit't/.srhe hUinll«» ilnii r-t-lilw^ lu-li 'mmhi» ►'rrirl».srlu'niM- PriotV und 
Papiere«; Kohde dankl MfiTUlni ; er nluiul .«i«!» au «l. r n» iluvm Inuorsten 
bewegton iuaehtvt)lltMi Natur lunueulluli WaKiu'r'n: »wu» lUutenvU\s Erz, 
stark und inni^ • • •" |N. <i H V'.!|. 



Pläne eines Zusammenlebens mit Nietzsche. 49 

neu. Wahrlich, sie ist kein leerer Wahn, und so ist es alles 
das nicht, was man aus innerem Herzen sdrang, aufrichtig glau- 
bend, festhält — c [N. 28 V 71]. 

Bei Nietzsche verdichteten sich die Erlebnisse und Stim- 
mungen dieser im Bannkreis Wagner's verlebten Monate zu 
dem phantastischen Plan, sich mit seinen Freunden, vor Allem 
mit Rohde, in einer Art von »Musenkloster« zu dauernder 
Gemeinschaft zusammen zu schliessen: der Vorbote jenes 
noch phantastischeren Traumes von einer die Erziehung des 
neuen Geschlechtes leitenden Brüderschaft, der sich (in dem 
Bericht bei E. Förster-N. II S. 117 ff.) liest, wie ein Stück Pia- 
ton oder Wilhelm Meister. Rohde liess dergleichen von vorn- 
herein nur als »Wunsch« gelten; an eine Erfüllung, eine Ver- 
körperung im Leben, auch nur einen Augenblick zu glauben, 
w^ar er schon damals zu skeptisch. »Unser Zwiespalt mit der 
* Jetztzeit' ist gewiss keine Grille . . ., sondern, wie du ganz 
richtig sagst, eine No th: aber es giebt wohl Nöthe, die keine 
Heilung kennen« (X. 29 XII 70). Nach der »weltfernen 
Insel« in Triebschen blickte er freilich mit stiller Sehnsucht 
hinüber; gerade damals begann er, sich in Wagners Prosa- 
schriften zu vertiefen und, wie bei Schopenhauer, im Künstler 
den Menschen zu suchen. 

Ganz anders schlug ein andrer Gedanke Nietzsches bei 
R. ein. Kurz vor seiner Reise nach dem Süden, im Februar 
1870, wies Nietzsche auf die Möglichkeit hin, den Freund, um 
dauernd mit ihm leben zu können, an seine bisherige Stelle 
als Philologen nach Basel zu bringen und selbst auf das Ge- 
biet der Philosophie hinüberzulavieren. Rohde wagte kaum 
»seine Hoffnungen auf ein so unerwartetes Glück, das grösste 
das er sich wünschen könne, die Köpfe erlieben zu lassen«, 
fühlte sich aber doch monatelang wie unter einem lähmenden 
Banne. »Das Geheimnis, unzufrieden zu sein besteht offen- 
bar haui)tsächlich darin, dass man nie das Vorliandene als ein 
definitives betrachtet . . . Also iterum iterumque : schreibe mir 
alsbald, dass die Sache gescheitert ist« [N. 22 III 71]. Der- 
selbe Brief brachte die Nachricht von dem Zerflattern dieser 
Pläne und von Nietzsche^s Erkrankung. So sehr sich Rohde 
bemüht, dem Freunde gelassenen Zuspruch und Rath aus den 

Cruaius, E. Kohde. 4 



50 Wiedersehn in Leipzig. 

eignen Leidenserfahrungen zu spenden ' : das Ende ist doch 
eine wahre Elegie um die gescheiterten Hoffnungen. »An ein 
Zusammenleben dürfen wir nun zunächst nicht denken ; 
und das wäre doch mein höchster Wunsch, denn überall an- 
derswo komme ich mir seltsam fremd und gleichgültig vor. 
Lass uns wenigstens auf gelegentliche Zusammenkünfte auf 
Ferienreisen und dergleichen hoffen; wir könnten z. B. das 
Rheinland als ^neutrale Zone' constituieren . . .< [N. 22 IV 
71]. In der gleichen Weise zerrann der wiederum von Nietz- 
sche angesponnene Plan, Rohde nach Zürich zu lancieren 
und dadurch 'freundnachbarliclie' Beziehungen herzustellen. 
Aber der Feuereifer, mit dem Nietzsche jeder Möglichkeit 
den Freund in seine Nähe zu ziehn, immer wieder nachjagt, 
liat etwas Ergreifendes. 

Nun sollte in ein kurzes Zusaunnentreften in Leipzig Alles 
zusammengedrängt werden, was die Freunde einander sein und 
sagen konnten. Das sollen uns selige Tage werden; und ge- 
rade in dem alten, so lieb gewordenen Nest, wo jeder Fuss- 
tritt uns an jene frohen und bewegten Stunden jenes liebsten 
Lebensjahres gemahnt ! . . . Von mir ist sonst nichts zu mel- 
den, als dass ich . . . am Vorgenuss unserin* Leipziger Con- 
ciliabula knupi)ere, viel U))er Land lauf, in Hecken sitze und 
griechisclie Scharteken lese und, in diesem tnistlich sanften 
Herbstwetter, fast etwas wie das Kribl)eln eines embrvonischen 
MusikÜügels (alla Piaton) fühle ... So blau sah ich im Nor- 
den die Schatten nie, ni<' das Meer so homerisch dunkel und 
veilchenfarbig. — Also ade, lie])ster Seelengenosse und auf 
ein freudiges . . Zusammentreffen im alten Leipzig . Man 
glaubt in der That zu spüren, wie der Gedanke an das 
Wiedersehn mit dem Freund(3 Rohde's Stimmung förmlich 
beschwingte Am 9. ()ktol)er traf R. mit ]\*iuken und Trom- 



* »Lass einstweilen alle Musik beiSrite: sie ist <ler Tod der Nerven, 
wenn sie einmal überspannt sind, wie sie ihre höchste Erfrisehuncr iu 
normalen Zuständen ist. Auch die schöne Einsanikeit .... ist hei Ner- 
venleiden eine Pein und wie ein Krankheit.szustand ; man kann, im Ge- 
gentheil, jede in gleichgültiger Gesellschaft vergessene Stunde für ein 
Heilmittel ansehen . . .« N. hat bekanntlich den Ruth d«'s Freundes 
nicht befolgt, und wohl auch nicht befolgen können. 

* Briefe von gleichem Charakter kurz vorher von Wyk auf Föhr; 



Extraordinariat in Kiel. 51 

peten in dem alten Lyptzk ein«. Er und ein dritter Freund, 
V. Gersdorff, traten damals bei dem Buchhändler Fritzsch 
als sponsores auf, um ihn zur Uebernahme von Nietzsche's 
Erstlingswerk (der ^Geburt der Tragödie') zu bestimmen. Von 
solchen »offiziellen Schritten« abgesehn überzeugten sich die 
Genossen, dass sie noch im Vollbesitz ihres Jugendmuthes und 
Uebermuthes waren ^ Man zog dann zusammen nach Naum- 
burg. Hier wurde am 15. Oktober 1871 die Geburt und 
»AViedergeburt des genesenen Freundes gefeiert. Da er- 
tönten dann Musik, Philologie, Philosophie im »alten Drei- 
klang ^ ; vor Allem blieb es Rohde unvergesslich, wie er da- 
mals seinen Freund AV agner vortragen hörte »und auf das 
allertiefste erregt, von diesen Klängen umspielt, wie in einer 
goldnen Wolke wandelte, den andern Achäern unsichtbar.« 
Ein charakteristischer Niederschlag dieser Tage sind die (von 
E. Förster-N. II S. 61 ff. mitgetheilten und in Anhang wieder 
abgedruckten) Knittelverse auf das Ding an sich, die uns 
(neben manchem Briefe) Rohde den Humoristen kennen 
lehren. 

Inzwischen klärten sich auch die Verhältnisse in Kiel: 
auf Ribbeck's, von Gutschmid und Nöldeke energisch unter- 
stützten Vorschlag wurde Rohde im Frühjahr 1872 zum Extra- 
ordinarius befördert, sehr gegen AVunsch und Willen seines 
»alten Freundes, Peter s des Prächtigen« d. h. P. W. Forch- 
hammers, dessen dumpfen Widerstand er überall peinlich ge- 
nug empfunden hatte *'^. Man konnte bei Rohde schöne, für 
Kieler Verhältnisse geradezu glänzende Lehrerfolge nachweisen. 
In den immer weiter ausgreifenden Vorlesungen wurde bald 
der ganze Kreis der griechischen Litteratur, zunächst in Theil- 



als Rendezvousort war ursprünglich die 'neutrale Zone* bei Mannheim 
ausersehen. 

* Das Bild bei Elisabeth Förster-N. mag durch einige Zeilen aus einem 
Briefe Rohde's ergänzt werden. »Zunächst bin ich dir noch zu mannich- 
fachem Danke verpflichtet, zuerst für die üeberschickung der herrlichen 
Photographie der 3 gerechten Kammmacher : in der That das Bild dreier 
. . . Messschauspieler [R., Nietzsche, v. Gersdorff]. . . Viel innigeren 
Dank aber sage ich dir, 1. Fr., für Dein schönes „Fragment an sich* 
[eine Composition Nietzsche's]« [N. 27 XI 71]. 

^ Zeugnisse für diese Vorgänge liegen unter den Papieren Ribbecks. 

4* 



52 Besuch bei R. Wagner. 

darstellungen, durchmessen ; auch ein Cölleg über Quellen der 
Litteraturgeschichte findet sich, daneben wurden die bedeutend- 
sten Poeten, von Prosaikern Plato und Tliukydides in Einzel- 
interpretationen behandelt. Auch bei der Leitung des Semi- 
nars, zu der er auf Ribbecks Antrag herangezogen ward, 
bewährte sich seine junge Kraft. 

Zu solchen immerhin beruhigenden äusseren Erfolgen Rohde's 
trat das bedeutsamste innere Erlebnis dieser Jalire: es spannen 
sich, eingeleitet durch den Besuch in Tribschen, engere persönliche 
Beziehungen mit R. Wagner an. Die ersten Zuschriften und 
Zusendungen fallen in den Winter 1871 ; im Frühjahr 1872 
überwand Rohde seine Scheu ^ soweit, dass er, »da sein Kom- 
men in so freundlicher AV^eise gestattet und erwartet werde«, 
zugleich mit dem Freunde sich in Bayreuth einzustellen ver- 
sprach — »wenn ich mir auch . . . unter der musikalischen 
Gesellschaft wie der Chinese in Rom vorkommen werde«. Er 
vertraute auf »die erstaunliche Weite der ganzen Gedanken- 
welt ^ bei \Vagner und W^agner's Gattin; darin werde für ihn 
wohl auch ein Stück Heimat sein. Zurückblickend auf die »wie 
in einer erhöhten Existenz verlebten Tage'-^ schrieb er Ende 
jNlai an den Freund: Das Gefühl habe ich allerdings von 
Bayreuth mitgenommen, dass wir dort unsere Heimat zu- 
rückgelassen haben und dass ich die moralische Verpflichtung 
habe, mich im Kampf um dieses höchste Gut, Dir, mit meinen 
schwächeren Kräften, als einen Watlenbruder an die Seite zu 
stellen.« Rohde hat das in den nächsten «Jahren gethan, so- 
weit es ihm bei seiner Organisation uK'iglich war. Alles Agi- 
tatorische und Demagogische ging ihm aber wider den Strich, 
und bei dem Versuch, einen *M ahnruf' zu Gunsten der Bay- 
reuther Sache zu entwerfen, stockte ihm »alle i)opuläre Kraft- 
sprache« ; die Aufgabe, die Älasse der Laien und Gegner s>zu 



Vgl. auch R. an N. 14 VII 71. 6 V 72. 

* »Man erscheint, auHserhalb seines Bereiches herinntappend, ho leicht 
wie ein zudringlicher Dilettant: eine scheussliche Sorte« [N. 10 IV 72]. 
Vgl. auch Elisabeth Förster-N. Fr. N., Bd. II S. 205 ff. 

' Ein späterer Brief [N. 22X11 72] jriebt ein intimes Bild aus diesen 
Tagen. Auch 1873 trafen sich die Freunde wieder in Bayreuth: E. För- 
ster II S. 214. 



Die Bayreuther Sache. Recensionen. 53 

irgend einer Thätigkeit zu ti b e r r e d e n , ohne sie geradezu 
liebreich zu streicheln«, schien ilrni fast unlösbar und später 
auch durch des Freundes Entwurfs nicht gelöst. So verfolgte 
er denn in »leidender Theilnahmec das schmerzvolle Werden 
des Werkes, an das seine besten Wünsche und Hoffnungen 
sich angeklammert hatten. 



Auch die schriftstellerische Arbeit feierte in der »drang- 
vollen Zeit'^ der ersten Docentensemester nicht ganz. 

Vor Allem wurde den italiänischen Findlingen der letzte 
SchliflF und eine solide Fassung gegeben, soweit das noch nicht 
an der Fundstätte selbst geschehen war. 

Ausserdem schrieb Rohde einige Anzeigen für das litterari- 
sche Centralblatt (vgl. Kl. Sclir. I p. XVI tf.). Das Verdienst, 
Fr. Zarncke auf Rohde schon damals aufmerksam gemacht zu 
haben, kommt Nietzsche zu, der in derartigen kleinen Dien- 
sten und Aufmerksamkeiten gegen den Freund unermüdlich 
war. Rohde meinte zwar, dass er sich zu solchen v kritischen 
Eiertänzen« wenig eigne [N. 22 III 71]; aber gleich die ersten 
Versuche (über Teuifels Studien und Schneidet-s Callimachea) 
vereinigen Bericht, Kritik und eigne Arbeit in jener äusserst 
gedrängten und doch anmutigen Form, die für Rohde als Re- 
censenten charakteristisch ist. AVas Rohde bei einer solchen 
Gelegenheit ganz beiläufig (an den von Scholl I S. XVII 
ausgehobenen Stellen) über Hölderlin oder über Aristophanes 



* Vgl. Elisabeth Förster-N. II S. 219 ff. Rohde schreibt damals [22 XII 
72]: »Kürzlich hat man in Wien das Doppelte für ein Operntheater auf- 
gebracht, in dem vermuthlich nach altem Stil fortvirtuosirt wird: . . . 
für eine wirkliche, ächte Kunstleistung, ein „Beispiel", dergleichen die 
neuere Zeit j?ar keins noch kennt, rauss mit Stöhnen, Seufzen und Mühe 
das miserable Geld zusammengekratzt werden, an dessen Ausbleiben 
vielleicht die erstaunlichste That einer totalen Kunstenieuerung scheitern 
kann! Ich habe in den Zeitungen W[agner]s Reise nach Talenten an- 
theilvoll verfolgt und sehr über die ridicüle Onkelmiene mich ergötzt, 
mit der Kölner und Bremer Zeitungen ihm das Zeugnis ausstellen, in 
persönlicher Gegenwart bei Weitem nicht so anmassend zu sein, wie in 
seinen Schriften — von denen die Esel nichts, aber nichts verstehn!« 



54 I^i^ Pytliagoraslegende. 

(als den Verthoidiger des alten Hellenenthums gegen den heran- 
ziehenden Hellenismus) vorträgt, leuchtet in der That bis in 
den tiefsten Grund dieser problematischen Persönlichkeiten — 
und des Schreibers selbst. 

Von grössern Untersuchungen wurde nur eine abgeschlossen, 
in der Kohde seine bei Gutschniid geschulte Forschungs- 
technik auf ein ihn ganz persönlich interessierendes Gebiet 
richtet: der Aufsatz Hiber die Quellen des .lamblichus in 
seiner Biographie des Pythagoras' (Rh. Mus. XXVI. XXVII 
1871. 1872 = Ivl. 8chr. II 102 Ö*.)^ Sdion in der Wahl des 
Problems zeigt sich der sichre Instinkt des gebornen Forschers. 
Diesen grobnätliigen Centunculus konnte man in der That mit 
einiger Zuversicht aufzutrennen und schichtweise in seine 
Bestandtheile zu zerlegen versuchen. Freilich gehörte dazu 
eine siclire Hand und vor AUeni ein feiner Blick für das 
Charakteristische der ausgezettelten Originale. Rohde hat 
diese entsagungsvolle, aber ertragreiche Arbeit in mustergil- 
tiger Weise erledigt; in der Haui)tsache, der Analyse des 
Jamblich, wird man wenig zu bessern finden, mag man auch 
an dem stets liypothetisclien Stemma der (Quellen gelegentlich 
heruinrücken-. Al)er auch in sachlicher Hinsicht hat Rohde"s 
Aufsatz, gnnz anders als die sterilen (^uellenuntersuchungen 
andrer Anfänger, freie Bahn geschaÜen: erst er bat die Grund- 
ziig(^ einer ( i e s c h i c h t e d e r P y t h a g o r a s 1 e g e n d e 
fest geh'gt und damit eine geschieht liehe Ph'kenntnis und Wür- 
digung dieser räthselvollen Per.sönliehkeit angebahnt. Jakob 
BrKCKllARDT in seinem anziehenden Vortrage über den alten 
Proj)heten geht sichtlieh durchweg von Kohde's Intersuch- 
ungen aus". 

In der That war es das Interesse für die Sache, nicht 
die (ide Absieht, seine kritischen Künste spielen zu lassen, 
was liohde auf das Thema geführt hatte. >\n letzter Zeit 

* L'eber di*.* Entstehung und das letzto Zi»d d«n- Sclirift goben Briefe 
an Nietzsche au.s dem Friihjalir 1871 wertlivollr Auf><cliUisse. 

• Einige wichtige Nachträge hei Rohth» .selb^^t im '(iv. Hom.' h?. '258 '. 
3 Vgl. jetzt die -Kulturgeschiclite' III 312 tl". — Nachträglich bietet 

ein Brief Rohde's die Bestätigung: rBitte mich Burckhardten zu empfeh- 
len; ich danke ihm für seinen Antheil an m«'inen pythagoreischen Klei- 
nigkeiten« [N. 9 I 72]. 



Studien zum griechischen Roman. 55 

war ich vielfach mit Pythagoreischen Dingen beschäftigt; das 
Problem ist nach allen Seiten interessant .... Beiläufig : ein 
Buch über griechische Mystik bliebe auch nach Lobeck 
noch zu schreiben: Der Mann kennt Alles, hat den klarsten 
Verstand, aber die Liebe nicht, die jeden Gegenstand erst 
innerlich verständlich macht. Wie ich diese fatale Göttinger 
Weisheit^ von der ^Heiterkeit des ächten Griechenthums' hasse. 
Dionysus hatte ganz ebenso tiefen Einfluss, als der Göttinger 
aufgeklärte Apollo . . . Zwischen Homer und Aeschylus in- 
mitten liegt eine Zeit tiefster mystischer Erregung und einer 
inneren Vertiefung, von der nur die flache Klarheit alexan- 
drinischer Zeit gar so wenig übrig gelassen hat. Niemals haben 
ernstere Naturen dieses einzigen Volkes sich zu der Flachheit 
modern-optimistischer ^Selbstverständlichkeit' der Welt und 
der Menschengeschicke . . . herabgelassen« [N. 22 IV 71]. 

Man sieht, wie Rohde dem Verfasser der *Geburt der 
Tragödie' auf halbem Wege entgegenkommt; auch wird deut- 
lich das Motiv angegeben, auf dem sich die glänzendsten Ab- 
schnitte der ^Psyche' aufbauen. 

Gleichzeitig rüstete Rohde sich zu seiner ersten litterarischen 
Meisterleistung. Er hielt 1871/72 Vorlesungen über einen 
Gegenstand, der wohl noch nie auf deutschen Hochschulen 
eingehend behandelt war: über die Geschichte des grie- 
chischen Romans. 

Kein Zweifel, dass R. schon längst, ohne den Stoff in 
allen Einzelheiten durchgearbeitet zu haben, aus der Analyse 
der erhaltenen Liebesromane die leitenden Gedanken des Buches 
intuitiv gewonnen hatte; die scheinbar disparatesten Studien 
(über die Paradoxographen, die Fabel und Novellenlitteratur, 
die alten Rhetoren) verbinden sich hier zu einer höheren Ein- 
heit. Wirklich entwirft Rohde schon in der Recension von 
Teuffel's ^Studien und Charakteristiken' (Centralbl. 1872, 85) 
die Umrisse seiner Darstellung. Zum Ausarbeiten fand sich 
freilich, bei den immer neuen Aufgaben die der Tag brachte, 
keine Müsse. Aber das Problem, das ihn beschäftigte, be- 
gleitete ihn überall; so wurden dessen Wurzeln bis in die 

* Gemeint sind als »Typus: E. Curtii Göttinger Festreden«, s. S. 2. 



56 Nietzsche's 'Geburt der Tragödie'. 

letzten und feinsten Fasern verfolgt und der StoflF — von 
einem princii)iell ausgeschlossenen Punkte abgesehn — mit 
einer geradezu erschöi)f enden Vollständigkeit zusammengeschafft, 
wie etwa in den Büchern Lobeck's. 



Mitten hinein in dies stille, arbeits- und ertragreiche Ein- 
siedlerleben, dem die Verbindung mit Wagner und seinem 
Werk el)en eine höhere Weihe zu geben schien, klang miss- 
tönend der 8j)ott und Lärm, der sich um das erste Buch 
Nietzsches erliob: um seine H^eburt der Tragödie aus dem 
Geiste der ]\Iusik' (1872). Rohde fand, nach einem wahren 
Fassionsgiiuge von einer Redaktion zur andern^, endlich bei 
der norddeutschen allgemeinen Zeitung die Thür offen; sein 
M)akchischer Panegyrikus' (wie l^itschl ihn nannte) ist in 
d(m Kl. Sehr. (FI 340) wieder abgedruckt. Als dann die *Zu- 
kunt'tsj)hil()logie' erschien (Berlin, Gebr. Borntraeger 1872), 
fuhr ]{()hde mit achilleischer Wucht dazwisclien in einer Ver- 
teidigungsschrift »mit dem von den Basler Freunden einge- 
gebenen gräulichen Titel Afterphilologie« [R.]. Auch Rohde 
wtnulte sich (huiii wie Nietzsdie an R. Wagner als den patronus 
causae^ '-, eigentlich aber an die Herren Pliilologen, um sie 
zu ersuchen, aus dem Buche zu lernen, dass sie, aufhörend 
l)loss(» W()rtklau))er zu sein, sich als eine Garde der edleren 
Bildung constituiren mög<*n, i\\s wozu sie, tni den Griechen, 
allein das leitende Vorbild ha))rn können . Man h<at gemeint, 
dies Eintreten für Nietzsche lial)e für Rohde ein Sacritizio dell' 

* Sowohl dii;* littcrarisclie C<*ntralbliitt (Fu, Zarnckk) wie der philo- 
logische Alizeiger (E. v. Lia'TSCU lehnten, bezeiehnend fJrenuur, eine Be- 
sprecliunjr aus der Feder ihn»s Mitarhriti'rs (nicht den •Hvnmiis' der N.A.Z.) 
ab [N. 20 I 72; 6 II 72]. UeberraHcht wunlt» Roluh' durch dies Schick- 
sal nicht. ^Mir liej^t , in die.^er Anj^ele^enlH^it, iininer »las Sehilhn'sche 
Epigramm von 'Weisheit und Khi^heit' im Sinne: in Alexandria aber 
wohnen, ausser einij^eii k 1 u jjf e n Hitschls — di«», wie der Landpfleger 
sprechen werden: ^.Du rasest* — zahllose Dumme, und «ranz Einzelne, 
die nach tiefer Weis h e i t dürsten. Diesen Dummen klänge die neue 
Mähr nicht anders als chinesisch! [N. 9 1 721. 

^ Der Entöchluss, der Streitschrift diese Form zu g»d)en, ist von 
Rohde selbst ausgegangen, wit^ ein Brief an Nietzsche [ly IV, ähnlich 
12 VII 72] beweist. Vgl. auch N. an v. (Jersdortf, (Jes. Briefe 1 S. 183 tf. 



Streitschrift für Nietzsche's 'Geburt der Tragödie\ 57 

intelletto bedeutet. Mit Unrecht. Wie tief ergriffen Rohde von 
gewissen, dem Freundespaar zum guten Teil längst gemein- 
samen Anschauungen' war und blieb, beweisen, eindringlicher 
noch als seine Briefe', gerade seine reifsten Arbeiten; was 
Nietzsche, aphoristisch und beengt durch Schopenhauerische 
Formeln, vortrug über die homerische Welt in ihrem Verhält- 
nis zu einer tinstem Vorzeit, über die Bedeutung des Orgias- 
mus, über den Kampf und die Versöhnung des Dionysischen 
und Apollinischen — das wirkt noch in Rohde's letzten Gaben 
fühlbar nach. Ueber das Phänomen des Tragischen äussert 
R. sich brieflich einlässlicher, als in seiner Anzeige oder in 
der Streitschrift. »Vorzüglich bewegt hat mich, was Du über 
den in's Endlose starrenden Hintergrund des Mythus ge- 
sagt hast ; das mag es wohl sein, w^as diesen griechischen mythi- 
schen Poemen jenes ganz und gar . . . Unvergleichbare giebt: 
ein Bild der Welt, wo sich ein furchtbar Gewaltiges aus wei- 
tester Umfassung zu einigen kleinen Individualfiguren des Vor- 
dergrundes zusammenfasst : nur diesen Vordergrund sehen wir, 
und ahnen doch, dass hier nur Oberfläche ist . . . Das Er- 
habene, Erhebende der tragischen Wirkung liegt vielleicht in 
dem Schauspiel eines Menschen, der über die Enge des Ein- 
zelwesens heroisch hinausdrängt zu einem weiteren Wirken . . . 
Treibt ihn ein ITebermass persönlichen Grössegefühls, so wird 
er ein activer tragischer Held sein; es giebt auch Beispiele, 

» Vgl. z. B. Cog. 11 f. 22 XI 70 über Sokrat^s und die Tragödie. 

* Bedeutsam ist vor Allem eine ganz beiläufige Aeusserung über 
einen der Vorläufer des Buches, die *SokrateBrede' : »das wäre ja ein An- 
satz zu einer wirklich philosophischen Vertiefung in diese wunderbaren 
Vorgänge der Geburt der geheimnissvollsten Kunst. . . Ribbeck hat die 
Schrift mit vielem Interesse gelesen und lässt Dir seinen schönsten Dank 
sagen« [N. 17 VII 71]. Und mit Bezug auf die »Tragödienschrift« selbst: 
»Ribbeck lobte die Schrift sehr : nur wünschte er Beweise, nur Ein 
Zeugnis dafür , dass denn also in der That aus dem zauberhaften 
Traum des dionysisch verzückten Chors die fremdartigen Bilder auf der 
oxT^vV/ zurückgespiegelt seien. Da liegts ja! Uebrigens welch seltsame 
Vorstellung: als ob die schwere Kunst, des ünbewussten sich bis zur 
prosaisch-logischen Fixirung bewusst zu werden, überhaupt vor der deut- 
schen Philosophie dieses Jahrhunderts irgendwo in der Welt existirt 
hätte ! . . . Nur reisst beim Darlegen . . . freilich die Kette des logischen 
Exponirens: wer nicht gleich empfindet und sieht, dem predigt man da 
vergebens« [N. 1 VIII 71]. Dasselbe Thema N. 29 I 72, vgl. auch 22 IV 
71, oben S. 47 f. 



58 Bedeutung des Tragiöchen. Aufgabe der Antike. 

wo die allgewaltige Kraft in einem Individuum, fast gegen 
dessen Willen, zu mehr als individuellem AVirken sich so aus- 
dehnt, dass die enge Form zerspringt: das sind passive tra- 
gische f'haraktere, wie Schillers Jungfrau. Immer liegt in 
diesem Kami)f etwas Erhahnes; und schliesslich empfindet man 
eine herbe Fj'cude, wenn der ganz Zerbrochne, der Unverein- 
bar(»s, menschliches d. i. Individualglück, und übermenschliche 
^^hateii wollte, das Individuum freudig von sich wirft »^ [N. 
1 VI 11 71] ^ Hohde hat sich später dem Problem von an- 
derer Seit(^ zu niiliern gesucht^; aber in den Hauptpunkten 
- - vor aHein in (hM* Ablehnung des philisterhaften Postulats 
(h*r *trMgischeu Schuhr und der sozusagen positiven Einschät- 
zung (h's Heroisch-Tragischen — kam er aufs selbe Ziel hinaus •\ 
I^ihI scldicsslich und vor Allem: mit der Grundforderung, dass 
niMii drv Aiitik(» mit ganzer Seele nahn und sie aus inner- 
slnii uiul eigj'nsten Eiiij)tinden begreifen, dass man sie dann 
aber au<*h verjüngend und belebend , in unsre Gesammtkultur 
liiniibcrwirkeu lassen müsse, war es ]^)h(le gerade so bitterer 
Kriisl, wie (h'ni Freunde. Er glaubte damals an eine besondre, 
(hnchMus nicht nur *g(»schichtliche' Mission der Antike, und 
biit immer (l;n:ni geglaul)t. Davon reden noch eindringlicher, 
jils iVw hroschiiic, die gleichzeitigen, oft nur trümmerhaft er- 
h.'ilteiien Uriefe und Tngebuchblätter, mit dem schwärmerischen, 
schwerlhissigen, auch stilistisch noch nicht ganz geklärten 
I'ebeischwang dieser .labi'e. Ich bin nicht so naiv heisst 
<*s einiMJil sein ( Nietzsch(»s| huch füi* ein symbolisches Wahr- 
b<'its(bn'uinent zu lullten, aber ich will es nicht verstehn, wie 
iVir \'erlreler «b's Hestt'n ... es so ganz verkennen können, 
dass in seinem Ihiclie. in unzweilellialt ungeheuer excentrischer 
Weise, ein«' jugentllielie, scliwiii inerisclh» ernste Seele die rich- 

' \'^l. /u «lii'sni iHH'li in SilmpiulwuuMisflnMn tinimlt' wiirzebideu 
(it'dniik«'!» «lii« uiitrn mis «Im (\ufitittit uiittT Nr. 7. TJ ;il>g«*(lru<'ktt'n Stellen. 

^ Vgl. unliMi Klip. X, iiurli ('»>*;. \*\). 

^ liri K. |"\'ir.slrr, llil. II S. CiS |V siml vww* |\i'ilu» vi>n Stimnioii ver- 
/.»•irbiu't, «In* Ihm «Iimii Kisj-Immihmi iI«m „<h*I»ui1 iIim* TiMgiulir- laut wiinlon. 
Hin/u/.unigeu \M luuh imh wulnluill ShimnlMM'»«»l»ti»;t»M-. der böser der 
KatlnirsiMrnig«' .1. Mmunavs. |>i«'MiM' litit ^\r\\ iijuli llrirftM» KoluK-V /u den 
liiiuplptiiiktiMi /ushiuiiuMid ^eini>o.oit, dtilitM tVcilitli atirh riiitlioss<Mi lassen. 
duMS er Alles Melmii langt' mdl»N| suh m» giMlarlil halu» (N. l'J 1 To. v*;!. 
•JCi II T'Jj. Vgl. aiieli Kniin:eK an W. PiMiii \ Mi. |'.»0 S. -Ji^S t". 



Aufgabe der Antike. Ton der Polemik. 59 

tige Ueberzeugung ausspricht: dass eine Zeit nicht auf dem 
rechten Wege sein könne, in der, wie aus einem Sumpfe der 
allerfrivolsten Civilisationsverhältnisse eine Blüthe der feinsten 
und reichsten Wissenschaft erblüht, die zwar mit jenem Sumjjfe 
gar nichts gemein, aber auf ihn auch gar keine sichtbar ver- 
edelnde Wirkung hat. Und ist es nicht ganz gewiss, dass die 
wunderliche Tendenz einer Zeit, die mit einer, Millionen wissen- 
schaftlicher Erkenntnisse nur addirenden Thätigkeit sich 
über die Nothwendigkeit einer alle Einzelheiten . . . ordnenden 
und beseelenden Gesammtanschauung und ethischen Gesammt- 
empfindung hinwegsetzen zu können meint — dass diese anti- 
philosophische, antireligiöse, unkünstlerische Wahnvorstellung 
dieser rein ^wissenschaftlichen' Zeit sich auch unsrer Wissen- 
schaft, in den jüngsten Vertretern am Meisten, entseelend und 
erkältend, bemächtigt hat? Und wenn nun schliesslich N. eine 
Kräftigung des künstlerisch-philosophischen Sinnes . . . von den 
— was nur der gemeine Neid verkennen kann — uneigennützig- 
sten, kraftvoll erhabenen Bestrebungen des einzigen gegen- 
wärtig lebenden weitathmigen Künstlers der deutschesten Kunst, 
der Musik, in vielleicht zu enthusiastischer Bestimmtheit er- 
hofft : — so konnte man seinen Irrthum, wenn es denn ein 
solcher ist, ehrlich widerlegen; aber wie die Philologen, auch 
die Vielen unter ihnen, denen das . . . ^Ideale' eine ernstliche 
Herzenssorge ist, — wie auch diese, durch die Besonderheit 
seines Glaubens und seiner Darstellung . . . zur völligen Weg- 
werfung des tiefern und allgemeineren Gehaltes seines Buches 
hingerissen, ihn wie einen Aussätzigen meiden können . . ., 
das verstehe ich nicht, gegenüber der so sehr gebotenen 
Waffengemeinschaft der wenigen *Edlen' gegen die andringende 
Masse ... [R. 0. D. 1872] ^ 

In dem Verfasser des Pamphlets^ hatte das Freundes- 
paar einen solchen Waftengenossen zu finden gehofft; um so 
schmerzlicher war die Enttäuschung. Rohde's Grimm wurde 
nun (wie die Briefe zeigen) aufs äusserste gesteigert duixh 



» Die Antwort Ribbecks [18 XI 72] in dessen Briefen, Nr. 194 S. 302 f. 
Hingewiesen sei noch auf die Aeusserungen in den Cogitata, vor Allem Nr. 44, 
wo Rohde meint, N. hätte, um Missverständnissen vorzubeugen, dem Ganzen 
eine poetische Form geben können : eine Vorahnung des Zarathustra-Stils. 



60 Positiver Ertrag. 

die verletzende persönliche -< Haltung dieser Jugendschrift 
Ulrichs v. Wilamowitz, und duich gewisse Flüchtigkeiten, 
die Rohde als bewusste Entstellungskunst' , als > Flausen und 
Finten- zu deuten geneigt war^ 

So ist in der That auch die Gegenschrift Rohde's — die 
erste, in der er sich an ein weiteres Publikum wendet — auf 
einen Ton gostinnnt, d(»r von seiner, bei aller Leidenschaft- 
lichkeit vornehmen und gelialtenen Polemik andern Forschem 
gegenüber erheblich absticht. Gegen den Angreifer blieb in 
Rolide ein daueinder Groll zurück, der weder durch dessen 
spiiten^s Schäften nocli durch den Einftuss gemeinsamer Be- 
kannt<»n (wie Fk. Matz) gedämpft werden konnte. 

(ianz ohne positiven Gewinn ist aber auch dies Inter- 
mezzo nicht geblieben. Mit wohlthuendem Enthusiasmus wer- 
den die Aufgahen einer wahren, seelenvollen - Alterthums- 
kunde gc^zeichnet (ein schönes Schlagwort, das auch in Rohde's 
Bric'l'en gern gebraucht wird) und im (iegensatz zu v. Wi- 
lamowitz manche litterarhistorische und ästhetische Einzel- 
iVag(»n fruchtbar ])ehandelt, wie der musikalische Vortrag der 
Klcgio (weiter verfolgt im Roman S. 1H9), die Geschichte des 
Ditbyrambiis, die lyrische Tragödie, die Parakataloge, die 
Analogie zwisclien Dichtung und Traum, die Verwandtschaft 
des <licht<'risrlH'n Schaft'ens mit musikalischer Stimmung^. 

' /. |{. wenn v. Wilamowitz 'Zukunftsphilologio' S. 30 Nietzsche 
dir Kmint. al)siclitli('luMi VrrschwiMjjfciis vorwirft, währeii(.l Nietzsche das 
von HfiiHMu (J«'}^iM'r aii^i'nitViu» Z»Mi^iiis «usdrücklich bespricht, vgl. *Af- 
irrpliilolo^ric' S. 17. -U. 

• Di«» Sli'Ur Otto LrowKis, «Ho H. 'ir^Mulwo' g«^leseii zu haben sich 
«•riniH'rt (S. II) stellt. j«'t/,t in liUdwigs Srlhstlx'kt'nntnisseu am Schluss 
t\vr ^(«•►anniH'ltt'ii Work«'. U«*hrig«'ns p*h<*ht Lunwm zu den Künstlern 
mit «hiimatisch-musikalisclH'm l)«)i»|)«'ltal«Mit nach d«.'r antiken Nonn wie 
AVaj^fUJ'r, nur «lass di«» musikalisclu* S«'it«' h«'i ilun wolil von vornherein 
H<*h\vil«'h«*r war un«l M«ddi«'sslich V(»rkümnn'rt«'. ImOht die 'Diohterträume' 
hat li«)hd«', «li«' And«'utun^«Mi S. 1(> ausführend, n«)eh öfter gesprochen, 
vor Alh'm im 'Konum' S. \)2. iJanz un<l j^ar in Nietzsoh«''s und Kohde's 
(iedank«MJ stinun«'n «'in <li«' H«'k«'nntnisse 1*. IIkysks, '.hi^^enderinnerungen' 
S. ;i4t): «Nun voll/.ij'lit sieh fn'ilieh «l«'r h«'st«» Theil aUer ki\nsth»risciien 
Eriindunj^ in «'in«'r geheimnissvolh'n unhewusHt«'n Krregun^, die mit dem 
eig«Mitlichen 'rraum/.UHtaiul nah«' v«M'wan«lt ist. . . Mehrnials alu'r, zumal 
im morg«'n«llich«'n nall)tra\nn. ist «'s mir h«'jr,»jrn(.t, Motiv«» zu «'rtind^Mi, 
di«' ich dann mich «lem KrwaeluMi f«>rt spann un«l softut zu run«ler Ent- 
wicklung hnicht«'. . .•* Von antik«'n l*«)«"ten wlln» noch Status zu er- 



Aeusseningen R. Wagners. 61 

Den freudigsten Widerhall weckte die temperamentvolle 
Streitschrift in Bayreuth. Von R. Wagner empfing Rohde 
im Oktober 1872 >ein freundliches Schreiben, voll jener er- 
habenen Naivetät, die ihm als schönste Eigenthümlichkeit des 
Genius eigen ist. Als ob ich, mich zu ihm gesellend, seiner 
Sache irgend etwas zusetzen könnte !< Einige Wochen später 
kam ein > liebenswürdiger Brief' von CosiMA Wagner; Rohde 
hat von der genialen Frau noch wiederholt Rath und Zu- 
spruch in schwieriger Lage erfahren. Beide empfanden leb- 
haft, dass hier Ein Freund für den andern ohne Zaudern seine 
Existenz einsetzte ^ und den Freund selbst „erfüllte die wahr- 
haft aufopfernde Handlungsweise Rohde's immer und immer 
mit der innigsten Dankbarkeit" (E. Förster-N. II S. 94). 

Rohde hatte die Sachlage von vornherein schwarz genug 
angesehn, und auch die ^privatissime* geäusserte Zustimmung 
Ritschrs und Ribbeck's konnte ihn nicht sonderlich trösten 



wähnen Silv. I 3, 23 fiabentes carmina somnos (dazu Vollmer S. 268) ; der 
alte Improvisator mag aber vor Allem an das Verseschmieden im Traum 
gedacht haben, von dem Heyse kurz vorher launig spricht. Rohde ist 
dem Problem noch wiederholt nachgegangen, z. B. als er es in einer 
Schrift VoLKELTs (die Traumphantasie, 1875, S. 176) behandelt fand. 

\ R. Wagner schreibt (Bayreuth 29. Oct. 72): „Mein geehrter Freund! 
Ich finde, dass ich mit und durch Nietzsche in recht gute Gesellschaft 
gekommen bin. Das können Sie nicht wissen, was das heisst, sein langes 
Leben über in schlechter, oder wenigstens alberner Gesellschaft verbracht 
zu haben. . . Aber diese Wendung beginnt auch wirklich erat mit Nietz- 
sche: vorher schwang sich meine Sphäre nicht höher, als bis zu Pohl, 
Nohl und Porges . . . Unsere Freude über Ihre Schrift war gross: sie 
ist das würdige Seitenstück und Complement der , Geburt" selbst. Die 
Hauptsache für uns war, aus dieser Abfertigung wieder etwas lernen zu 
können, und ausserdem den „ganzen Mann" so recht achten und 
lieben zu lernen. Gewiss musste uns Allen so Etwas schön helfen: in 
den Zukunftsmorast der menschlichen Gattung wage ich aber keinen 
sehr herzlichen Blick mehr zu werfen. Doch können wir das immerhin 
die Sache Gottes sein lassen, wie er das Alles zu seiner Ehre einrichten 
will . . ." CosiMA W. sagt u. A. (Strassburg 23. November 1872): „. . . so 
kann ich sagen, dass selten mich eine Schrift so ergriffen hat und mir 
80 wohl gethan; wohl und weh, denn sie ist eine That . . ., deren weittra- 
gende Folgen Sie sicherlich vorausgesehen haben, wie ich sie förmlich 
eintreten sehe. ... So bang nun, bei dem Erkennen der äusseren Lage, 
mein Gefühl ist, so sicher, fest und über alle Noth erhaben ist es, wenn 
ich an die Regung denke, die gegen alle äussere Rücksicht mächtige, 
die Sie bestimmt hat, und so rufe ich : Heil Ihnen, dass Sie so sind, und 
80 denken, und so handeln!" 



62 Leben in Kiel. 

[N. 8 XII 72]. Ich habe die Abfertigung wahrhaftig nicht (Van 
coeur l('(jer unternommen, sondern ich wusste und weiss genau, dass 
der einzige Erfolg der sein wird, dass auch ich in das schwarze 
Buch eingetragen werde, wo die heillos Verrückten stehn, die 
sich von der herrlichen ^Jetztzeit' nicht aufklären lassen 
wollen . . . Ich weiss ganz gut, dass meiner *Carri^re' selbst 
ein Feind kein schlimmeres Henminis bereiten kann, als ich 
selbst mit dieser Parteinahme für Nietzsclie . . . Und doch 
konnte ich nicht anders: ich konnte es nicht stillschweigend 
ansehen, wie mein Freund, den ich liebe, dessen Wesen ich mit 
dem Verständnis des Herzens durch und durch vei'stehe, von 
seinen Fachgenossen, wie ein Verbrecher, mit scheuem Still- 
schweigen bestraft und . . mit Kotli beworfen wurde. [R.] 

Die nächsten Jahre schienen Rohde Recht zu geben. Bei 
wiederholtem Personenwechsel auf der Kieler akademischen 
Bühne, bei der Fortberufung von Ribbeck und Wilmanns, 
wurde Rohde's Stellung nicht gehoben, obgleich UsiNGER und 
GUTSCHMin (der seine Bedeutung voll erkannte) energisch für 
ihn eintraten; auch sonst erzählen seine Briefe von verpassten 
tielegcnlieiten und verschlossnen Aussichten \ Er empfand 
das, nicbt ohne (Jnind, als Zurücksetzung und Verfehmung<, 
und sah sieb schon als pmfrssar r.rtnnirdiHarhts jx'fffefuus* 
in Kiel versauern. Zudem war es ihm nicht gelungen mit 
W'ii, MANNS, biM aIhM' Anerkennung seiner moralischen De- 
lie.'iti'ssi« und Tüchtigkeit, in ein irgend wie vertrautes Ver- 
hiiltnis zu konum'u. Nem» (\>negen lernte er genug kennen 
in (lii's(»r Durchgangsstation, \vo wie in einem Stundenglas 
unten i\rv Sand nl>ries«»lt und oben zu, und so fort ohne auf- 
zuhören. |U.| Kinzehii» leuchteten ihm auch schon ein, z. B. der 
|h7I^ neu berul'ene SilllKKKN, ein energischer, durchaus mehr 
NNeltuiiinniseh tVeii^r, als stuben- und clit[UiMiseliger Protessor 
(lermanicus ||{.| oih^r <h»r Sanskrit l'orsehtM- \{. l*lsi'UKL,der »Ge- 
nosse seiner Naehuiittagsspa/iergiinge und Merather in Indicis« . 

' So MM iM' \'i\\' Vn^Wnw}^ IUI iM^ttM' Stolli» in Aii^sit'ht jjriMUMiinu'n ge- 
westMi. »Ihm* s«'h(»u jtMn» An/.iMj^«» n» \\cv N. \. /.. IiuIm' ihn als uuniögHeh 
»•rsi'luMnou he»>«M». K« Ksiin mir vor. uU ol» »lit»».,» iJoNohichto mir von 
»ItMU guton. tix^hkaltoii ilulsrhmul thinluni». „im Avitn.iij"* [KitsohTs] aLs 
avis iMv.ülilt \\<'i*»l«\ Sio /.o\^\ joilrutail-* Hi»hr Klar, \\\i» os mm kommen 
winl [N. U \l T'J]. VkI. uurh »Ion Antwort^not' UihtMvks |IS \l 72) Nr. IVU. 



Vereinsamung. ß3 

Am nächsten kam ihm neben NöLDEKE damals wohl F.C. Andreas , 
von dem er bei seinen Studien über den geistigen Güteraustausch 
zwischen Orient und Occident manche Belehrung empfangen hat. 
Aber ein Freundschaftsverhältnis, wie es seinem Herzensbe- 
dürfnis entsprach, wollte sich nicht gleich herausbilden. Es 
scheint ihm, nach seinen Briefen zu schliessen, seit RiBBECKS 
Fortgang jede Gelegenheit zu wirklich vertraulicher Aussprache 
gefehlt zu haben, zu der ihn seine wechselnden Stimmungen 
doch so sehr drängten: »Hier aber fühle ich mich . . . unbe- 
schreiblich allein und öde: vollends seit auch Ribbeck fort ist, 
der doch persönlich ein Herz für mich hatte, meine ihm sehr 
wohl bekannten Meinungen mit Zartsinn und Schonung und 
nicht ganz ohne Sympathie ertrug. Ich bin ihm doch viel und 
auf immer schuldig: ein edler Mensch.* [N. 27 IX 72] ^ 

Doppelt trübe gestaltete sich sein Leben seit dem Spät- 
jahr 1872, wo er erst die »seinem Lebensgange treu folgende 
Grossmutter, und dann einen geliebten Bruder < zu betrauern 
hatte, der ganz unerwartet in wenigen Stunden an der Cholera 
gestorben war. Auch die ganze Signatur der immer schärfer 
sich ausprägenden Gründerzeit war ihm unheimlich — > dunkle 
Tage, an denen Alles abwärts wankt und stürzt und so gar 
nichts Hoffnunggebendes sich zeigen will«. Diese Stimmungen 
finden jetzt in den Briefen an Ribbeck einen unbefangeneren 
Ausdruck, als in denen an Nietzsche; den Freund, dessen »prob- 
lematische Gesundheit* ihm schon damals schwere Gedanken 
machte, sucht er sichtlich zu schonen. So lebte er, nach 
seinem eigenen Geständnis dahin, >in einem Leben, das 
in einer gewissen dämmernden . . . Selbstbeschwichtigung sich 
bewegt«. Auch für seinen litterarischen Lieblingsplan wollte 
der » Frühling < nicht kommen. Er hatte »eine Periode des 
Schreibekels, die immer auf einer schwer zu überwindenden 
Verstimmung des einsam, xocXetzoIoi^^ iizl ^ecvoiaiv Lebenden 
beruht«. Einsam — das Wort klingt immer wieder aus seinen 
Bekenntnissen heraus. Wie in den ersten Kieler Studenten- 
semestem, kamen damals Tage, wo R. factisch kein Wort 
sprach^, Wochen, wo er ganz und gar »mit seinen Gedanken, 
Wünschen und Büchern < allein war. Ohne Genossen pilgerte 

Vgl. den Brief Ribbeck's an Ritschi 173 S. 275 f. 



64 Reisen. Wagnertage in Hamburg. Wagner in Bayreuth. 

er, Sveite Welt und freies Leben' in sich zu saugen, im Herbst 
1872 durch allerlei Städte Mitteldeutschlands, 1873 durch 
Xorditalien ; zumal Nürnberg, Dresden und die ihn wieder 

völlig berauschenden Herrlichkeiten -^ von Florenz brachten 
Erquickun^ und künstlerische Anregung. 

Aber vor Allem waren es die Hamburger >Wagnertage< 
im »Januar 1873, die ihm neuen Schwung gaben. Eben erst 
aus den, bei der Mutter in gemeinsamer Trauer um den Bruder 
verbrachten Woihnachtsferien nach Kiel zurückgereist, eilte er 
wieder in die Heimath, um, wie er an Ribbeck schreibt, > Wag- 
ner und Frau zu begrüssen und zwei Concerte mitzumachen. 
Ks will sich schwer sagen lassen, wie mich die Berühung mit 
diesem einzig(Mi Manne stets autrichtet und erhebt« . . . 

Eines bringe ich stets mit: die tiefe Empfindung: was 
doch unserm Leben und Sein dieser Mann ist, für Vei*stand, 
Sinn, Herz und Willen ! . . Kehrt man dann zurück, so giebt 
es ein schmerzliches Hingen , bis die erregten Wellen sich 
endlich in das matte Cieplätscher der gewöhnlichen Existenz 
zurück/winden hissen wollen. War ich doch nicht so allein!« 
Die Osterferien brachten endlich das ersehnte Wieder- 
sehn mit dem Freunde - in Bayreuth, wie es Rohde sich im 
Süllen ge\Niinscht hatte'. »Wir haben . . . acht sehr merk- 
würdige Tage in stt^tem Verkehr mit Wagner zugebracht . . ., 
in (h'n(»n sich nann^ntlich auch die auf ganz eigene Art liebens- 
würdige und herzliche Weise des Mannes einprägte, die, bei 
vuwv iniUHT zur tViMesttMi Heiterkeit aufgelegten Sthumung, 
ihu.h s(i»(s Nvit» \on einem t»rznen (ilt)ckenton der allertiefsten 
und hiuti»rs((»n Kniplimhing alles Krusten und Würdigen durch- 
klungen ist. 1 )a mag man nun sagen, was man will: das 
innersh» Wi»si»n diesi»s gr(»sst»n Künstlers ist das edelste und 
reinste: und wer es anders nuMUt. dt»r kennt iini nicht, wie er 
denn aus üusserlichen Herührungen her. bei der eigenen Herb- 
heit, dit» er ilann zuweih^n zeigt. gcNNisN nur miss\ erstanden 
wtM'den kann. In Lichtent't^ls trennten Nvir uns, Nietzsche 

und ich, nicht o\\\w die Kmptindung. wn* sehr wir /usammen- 

* - Oauu >\ihtlou wir \ um wohl \\ukh»^h «muo 'liuohthriugtMulo i»osoll- 
sohutV lUi.HUUU'hou« ^ohroiht «m Iumiu »M-iton Auttaurhou Urs Phinos. — 
Vgl. kVw .\^•u^»^*o^uugou ühiM' \V»»gnoi\ t\ht *M. 



Abschied von Nietzsche. Bildungsideal. 65 

gehörten, nicht zu einer kurzen Berührung, von der man wenig 
im Grunde hat, sondern zu dauernder Lebensgemeinsam- 
keit ^ : ich kann das Gefühl nicht ausdrücken, mit dem ich 
stets den Adel seiner Natur auf mich wirken fühle, und eine 
ganz besondere Poesie, die in seiner ganzen Atmosphäre liegt. 
Freilich muss man ihn dazu lieben, denn er hat seine für 
^Kritiker' sehr fühlbaren defauts de ses vertus< [R. 29 IV 73]. 

* * 

* 

Wer Rohdes Briefe und Bekenntnisse übersieht, wird den 
Eindruck empfangen, dass die Jahre 1872 bis 1874 für ihn 
eine kritische Zeit gewesen sind. Seine geistige Gesammtper- 
sönlichkeit ist damals sozusagen ruckweise gewachsen; aus 
dem zugleich befangenen und ungestümen Jüngling w^ird 
der überlegene Mann, den wir im *Roman' sprechen hören. 
Er hat das selbst gefühlt, und an dieser Emptindung sich auf- 
gerichtet. »Ich bin nicht hoffnungsvoll« heisst es in einem 
Briefe vom 27. Februar 1873, »aber nicht eigentlich verstimmt, 
bedenke vielmehr täglich in meinem Herzen, wie glücklich im 
Ganzen ein Geschick zu nennen ist, das Einem in der Jugend, 
bei gänzlicher Hoffnungslosigkeit für die Zukunft, doch für 
die Gegenwart die Möglichkeit eines stillen Wachsens in dem, 
w^as von ächter Bildung unsereinem assimilirbar ist, gewährt. 
Dieses Gefühl stillen und steten Wachsens ist fast das Einzige, 
was mir, in dieser Kälte des Lebens, von Glücksemplindung 
übrig bleibt . . .« 

In der That, »was von ächter Bildung ihm assimilirbar 
war<, hat er damals wie mit tiefern Athemzügen in sich auf- 
genommen. Mit innerster Theilnahme vergrub er sich in die 
Brief- und Memoirenlitteratur bis herunter zu Varnhagen und 
Rahel; es ist das Geheimnis der Persönlichkeit, dem er in 
seiner Weise nahezukommen sucht, nicht sowohl mit dem 
Secirmesser des *müssiggehenden Psychologen', als durch ein 
sympathisches Mitempfinden und künstlerisches Schauen. »Kürz- 
lich fiel mir Varnhagens Galerie von Bildnissen aus Raheis 

* Derselbe Gedanke beherrscht noch Jahre lang die Briefe an N., z.B. 
10 V 74. Im August 1873 notirt Rohde auf einem Tagebuchblatt, er 
habe beim Erwachen in der Nacht »wie auf einen tiefen Meeresgrund auf 
den wahrsten Grund des Charakters seines lieben Freundes N.« gesehn. 

Crusias, £. Robde. 5 



66 Memoirenlitteratur. Das Geiüc. Die Positivisten. 

Umgang in die Hände: im zweiten Bande fand ich einen 
Menschen in Briefen verewigt, wie ich ihn nie im Geiste noch 
gesehn habe : Alexander v. d. Marwitz. Selten ergriff mich etwas 
so, wie diese Seele : *stets blickend in die Höh', nach allem 
Edelsten; innerlichst glühend, ohne die Stütze irgend einer 
Superstition: frei von aller Schwelgerei im Geistreichsein, und 
doch Welt und Mensclien und Bücher im Spiegel des vor- 
nehmsten Geistes, zur wahren Befreiung des Schauenden, wider- 
spiegelnd: seiner Vornehmheit sich bewusst, und doch von 
allem Hochmuth, als ein ächter Mensch, unsäglich fem.':: 
Wie ilim hier aus den Brieffragmenten das JüngUngsideal des 
Freiheitskämpfers leibhaft entgegentritt, so gewinnt ihm auch 
Ferneres und Fernstes greifbare (i est alt. Den grossen Per- 
sönlichkeiten steht er im Ganzen gegenüber wie Oablyle, »die- 
ser tiefsiiniige un<l enthusiastische Mensch«, bei dem R. nur 
bedauert, dass er gar nicht gehen, sondern nur springen könne ^. 
Ein neues und fremdes Element in seiner Wt4t sind die eng- 
lischen Positivisten, wie J. Stiart Mill und Tylor: »die Kerls 
sind mit ilirem grässlichen ( 'ommon-sense-Stvl freilich oft zum 
Todtgiilnion, aber sie verstehen die schwere Kunst des logi- 
schen Darlegeiis, obne Aufdringlichkeit, vortreftlich.« ^ Auch 
von ilnu^n bat Uohde zu lernen i^ewusst , wie das schon der 
*K()nian' (mebr noch die INvclie) zeiirt. Aber das Verhältnis 
zu seinen alten Fübreni zu sprengen, hat ihre Kraft nicht 
genügt. SciiiLLKKs pliilosophiscli-ästhetische Autsätze haben 
einige der liebt voUsttMi Abscbnitte des 'Romans' inspirirt, und 
inniHT NNieder boren wir in den (\)i;itata und in manchen 
seblieblen Autsät /.en Aeusserungen ScHOPHNHAUERs oder 
W'acjnkKs weiterklingiMi. Nur euKineipirte sieb Rolide damals, 
aus per.stinliebster Krt'abrnng, \on Selu^penbauers Aesthetik in 
eintMU H.iuptpiinkte. Aut" seiner v Kmistreise^ zumal, im Herbst 
72, grülH»lte i'v \'\v\ über diest» Dingt». Nach dem Studium 
der DresdeiUT (JabM'ie sebreibt er: ^Ks ist ein sehr Miach- 

' IUitIhm- j^rh.'iii'n /;ililrrirljt» AltNtliuitti» Acv C'o«:it;it.». »lio sich mit 
iltMU Prol»l»Mu .IfN »MMjit's iM'sthiifti^tMi. s. Nr. L*. LH». 'M^ \\. A\l 

In »lirx'iu Simu' «'iin»t'alil l\. nii« Nirt .•>«Ih'. ni ili'^i^fu Sihriften er 
iHt* Kuu^t ruliipM- und li\(K«M»l»isrr HiMlut t»«>n xfiiui^Ntc |N. lM 111 74]: er 
alintt» nirht , lia^s »Irr l-'nMunl ««»In l>aM n\ \\\\ [..iiior iUu'r«;« hn würde. 
Auf einiMu lUjitt auN dem .luhr 7li notnt oi hirh MilT«. Kssavs und Lojrik. 



Emancipation von Schopenhauers ästhetischem Idealismus. ß7 

denkliches' Phänomen, dass eine Betrachtung solcher Bilder 
der Erscheinung uns solch reines, tiefes Vergnügen gewähren 
kann; das ist freilich eine Lust, und eines der sichersten 
Zeichen, dass eine so reine Entbindung des Intellects vom 
Willen, wie Schopenhauer annimmt, eine Einbildung ist: wo- 
her sonst das bestimmte Gefühl einer reinen zwar, und un- 
vergleichlichen, aber einer Lust?« Aus derselben Zeit stammt 
die im Anhang mitgetheilte Polemik gegen die Vorstellung 
von der loia als höchster Aufgabe der bildenden Kunst [Cog, 39]. 
Damit ist ein todter Punkt in Schopenhauer's Aesthetik, sein 
hinter der Lebensfülle der künstlerischen Wirkungen weit zu- 
rückbleibender überplatonischer Idealismus , für Rohde end- 
giltig überwunden; es ist nur eine weitere Consequenz, wenn 
bald darauf gegen seines Meisters Ethik ähnliche Zweifel 
laut werdend Im Uebrigen blieb er aber dem ästhetischen 
Glauben seiner Wanderjahre getreu, auch den neuen Ein- 
drücken gegenüber, die er unbefangen, aber auch ohne fah- 
riges Hasten und Schwanken, in seine Empfindung aufzu- 
nehmen stets bereit war. In Nürnberg, wo er auf den Wegen 
der Meistersinger wandelte, hatte er »aufs neue das Gefühl, 
dass an reiner und ganzer Freude da weniger zu holen ist 
unter all den viereckigen Fratzen, als in einer einzigen, klei- 
nen italiänischen Kunststadt . . . Und doch waren die Trefflichen 
sicher auf dem richtigsten Weg zur freien Schönheit, der 
nicht durch einen verhimmelten Idealismus geht, der nichts 
darzustellen wagt, wie er es sieht, sondern irgend ein fanta- 
stisches Spectrum. So aber bleiben diese Dürer usw. stehn, 
wo die Realisten der altflorentinischen oder paduanischen 
Schule standen: was hinderte aber den Fortgang? Ach, die 
verwünschte Theologie und der 30jährige Krieg!« Auch für 
sein litter arisches Urtheil bezeichnend ist hier die Oft'en- 
sivstellung nach zwei Fronten. Aber während er die Pseudo- 
klassik schlechtweg ablehnt, gilt ihm jene archaische Realistik 
doch als unumgängliche Vorstufe zur »freien Schönheit«. Ge- 
wisse Radirungen Dürer's lebten in seiner Phantasie^ und 

• 

* Ein Blatt vom Januar 1874 {Cog. 55) bezeichnet den Wendepunkt. 
- Dahin gehören vor Allem die Melancholie und der christliche Rit- 
ter. Im Briefwechsel mit Nietzsche ist davon schon in den Wander- 

5* 



Gh Ansichten über biM^rn-ie Kun-t. R<rligi$se Interessen. 

gelt-ffeiitlirh bt^kennt er. >ich in Münehf n s an den altkölniscken 
und altHandriscken Bildern t erholt zu haben und beschäftigt 
sich mit Sulpice Boisseree. seinen Kunstauschauungen und 
Brieten. Verwandten f^ei^-te^ Nind z. B. die 1873 niederge- 
schriebenen Bemerkungen über die Kunst der grossen Porträt- 
maler (freilich mit einem Schopenhauerischen 'soiri (V>f/. 27, 
oder die etwas spätem Betracht untren über die 'Nachahmung 
der Xatur' in der Kunst und die kunstwidrise Betonung des 
Inhaltlichen bei Ga!»riel Max r*i^/. 59 f. 

Den philosophisch-ä>thetiNchen Interessen halten die reli- 
«rit'isen «im weitesten Sinne» nahezu die Waiie: Buhde näherte 

CT v^ 

sich jenem letzten Standpunkt geistiirer Befreiung, »wo die 
Keligion neue Kraft und neuen Muth newinnt [1 '«»*j. 57]. Die 
räthselhaften Phänomene der relii;ir»en Erweckung im alten 
und neuen Mvsticismus , l>is herunter zu den Excessen des 
Shakerthums [^»«7. 81], beschäftigten ihn wieder und wieder; 
man sieht, wie tief die Fundamente fiir die Darstellung der 
Ekstase und des l>rgia>nuis in der 'Psyche' hinabreichen. 
Auch mit thei>logischen Schriften, die prinzipielle Fragen zur 
Sprache !»rachten. suchte er sich ernsthaft auseinander zu 
setzen. Aufs tiefste erjrritl* ihn Lagarde mit seinem >kräf- 
tigen, ja austeren Aposteltou und Ernstec : es waren jene 
theologisch-politischen Aufsätze, die iwie der Briefwechsel zeigt) 
auch bei dem Verfasser der rnzeitgemäs<en Betrachtungen 
einen starken Widerhall fanden tz. B. Theologie, Kirche und 
Relii;ion. 1872 3, jetzt l>eut>che Schriften S. 47 ff.i. rXament- 
lieh was er [Lasrarde] von einer mehr als 'historischen' Theo- 
logie, als einer Anleiterin zur Keligion sagt, ist vortrefHich. 
Al< Voraussetzuni? muss man ihm freilich immer zugeben, dass 
auf dem (iruiule de> trüben Sehlammes •chri>tlicher' Tradi- 
tion eine ächte lautere, ganz eigentliche vor Allem, nicht 
rein m o r a 1 i s e h «» , sondern metaphysische» Offenbarung 
ruhe: sonst hat die neue *Tbe<>logie\ in ihrer historischen 
Art, gar keiutMi Sinn. Frappirt hat mich seine Meinung 

über das .h>bannesevanijeliuni: . . . der gänzliche Mangel an 

jalnvn ^\'w \Wy\*y y\so \\. finr lv«*iMovhution t'ür N. besoTj^te«. wie N. denn 
k\v\\ \\\\{vy als srlnirt**tolbMi''iho«» Svmbv^l \\\ mmiumu Erstlingswerk (Die 
Vit'lnirt ilor Tia^r. lM>, Woiko l \\\\\ <A\x jrlüiklioh vorwenJet hat. 



Lagarde und verbeck. Fr. Nietzsche'» Unzeitgemässe. 69 

Dogmen lässt es freilich sehr alt erscheinen : man sieht eigent- 
lich nichts als einen, durch seine Person ganz magisch wir- 
kenden Heilslehrer, der den Untergang des x6a|io; o5to; vor- 
aussagt , zu dem er seihst nicht als Richter , sondern als 
a(x)^(i)v der an ihn Glaubenden kommt. Nichts kann übrigens 
wehmüthiger sein, als die vollständige Einsamkeit, mit dei» er, 
nach Johannes, auch unter seinen Jüngern stand« ^ [20 V 73]. 
In dieselbe Kerbe schlugen die > Streit- und Friedens- 
schriften« von Franz OvERBECK, Nietzsche's Hausgenossen in 
Basel. Die > unerbittlich wahrhaftige Behandlung des Gegen- 
stands* in der Broschüre *über die Christlichkeit unsrer heuti- 
gen Theologie' machte auf Rohde meinen tief bestimmenden 
Eindruck <. Vor Allem fühlte er damit die allerlebhafteste 
Sympathie (wie er an Overbeck schreibt), »dass man endlich 
gerade heraus dagegen Protest erhebe, dass eine solche histo- 
rische (und ja nur quasihistorische) Betrachtungsweise . . . 
sich wie eine religiöse gebärde. Wo bliebe denn eigent- 
lich zuletzt ... ein Alles nach sich bestimmendes Lebens- 
princip , wenn nicht nur unsern *Bildungsphilistem' erlaubt 
sein soll, alles Edelste . . in eine kühle *objective' Ferne zu 
rücken (wo man dann von seiner Existenz wissen und dabei 
doch ruhig und in seinem eignen Lebensgefühl unberührt auf 
seinem Canapee sitzen bleiben kann), — wenn nun auch das 
Christenthum in Denjenigen, die es ganz wegzuwerfen den 
Muth nicht haben, in eine solche Distance der *wissenschaft- 
lichen' Betrachtung gerückt wird, ohne dass sein eigentlicher 
Lebensgehalt — den von einem Theologen so entschieden als 
einen asketischen bezeichnet zu sehn, wie ich ihn aus Schopen- 
hauer kannte, mich sehr erfreut hat — auf die Gesinnung 
des Betrachtenden irgend einen Einfluss zu gewinnen brauchte. 
'Kritik' und 'Historie' dort wie hier, und in den wichtigsten 
Dingen ein flaues Begnügen mit dem Wissen um die Meinungen 
anderer längst verstorbener Ehrenmänner, und mit einigen . . . 
•kritischen' Bestinmiungen darüber : als ob man von Scheide- 

* Vgl. Lagarde, deutsche Sehr. S. 70 ff. Wie nahe Nietzsche und 
Rohde, auch in allgemeinsten Fragen (Civilisation und Bildung S. 91, 
vgl. Rohde Kl. Sehr. I S. XXV f.), dem Göttinger »Propheten' stehn, mag hier 
nur kurz angedeutet werden ; in der »Nietzsche-Litteratur' pflegt man da- 
von nicht zu reden. V^gl. auch Cog, 47. 



70 Historie und Kritik. 

Wasser leben könnte ! . . . Hiergepjen auf christlichem Gebiete 
zu j)rotestiren , ist gewiss ebenso verdienstvoll , als auf dem 
Gebiete der sonstigen Bildungsphilisterei ... [<). 2 IX 73]. 
V^'Ulig unverkennbar ist bei all diesen Aeusserungen die 
Gleichheit der Gedankenstimmung zwischen Kohde und Nietz- 
sche. Die *l;nzeitgemässen Betrachtungen' hat Rohde, in 
stetem Briefwechsel mit dem Freunde, gera<lezu mit durchlebt*. 
Den tiefsten Eindruck hiuterliess ihm das zweite Stück *vom 
Nutzen und Nachtheil der Historie für das Leben.' ^ Spätere 
Zeiten meint er, werden es zu bewundern haben, mit wel- 
cher entschiedenen Klarheit, mitten im Fieber, die Symptome 
einer Krankheit erkannt sind, die man sonst wohl gar 
für das Roth der Gesundheit hält, und die unsrer ganzen Art 
ihr wesentliches , nie dagewesenes Gej)räge geben : eine all- 
mähliche F o r t s p ü 1 u n g a 11er N a i v i t ä t ^. Der inihi- 
gere Ton der Schrift sei zu i)reisen ; denn man habe hier 
mehr zu beklagen, als zu verurtheilen : ^ wir stehen alle selbst 
mitten in dem Uebel . Mit solchen Gedanken über Historie 
müsse ja eigentlich jeder rechte dassische und eigentlich auch 
jeder gi^rmanische Philolog '" von vornherein einverstanden sein, 
sie müssten ihm z. B. den unsinnigen Widersjn'uch aufdecken, 
der darin liegt, die classische Philologie zu einer *rein histo- 
rischen' Wissenschaft im modernsten Sinne zu degradiren — 
was sie ursj>rünglich gar nicht war und sein wollte — , und 

' Rohd»^ hat niclit nur die Druckbogen gelesen und eorrigirt, son- 
drrn auch sonst bis in's Einzelnste hinunter fragend und kritisirpnd 
sein.- Theilnahme bekundet. Vgl. E. Förster Bd. II S. 139. Coy. 47. 

- Rohde hat.Nielzsche'rt Schrift brietiich [24 III 74] sehr fein cha- 
raktmsirt und auch kritisirt. Die (redankenführung war ihm vielfach 
zu sprunghaft : Nietzsche überlasse es dem Leser mehr als billig, die 
Brücken zwischen seinen (ledanken und Sätzen zu linden, wie das auch 
Wagner fast in allen seinen Schriften (ausser im 'Dirigiren' und im 'Juden- 
thum' so gehe. Auch über das eigentlich Stilistisch»^ macht er feine Be- 
merkungen, so über das von N. zu weit getriebene Durchfugireu wirk- 
licher Bilderc, vgl. S. 73«. 

^ Ich erinnere mich eines l{esi)rä(.*hs mit Fk. Zarn(-KK (Anfang der 
achtziger .Tahre), in dem er die Berechtigung dieser (.ledauken unum- 
wunden anerkannte; ähnlich äusserte sich einmal mein alter Lehrer R. 
HiLDKiJHAxi). — DiTFrir'den mit Zarxcke wurde trotz seiner ablehnenden 
Haltung gegtjn die "(n-burt der Tragödie' bald wieder hergestellt. Noch 
bei seinem letzten Aufenthalt in Leii)zig war Nietzsche bei Zamcke; der 
Zufall hatte mich um dieselbe Zeit zu Z. geführt. 



Jakob Burckhardt. Historische Anschauung. 71 

doch ihr, in den Gymnasien, einen Vorzug vor andern *reinen' 
Historien einräumen zu wollen : wie man das , mit den selt- 
samsten Redensarten und vermöge eines Ueberrestes von In- 
stinkt, doch immer noch vei-theidigt . . .< 

Kohde selbst stand eben vor der Aufgabe, zu seinen phi- 
losophischen und künstlerischen Bedürfnissen die Forderungen 
rein geschichtlicher Arbeit und Betrachtung, die gerade sein 
Stoff unumgänglich erheischte, in's rechte Verhältnis zu setzen. 
Wie A. V. Gutschmid sein Meister gewesen war für das quel- 
lenkritische Handwerk, wurde damals Jakob Burckhardt 
sein Vorbild für die historische Kunst. Persönliche Be- 
ziehungen hatten sich durch Nietzsche angesponnen ^ : auf das 
Studium der kunsthistori^ch-ästhetischen Werke war intensivste 
Beschäftigung mit den geschichtlichen gefolgt. -Um deine 
Collegien bei Burckhardt ^ beneid ich Dich (heisst es auf einem 
Zettel an Nietzsche) : wenn es einen ganz specitisch historischen 
Geist giebt , so ist Er es. Es g i e b t eine Ai*t , die Dinge 
historisch zu sehn: und damit meine ich nicht jene tririale 
Professorenart , das geheimnisvolle Thun des Weltwillens . . . 
mit Approbirung hoher Behörden auslegen zu wollen, als wäre 
die Menschengeschichte ein Cursus von Sexta bis Prima. Grade 
die Kunst, keinen * Grundgedanken' hinein zu dociren, aber, 
in Anschauungen denkend, das AV^esen und Thun ver- 
gangener Zeiten so zu erkennen, wie sie damals lebten und 
sich bewegten, das ist die hohe Kunst des Historikers«^. Und 
ein paar Jahre später [N. 24 III 74]: Begierig bin ich, 
Burckhardts Worte [über die zweite Unzeitgemässe] näher 

* Schon bei dem Aut'entlialt in Basel Frühjahr 1870 war er »mit dem 
geistvollen Jakob Burckhardt, zusammen in Muttens« [M. 9 VI 76]. In 
jugendlicher Lust am Symbolischen stellte N. dann 1871 zwischen seinen 
Bekannten durch jenen Act gemeinsamer Libation, von dem E. Förster-N. 
(II 68) erzählt, eine Art telepathischen Zusammenhangs her; so lässt R. 
Burckhardt grüssen als einen der ouvÖaijjiovi^ovTsg und erkundigt sich 
wiederholt in seinen Brieten (besonders seit 1872) nach seinem Ergehn, 
seinen Ansichten und Absichten [vgl. N. 27 IX 72. 24 III 74J. 

■"* Es war die Vorlesung über das Studium der Geschichte, tlie in 
manchen Gedankengängen, besonders der zweiten 'Unzeitgemässen', nach- 
klingen wird. Vgl. Carl Neumann, Deutsche Rundschau 1898, S. 882 f 

'' Das ist ungefähr dasselbe, was Neumann (Hist. Zeitschr. XLIX 
S. 449) •historisches Leben in bildlicher Folge' genannt und aus der 'illu- 
sionären Kraft der anschaulichen Schilderung' bei Burckhardt abgeleitet hat. 



72 Gottfried Keller. 

kennen zu lernen^; er bleibt ein unvergleichlicher Kopf, dem 
es nur an Stärke der Hoffnung und, vielleicht muss man leider 
so sagen, an Fähigkeit einer lebenernähi'enden Illusion gefehlt 
hat in jüngeren Jahren. Wie treffend hier eine Eigenthüm- 
lichkeit in Burckhardts geistiger Organisation bezeichnet ist, 
die man je nach seinem Standpunkt als Mangel oder Vorzug 
ansehn wird, können wir erst jetzt recht enuessen , seitdem 
wir seine ^griechische Kulturgeschichte' kennen gelernt haben. 
Auch für seine schriftstellerische Kunst fand Rohde 
damals — als ob alle grossen neuen Eindrücke aus der Schweiz 
kommen sollten — einen neuen Ijehrmeister in Gottfried 
Keller*. Schon 1871 tauchen Anspielungen an die *Leute 
von Seldwyl' in den Briefen auf, vor Allem an die Lieblings- 
novelle R. Wagner's^, die *drei gerechten Kammacher*. Wer 
mit gleicher Empfänglichkeit den grossen italiänischen Novel- 
listen, wie Jean Paul* gelauscht hatte, der musste allerdings 
an diesem neuen und höhern Stil seine helle Freude haben. 
In den Osterferien 1873 bekennt Rohde, er habe >etwa acht 
Tage über dem grünen Heinrich verdännnert- [R.]; kurz dar- 
auf ging er auf Kellers Spuren in Zürich und hat mit ihm 
w^ohl auch eine flüchtige pers(inliche Begegnung gehabt. Man 
meint etwas von der „ confessionellen Herbigkeif^ des alten 
grünen Heinrich zu schmecken, wenn man die Aufzeichnungen 
und Briefe Rohde's aus diesen Jahren liesst - - grüblerische 
Selbstbekenntnisse, durchaus unmittelbar und persönlich, aber 

^ Sie Hind abgedruckt bei E. Förster-N. II S. 142. Bei den Worten 
„Vor Allem ist mein armer Kopf** ii. s. w. wird man einen leisen An- 
klanjx von Ironie nicht verkennen. Wenn Burckhardt aber als Ziel sei- 
ner historischen Lehrthätij^keit bezeichnet, den Wunsch und die üeber- 
zeuguncr zvi wecken, 'man könne und dürfe sich dasjenicre Vergangene, 
welches Jedem individuell zusagt, selbständig? zu eigen machen, und es 
könne hierin etwjus Beglückendes liegen' : so schreibt er aus derselben 
Tonart, wie seine jungen Oollegen Nietzsche und Rohde. 

- Frühere Aufzeichnungen erinnern gelegentlich an die Manier Lks- 
SiNGs s. oben S. 26. 

=^ Vgl. J. Baechtold, (1. Keller's Leben II S. 808. Ein Beleg oben S. 51*. 

* Kohde gehört zu den Wenigen, denen es in unsern Tagen gelang, 
zu Jean Paul in ein wirkliches Verhältnis zu kommen. Den Titan schätzte 
er sehr (vgl. z. B. Cotj. Nr. 46), aber auch Wendungen und Gestalt^in 
aus dem Hesperus und dem Siebenkäs tauchen unwillkürlich beim Schrei- 
ben vor ihm auf. Vgl. auch unten Kap. X. 



Ausbildung des Prosastils. 73 

mit volleren und zugleich reineren Lauten, als früher. Auch 
in der wissenschaftlichen Prosa Rohde's stellen sich verwandte 
Züge ein. Manche Abschnitte des Buches über den Roman 
haben eine Fülle und Süsse des Ausdrucks, einen ruhig da- 
hinströmenden Wohllaut des Satzbaus, bei dem man sich wohl 
au das Vorbild des grossen Schweizer Stilkünstlers erinnert 
fühlen mag, dem auch Nietzsche begeistert huldigtet Wie 
ernsthaft Rohde damals bemüht war, *das edelste Instrument, 
die menschliche Rede<^ wahrhaft kunstgemäss behandeln zu 
lernen , zeigen mancherlei theoretische Betrachtungen über 
Schriftstellertechnik und Stil in gleichzeitigen Aufzeichnungen; 
vor Allem mit der Wirkung und Bedeutung des bildlichen 
Ausdrucks hat er sich wiederholt beschäftigt^. 

' Vgl. *Der Wanderer' 109 = Werke III S. 257. 

- Vgl. Coff. 40. >ün8re Sprache hat sich von der richtigen Bild- 
lichkeit, die ursprünglich in jedem Worte der Sprache liegt . . ., 
»ehr weit entfernt. Ich empfinde es oft an eigner Schreiberei, wie gi*au, 
abstract, bildlos unsre Sprach- und Ausdrucksweise geworden ist. Viel- 
leicht durcli Schuld des Ueberwiegens der wissenschaftlichen Prosa, auch 
namentlich der Schleiermacherei und Hegelei. So bezeichnen wir unsre 
Meinungen vielleicht wirklich eigentlicher und näher, als eine jugend- 
liche Zeit: aber es fehlt das liebliche Mitspielen so vieler, durch bild- 
liche Wörter mit angedeuteten Vorstellungen. Diese Dürre empfindet 
man peinlich, und sucht ihr leicht aufzuhelfen durch einen absichtlich 
bildlichen Ausdruck: absichtlich nicht, weil er Einem nicht etwa ohne 
Weiteres und instinctiv sich aufdrängte, sondern weil man das Bildliche 
dabei doch immer empfindet und festhält und daher eben leicht zu weit 
ausmalt und zu lange festliält< [N. 24 III 74]. 



74 



V. 

Das Bnch über den griechischen Roman nnd 

Verwandtes. 

Schon in den ersten Kieler Semestern hatte Rohde die 
hesten Stunden seinem *R<mnnr gewidmet. Aber ei*st im 
Spätjalir 1878 kamen die Masst^n recht in Fluss ; im Novem- 
ber konnte er Ki))beck, mit dem er unvergessliche Herbsttage 
in Heidelberg verlebt nnd der schinien Sonne frcnossen hatte, 
um die Annahme der Widmung bitten. Ein kaltes Bewusst- 
sein über die wirkliche unbehafjliche Lage der Dinge nähi'te 
ihm die dauernd gelassc^ne Stinnnnng und einen leidlich ge- 
fassten, nicht ewig auf- und abschwankenden Muth ; bei der 
Wittwe seines unerwartet gestorbenen (.'ollegen TsiNCiER (iu 
deren Wohnung (»r zunächst mit der stillen Absicht g<'zogen 
war, ihr damit finanziell zu helfen) fand er ein Junggesellen- 
heim so vortrefHich, wie ein Junggeselle wohl überhaupt wn>h- 
nen kann . So stellte sich endlich die rechte Freude an der 
schriftstellerischen Arbeit ein, wozu er nu'hr als Andre ein 
ganz ungestcirtes Kinsj)innen in Kinen Vorstellungskreis nöthig 
hatte [K.]. Den mit Kibbeck lebhaft besprochenen Plan, sich 
für die nächsten Semester Urlaub geben zu lassen, um alle 
Störung fern zu halten, nmsste er freilich aufgeben; der eine 
philologische Lehrstuhl war eben unbesetzt und vor dem Ein- 
treti'en I^ühhekts hielt es Eohde für unzweckmässig, als Lehrer 
zu streiken. Im Sommersemester LS74 tauchte er dann gänz- 
lich in die Tiefe der wunderlichsten Romanmeere hinunter 
und erfreute sich an dem tolhai Wesen drunten unter den 
Larven und sonstigen Schillerschen Klii)pentischen . XiETZSCHE 



Schriftßtellerarbeit am Roman. Briefe an Nietzsche. 75 

versuchte ihn damals an die Oberwelt emporzuführen und zu 
öffentlichen Aeusserungen über seine ganze Denkweise < zu 
veranlassen. Rohde lehnte das rund ab; er müsse sich das 
versparen auf eine viel spätere Zeit: >Ich bin ein «sehr lang- 
sam reifendes Wesen, das seine Ringe sehr allmählich ansetzt. 
Vor der Hand fühl ich mich wirklich nicht gereift genug, um 
über Allgemeines öffentlich zu reden, sondern ich bedarf des 
Stammes eines besondern Gegenstandes, an dem ich mich auf- 
ranke < [X. 17 VI 74]. So fühlte er sich später innerlich ge- 
nöthigt, sich auch von der Zusage, an den Bayreuther Blättern 
mitzuarbeiten , wieder entbinden zu lassen. In seinen Auf- 
zeichnungen freilich wie im Briefwechsel vertieft er sich — 
mitten in der Kleinarbeit an seinem Buch, als wollte er sich 
die Glieder recken — in die fernen Räthsel, die die Freunde 
beschäftigten. In einem scheinen Briefe an Nietzsche [13 XII 
74] spinnt er die Grundgedanken der dritten Unzeitgemässen 
weiter; besonders die griechische Oultur in ihrer besten Zeit 
scheine, nach Nietzsche's Forderung, als Spitze und Zweck 
die Zeugung und Emporhebung des Genius, *in unbewusstem 
selbst genialem Trieb, sogar mit Härte und Grausamkeit^ er- 
strebt zu haben [s. Coff. 76]. Mit diesem Gedanken verschlingen 
sich Betrachtungen über die Sklaverei, angeregt durch den letz- 
ten Abschnitt von Overbecks Studien zur Geschichte der alten 
Kirche, den R. fast mit defiiselben Gefühl wie einst die *Kirch- 
lichkeit' gelesen zu haben bekennt. Seit der Abschaffung der 
Sklaverei sei es mit dem obersten Ziel der griechischen Cultur, 
dem Suvaad-a: ayoXi'^tiy xaAw?, vorbei, >und mit den vielen 
Härten, die dieses, in seiner Ausführung . . mannigfach ent- 
stellte Princip zur Vorbedingung hat, sind doch jedenfalls auch 
seine edelsten Früchte seitdem abgefallen, und nie wieder zu 
erzeugen. Seine Gedanken glitten bei der > heroischen Musik 'c 
Nietzsches doch wieder zurück in die gewohnten Bahnen des 
Gelehrthenthums : > davon ... ist schwer wieder los zu kom- 
men; denn es liegt ein gar zu grosser Reiz in solcher beschau- 
lichen Umschau. 

In der That war es ein Zug, der den Historiker und 
Philologen vom Philosophen scheidet und dem Künstler näher 
rückt: der Drang zum Schauen des individuellsten Lebens mit 



76 Ferienreise. Besuch in Basel. Franz verbeck. 

den feinsten und kleinsten Zügen — der Rohde bei seiner 
Arbeit leitete und für die Sonderart seines Buches bestimmend 
war. Sein AVeg führte ihn dabei vielfach auf Gebiete, von 
denen bislang kaum eine summarische Aufnahme, geschweige 
denn ein ausgeführtes Bild existirte. An solchen Abschnitten 
— besonders im zweiten Buch — fühlte er sich gedrungen, 
monatelang im Einzelnen herum zu subtilisii'en * ; all diese 
vergessenen Fabulisten und Utopisten beanspruchten ihr Recht 
als lebendige Persönlichkeiten, und auch die bunten Märchen, 
die sie erzählen, lockten Rohde immer wieder, wie jener Wunder- 
vogel, von der Strasse weg in die blaue Ferne. So vertröstete 
Rohde sich auf die Ferien, wo er endlich das Ganze organi- 
siren und zu dem überreiclien Inhalt (wie er mit einem An- 
tlug alten Humors schreibt) den schönen Stil-< linden werde 
[R. 25 VII 74]. 

Seine Ferienreise führte ilni durch ein gutes Stück >Deutsch- 
lands und der angrenzenden Proviinzen^, zu seinen Wiener 
Verwandten nach Kalksburg in der sehr anmuthigen Wiener 
Waldgegend , zu RlBBECK in Gastein, und schliesslich ans 
Ziel seiner Sehnsucht, nach Basel: seine Arbeit, an der er 
in aller Harmlosigkeit weiterbosselte -, begleitete ihn überall, 
so dass der languor einer vollständigen J]rholung8existenz< 
nicht eintreten konnte. In Basel genoss er, im Verkehr mit 
Nietzschp:, Overbeck, Romuxdt, auch Bürckiiardt, >eine 
kurze Zeit volleren Lebens nach der akademischen Oede«^; es 
schien ihm, als ob man dort mitten im Strom der ^Jetztzeit' 
auf einer kleinen Insel lel)e . Als schönsten Gewinn naiun er 
das Bewusstsein mit, aucli in Overbeck einen wirklichen Freund 
gefunden zu haben. Ich ha))e Eure Existenz in der Nähe 
gesehen, auch die vielfachen \"erschiedenheiten in unsern Na- 
turen wohl und bestimmt emj)funden, und nur um so bestimm- 
ter gefühlt, wie mächtig, bei alledem, eine gründliche Gemein- 
samkeit des Emj)rtndens, AV^.)llens und AVünschens uns zu jener 
Symi)athie verbindet, die allein . . . eine Gruppe von Men- 
schen, mitten in der unverständlichen Andersartigkeit der 
Uebrigen, zur Freundschaft verbinden kann< [X. 13 X 74]. 

Mit frischer Stimmung kehrte er nach einer herbstlich 
verschleierten, z. Th. sehr schönen Rheinfahrt ■ in die Heimath 



Aussichten nach Dorpat. 77 

zurück, und noch in Hamburg ergrifi' ihn der (ileist , dass er 
das schwierige zweite Buch so ziemlich abrundete. In Kiel 
begann dann die Ausarbeitung des dritten Abschnitts; wäh- 
rend der Nebelmonate des beginnenden Wintersemesters fühlte 
er sich An seinen Roman eingehüllt, wie in eine goldne Wolke«. 
Als »Stimmungshebel' rühmt er — der wie jener Auch Einer 
Fr. Vischers durch kleine Verdriesslichkeiten schwer verstimmt 
werden konnte — immer wieder dankbar die grosse Behag- 
lichkeit seiner neuen Wohnung, lässt aber mehr als einmal, 
durchblicken, dass ihn im Innersten ganz andre Wünsche und 
Hoflnungen bewegen, deren er nur mit einem gewissen dega- 
girten Humor Herr zu werden vermag ^ Auch bleiben, bei 
der äussersten Anspannung, gelegentliche Rückschläge nicht 
aus; er verliere das Gefühl nicht, schreibt er einmal, dass man 
mit solchen Beschäftigungen eigentlich nur dem qualvollen 
Bewusstsein enttliehen will, dass man im wirklichen Sinne des 
Wortes gar nicht lebt. Doch bin ich zufrieden, wenn und 
solange dieses Enttliehen mir eben gelingt^ [R. 25 XI 74]. 

Aber mehr und mehr verschwanden auch diese letzten 
Wolken von seinem innern Horizont, zumal sich mancherlei 
Zeichen einstellten , die ihm bewiesen , dass er die Lage zu 
schwarz angesehn hatte, und dass in deutschen akademischen 
Kreisen der *Bildungsphilister' doch nicht allmächtig war. 
Die schönen, wahrhaft weisen (nicht nur klugen ) Worte 
Friedrich Ritschls^, die in der Nietzschebiographie II 66 
zu lesen sind, thaten auch bei ihm in der Stille ihre Wirkung. 
Und er brauchte nicht einmal zu warten, bis *das Buch' er- 
schienen sei (worauf ihn Ribbeck vertröstet), um sich zu über- 
zeugen, dass er vüber die Machtsphäre von Peter Wilhelm 
[Forchhammer] hinauswachse*. Im Frühjahr 1875 kam eine 

* Unter diesen Umständen — quae cum ita «int — sehe ich gierig 
nach der Millionenbraut aus, die mir wohlpräparirt ins Maul fliegen 
und mich unabhängig machen soll. Aber bald zeigt sich die Braut, bald 
die Million, aber nie beide zusammen. 'Wie selten ist es, dass die Men- 
schen finden, was ihnen doch bestimmt gewesen schien'« [R. 26 V 74]. 
Aehnlich, nur mit noch viel derberem Humor, an Nietzsche 17 VI 74. 
Sehr charakteristisch ist der Schluss eines Briefes 13 XII 74, [der ganz 
oflfenV)ar xax' dvTi,ppaatv aufzufassen ist. Dass das Alles nur Maske ist, 
bestätigt vor Allem ein Brief an N. 27 II 75. 

" Vgl Rohde an Nietzsche 9 I 72, oben S. 56». 



78 Abschluas der Arbeit. Bayreuth. 

Anfrage von Dorpat (aus der Feder Rühls), ob er geneigt 
sei, einem Kuf dorthin zu folgen. Er sagte zu, unter bestimm- 
ten Bedingungen, wie dem sofortigen Eintritt in*s Ordinariat, 
nahm die Sache aber sehr gemüthlich- und wartete mit voll- 
kommenem Gleichmuth ab, was komme. Aus Deutschland 
fort, von seinen Freunden fort in eine unerreichbare Einöde 
zu gehn schien ihm doch ein schweres Opfer, wenn er auch 
aus Kiel ohne einen Seufzer scheiden zu können' gesteht [R.]. 
Als sich die Sache schliesslich zerschlug und HöRSCHELMANN 
berufen wurde, liess sich Rohde das wenig anfechten; dass 
Hörschelmann es billiger thun und deshalb gewählt werden 
würde, hatte er selbst vermuthet, ohne sonderlich unglücklich 
bei dem Gedanken zu sein — die Art freilich, wie die Sache 
sich entschied, gab ihm Anlass zu einer leichten Verstimmung, 
zumal er eine zweite Chance, die sich ihm l)ot (Graz), darüber 
verloren hatte. Seine Arbeit ging bei diesen, nui' die Ober- 
fläche berührenden Erregungen ruhig fort. Im August 1875 
konnte er das Richtfest feiern (wenn auch im Einzelnen noch 
Manches auszubauen und zu »pblirenc war) und erleichterten 
Herzens nach Bayreuth ziehn, um dort die Proben mitzu- 
machen ; von dem gewaltigen Eindruck des AVerkes (besonders 
des Siegfried) erzählen seine Briefe und Tagebuchblätter. Aber 
schon während der Arl)eit an den letzten Abschnitten hatten 
seine Gedanken sich oft genug in der Wunderwelt der Nibe- 
lungen Schwung und Wärme geholt ; es klingt wie ein Dank an 
ihren Schöpfer, wenn Rohde die Betrachtungen über antikes 
und modernes Naturgefühl gegen Ende seines Buches aus- 
klingen lässt in die AVorte Siegfrieds von der seligen Oede auf 
sonniger Höh'^ 



Rohde's erstes Buch ist, wissenschaftlich und künstlerisch, 

* Vgl. S. 511 = Siegfried Act III JSc. 1. — So feinsinnig Roiide's Betrach- 
tungen sind lind so völlig sie dtM- Stimmung des gebildeten Griechen der 
Hellenistenztfit entsprechen mögen, scheinen sie mir doch dem ältesten 
Griechenthum nicht ganz, gerecht zu werden. Ein Volk, das die Gestalten 
des Pan und der Musen geschaifen hat, empfand gewiss nicht nur den 
Schauer, sondern auch den Zauber der Bergeinsamkeit. Man suche nur 
das Proömium der Theogouie und die Pan-Legendeu wirklich nachzufühlen. 



Aufgabe und Anlage des BucheB. Geschichtliche Haltung. 79 

ein Meisterwerk in einem, auf dem Gebiet der alten Philo- 
logie so gut wie neuem Stil. So tief waren für einen litterar- 
geschichtlicben Bau die Fundamente wohl noch nie gegraben, 
so sinnvoll und zugleich übersichtlich noch nie der Grundplan 
angelegt. Man konnte Ausdrücke eines halben Bedauerns 
hören , dass Rohde solche Kunst an so geringwerthige Pro- 
ducte verschwendet habe, wie diese Romane nun einmal sind : 
war es nicht eine Art Ironie des Schicksals, dass der jugend- 
liche hero-worshipper sich mit einer Litteraturgattung befasste, 
in der höchstens Mittelmässigkeiten, > Individuen, die nur als 
Gattungswesen Bedeutung haben«, zu Worte kommen? Auch 
Nietzsche hat so empfunden [N. 28 VIII 75] ^ Aber sieht 
man schärfer hin, so steckt in der Art, wie die spröde Auf- 
gabe gelöst ist , der ganze Rohde , in freier Bethätigung 
seiner tiefsten Kräfte und Ueberzeugungen. Es ist nicht Will- 
küi*, wenn Rohde sich so lange bei den * Vorläufern' aufhält. 
In breitestem Umfang wird der Nachweis geführt, dass von 
ihnen Alles herstammt, was in jener Epigonenkunst noch lebt, 
dass hier wirklich — nach dem von Rohde adoptirten Bilde 
Karl August's — oft »ein Tropfen Rosenöl genügt hat, um 
ganze Eimer von Existenzen zu begeistern <^. Dieser Nachweis 
ist nur möghch durch eine bis in die letzten Gründe hinab- 
leuchtende rein geschichtliche Betrachtung, bei der die Poesie 
der Alexandriner endlich einmal, ohne classicistische Brille, 
in ihrem eignen Licht angeschaut und dargestellt wird. Rohde 
ist bei der Arbeit an seinem griechischen Roman Historiker 
geworden. Die Consequenzen dieser Wandlung hat er freilich 
erst in der Stille seiner Tübinger Lehrthätigkeit ziehn können. 
Die Grundstimmung, gewissermassen die Seele des grie- 
chischen Romans — dieser letzten und schwächsten Schöpfung 
des antiken Hellenenthums — ist eine matte, idealistisch-sen- 
timentale Erotik; wie diese, uns durchaus unmännlich und 
ungriechisch anmuthende Stimmung in der klassischen Zeit 
nur schüchtern anklingt, aber schon bei den tonangebenden 
hellenistischen Poeten zu einem wahren Triumph der Empfind- 
samkeit anschwillt und weiter in der Poesie der Römer und 

^ Zuerst auch Ribbkck. 1877 meinte er einmal, mit einem seiner 
culinarischen Bilder, die Sauce sei eigentlich zu fein für das zähe Fleiacli. 



80 Erotik un<l Utopien. Rhetorik. Chariten. 

dem Denken und Dichtern si)ätgriefhi8cber Litteraten ein viel- 
faches Echo ündct*: das wird in dem, zahllose Einzelbeobach- 
timgen zu einem hannonischen Ganzen vereinigenden Eingangs- 
theile so anmuthig und anschaulich dargelegt, dass der Leser 
die spröde Mosjiiktechnik des Gemäldes völlig vergisst. Der 
massive Leil), worin dies zarte Seelchen einer subtilen Erotik 
zu hausen ])Hegt, sind alli»rlei wundersame Abenteuer zu Was- 
ser und zu Lande, in denen sich das Liebespaar zu bewähren 
hat. Das ^iebt Rohde Anlass zu einer, an überraschenden 
Ausblicken reichen Geschichte der geographischen Phantasieen 
und Märchen, von der Odyssee bis zu den spätesten Wunder- 
schriftstellern. Schulung und Dressur erhält das sonderbare 
Zwittergescliöpf durcli die Rhetorik und Sophistik. Die lebens- 
volle Schilderung dieser Bestrebungen hat einer sachgemässen 
Würdigung nicht nur der griechischen Romane, sondern der 
spätantiken Litteratur überhaupt die AVege geebnet; dem ge- 
niessenden Leser bietet sie ein unübertroffenes Culturbild aus 
dem wunderlichen Stillh'ben des alternden Griechenthums. Im 
Schlussal)schnitt, der Analyse der einzelnen sophistischen Lie- 
besromane, macht Rohde die Prol)e auf dies elegant gelöste 
Exempel einer aufs Typische gerichteten geschichtlichen Al- 
gebra und versucht, neben der durchaus überwiegenden con- 
ventionellen Technik der Gattung die spärlichen Züge einer 
individuellen Art und Kunst ans Licht zu stellen. Neuere 
Funde haben hier einzelne Jjinien verschoben. So hat uns 
ein Papyrus aus Oxyrhynchos (spätestens aus den ersten Jahr- 
zehnten des 3. Jahrhunderts n. Chr.) gelehrt, dass wir Chari- 
ton (wie schon W. ScHMin vermuthet hatte) viel früher anzu- 
setzen luiben, als Rohde getlian hat (Fayum towns und their 
pa])yri l)y B, P. (Trenfell and A, S. Hunt u. s. w., S. 75)*. Be- 

* Es uiürtäte noch einmal jxrüiuUicb untersucht werden, wie weit selbst 
die galante Poesie des gerinanisch-roninnisohen Mittelalter» mit jenen 
Hellenisten zusaninienliängt. Für das heimliche Weiterwirken griechi- 
scher Komanfabulistik^ ist schon von liohde (Rom. S. 572), und neuer- 
dings von E. Klehs Mancherlei beicrebracht worden. Auch die höfische 
Lvrik ist nicht frei von byzantinischen, weiterhin helleuistischeu Ein- 
Müssen, vpfl. die Commentationes Ribbeckianae S. 14 tt*. 

- Nabek (Mnemosyne 1901, S. 144) glaubt, dass die Textform des 
Piipvrus nicht die ursijrüngliche sei, also schon eine längere Textge- 



Geschichtlicher Hintergrund. Vergleichende Litteraturgeschichte. 81 

(leutsaiu ist es, dass dies, von Rohde in seinem geschichtlichen 
Werthe unterschätzte Werk den entschiedenen Versuch macht, 
hinter den schwankenden Gestalten seiner Fabel einen be- 
stimmten geschichtlichen Hintergrund festzulegen. So reicht 
es dem auch im Schema verwandten Ninos-Roman Wilcken's 
und ähnlichen Stücken die Hand und fordert dazu auf, dem 
Verhältnis des Liebesromans zum historischen Volksbuch und 
zur Geschichtschreibung weiter nachzugehn. Es gilt hier doch 
wohl noch eine führende Persönlichkeit zu entdecken, die den 
von Rohde nachgewiesenen Typus zum ersten Mal geprägt 
hat^ Rohde hätte sich diesen Aufgaben gewiss nicht ent- 
zogen, wenn er die zweite Auflage seines Buches hätte veran- 
stalten können. Für die Revision der Personalakten des Cha- 
riton, den er ursprünglich zu einer allegorischen Figur ver- 
flüchtigt hatte, war er schon 1894 im Rheinischen Museum 
eingetreten. 

Im l-ebrigen sind gerade diese einen scheinbar sterilen 
Stoß' — den Gang und Inhalt der einzelnen Erzählungen — 
behandelnden Schlussabschnitte reich an fruchtbaren Einzel- 
ergebnissen: sie fördern eine Fülle von Beiträgen zur ver- 
gleichenden Novellen- und Märchen forschung an den Tag. 
Erstaunlich ist der Umfang, in dem hier, und auch in den 
früheren Abschnitten, die orientalischen und modernen Litte- 
raturerzeugnisse herangezogen sind. Sieht man ab von ge- 
legentlichen Ansätzen bei Männern, wie AVelcker oder H. 
Usener, war Rohde unter den Zünftigen so ziemlich der erste, 
der — so fest er von der besondem Stellung des Hellenen- 
thums überzeugt war — die chinesische Mauer niederriss und 
die Antike als kostbarstes Glied, aber doch nur als ein Glied 
der AV e 1 1 1 i 1 1 e r a t u r zu betrachten lehrte. So hat Rohde 
in gewissem Sinne der antiken Litteratui* gegenüber jene uni- 
versalgeschichtliche Betrachtung angebahnt, die sein (von ihm 

schichte voraussetze. Darauf hin meint er bis in die Zeiten Trajans zu- 
rückgehn zu dürfen; von einem Zeitgenossen des Kaisers habe jener von 
Rohde (Rh. Mus. XLVIII 140 = Rom.'' 520) herangezogene Chariton den 
Namen Ulpius. Mehr als eine Möglichkeit ist auch Das nicht. Meinen 
Antheil an der Entzifferung des Romanfragment« hat Naber übrigens 
viel zu hoch ahgenchlagen. 

^ Vgl. U. WiLCKEN im Archiv f. Papyrusforschung I. 

CrusiuBf £. Bohde. 6 



82 Historischer Standpunkt. Charakter der Darstellung. 

später hart befehdeter) Landsmann E. Meyer bald darauf 
auf dem Gebiet der allgemeinen Geschichte proclamiert hat. 
Um 80 fester hat er seine eigentliche Aufgabe abzugränzen 
sich bemüht ; die *fünf Vorträge', in denen später E. Schwarz 
nicht sowohl den Roman, als das Romanhafte in der alten 
Litteratur darzustellen versuchte, waren als Ganzes nicht nach 
seinem Herzen (Kl. Sehr. II S. 8 ff.). 

All diese, vornehmlich *in den Anmerkungen munkehide« 
philologische Gelehrsamkeit ist aber nur Mittel zum Zweck. Der 
berufene Historiker verräth sich in der Sicherheit, mit der die 
Einzelheiten nach ihrem Werthverhältniss und ihren Zusam- 
menhängen geordnet werden; der Feinfühligkeit, die den in- 
timsten psychologischen Vorgängen nachtastet; dem hellen 
Künstlerblick, der den geschilderten Culturrichtungen und 
Epochen das Charakteristische abzusehn weiss. Oft fühlt man 
sich leise an die Art Jakob Bürckhardts erinnert, in dem 
wir einen der wissenschaftlichen Erzieher Rohdes kennen ge- 
lernt habend Die Kunst der Selbstentäusserung dem histo- 
rischen Stoff gegenüber (deren eine starke Persönlichkeit am 
dringendsten bedarf) hat der Jüngere nach schwerem Ringen 
endlich wohl noch be^iisster und consequenter zu üben ver- 
standen, als der Aeltere, der doch darin sein Meister ge- 
wesen war. 

Bei dem auf den ersten Blick wenig verlockenden Stoffe 
wagte sich Rohde, in unsrer Zeit, als Leser nicht nur Fach- 
leute zu denken, sondern vor Allem unzünftige Freunde des 
Alterthums, dergleichen ja doch wohl, trotz der verheerend 
um sich fressenden ^allgemeinen Bildung' in deutschen Landen 
hin und wieder noch manche wohnen mögen '^. Er durfte das, 
denn es war ihm gelungen, die spröden Elemente in eine bild- 
same Masse zusaumienzuschmelzen und zu einem wahrhaften 
Kunstwerk umzuformen. Was ihn dazu befähigte, war nicht 
allein seine reiche, bewusst durchgebildete schriftstellerische 

^ Zahlreiche Stellen wenden sicli an Bürckhardts Bücher über das 
Zeitalter Constantins und die Kultur der Renaissance. Wenn sich Rohde 
die /Erforscher culturhiatorischer Gebiete« als Leser wünschte (in der 
Von-ede), so dachte er an BriiCKHARDT, wie die Briefe zeigen (z. B. das 
erste Schreiben, das er von Jena aus an Nietzsche richtete). 



Vortrag über die griechische Novelle. 83 

Begabung^ Nach seinen eignen Andeutungen hat dies Werk 
ihm denselben Dienst erwiesen, wie Andern ihre Dichtung. 
Nicht nur, dass es ihn in schweren Stunden hinüberrettete 
auf ein allem Tageslärm entrücktes Gebiet unpersönlichen 
Interesses*: Manches, was gerade in jenen Jahren sein ver- 
schwiegenes Herz bewegte, konnte er bei der Arbeit aus sich 
heraus setzen und beseelend hinüberströmen lassen in den ge- 
schichtlichen Stoff, vor allem jener Abschnitte, wo er >die 
Eine Leidenschaft« in ihren litterarischen Wirkungen verfolgt, 
>die auch in einer ganz zersplitterten Zeit den Einzelnen — 
in der Wirklichkeit oder selbst nur in einer jugendlichen Wal- 
lung seiner Phantasie — wenigstens einmal im grauen Nebel 
seines Lebens die sonnige Poesie eines kurzen Frühlingstages 
empfinden lässt< (S. 72). Li der That, während Rohde an 
seinem Buche über den Roman schrieb, war er selbst, fast 
wider Willen, der Held eines abenteuerlichen, mit einer her- 
ben Dissonanz schliessenden Romans geworden. Es wäre nicht 
im Sinne Rohde's, wollten wir den Schleier von diesen per- 
sönlichen Erfahrungen herunterzerren. Es mag uns genügen, 
zu wissen, dass die, den geschichtlichen Text wie eine weiche, 
dunkle Melodie begleitende und belebende Stimmung aus 
ganz persönlichem Empfinden entsprungen ist. 

Ein auf den ersten Blättern angekündigter Anhang über 
die griechischen Novellen und Verwandtes wurde während des 
Druckes zurückgezogen. Rohde war zu der Einsicht gelangt, 
dass der wichtige Stoff (auf den er in Einzelbeiträgen noch 
wiederholt zurückgekommen ist) eine einlässlichere Behandlung 
erfordere. Seine Hauptergebnisse fasste er vorläufig zu einer 

^ S. oben S. 72 f.; eine Selbstkritik . Kap. IX a. E., S. 139*. 

* ». . . ich habe zum Glück noch die Kraft, mich in guten Stunden 
in allgemeinerer Betrachtung aufzuschwingen; und darin Hegt doch die 
einzige Panacee gegen die Kargheit des Schicksals, das den lebhaften 
Wünschen mit so ärmlicher Erfüllung entgegenkommt . . . Mein *Roman' 
ist in ununterbrochenem Flusse, so langsam es auch vorwärts geht bei 
einer Arbeit aus lauter Bruchstücken, an der man doch die Mühe nicht 
allzustark merken solU [N. 23 XII 73]. Pointirter sagt er später einmal : 
>So herbe Erfahrungen wie die meinigen treiben alle Glückshoffnung 
mehr in das Land . . der blossen Vorstellung hinüber. Ich glaube, 
dass nur auf diesem Wege eigentliche Dichter entstehen« {Cog. 31 I 76). 

6* 



S4 Märchenkunde. Aufnahme des 'Romans*. 

anmuthigeii Skizze zusammen: dem Vortrag, den er 1876 auf 
der Philologenveraaniralung in Robtock (der Heimath seiner 
Frau) gehalten hat; Ernst v. Leutsch, einer der Senioren der 
Versammhing, zeigte dahei durch einige recht ämiliche Bemer- 
kungen lediglich, wie fern ihm und Seinesgleichen diese Dinge 
lagen. — Noch Reinhold Kühler, einer der vortrefflichsten 
Kenner auf diesem Gebiet, steht in seinem bekannten Aufsatz 
in den ^ Weimarischon Beiträgen" (Weimar, 1865 S. 181 flF.) 
ganz und gar unter dom Eintluss der BENFEYschen Ansichten 
über die Alles beherrschende Stellung Indiens. Von seiner 
engern Aufgabe abgesehn , leitet Rohde's Ai'beit die seither 
schrittweis inuner mehr Feld gewinnende Gegenbewegung ein ; 
an ihn und an B. Erdmannsdörffer« (bei Rohde zu kurz ab- 
gefertigte) geistvolle Skizze knü])ften vor einem Vierteljahr- 
hundert ^ die Studien des Verfassers über die griechischen No- 
vellen und Märchen an, die ihm die Berechtigung von Rohde's 
Ansichten von Tag zu Tag bestätigten -. Der zweiten AuÜage 
des ^Romans' ist d(»r ^^)rtrag, der ursprünglichen Absicht ent- 
s])rechen(l, beigegeben worden. 



Rolide hatte, im besten Sinne, Zukunftsphilologie ge- 
trieben. Sein Werk ti*at unter die hmdläutigen philologischen 
Bücher wie ein vornehmer Fremder von überlegener Welt- 
bilduug unter die betriebsamen Philister einer kleinen Stadt. 
Bezeichnend dafür ist die Stellungnahme der litterarischen 
Kritik. Fr. Zarnckes litterarisches Centralblatt brachte 
eine svmpathisclio Besprechung aus der Feder eines Archäo- 
logen, O. Bexndorfs; ebenso die 'Allgemeine Zeitung' und 
einige andere Tagesblätter. Aber die eigentlich philologischen 

* Just so alt sind aiidi die Studien det» Vf. über Aesop und den 
Siebenwoisenronian : was hier we^en des im Hermes XXXIV (1899) S. 222 
Geäusserten bemerkt sein möge. 

- Frtülieh konnte man unlängst in den Preussischen Jahrbüchern 
einen Aufsat/ über Märchen- und Novellenwanderung lesen, für den die 
Arbeit Rohde's überhaupt nicht zu existieren scheint. Auch E. H. Meyeb 
versichert in seiner dankenswerthen *deutschen Volkskunde', das» miu- 
destens die Hälfte der deutlichen Märchen aus Indien stamme. Ob sich, 
bei der Bilanz dieser Studien, die wir von J. Boi.TK erwarten dürfen, daH 
Verhältnis j*o stellen wird, wage ich noch zu bezweifeln. 



Kritiken. 85 

und akademischen Organe in Deutschland schwiegen. Ein 
beredtes Schweigen. So imponierend das ganze Unternehmen 
auftrat: man traute ihm nicht ganz und wusste schliesslich 
auch nichts Rechtes zu sagen. O. Ribbeck, der das Buch 
geradezu mit erlebt hatte und das schöne Zusammenspiel wis- 
senschaftlicher und künstlerischer Vorzüge mit feinem Ver- 
ständnis genoss, ergriff wohl die Gelegenheit, in seinen Vor- 
lesungen (vor Allem in denen über Theokrit) oder im Gespräch 
auf diese *capitale Leistung' hinzuweisen^: öffentlich das Wort 
zu nehmen, scheute er sich gerade als Pathe des Buches. 
Voller klang das Echo aus dem Ausland — aber doch nui* 
das Echo, denn Eignes hatte auch von diesen Kritikern Nie- 
mand zu sagen '■'. Dagegen rührte ein Brief Nietzsches an 
die heikelsten ethisch-psychologischen Probleme des ersten 
Buches. Rohde beschäftigte besonders eine Bemerkung über 
die Ausgänge innigerer Erotik vom epco; 7ratScx6s^. »Ganz über- 
sehn- schreibt er > hatte auch ich diesen Zusammenhang nicht, 
aber gemeint, diese Wendung zum Empfindungs volleren habe 
sich auf dem Gebiet der Knaben- und der Weiberliebe par- 
allel vollzogen , und ich könne daher die erstere (mit be- 
greiflicher Scheu) ganz liegen lassen' [N. 2 VII 76]. 

» Vgl. auch Ribbeck'8 Brief Nr. 152 S. 251 (Rohde's Arbeit unter der 
Masse litterargeschichtlicher Schreibereien „wie ein lebendiger Mensch 
unter blutlosen Schatten.*) 

* Vgl. das Recensionenverzeichnis bei Scholl in der zweiten Auf- 
lage S. XL 

' Wie vornehm N. das Problem auÖasste, zeigen manche spätere 
Aeusserungen, z. B. Aphor. 170 der *Morgenröthe' = Werke IV S. 167. 



86 



VI. 



Berufung nach Jena, Yerheirathung. 

(1876—1878.) 



Das AV'erk war noch nicht geheftet und versandt', als sich, 
zu vollster Widerlegung jedes ])raktischen Pessimismus«^ neue 
Aussichten eröffneten, im Frülijahr 1876 nahm Rohde von 
Kiel, Avo er Liehes und Leides genug erfahren hatte, ver- 
söhnten Herzens Abschied und siedelte in die zweite Hei- 
uiatli seiner Knahenjahre über : er war als Nachfolger NlPPER- 
DEYs nach Jena berufen worden. 

Von alten Kieler Collegen traf er hier A. v. GüTSCHMiD 
an, der lebhaft für seine Berufung eingetreten war. An ihm 
hatte Rolide, l)ei seinen ersten Schritten auf dem unbekannten 
Boden, einen, freilich niclit immer vorurteilsfreien Führer; das 
Gefühl dos Premdseins in der Jenenser Gesellschaft wurde 



* Im Janujir 1876 war RoIkIc'h Kieler Verleger in Zahlungsschwierig- 
keiten und Concurs pemthen [R. 28 I 76]. Kolule hatte eben die schwer- 
sten Hcelischen Erschütterungen (s. S. 83) zu verwinden und sah nun, 
da der Druck nicht fortgefülirt wurde, auch die Vollendung seines Wer- 
kes in unl)estiuinite Ferne hinauKgeschoben. Es kamen, im Beginn des 
Jahres, Woelien tiefster Verstimmung: »Sie brauchen nicht zu fürchten, 
dass ich mir ^Luftschlösser baute: ich baue mir stets nur . . Speiunken 
in Dornen und Disteln, und das Schöne ist, dass die mir stet« auch 
wirklich angewiesi^n werden, i^uesio r quel mondo, e quesii i diletti, gVa- 
morif ropre , gli ei'cntij oude cotanto nyjionammn innieine- [R. 28 I 76]. 
Aber schon im Februar gelang es Kohde, die Lösimg des alten Contraete» 
>mit Zilhigkeit und Energie« durchzusetzen [R. 10 II 76]; die mit der 
Drucklegung betraute Firma Breitkopf und Härtel übernahm auch den 
Verlag und führte den Druck in wenigen Monaten zu Ende. 



Jena. S. Lipiner. P. Ree. 87 

SO gemildert, und Rohde ging es nah, dass Gutschmid, der 
ihm doch auch wissenschaftlich *viel sein konnte«, schon auf 
dem Sprunge stand, nach Tübingen überzusiedeln. Bei sei- 
nem nächsten Fachgenossen , dem alten MoRiz Schmidt, 
scheint er keine sonderlich warme Aufnahme gefunden zu 
haben [R. 14 IV 76]. Dafür gewann er bald erfreuliche An- 
sprache bei dem Philosophen J. Volkelt. Auch ein junger 
Landsmann Volkelts, S. Lipiner, kam ihm damals näher ; es 
war die Vertrautheit mit den Jugendschriften Nietzsche's, die 
sofort, wie das Symbol eines Geheimbundes, ein Verhältnis 
zwischen dem reifen Mann und dem Studenten herstellte ^ Dazu 
imponirte Rohde das wuchtige Talent, das sich in Lipiner's 
Erstlingswerk, dem Entfesselten Prometheus, aussprach '^, und 
nicht minder der Muth, mit dem Lipiner, ohne jede Nebenrück- 
sicht , seinen dichterischen Plänen nachging ; das Künstlerthum 
galt R. stets als eine höhere Lebensform. Und wenngleich R. vom 
'Prometheus' zum *Renatus' den jungen Poeten nicht im Aufstieg 
zu sehn meinte, so empfand er doch auch dann noch »seine 
Grösse innerlich genug« [V. 1 I 79]. 

Etwas später tauchte der intimste neue Bekannte Nietz- 
sche's, P. RÄE, in Jena auf, mit der Absicht, sich dort zu 
habilitiren. Er stiess auf starken Widerstand ; auch Rohde 
war bei aller Vorurteilslosigkeit seine einseitige Virtuosität in 
einer Art ätzender moralisch-psychologischer Scheidekunst 
nicht sonderlich sympathisch^; wenn er ihn sich trotzdem 
»dringend hierher wünschte«, so sind es wiederum die Be- 
ziehungen zu Nietzsche, die ihn in Rohde's Augen »nobilisiren<v. 
Auch sonst fanden sich Leute, mit denen sich ein Wort 
reden liess; kurz, die ersten Jenenser Semester brachten 
mehr Anregung, als Jahre in Kiel. >Die studiosi sind zwar 
recht leicht gezimmert, aber voll guten Willens; die herrliche 



- * In den Briefen an Nietzsche denkt Rohde Lipiners wiederholt, z. ß. 
20 V 77, ebenso in denen an Voikelt. 

* Rohde veranlasste N., an Lipiner zu schreiben. Vgl. auch Nietzsche's 
Gesammelte Briefe I S. 283. 425. Beiläufig sei erwähnt, dass auch R. 
HiLDEBRAND grosse Stückc auf jene Dichtung hielt und sich wiederholt 
in diesem Sinne äusserte. Lipiner hat bei ihm in Leipzig gehört. 
» Näheres an N. 20 V 77. 29 VI 77. Vgl. Cogit Ba>Teuth 1876. 



8S Bayreuth Mß. Vcrlobiinpf. Krankheit. 

])hantastisclie Ber^gegend steht als Hintergnind hinter all 
meinen Phantasien nnd Träumen. Aber bei alledem fühle 
ich . . , wie e i n s a m im Grunde unsereiner unter dieser aka- 
demischen *Jetztzeitlichkoit' steht . 

So eilte ßolide auch 187G sobald er konnte, aus der 

Dunstluft der Universität heraus, nach Bayreuth, dem ein- 
zigen Ort der A\'elt, wo er sich und alle seine Leiden völlig 
los wurde , dem Freunde entgegen — bei dem eben die alten 
Ideale hinter den Bergen zu verschwinden begannen, und den 
ein schwerer Anfall seines I^eidens schon mitten «aus den Proben 
forttrieb in die vertraute Einsamkeit des Bayerischen Waldes. 
Einige aus l^ayreuth, August ISTO, datirten Aufzeichnungen 
lassen ahnen, was Rohde damals durch Sinn und Herz gezogen 
sein mag. Sichtlicli unter dem frischen Eindi-uck der Bay- 
reuther Aufführungen formulirt Kohde den Aphorismus vom 
Volke, das am Kunstwerk gemess(Mi werden müsse (Cotj. 73); 
und in scharfem (ilegensatz zu Kee und La Bochefoucauld 
stellt er Betrachtungen an über die Einförmigkeit aller rein 
durch das Medium des Litellects geselmen Bilder der Welt, 
um Dem ein ganz Schoi)enhauerisch klingendes Bekenntnis vom 
Prinzipat des *Will(»ns' entgegen zu halten. Wir wissen, dass 
Nietzsche sich in diesen Dingen ihm gegenüber bereits in einem 
latenten (iegensatz befand. Rohde hat das, wie manche Briefe 
zeigen, dunkel v()n»mi)funden, olnie doch die Schärfe dieses 
(legensatzes entfernt zu ermessen. 

Während der Freund auf seiner Ivometenbahn sich lang- 
sam von ilnn entfernte, sali Rohde ein neues milderes Gestirn 
an seinem Horizonte aiifgehn. Er hatte sich verlobt mit einem 

blonden kleinen Mädchen , der eben über das Kindesalter 
hinausgewachsenen Toditer des Rechtsanwalts Eramm in Ro- 
stock, die damals in der Familie eines CoUegen zu Besuch 
war. Was er kurz zuvor in (^iner jugendlichen Wallung 
seiner Phantasie» geträumt hatte, um sich beim Erwachen nur 
zu schmerzlich enttäuscht zu sehn das war nun doch noch 
helle, liebliche Wirklichkeit worden: die lähmende Einsamkeit 
ward, mit Nietzsche zu reden, zur ^Zweisamkeit' und mit An- 
dacht genoss Jtohde diese wonnevollen Tage in der zauberisch 
lockenden, wie die steingewoi'dene J^omantik schimmernden Ge- 



Heidelberger Aussichten. Hochzeit 89 

gend unsres Thals ^ [R. 19 X 76], Zwar setzte gerade in diesen 
Monaten sein altes nervöses Leiden wieder ein. Aber er fühlte 
sich nun durch die »weiche Hand eines unbedingt liebenden 
Wesens < über alle Widerwärtigkeiten hinausgehoben, ja, hin- 
ausgehoben über sich selbst und seinen ^ungebärdigen Sinn . 
Tief, fast bang empfand er die Grösse der neuen sittlichen 
Aufgabe, vor die er sich gestellt sah. Er sei ja *ein so unbän- 
diger Mensch <^, dass er selbst von sich nichts Bestimmtes voraus- 
sagen, für sich nicht einstehn könne ; aber die Aufforderung, 
diesem Wesen, das in seiner innigen, still aufnehmenden Art 
ihm so wohl thue, wieder wohl zu thun, solle ihm allzeit als 
die emstlichste Pflicht des noch übrigen Lebens gelten. Leider 
zwang ihn seine Unpässlichkeit, eine Reise nach Rostock, wo 
er mit seiner jungen Braut das Weihnachtsfest verleben wollte, 
aufzuschieben und aufzugeben^. So wurden die Ferien > recht 
trist^- für ihn und seine >arme kleine Braut in Rostock <^. 

Inzwischen war an ihn, ehe er sich >in die Jenensia noch 
recht hineingelebt < hatte, schon wieder eine vertrauliche An- 
frage herangetreten : es ist das erste Mal, dass er seinen Blick 
auf Heidelberg zu richten veranlasst wird, nicht in der alten 
Wander- und Reisestimmung, sondern mit dem Gedanken dau- 
ernd und im eigentlichsten Sinne sesshaft zu werden ; gerade 
die Erwägung, >es könne doch immerhin möglich sein, dass er 
zum Herbst nach Heidelberg umsiedeln müsste-, veranlasste 
ihn, den Termin für seine Hochzeit noch über die Osterzeit, 
die er in Rostock verlebte, hinauszurücken. »Ich fühle mich 
eigentlich in Jena ganz wohl' schrieb er damals an Ribbeck, 
> unvergleichlich viel wohler, als in Kiel. Doch würde ich 
mit Freuden nach Heidelberg übersiedeln, wenn Sie auch dort 
bleiben. Aber ich könnte das freilich nicht ohne eine erheb- 
liche äussere Verbesserung meiner Lage. Als Einzelner war 
ich hierin ziemlich gleichgiltig : w^enn ich mich nun verheirathe, 
ist die Lage eine ganz andere.- Jene Hauptbedingung er- 

* »Ich bin noch zu schwach zum Reisen und Festfeiern nach massi- 
ver mecklenburgischer Art, mag auch dort nicht den Störenfried machen« 
[R.] Auch in diesen Jahren spricht er von seinen Sorgen und Leiden 
in den Briefen an Nietzsche kaum mit einem Wort, wohl aber in denen 
an Ribbeck und andre Freunde. Ihn leitet jener Herzenstakt, den wir 
schon an ihm kennen gelernt haben (S. 63). 



90 Reiöe nach Paris. Verhältnis zu Nietzsche. 

füllte sich nicht, da Rihheck im Frühjahr 1877 als Nach- 
folger Kitschrs nach Leipzig zog. Rohde hlieh daher völlig 
kühl , als sich die Sache zei'schlageu hatte ; die grössere 
Nähe des alten Freundes in dem schönen Leipzig, dessen 
Heranwachsen zur Grossstadt er launig schildert, schien ihm 
Ersatz genug. So konnte Rohde in ungetrübter Laune >- seinen 
Kohl bauen im Colleg und Seminar und Pläne für die Hoch- 
zeitreise austifteln. Im August 1877 reichte ihm seine junge 
Braut die Hand, „ein höclist liebliches Wesen, dem die edle 
Seele aus allen Zügen hervorleuchtet" (so nannte sie damals 
ein Freund nacli einem Briefe Nietzsche's) ; von seinen neuen 
Jenenser Bekannten nahm Lipiner an der Hochzeitsfeier in 
Rostock theiP. Es klingt wie eine leise Regung von Weh- 
muth und vielleiclit von Eifersucht heraus aus den sthnmungs- 
vollen Zeilen, mit denen Nietzsche „in brüderlicher Liebe ** 
diesen Schritt begrüsst (E. Förster-N. II S. 285) und sein Hoch- 
zeitsgeschenk, eine Büste R. Wagners, begleitet. Der Wagner- 
kopf wurde sofort aufgestellt und blieb Rohde > stets vor Augen, 
ehie fortwälirende Enjuickung mit seinen in jedem Zuge festen, 
bedeutenden und stolzen Linien ; ein kleinlicher Gedanke, 
meint er, könne in solcher Gegenwart gar keine Wurzel 
sclilagen. Eins denke immer, lieber Freund, dass in m einem 
zukünftigen Hause Dir Herz und Heerd allezeit zur Verfügung 
stehen, nicht wie ein Geschenk, sondern wie Dein eigner und 
rechtmässiger Besitz . [N. 20 V 77.] 

Mit seiner jungen Frau reiste Rohde auf einige Wochen 
nach Paris. Es war die Ausführung jenes alten > Luft- 
schlosses, das er einst mit Nietzsclie gei)lant liatte, und so 
mag der Freund oft als stummer geisterliafter Begleiter neben 
den Beiden gewandelt sein, wälirend sie, wie es in einem 
Brief an Ribbeck heisst , dies mächtige und vornehme 
Leben mit allen Poren in sich einsogen. Auch in dem 
neuen Heim, an der Seite seiner jungen Frau, umkreisten 
Rohdes Gedanken still und unablässig den fernen Freund in 
seinem einsamen Leiden ; das zeigen manche Briefe aus 
diesen Tagen stillen Glückes, die er an verbeck und andre, 

* Lipiner ist wohl der *Jeiniiiur, auf ileu sich Nietzsche mit den an- 
geführten Worten (K. Förster-N. 11 2i<'^) bezieht. 



Häusliches Leben. 91 

Nietzsche nahstehende Menschen schrieb, um dem schweigen- 
den Dulder nicht *mit dem Almosen des Mitleidens« lästig 
zu fallen. Wie Nietzsche zum 9. Oktober > mitten in seinen 
Qualen daran gedacht hatte, dem Freunde ein Zeichen seiner 
Liebe zu schicken <, so galt seinem Geburtstage die erste weh- 
müthige Feier in Rohdes Hause. >Ich schreibe ihm zu diesen 
Tagen nicht, weil er ja doch meinen Brief nicht lesen dürfte : 
sagen Sie ihm wenigstens, dass, wie vieler Menschen Gedanken, 
die er sich durch seine Schriften gewonnen hat, so gewiss nicht 
zuletzt alle Gedanken meines Herzens an diesem Tage bei ihm 
sein werden. . . Nur ein kleines Symbol des Zusammenhangs 
soll es doch sein, wenn am Mittag ich mit meiner jungen Frau 
— die ihn liebt, weil sie weiss, wie ich ihn liebe — anstossen 
werde — ach Gott auf sein Wohl ! und gewiss doch auf sein 
Wesen und seinen Werth, die nie verloren gehen noch ge- 
trübt werden können. < [O. 13 X 77.] 

Bei seiner »bildsamen, unsäglich herzlichen Frau-' konnte er 
allzeit sicher sein, für seine Stimmungen einen reinen Wider- 
hall zu finden ^ Nach einer idyllischen Schilderung seines 
jungen Eheglücks in einem Briefe an Ribbeck ruft er schliess- 
lich aus: ves ist wahrhaftig Alles angethan, um einen Satten 
und Zufriedenen aus mir zu machen, der ich hoffentlich den- 
noch nicht werde.« In dem Sinne, den er hier im Auge 
hat, ist er's nie geworden. Sein Lebenswerk zeigt, wie glück- 
lich er gewählt hatte. W^as er in den zwei Jahrzehnten 



* »Ich fühle es selbst an meiner Person, welch ein tiefes Glück der 
Besitz eines Menschenherzen ist, in dem aller Widerspruch und Hader, 
Anstoss und Missverständnis der Welt da draussen schweigt, und nur 
lauterste Liebe, ohne Markten und Bedingungen wohnt: ich habe stets 
das Gefühl, dass es Einem nun ganz übel nicht mehr werden könne» 
[0. 5 X 77]. Derselbe Ton klingt aus den Briefen an Rühl und Ribbeck ; fühl- 
bar gedämpft wird er in denen an Nietzsche : ich glaube darin etwas wie die 
Rücksicht auf den einsamen Freund herauszuhören. So heisst es einmal 
[N. 15 II 78]: »Im üebrigen ist der Ehestand eine nachdenkliche Sache ; 
es ist unglaublich, wie er altern lässt : denn man steht nun auf einem 
gewissen Gipfel, über den nichts mehr hinausliegt : nicht mehr wie sonst 
wartet man jeden schönen Tag auf den Boten Gottes, der Einem direct 
das Paradies in's Zimmer tragen soll ; man erwartet kaum irgend etwas 
noch; und das hat seine grossen Vorzüge und grossen Bedenken, und 
muss wohl, langsam und täglich wirkend, allmählich den Menschen selt- 
sam umgestalten.« 



92 Amtethütigkeit in Jena. Arbeiten. Colleg über Rhetorik. 

seiner Ehe geschaften hat, konnte gerade Er nur leisten in 
einer völlig ausgeglichenen, gelassenen, gegen störende Reize 
nach allen Seiten geschützten Stimmung, wie sie ihm seine 
Gefährtin, als wohlthuende Ergänzung der eignen Persönlich- 
keit, auch in den letzten und schwereten Jahren, so viel an 
ihr lag, allzeit erhalten hat. 

Gleich im ersten v Ehestandssemester stürzte sich Kohde 
mit rücksichtsloser Energie in die Arbeit. Die praktischen 
Anforderungen, die sein Amt an ihn stellte, wai-en strenger, 
als er erwartet liatte. In Kiel, neben Ribbeck, Wilmanns und 
Lübbert, hatte Rolide seiner ausgesprochenen Neigung zum 
Griechenthum auch in der akademischen Praxis folgen können ; 
Forchhammer (Peter der Prächtige, der natürlich immer in 
gi'ossen Staatsangelegenheiten in Berlin war« ), beengte ihn 
dabei nie sonderlich. Als College von M. Schmidt sah er sich 
jetzt, zumal nach dem Abgange von Emil BJüirens, veran- 
lasst, die seit den ersten Leipziger Semestern stark zurück- 
gedrängten römischen Studien energisch wieder aufzunehmen. Er 
las zwei umfassende Collegien über Geschichte der römischen 
Poesie und der römischen Prosa und behandelte in Vor- 
lesungen oder Uebungen Catull, Properz, Statins. Vor Allem 
aber bot er seinen Hörern hier zum ersten Mal die Einfüh- 
rung in Geschichte und System der griechisch-römischen Rhe- 
torik. Entworfen wurde sie im Plan, wie die Briefe an Rib- 
beck (seit dem 17 I 77) zeigen, schon 1877, ausgeführt im Som- 
mer 1878. Zum Sommer mach icli es mir bequemer- schreibt 
er im April 1878, indess muss ich mich doch in die antike 
Rhetorentheorie tief hineinfressen ; längst hatte ich mir das 
vorgenommen, da es für das Verständnis, nicht nur dunkle 
Empfinden antiker Form so nothwendig ist; aber es ist ein 
trockener Bissen. Thatsächlich ist schon die Schilderung 
der griechischen Rhetorik und Sophistik im ^griechischen Ro- 
man' ein glänzend gelungener Versuch, die geschichtliche Wir- 
kung und Bedeutung dieser uns so fremdartigen geistigen 
(irossmaclit ans Licht zu stellen; sie beschränkt sich aber im 
Wissentlichen auf eine liandwerksmässig reiu'oducirende Epi- 
gonenzeit und erörtert technisclie Einzelheiten, der besondem 



Colleg über Rhetorik. Litterarhistoriscbe Aufdätze. 93 

Aufgabe entsprechend, nur mit Auswahl. In den Vorlesungen 
gab Rohde umgekehrt eine liebevoll durchgeführte Schilderung 
von den im Grunde allein schöpferischen vorchristlichen Jahr- 
hunderten, die allgemeinen geschichtlichen Verhältnisse bald 
mit wenigen Strichen andeutend, bald — zumal bei minder 
bekannten Dingen, wie dem Epheben- und Studentenwesen — 
zu lebensvollen Kulturbildern ausführend. Die systematische 
Darstellung umspannte, überall auf den geschichtlichen Teil 
zurückgreifend, das ganze grandiose Lehrgebäude, von der be- 
grifflichen Grundlegung bis zur Lehre vom Vortrag und vom Ge- 
dächtnis. Hier vor Allem bewährte sich aufs Neue Rohde's 
Fähigkeit, einen spröden Stoff zu organisiren und zu durch- 
geistigen. Die an straffe logische Zucht gewöhnten Tübinger 
Stiftler sind ihm später gern bis in die entlegensten Winkel 
gefolgt. 

In derselben Zeit entstanden eine ganze Reihe von Einzel- 
untersuchungen; vor Allem wurden (bei einer Revision der 'grie- 
chischen Litteraturgeschichte') die von wahrhaft unheimlicher 
Erudition zeugenden Studien zu den Chronologika und Bio- 
graphika bei Suidas und der Aufsatz über die Chronologie des 
Zeno (Rh. Mus. 1878 = Kl. Sehr. I 189) entworfen ^ Andre Ar- 
beiten — z. B. Beiträge zur Geschichte der griechischen Komö- 
die — kamen über das Stadium der Vorbereitung nicht hinaus'^. 

Rohde war sich selbst bewusst, dass er den Bogen wohl zu 
stark anspanne. Nach dem ersten Weihnachtsfest in seinem 
»neuen Zustande«^, berichteter Ribbeck von seinen Studien und 
Arl)eiten. »Darüber wird man, fast wider Willen, gräulich ge- 
lehrt; aber was hilft's Einem? Zu rechter Andacht komme 



^ »Ich habe mittlerweile mit erütauulichem Vergnügen (woran der 
Mensch doch ein erstaunlichcB Vergnügen haben kann!) die Chronologie 
des Stoikers Zeno . . . völlig sicher gefunden : 2 Rechnungen, nach Apol- 
lodor von 336—264 v. Chr., nach Apollonius von Tyinis 362—264. Es 
giebt eine noch unbenutzte Quelle für diese Dinge« [Rü. 13 VI 78]. 

* Mit Bezug auf v. Wilamowitz (Hermes IX) fonnulirt er einmal 
[Rü. 2 VI 77] scharf das Problem der megarischen Komödie : »Sehr be- 
zeichnend ist es, wie W. darin — um ein Analogon zu Mommsen über 
die Atellane zu bekommen — die MsYotptxY) xü)[i(p5£a ausrottet, unter Be- 
tonung seines Anschlusses an Aristoteles und Unterschlagung des eigent- 
lichen Zeugnisses desselben Arist. für die einstige Komödie in Megara 
poet. 3 p. 1448 a 31 f.« Dieselbe Tonart, wie oben S. 60. 



9-4 Ueberanspannuiig. Facultritsverhandlungen. 

ich kaum je noch ; sell)st auf einsamen Spaziergängen schwirrt 
Einem der fremdartige gelehrte Krimskrams im Kopfe herum ; 
es ist als oh das eigene Ich ganz klein und kleinlaut würde ; 
sucht man's mal in einer guten Stunde, so sitzt es ganz ver- 
schüchtert und verfroren im tiefsten Winkel und wagt sich 
auf die freundlichsten Lockungen kaum hervor. Hoffentlich 
daueii die Nöthigung zu so toller Arheitshetze nicht mehr sehr 
lange: ahor fast fürchte ich, ist sie vorbei, so hat man sich 
an die Tretmühle so gewöhnt, dass man gar nicht herausmag . , . 
Ein Freund sagte mir einmal ganz richtig: die emge Arbei- 
terei so eines Gelehilen werde veranlasst nur durch den hor- 
ror vacui ; das ist eine vortreffliche Definition dieser eigen- 
tümlichen Art von üeliirnkrankheit^ — Ich bin im Uebrigen 
völlig wolil diesen Winter, und hieran mag denn meine kleine 
Frau das beste Verdienst haben, die in geräuschlos emsiger 
Liebe für mich und mein Wohlergehen sorgt: ich wünschte 
nur, ich hätte mehr Zeit, mit ihr zusammen zu sein...< 

In den (Isterferien schöpfte Rohde endlich Athem und 
nahm sich die Müsse, >in die stille Lieblichkeit und ganz 
eigne ^romantische' Scliönheit der hiesigen Gegend hinauszu- 
treten, die nun endlich anfängt, ein freundliches Gesicht zu 
machen . Die Ptingstferien wurden gemeinsam mit Ribbeck 
verlebt, der einen Abstecher nach Jena machte. Rohde's 
Ich machte sein Reclit doch sehr energisch geltend. Den 
Gedanken z. B. , der ihm damals nahe trat, seine Studien 
über antike Rhetorik zu einem Buche zusammenzufassen, wies 
er kategorisch ab; zu der Künstlerstinnuung , die er an ein 
Buch wandte, konnte ihn tliescr Stoff nicht erwärmen. 

Eine wohlthätige Ableitung in seinem furibunden Arbeits- 
feuer- boten ihm die lange schwebenden Verhandlungen über die 
historische Professur, wobei es vor Allem den passiven Wider- 



* Rohde wird ein Paradoxon Nietzsche's meinen ; vgl. beispielsweise 
Zur Genealogie der Moral III 23 = Werke VII 466 f. Verwandte Stim- 
mungen vielfach in andern Briefen, besonders in Jugendbriefen an Niet»- 
sche. »Man wagt's nur nicht zu sagen, der Trieb zu dieser Alltagsarbeit 
ist eigentlich nichts als die wohlbekannte Neugierde in der zweiten 
Potenz. Dann 3«^hnt man sich nach dem rein erquickenden Schauen, 
oberhalb unsres Tagesdunstes! Wenn nur der treue musenfreundliche 
Freund da wäre, der Kinen mit hinaufnähme!« [N. 1 VIII 71]. 



Stellung zu den CoUegen. 95 

stand — die »Taktik einer gewissen zähen Schläfrigkeit« — 
zweier nahe hetheiligter Fachgenossen zu überwinden galt^ 
Diese Debatten waren für Rohde zugleich ein Mittel zur 
Scheidung der Geister. Adolf Schmidt blieb ihm trotz seiner 
gelegentlich bespöttelten »epideiktischen« Lehrthätigkeit^ doch 
ein sympathischer Mensch und »höchst ehrenwerther Charakter, 
ein honnete homme «. Gegen den nächsten Fachgenossen, Mo- 
Riz Schmidt, bildete sich eine chronische Verstimmung heraus, 
die durch Schmidt's diplomatische Winkelzüge mit Rücksicht 
auf die schwebende Sache gelegentlich verschärft wurde ^. 
Im übrigen erkannte Rohde dankbar an, dass in der Jenen- 
ser Luft »trotz einzelner Uebellaunigkeit der Alten« gespannte 
Verhältnisse keinen Bestand hätten. Dauerhafte, vertrauliche 
Beziehungen wollten sich freilich in den wenigen Semestern 
auch nicht anspinnen. Noch kurz vor dem Abschiede gesteht 
Rohde, dass er das »trotz einer nach aussen kaum irgendwie 
hinausschauenden Einsiedlernatur« doch schmerzlich vermisse ; 
er sei »eben aller intimen Aeusserung so entwöhnt <, dass sie 
ihm kaum noch einmal überhaupt gelingen wolle*. Am näch- 



* »Nun war es ergötzlich zu sehen, wie Moriz und Adolf Schmidt 
sich wie die Aale wanden : sie wollen (namentlich Moriz) überhaupt gar 
keine Wiederbesetzung; wendet man ihnen nun ein: Wenn wir jetzt 
nicht zugreifen, sondern erklären (wie sie vorschlugen), die Sache sei 
nicht eilig, so entgingen uns die 4000 (vom Landtag bewilligten) Mark 
überhaupt, so durften sie nun nicht offen sagen : das wünschen wir 
ja gerade , sondern machten theils formale Schwierigkeiten , theüs ver- 
warfen sie X. als ganz ungenügend. Mein Gegenargument blieb, dass 
man die Stelle besetzen müsse, die dargebotene Hand der Regierung 
nicht ausschlagen solle . . .« [R. 8 IV 78]. 

' »A. Schm. liest bisweilen *Zeitalter des Perikles', aber mehr für 
* Jedermann aus dem Volke', als in eigentlich wissenschaftlich-didakti- 
schem Sinne.« — Imponirt hat ihm freilich auch der Schriftsteller A. 
Schmidt nicht »Was sagen Sie denn zu A. Schmidts schauerlich langer 
Brühe zum Stesimbrotus ? Diese oeiivöryjg ! Uebrigens gestehe ich, dass ich 
an Unächtheit des Stesimbroteischen Buches nie habe glauben könnenc 
[Rü. 27 XII 77]. 

' »Mor. Schmidt liest diesen Sommer Griechische Staatsalterthümer ; 
aber das ist nur seine alte Taktik : um die These durchzusetzen, dass er 
allein genüge, die Philologie zu vertreten, liest er allemal das, was just 
imbesetzt ist — wie , dies mögen die Unglücklichen wissen , die drauf 
hineinfallen.« 

* »Das ist kein gesunder Zustand, er ist gebraut aus Misstrauen in 
sich selbst und in die Fähigkeit auf Andre einzugehen, die um so völ- 



96 I^i^' Schüler. Das Jenenser Lebeu. 

steil fiUilte er sich noch Mäniiem, wie B. DELBRÜCK, Be. Hil- 
DEBRANi), E. SiEVERS, (luch deiii TheologcQ LiPSius. Eine 
stille Sympathie, die ihn schon damals zu J. VOLKELT zog, 
hat erst in den Tübinger »lahren (durch einen von Kohde selbst 
begonnenen Briefwechsel) zu einem wirklichen Freundschaftsver- 
hältnis geführt. Doch hatte sich Rohde selbst zu E311L Bährens 
ganz leidlich zu stellen gewusst, ohne seine Schwächen zu 
verkennen; bei einer schlimmen litterarischen Fehde, die Bährens 
damals zu bestehn hatte, nahm er Freunden gegenüber ent- 
schieden die Partei des Angegriftenen. Ich fand manche gute 
Seite an ihm — heisst (;s bei seiner Fortberufung nach Hol- 
land — , aber der Fond war pures trockenes und steifes 
Holz, ohne Saft und Geschmack. [R.] Bei seinen Hörern 
glaul)te Rohde je länger je mehr einen »guten und geweckten 
Sinn« zu beobachten. Freilich seien sie wenig geneigt »harte 
Klötze zu spalten«, und von rechten Katuren- sei nur eine 
einzige zu verspüren; aber damit muss man schon zufrie- 
den sein in dieser Fabrikzeit, wo Alles nach einem stampo 
^schlecht und billig' gemacht ist^ [R.]. Beschwichtigend und 
ausgleichend wirkte überall das g(»lass<»ne linde Wesen« seiner 
jungen Frau und eine an Heimathsgefühl grenzende Vorliebe 
für die sächsisch-thüringische Art, den ganzen eigentümlich 
leichten und harmlosen Ton des licbens und für die 'Wunder- 
bare Zaubern jitur und stille Lieblichkiät der Gegend- , mit der 
sich so manche Erinnerung seiner Knabenzeit verband^. Von 
Enttäuschung, von einem wirklichen Unbehagen über die Ver- 
hältnisse im Ganzen ist in di<'sen Jahren nicht die leiseste 
Sjjur zu entdecken, während jede si)ätere Umsiedlung mit sol- 
chen Schmerzen verbunden war. 



lig(.T schwindet, ju weiiij^or man »it* Qht. JSit? haben mehr epanchement 
als ich. und JSie «oUcn daran festhalten!« [Rü. 13 VI 78]. 

^ Auch aus der Ferne kam Zuzug, so der von Niktzschk empfohlene 
junge Baumoartxkk. >Ich halte ihn nach Kräften im rein Philologischen 
fest; er muss das Haus von unten und nicht vom Dach aus bauen — 
und es ist keine Gefahr, dass ihm der Geist und der Wille dabei ab- 
handen kommen, später sich höher aufzuschwingen.*- Vgl. Nietz8che*8 
(ies. BriefV 1 S. 1>75 tf. 

- K. 28 V 76. >Um ,Irna liegt einmal ein eigner Zauberhauch fflr 
meine Vorstellung- [0. 15 IV 80]. 



Nietzsche's 'Menschliches Allzumenschliches'. 97 

So lebte Rohde, im Frühjahr 1878, wahrhaft halkyoni- 
sche Tage«, als Anfang Mai, dem Andenken Voltaires ge- 
weiht, Nietzsche's erstes *moralistisches' Buch erschien, sein 
^Menschliches Allzumenschliches*. Auf Rohde wirkte das 
buchstäblich, als führe ein Blitz aus heiterm Himmel neben 
ihm nieder. Gespräche mit Ree hatten ihn wohl annehmen 
lassen, dass der Freund seine enthusiastische« Art, die Welt 
zu betrachten, mit positivistischen Mitteln zügeln und ergän- 
zen werde: diese völlige Ab- und Umkehr, diese rücksichts- 
lose Kampfstellung gegen die alten Ideale, war für ihn die 
schmerzlichste Ueberraschung : *So muss es sein, wenn man 
direct aus dem Caldarium in ein eiskaltes Frigidarium gejagt 
wird. . . . Kann man denn seine Seele so ausziehen und eine 
andere dafür annehmen ? Statt Nietzsche nun plötzlich Ree 
werden? Ich stehe noch immer erstaunt vor diesem Mirakel 
und kann darüber weder froh sein, noch irgend eine* bestimmte 
Meinung haben: denn ich begreife es noch nicht so recht. < 
[N 16 VI 18.] Die Grundstimmung des Buches, klagt er 
am selben Tage Overbeck, sei ihm etwas durchaus Fremdes. 
*Die Forderungen des alten N. waren allerdings für diese 
Welt zu hoch gespannt, nichts kam, in dieser Zeit zumal, 
ihnen entgegen, jene *Kette', von der er im Schopenhauer 
redet, Hess sich niclit herstellen, der tägliche Tag mit so ide- 
alen Forderungen nicht zusammenbringen. Jeder von uns . . 
hat wohl an seiner eignen Person es tausendmal schmerzlich 
empfunden. Er selbst mag sich mit solchen Empfindungen 
\ie\ aufreibender abgerungen haben : und nun, so scheint es, 
wirft er an Einem Tag alle jene Last höchster Forderungen 
einer ^erhöhten' Praxis ab , und lässt sich zurückfallen in 
jene sanfte Wellenbewegung der ^reinen* Theorie, die er bis 
dahin wie ein lockendes Teufelswerk verflucht hatte. Aber 
das Hohnlachen, das er nun für seine eignen einstigen Ideale 
hat, klingt krank und schneidend; mir wird bei seinen 
Deduktionen nicht frei und heiter zu Muthe, sondern beengt 
und schmerzvoll. Ich hoffe aber bestimmt, dass der mir wenig- 
stens geradezu unheimliche Einfluss, den Ree mit seiner Sophi- 
stik auf die im Grunde so ganz verschiedene Natur N.*s ge- 
habt hat, ein vorübergehender sein w^erde, und er dereinst 

Crusius, £. Rohde. 7 



93 Stellung zu Kee und dem neuen Nietzsche. 

noch sich selber wieder finden wird. — .... Sein Buch giebt, 
rein persönlich gefasst, sehr viel zu denken. Ich hofie, auch 
Wagners werden . . . einsehen, dass man hier ein Ergebnis 
eines in N.'s Innerem nothwendigen Processes vor sich hat, 
den er selbst nicht hemmen konnte, aber dessen letztes Stadium 
dieses nicht sein kann. Dazu habe ich ein viel zu sicheres 
Vertrauen in die ungemeinen Kräfte unseres Freundes, die 
ihn in der beschränkten Einseitigkeit, die vielleicht Ree's 
Natur voll entspricht, nicht verweilen lassen werden; seine 
mannigfaltigen Kegungen werden sich gegenseitig corrigiren 
und balanciren. So ist denn auch gar nicht zu läugnen, dass 
der neuste Process in dem stärkern Hervortreiben des rein 
intellectucUen Elements, bei aller Einseitigkeit mit der nun 
dieses wieder hervortritt, ein gewisses Oorrectiv jenes *en- 
thusiastischen Denkens** enthält, das nicht ohne viele Bedenk- 
lichkeiten war. Der eigentliche und ächte N. wird und kann 
nicht verloren gehen- [0. 16 I 78]. 

In einem ausführlichen Briefe an Nietzsche, der hoflFent- 
lich in der Correspondenz der Freunde vollständig abgedruckt 
wird, sucht Rohde reinen Tisch zu machen. In keinem priu- 
cipielleii Punkte fühlt er sich bekehrt. Der rein theoretische 
Beruf, wie ihn Nietzsche neuerdings als den ^wünschenswer- 
thesten, letzten und obersten empfehle, bleibt ihm nach wie vor 
etwas Unvollkommenes, eine - die Hälfte des Menschen brach 
liegen lassende Thätigkeit< , aus der man zu höheren Stufen des 
Menschenthums hinaun)licken soll« '. Alle Betrachtungen, die 
den Menschen, gleich anderen Thieren, als ein rein auf sich ange- 
wiesenes, an sich einzig nicht nur denkendes, sondern zu denken 
berufenes Wesen fassen, findet Kohde weder besonders scharf- 
sinnig, noch ii'gend wie überzeugend. Sind wir alle gräu- 
liche Egoisten (ich weiss, mein geliebter Freund, wie viel mehr 
ich das, bin als Du !), so soll uns doch Niemand den Stachel 
ausreisscn wollen, der uns mahnt, dass wir das nicht sein 



» Die Abschnitte, auf die sich K. liier bezieht (N. Werke II S. 168 ff. 
170 iV.) werden ergänzt durch die Fortsetzung des Buches, vor Allem 
durch den Aphorismus ^ Warum Gelehrtt? edler als Künstler sind* und 
durcli die j?egen .Schiller und andre alte Idcah' sich wendenden Abschnitte 
des 'Wandrers' (Werke III S. HO ti.) 



Egoismus und Altruismus. 99 

sollten. Es mag ja sein, dass man auch das Gute wesent- 
lich thut wegen der mit seiner Ausübung verbundenen L u s t- 
empfindung : aber wenn es einem Menschen Lust verursacht, 
in einem Contticte seiner egoistischen und anti-egoistischen 
Triebe die erstem aufzuopfern, so ist diese seltsame That- 
sache doch mit den Regungen seiner egoistischen Lust- 
emplindung unmöglich auf Eine Linie zu stellen, sondern diesen 
allerdings, wie alle Welt thut, entgegenzustellen, ihnen, dem 
Werthe nach, überzuordnen und allerdings als das Gute zu 
verehren, von dem man ja wohl nach Ree überhaupt nicht 
reden dürfte . . •< Dabei schätze er so innig wie möglich an 
dem Buche den »edelsten Trieb des freien Menschen, zu un- 
beschränkter Wahrheit <, finde auch in vielen Punkten das Ge- 
webe der religiösen und künstlerischen Illusionen ganz ein- 
leuchtend zerlöst — aber dennoch bezweifle er, ob nun diese 
Einsichten die letzten und einzig richtigen seien. Der Chemiker 
kann mii* das herrlichste Bild nur als eine Mischung ganz 
genau bestimmbarer, vielleicht recht übel riechender chemischer 
Stoffe darstellen, hat dann auch in seiner Weise Recht — 
aber wenn er mir damit den künstlerischen Werth und Sinn 
des aus solchen Stoffen zusammengesetzten Ganzen des Ge- 
mäldes wegdisputii*t zu haben meint, so irrt er sich doch.« 
Aber er finde bei Alledem in so vielen Gedanken den alten 
»durch keine Reesche Grübelei anzufressenden Nietzsche« 
wieder, dass er ihm tausendmal in alter Liebe und Bewun- 
derung durch die Gänge solcher Betrachtungen gefolgt sei; 
namentlich leuchte ihm ein, was von den Griechen gesagt 
w^erde, »wie wahre Tief blicke in das Innerste dieser seltsamen 
Menschen«. 

Auf den ersten Blick glaubte Rohde sich des Freundes 
Umwandlung offenbar nur durch fremden Einfluss erklären 
zu könnend Aber er begann sie doch schon damals, als Gegen- 
schlag gegen die Ueberspannung des »künstlerisch-enthusia- 
stischen Denkens« , aus Nietzsche's eignem Wesen zu ver- 
stehn ; und bei dieser Auffassung ist er geblieben und hat 



1 Vgl. dagegen Elisabeth Förster-N. II S. 271 tf.; Henri Lichtenberger, 
Die Philosophie Fr. N.'s 101 und Nietzsche selbst, Vorrede zur Genealo- 
gie der Moral, Werke VII 291. 

7* 



100 Versiegen der Cogitata. 

zugleich an der Hoifnung festgehalten, dass des Freundes Ent- 
wicklung »gleich der apfiovia tö^o'j xa: X'jpa; zu ihrer ursprüng- 
lichen Richtung zurückkehren werde.« Freilich klebte ihm 
lange ein schnierzlich bitterer Geschmack auf der Zunge. 
An Nietzsche's Person hielt er fest, ohne mit der Wimper 
zu zucken, während >die Philister rechts und links Zeter 
schrieen«'. Der Freund war und l)lieb ihm »ein in jeder Hin- 
sicht einziger Mensch«, mit dem man »die übrigen homun- 
culi« gar nicht messen dürfe [Rü. 13 VI 78]. 



Die letzte Nummer der Cogitata knüi)ft, im August 1878, 
an Nietzsche's Moralistik an und sucht zugleich über sie hinaus- 
zukommen. Bei der ganzen Situation wird man hier sagen 
dürfen: post hoc, ergo i)ropter hoc. Nietzsche's Buch war 
Schuld daran, dass Rohde die ein .lahrzehnt lang festgehal- 
tene (.Trcwohnheit aufgab, seine Lösungsversuche ästhetisch- 
philosophischer Fragen schriftlich aufzuzeichnen. Wie erklärt 
sich das? War ihm nicht etwa doch seine alte Welt von 
dem Freunde in Trümmer zerschlagen, und fehlte ihm die 
Kraft, sich eine neue aufzubaun ? Eine solche Annahme wider- 
legen die Briefe, nicht nur die wenigen, aus denen oben Aus- 
züge mitgetheilt sind. Rohde seihst giebt uns eine bessere 
Antwort. Er meint, an eine »wahrhafte Heilung für des Freun- 
des, in diesem Buche wahrlich nicht zur Gesundheit zurück- 
gekehrten Geist« würde er glauben, wenn X. »sich nun mit an- 
haltender Arbeit den Griechen zuwenden wollte« [0. 16 VI 78]. 
Auch er mochte, gerade diesem Buche gegenüber, doppelt 
klar empfinden, dass die grüblerische Selbstbcol)achtung, die 
ihn zeitweise »wie in einem Spiegelzimmer« leben Hess, seine 
Kraft und Persönlichkeit nicht steigerte, sondern aufzehrte. 
So braclit<3 er die Kur in Anwendung, die zu gebrauchen den 
Freund sein fortschreitendes Leiden w^ie die elementare Wucht 
seines j)hilosophischen Triebes hinderte. Er wandte sich in 
den nächsten Jahnen, ausscliliesslicher und intensiver als je, 
den Griechen zu. 

* Und nicht mir die Philister: man sehe Kibbeck's AousHeruiigen, 
Brief 201 8. 309. 



101 



VIl. 

Tübingen. Lehrthätigkeit und Leben, 

(1878—1885.) 

Inzwischen war (am 8. März 1878) in Tübingen W. S. 
Teuffel gestorben , der Litterarhistoriker , dessen Studien 
Rohde schon vor Jahren als ebenbürtiger Kritiker besprochen 
hatte. Die »guten Elemente in Facultät und Senat«, voran 
L. Schwabe und Ä. v. Gutschmid, traten mit Entschieden- 
heit für die Berufung Rohdes ein; gerade den wesentlich lit- 
terarhistorischen Tübinger Lehrauftrag war Er in der That 
auszufüllen befähigt, wde kaum ein zweiter. Die Sache zog 
sich, bei dem complicierten Geschäftsgang — aber auch in- 
folge entgegenwii'kender Kräfte ' , — eiuigermassen in die Länge, 
und diese Ungewissheit empfand Rohde jetzt, als »angehender 
pater familias« peinlicher, als ähnliche Situationen in KieP. 
Doch Älitte Juli war Alles im Klaren. »Nicht ohne Bedenken 
gehe ich hier fort und dort hin; aber die äusseren Vortheile 
sind . . . ein zu wesentlicher Gesichtspunkt gewesen, als dass 
ich nicht schliesslich andere Bedenken hätte ersticken sollen«. 
[R.] In der That fühlte er seine Existenz durch viele und 
starke Wurzeln gerade mit dem alten Jena verbunden, das 
er schon in den Knabenjahren »mit der energischen Phantasie 



* Selbst bei dieser Berufungsangelegenheit hatte Rohde noch die 
> Freundschaft« des alten Forchhammer zu spüren. 

* »Die Schwabenstreiche machen mir nicht bange; möge nur der 
Ruf kommen, das wünsche und hoffe ich unter allen Umständen. Aber 
'keine Droschke lässt sich sehen!' Ich wiegle bereits wieder ab in mei- 
nem zu Hoffnungen und Befürchtungen gleich erregten Gemüthe; solch 
ein Auf- und Abwieglen greift mich aber gewaltig an< [R. 13 VI 78]. 



102 Abschied von Jf»na. Tübinger Anfänge. Antrittsrede. 

eines Kindes in allen Lichtern und Lagen gesehen« und in 
dem er sich eben ein friedovolles Heim gegründet hatte; man em- 
pfindet es hei seinen l)rieflichen Aeusserungen deutlich, wie er, 
um sich innerlich loszulösen, sich selbst recht eindringlich die 
Mängel seiner damaligen Lage zu Gemüte zu fuhren suchte 
Schliesslich erleichtei-ten ihm die alten verdriesslichen Erfah- 
rungen in der Fakultät den Abschied^. 

So ging Rohde — trotz der praktischen Schwierigkeiten, 
die das Nahen der Eileithyia« für die Uebersiedelung mit 
sich brachte — getrosten Muths den neuen Verhältnissen 
entgegen; »namentlich Schwabe wird mir ein sehr guter Col- 
lege sein, wie ich mit Bestinnntheit annehme <^. [R. und O. 10 
VII 78.] Die Antrittsrede , vor der nach dem Tübinger Her- 
kommen Facultät und Senat dem Berufenen verschlossen 
bleibt, wurde mit frischem Schwung gleich in den ersten 
Wochen entworfen. Rohde sprach (am 14. November 1878) 
über *die Methode der Forschung in griechischer Litteratur- 
geschichte' ^ ; beschäftigten ihn doch eben jene glänzenden Unter- 
suchungen, durch die er der litterarhistorischen Kritik neue 
Ziele und Wege eröflnet hat. Aber die ersten Eindrücke in 
dieser neuen, dem Norddeutschen und Grossstädter ganz und 
gar fremden Welt enttäuschten und entmuthigten Rohde doch 
aufs äusserste. »Anfangs wollte es uns, und mir im besonderen, 
hier absolut nicht gefallen und ich konnte mich über den 
übereilten Entschluss, »lena zu verlassen, nur durch die weise 
Beti-achtung trösten, dass, wäre ich dort geblieben , ich ohne 
Zweifel luich tausendmal nach Tübing(?u als einem verschmähten 
Paradies gesehnt haben würde. Allmählich aber bildet sich 
auch hier lun die liebe Seele eine Art von Callus, sie gewöhnt 
sich an die unbehaglichen Berührungen, welche die trauiig un- 

* »Jena schläft allmählich an Blut- und Geldurmutli ein . . . Diesem 
ProooHH beizuwohnen, die immer steigende Misere täglich mit anzusehn, 
hat etwas Peinliches: und das war ein Grund mehr für mich, fortzu- 
gehn* [R. 21 VII IS]. 

- Mouiz [Schmidt] entwickelt seine alte Taktik einer gewissen zähen 
Schläfrigkeit . . . Er kann sich dabei innuer auf eine Majorität in der 
Facultät verlassen>« u. s. w. [R.j. 

^ Ein Bericht in der •SchwäbirscheuKronik', dem Beiblatt zum *Schw. 
Merkur'. Mancherlei einschläjjige Ausführungen l>ringen die Briefe aus 
diesen Jahren, besonders die an llühl. 



Seminar und Stift. 103 

bedeutende nahe Umgebung, die Dorfartigkeit der Stadt, die 
Wunderlichkeit vieler Verhältnisse ihr täglich anthun: und 
endlich sieht sie sehnsüchtig in die von Weitem in schönen 
Linien der Gebirge hineinwinkende Ferne und spinnt schon an 
Plänen für Sommer- und Herbstausflüge <^. [R. 22 VII 1878.] 

In seiner Lehrthätigkeit fühlte Rohde sich dauernd be- 
klemmt durch die Besonderheiten und Sonderbarkeiten des Tü- 
binger philologischen Seminars. >Ganz wunderbar ist die von 
Teufl^'el erfundene Seminareinrichtung : alle Studiosen der 
Philologie sitzen zugleich darin, in zwei Cursen: jeden Fuchs 
im ersten Semester m u s s man aufnehmen — das giebt dann 
freilich eine Art von Kleinkinderbewahranstalt — , denn jedes 
dieser 50 — 60 wissenschaftlichen Rabies m u s s einmal im Se- 
mester seine Künste zeigen«. Auch die Stiftseinrichtungen 
sind ihm unbequem, aber immerhin, »sie lassen zweierlei Be- 
urtheilung zu: sie haben in der That auch einiges Gute«. Im 
Ganzen gestellt et al)er doch, nachdem er die erste Verblüf- 
fung überwunden hat , dass es allenfalls auszuhalten sei. 
»Solche Einrichtungen sind nur bei der schwäbischen Art über- 
haupt erträglich : die Leute haben wirklich einen sehr 
guten Fond, so dass alle Abgeschmacktheit sie nicht so 
gänzlich verderben kann, vne das z. B. bei den leichtsinni- 
geren Pfälzeni der Fall sein möchte«. [R.] 

Bringt man von diesen Aeusserungen die burschikose 
Uebertreibung des Ausdrucks, wie billig, in Abzug, so wird man 
sie als nicht ganz unberechtigt anerkennen müssen. Ein per- 
sönliches Verhältnis des Lehrers zum Schüler — und da- 
rin liegt die Gewähr des Erfolgs — ist bei solcher Massen- 
betheiligung an einigen akademischen Uebungsstunden noch 

^ Die Organisation des Seminars rührt von W. S. Tkufpel her, ist 
aber ein Ausdruck bestehender Bedürfnisse und Verhältnisse, für die Er 
80 wenig verantwortlich ist, wie seine Nachfolger. Dass auch er die 
Ungunst dieser Verhältnisse schmerzlich empfand, bezeugt sein Sohn in 
der Biographie (Festschr. des Gymnasiums zu Tübingen 1889 S. 14). Ein 
Verdienst von Teuft'el ist en, dass er mit dem Zwange des Lateinsprechens 
aufräumte; seine Bemerkungen darüber (bei S. Teuft'el a. 0. S. 11 f.) 
haben heute eine noch grössere Berechtigung, als vor dreissig Jahren. 
Rohde hat zeitweise wieder die lateinische Sprache gebraucht, aber „zum 
Nutzen der wissenschaftlichen Förderung diente es nicht* (W. Schmid). 



•■■ 



104 Arbeiten der Hörer. Constantiu Ritter. 

schwerer anziibalmeii, als bei überfüllten Klassen im Gymna- 
sium. Wirklich ist es auch Rohde nie gelungen, einen gi-ös- 
seren Procentsatz seiner Schüler zu selbständiger wissenschaft- 
licher Arbeit anzuregen. »Mit noch so emsiger Keception allein 
ist nichts erreicht, keine Kraft wird damit ausgebildet, und 
darauf kommt es doch hauptsächlich an. Ich wünschte, ich 
könnte diese malte Philologenweisheit unsern Studenten deut- 
licher und wirksamer machen, als leider möglich ist'^. [Ri. 
26 X 93]. Die Stiftseinrichtungeu mit ihren philosophischen 
loci und Repetitionen schienen Rohde die Neigung zu > pas- 
sivem encyklopädischen Wissen?, die Abneigung gegen eignes 
Zugreifen und »Hartholzbohren«, gerade bei den besten schwä- 
bischen Hörern, nur zu begünstigen. Darüber klagt er (so 
wenig das Schulemachen seine Liebhaberei war) in seinen 
Briefen nicht minder, wie über die iumier wieder sich auf- 
drängende Beobachtung, dass in Tübingen studierende 'Aus- 
länder', wie P. Krumbholz oder Ernst Webern nach einer 
kurzen Gastrolle« Tübingen verliessen, um irgend wo hin zu 
ziehn, wo sie ein für Preussen giltiges Examen machen konnten. 
^So geht es uns treilich allemall : kaum ist ein junger Mann 
einigennassen *erudiert' , so geht er ab und trägt seine Früchte 
auf einen fremden Acker ; und die Einge])orenen sind zu selb- 
ständigen Studien nicht zu bewegen ; sie fangen höchstens an, 
dann al>er s])ringen sie ab« [R. 2 IV 85], 

Um so grösser war Rohde's Freude , wenn es ihm einmal 
gelang, den wissenschaftlichen Eros nach seinem Sinne in einer 
dieser sprö<len Naturen zu erwecken, wie das l)ei CONSTAXTIN 
Ritter der Fall war. >lch habe sogar* ruft er [R. 20 VII 81] 
triuinj)hiei*end aus , »was für halb unmöglich gelten musste, 
einen Schwaben, ja einen Stiftler, herangezogen, statt lauter 
Gedächtiiiswerk zu treiben und das mit etwas Philosophie zu 
versetzen, einmal ernstliche Untersuchungen anzustellen : ich 
will Ihnen ein Exemi)]ar des Buches dieses meines Leibschwa- 

' Rohde »nupfahi beide an Ribb«>ck [23 IV 82. 2 IV SoJ. Für seine 
V'iitersucliung über »lie Kyiiik«»r und Dio Chrysoditomort (de Dione Chrys. 
i'vn. sect. Leipz. 5Stud. X) verdankte Welier »Grundlajre und Ausführung« 
der Anleitung Rohde's [R. 22 1 88]. Auch Weber's dankenswerthe Bear- 
beitung der su^en. ft-.aX^;«'.; (A'.osoi a&y^'-' "^ J«*ii philoL-hist. Beiträgen 
für Wacliöuiulli S. 8:] 11.) ist durch eine Anre«»unj:r Rohde's veraulaBst. 



Lehrerfolg. Anpassung an die Tübinger Verhältnisse. 105 

ben Ritter *über die Quintilianischen Declamationen' zuschicken. 
Es ist eine sehr solide und gut begründete Arbeit, das Urtheil 
vernünftig und das (nach meiner Meinung unanfechtbare) Haupt- 
resultat . . . sehr l)eachtenswert<. Diesem ersten wirklichen 
Schüler in Tübingen hat er bis ans Ende eine ganz persön- 
liche Teilnahme bewahrt ; noch in Heidelberg begleitete er ihn 
berathend und mahnend auf seinem wissenschaftlichen und 
menschlichen Entmcklungsgange Schritt für Schritte 

So fühlte er doch nach wenigen Semestern mit tiefer Ge- 
nugthuung, »dass all die Mühe nicht ganz ohne Dank ver- 
schwendet sei« ^. Mochten sich seine Hörer, überwiegend Stift- 
ler und Conviktoren, vonRohde's norddeutscher Art und Sprache 
zunächst stark befremdet fühlen : seine rücksichtslos kraftvolle 
Natur hat ihnen in demselben Masse imponiert, wie die bei 
aller Sauberkeit grosszügige Art seiner litterarhistorischen Dar- 
stellungen, seine auf alle Fechterstücke verzichtende strenge Dia- 
lektik und der (freilich gerade hier langsam sich abschwächende) 
Zug zum Philosophischen ihren eignen Gewohnheiten und Lieb- 
habereien entgegenkam. So schloss Rohde mit den bestehen- 
den Einrichtungen seinen redlichen Frieden. Er hat, wie das 
im Tübinger Seminar Sitte wai-, mit Geduld, wenn auch nicht 
ohne Seufzen (»Ach, Sie kennen die wunderbare Einrichtung des 
schwäbischen *Argumentle' nicht !«f) sein volles Schock vonUeber- 
tragungen in die alten Sprachen durchcorrigiert und schliess- 
lich auch die nuancenreiche württembergische Zeugnisscala für 
seine Seminaristen virtuos handhaben lernen — während ihn 
freilich, woran er sich später lächelnd erinnerte, die erste Zeug- 
nisconferenz (sonst wird man dergleichen an deutschen Uni- 
versitäten kaum kennen) völlig ungerüstet fand. Von zeitrau- 
benden Nebengeschäften blieb er im Uebrigen ziemlich unbe- 
helligt ; insbesondere wurde er zu den Staatsprüfungen in Stutt- 
gart, die ein Privilegium der beiden altern Ordinarien waren, 
nicht hinzugezogen. Der Erfolg seiner Vorlesungen litt dar- 



* Einige Briefproben, die Rohde als Lehrer charakterisieren würden, 
im Anhang, wenn es der Raum gestattet. 

' »Was den sog. Lehrerfolg betrifft, so geht der bisher immer cre- 
scendo ; in Plato habe ich 94, im Winter hatte ich gar in einem Colleg 
103 Zuhörer, was für T. sehr viel ist« [R. 20 VII 81]. 



106 Fachgenossen. A. v. Gutscbmid. A. Socin. 

unter nicht im mindesten, und so ruft er seinem an chroni- 
schen Examensnöthen leidenden Freunde zu: »Gott sei Dank, 
dass wir die wenigstens hier nicht haben« [R. 22 X 81]. 

In der Facultät fand Rohde vor Allem wieder bei A. 
V. GUTSCIIMID, der kurz vorher von Jena übergesiedelt war, 
Ansprache und Anhalt; in den ersten Semestern zumal ver- 
kehrte er ziemlich regelmässig mit ihm und wusste auch jetzt 
noch, oft genug in scharfer Debatte, »von ihm zu lernen«. 
Auch Eduard Sie\'ERS war ihm schon in Jena begegnet ; er 
galt ihm als »der einzige gescheidte Germanist in jüngeren 
Jahren, den er kenne« [R.]. Durch Gutschmid gewann Rohde 
dann bald mit Albert Socin, »einem in seinen Kreisen 
sehr wohl l)ewanderten Semiten« [Rü. 7 XII 78], einige Füh- 
lung. Wenigstens mit den wissenschaftlichen Nachbarn in 
Verkehr zu stehn, war Rohde bei der Breite seiner Interessen 
ein Bedürfnis. 

Im Beginn der achtziger Jahre scheint das Verhältnis zu 
Gutschmid langsam erkaltet zu sein^ Nach seinen brieflichen 
Aeusserungen begann Rohde bei Gutschmid ein vorurtheilsloses 
Eingohn auf neue Methoden und Stoffe und unbefangene Kritik 
gegen die eignen Arbeiten zu vermissen; er fand z. B. Gut- 
schmid's rein negative Polemik gegen die Assyriologie der 



* Im Sommer 1880 sah Rohde »Gutschmid oft, die übrigen Herren 
seltner- [R. 25 IV 80]; auch im December 1880 schreibt er noch ziem- 
lich im alten Ton, G. sei immer in voller üntersuchuncrsarbeit , »aber 
wenn er fertig ist, legt er die Arbeit bei Seite zu den übrigen. Sehr 
schade.« [R. 23 XII 80]. Etwas schärfer klingen Aeusserungen an Rühl 
6 V 82: »Seit Monaten treibt Gutschmid gothische Geschichte mit der 
ihm eignen Gründlichkeit und Selbständigkeit, und behauptet, über die 
Quellen des Jordanes schreiben zu wollen. Es wird aber wohl Alles im 
Pulte bleiljen. [R. hat Recht behalten]. . . Er ist in oft halbrichtigen, 
oft ganz falschen Vorstellungen. . . wie festgefroren; gar nicht im Stande, 
umzulernen, und nur darum so positiv in seinen Behauptungen, weil er 
Alles nur von Einer Seite sehen kann. . . Er gehört mit seinem unver- 
gleichlichen Wissen an eine Akademie; unsrer Universität wünschte 
ich mir einen Historiker freieren und grösseren Zuges«. Einige Jahre 
später nahm R. den Entschluss Gutschmids, einen Ruf abzulehnen und 
in Tübingen zu bleib»'n, sehr kühl auf [R. 9 VII 84]. Am ausführlicheten 
und otl^nsten legt Rohde sein Verhältnis zu Flach und Gutschmid dar 
in einem Briefe an Rühl. den spätem Herausgeber von Gutschmid's 'Klei- 
nen Schriften' [12 A' II 85]. 



Fachgenossen. Flach. A. v. Gutschmid. 107 

Grösse des Problems nicht gewachsen \ und hatte den Glauben 
an manche viel gepriesenen Ergebnisse Gutschmid's (wie die 
über die makedonische Anagraphe oder Timagenes als Quelle 
des Trogus) völlig verloren^. Auch bei der Erörterung poli- 
tischer und litterarisch - philosophischer Fragen platzten die 
Geister hart aufeinander^. »Man hat« klagt Rohde 1882 »ausser- 
halb engster Gelehrsamkeitsinteressen . . . nichts von ihm : er 
hat keine Theilnahme an Allem, was das Leben erträglich 
macht, keine Spontaneität der Empfindung . ., keinen Blick 
für die Tiefe und Schönheit der Welt«. Trotzdem zogen sich 
die beiden ausgezeichneten Forscher immer wieder gegenseitig 
an, bis ein drittes Element störend dazwischen trat. 

Als nächsten Fachgenossen hatte Rohde Hans Flach 
angetroffen, den geräuschvollen Verfasser des platten Buches 
über die griechische Lyrik*. Flach glaubte sich in seiner 'Car- 
ri^re' als Universitätslehrer unbillig zurückgedrängt; er besass 
aber Berechnung und Selbstbeherrschung genug, um den Vei*such 
zu machen, sich mit der ihm eignen » Adhärenz '^ an den über- 
legenen neuen Collegen anzuschliessen. Bekanntlich hat sich 
A. V. Gutschmid, der oft an unrechter Stelle vertraute und 
misstraute, von diesem akademischen enfant terrible bis zum 

* Mit hellerem Blick schien ihm »der treffliche Ed. Meykr«, gegen den 
Gutschmid und Socin keine allzutreundliche Stellung einnahmen, solchen 
Problemen gegenüber zu treten; auch gegen Rühl äusserte R. gelegent- 
lich [12 VII 85] seine Sympathie für diesen »soliden Arbeiter<. Es spricht 
ein gutes Stück persönlicher Gereiztheit mit, wenn Rohde später eine 
ganz andre Tonart anschlägt; freilich begann er schon bei Meyer's Auf- 
satz über Lykurg »misstrauisch zu werdenc. 

* An dem Aufsatz über die macedonische Anagraphe (jetzt in 
grössenn Zusammenhange in A. v. Gutschmid's kleinen Schriften IV 
S. 32 ff.) hatte Rohde zu grosse »Willkürlichkeit« auszusetzen; das Er- 
gebnis hielt er für unbrauchbar. Auch die Ausführungen über Timage- 
nes als Quelle des Trogus schienen ihm »eine blosse Seifenblase« [Rü. 
12 VII 85]. Demgegenüber ist es sehr bemerkenswerth, dass Rohde lit- 
terarische Polemik nach Kräften vermieden hat: doch zielen manche 
seiner chronologischen Untersuchungen über die Köpfe der unmittelbaren 
Gegner weg auch auf den Tübinger Kollegen, s. unten S. 129*. Lieber den 
Versuch Wachsmuths, die Timagenes-Hypothese zu stützen (Rh. Mus. 
XLVI 465), hat sich R. nicht ausgesprochen. 

8 Vgl. unten S. 12P. 

* Es ist bedauerlich genug, dass einer der neusten Propheten im Stil 
des Rembrandtdeutschen seine Inspirationen über die Griechen zum guten 
Theil aus diesem Machwerk bezogen hat und Flach neben Rohde rangirt. 



108 Fachgenossen. Flach. A. v. Gut>*chmid. 

letzten Moment ausnutzen und missbrauchen lassen. Rohde, 
ein büssrer Menschenkenner, wusste Flach von vornherein in 
angemessner Entfernung zu halten '. Flach's persönliche und 
wissenschaftliche Hohlheit enthüllte sich bald genug in seinem 
opus magnum (1882 — 1884), wie in seiner »garainhaften« Pub- 
licisten- und Pamphletistenthätigkeit. Rohde hielt mit seinem 
Urtheil nicht zurück ; als er in dem Jahre , wo der zweite Band 
der 'Geschichte der Lyrik' erschien , in einem akademischen 
Verein über die griechischen Lyriker sprach, hat er für Flach 
keine Propaganda gemacht ^. Flach rächte sich an dem 'neuen 
Aristarch' in einem seiner künstlerisch puerilen, längst einer 
verdienten Vergessenheit anheimgefallenen Schlüssel-Romane 
mit billigen, neben das Ziel treft'enden Bosheiten und bewarf 
die Genossenschaft, in die er sidi freiwillig hineingestellt hatte, 
aus dem Versteck der Anonymität mit den niedrigsten Ver- 
leumdungen. Rohde hatte dafür, so weit seine Person und 
der Angreifer in's Spiel kam, nur ein Achselzucken^. Aber 

* Schon 188U schrie V> er : »Hier steht sonst Alles auf dem alten Fleck. 
Leider auch Flaciiis, dem ich lieber einen andern Fleck wünschte. Ein 
höchst fatales Element des ganzen hiesigen Lebens und Studiums: selbst 
die Studiosen erkennen seine volle Nichtigkeitc [K.] 

^ In Tübingen gab es kluge Leute , die Rohde persönliche Motive 
unterschoben; er selbst hätte (so hiesa es 1^86) eine Geschichte der 
Lyrik zu schreiben beabsichtigt. Wenn er's doch gethan hätte! Ihm 
hätte das Flacirsche Huch (über das ich auf das Centralblatt 1884, 30, 
10'26 verweise) wahrhaftig nicht im Lichte gestanden. Aber gerade von 
einem solchen Plane ist in seinen Briefen und Aufzeichnungen nie die Rede. 

^ Einige bezeichnende Aeusserungen über diese ärgerlichen Dinge 
mögen unter den Strich gesetzt werden. Der Mensch [Flach] hatte 
diese Racheschrift gar nicht etwa als letzten Trumpf vor seinem Ab- 
jjang ausspielen wollen, sondern meinte, noch Wochen lang . ., die Autor- 
schaft h'ugnen und ganz gemüthlich hier V)leiben zu können. Es bedurfte 
der positiven Androhung, dass man ihn sonst absetzen werde, um ihn 
undlich zu bewegfjn, seine Entlassung zu fordern. Da er das gar nicht 
erwartet hatte, gerieth er nun in einen elenden Zustand gänzlicher Zer- 
knicktheit, versuchte Alles zurückzunehmen, und schied als der offen- 
barte Schw , als der er längst Kennern der Zoologie verdächtig 

war.« [R. 2 IV 85.] Mit besonderm Bezug auf Flach's Buch über *die 
akademische Carriere' : Das Niederträchtige ist aber dies: dass diese 
Elendigk«'iten d i e academische Carriere ausmachen sollen (haben denn 
•Sie, oder ich. oder Gutsehmid, oder Wilamowitz oder wer sonst, je sich 
zu irgend einer der da gemalten (xemeinh^iten hergegeben ?), und 
vor Allem, dass Fl. selbst, zum Ekel aller Welt, eben diese sämmtliehen 
feigen Kriechereien hier ausgeübt hat . . . freilich ohne Erfolg.« [Rü. 12 VII 85]. 



Entfremdung mit A. v. Gutschmid. Die übrigen Collegen. 109 

schmerzlich war es ihm, dass Gutschmid den Verkehr mit 
Flach eigensinnig festhielt, ihm durch die milden Gaben von 
seiner Hand eine wissenschaftliche Scheinexistenz ermöglichte ^ 
und sich damit schliesslich selbst >» zu jedem anständigen Menschen 
in Opposition stellte«. Die letzten Briefe aus Tübingen zeigen, 
dass die Entfremdung zwischen Rohde und Gutschmid über 
diesen und ähnlichen (auch politischen) Meinungs- und Ge- 
sinnungsverschiedenheiten ^ unheilbar geworden war. An Gut- 
schmid's bona fides hat Rohde nie gezweifelt; rückblickend 
schrieb er nach seinem plötzlichen Tode : *Er war doch ein 
nobler Mensch, ohne Falsch, wenn auch ohne selbständiges 
Urtheil in nichtgelehrten Sachen und daher Einblasungen . . . 
sehr zugänglich^. [R. 15 III 87.] 

Abgesehn von den eben , vielleicht mit unerwünschter 
Breite, vorgeführten Intermezzi, durch die sich Rohde's leicht 
erregbarer Sinn zeitweise recht beschwert fühlte, gestalteten 
sich die collegialen Verhältnisse, nicht nur zu den Fachgenossen, 
»durchaus nach Wunsch, gut und harmlos« [R. 25 IV 80]. Ge- 
rade die Schwaben in der Facultät waren ^doch ganze Men- 
schen«, die Rohde gelten lassen musste: so der Senior Rudolf 
V. Roth, der Bahnbrecher des Sanskritstudiums, mit dessen 
religionsgeschichtlichen Arbeiten er sich zu befassen hatte; der 
vielseitige Stiftsästhetiker K. KOESTLIN, im Verkehr >ein welt- 
fremdes Original <^^; ferner der kurz vor Rohde nach Tübingen 

* Dass Lud wich . . seinen (Flach's) flesychius schätzt, ist ganz ver- 
ständlich : der ist eben eine Arbeit von Gutschmid. G. hat, in einer 
mir unverständlichen Art von Gutmüthigkeit , nicht nur dem Fl. alle 
Historikerglossen durchrecensirt . . ., sondern er hat ihm das ganze 
Opus durchcorrigirt, in zwei-, ja dreifacher Correctur. Ich habe solcher 
Bogen viele gesehen; da war überall Flachs Unsinn ausgestrichen, Ver- 
nünftigeres hingesetzt, G.'s eigne Bemerkungen zugefügt etc. . . Und 
wie oft hat mir G. geklagt, der Fl. verstehe dann seine Bemerkungen 
gar nicht oder — miss«. [Es konmit ja in der That vor, dass Flach's 
Text zu Gutschmid'ö Apparat nicht passt, vgl z. B. p. 57, 2.] »Kurz 
mit unerhörter Zähigkeit hat G. das ganze Buch vollständig umgearbeitet ! 
Von Rechts wegen müsste bei jeder Notiz gesetzt sein A. v. G.« [Rü. 6 V 82]. 
So sind ja auch in der Geschichte der Lyrik das werthvollste die chro- 
nologischen Ansätze Gutschmid's. 

» Vgl. unten S. 121 -. 

' Man bemerke, wie schonend Rohde (Kl. Sehr. I 268) gegen seinen 
»verehrten Collegen Karl Köstlin« polemisiert, dessen rührende Harm- 
losigkeit allerdings jeden Unmut h von vornherein entwaffnete. 



110 Briefwechsel. 

zurückberufene Philosoph E. Pfleiderer, ein alter Bekannter 
aus Kiel , und vor Allem Christoph Sigwabt , mit dessen 
Familie sich engere, alleWechselfälle überdauernde Beziehungen 
anspannen'. Eine persönliche Freundscliaft, wie die mit ßib- 
beck und dem Baseler Kreise, verband Rohde aber mit keinem 
seiner Tübinger Amtsgenossen. Rohde hat das schmerzlich 
genug empfunden, ohne dass er jemand einen Vorwurf daraus 
gemacht hätte. Er war sich bewusst, dass er selbst zu schnei- 
dend und liart im Verkehr geworden sei, als dass man ihm 
recht nahe kommen möchte. Ich fühle es tief und oft: durch 
diese Art habe ich mich um den eigentlichen Reiz des Lebens 
gebracht. Es wäre freilich vieles anders, wenn irgend ein 
Mensch in der Nähe wäre, der es mit mir wagen wollte 
und mir ein wenig Feuer von seinem Feuer mittheilte < [N. 
8 IV 81]. Einen solchen Menschen hat er in diesen Jahren 
zu gewinnen nicht das Glück gehabt. Um so eifriger pflegte 
er den Briefwechsel mit den auswärtigen Freunden, vor Allem 
mit RiBHECK und RüHL, denen er sich am ungezwungensten 
giebt, als Gelelirter wie als Mensch, vielfach mit ganz köst- 
lichem Humor. Nicht ganz so zahlreich, aber mehr in die 
Tiefe gewandt, sind die Briefe an OvERBECK; die gemeinsame 
Theilnahme um den erkrankten und 1879 aus dem Amte geschie- 
denen Freund klingt wie ein cantus tirmus durch alle andern 
Stinnnen ernst hindurch, l'nd in der scarsczza d'uomini« der 
ersten Tül)inger Jahre hat Rohde auch mit Johannes VOLKELT*, 

* SiGWARTs gedenkt er wiederholt in seineu Briefen und wünschte 
in kritischer Zeit lebhaft, ^dass Sigwart nicht 80 thoricht sein möge, 
dies Philo«üj)heneldorado gegen die unbekannten Zuatände in Berlin 
aufzugeben.^ |R. 28 XI 1881 J. Vgl. auch S. 158. 

- Einige für den Schreiber bezeichnende AeuHserungen des ersten 
Briefes [V. 1 1 79] mögen hier Platz finden : »Ich wünsche aber recht 
ernstlich, von Ihnen einmal zu hören: Sie dürfen aus meiner wunderlich 
zurückhaltenden und in Mitteilungen kargen Art im persönlichen Um- 
gänge nicht auf die (Besinnungen schliessen , die ich im Innern für Sie 
hege. Niemand kann über seinen Schatten springen, und mir hängt ein 
ganz absonderlicher Schatten an, ein eigenthümliches Gemisch von Men- 
schensch(!n und Misstrauen in mir selbst, das mich stets mit der Furcht 
lähmt, zudringlich zu werden, und sich endlich mit einem fatalen Hang, 
nur in der Phantasie zu leben, so eng verbündet hat, dass ich nun zwar 
die umgebende Menschheit in der Phantasie sehr deutlich und mit vielem 
Antheil auttasse, oft aber nach Aussen auch nur einen Finger zu rühren 



Verhältnis zu Nietzsche. m 

mit dem er schon in Jena gern verkehrt hatte, eine Correspon- 
denz begonnen, aus der ein dauerndes Freundschaftsverhält- 
nis erwachsen ist. Rohde fand >bei noch so grosser Verschie- 
denheit von Art und Anlage immer mehr gleiche Humore und 
Lebensstimmungen« auf beiden Seiten ; zumal über litterarische 
und philosophisch-ästhetische Fragen hat er viel mit Volkelt 
verhandelt. 

Diesen Correspondenzen gegenüber treten die Briefe an 
Nietzsche jetzt an Zahl zurück. Rohde selbst zauderte oft 
lange, ehe er auf Zusendungen und Zuschriften antwortete ; 
gerade für den schwer leidenden und doch »dem atmosphäri- 
schen Dunstkreis, in dem wir alle umherwanken < mehr und 
mehr entrückten Freund meinte er »eine innerlich ruhig ge- 
hobene Stunde < abwarten zu müssen, »wie sie den Professor 
legens nicht häufig besuchen wollen«. Aber trotzdem war, 
auch in Tübingen, kein Genosse seinem Geiste und Herzen 
näher. Auf Umwegen, bei gemeinsamen Freunden (besonders 
bei Overbeck), sucht er immer wieder Nachrichten über sein 
Ergehn zu gewinnen und ist so auch »in dunkeln, brieflosen 
Monaten« neben ihm wie ein ungesehener Begleiter. »Sagen 
Sie ihm«, schreibt er bei solcher Gelegenheit, »dass unter allen 
Wandlungen seines Schicksals und seiner Gesinnungen ich 
ganz gewiss ihm die treueste Freundschaft bewahrt habe und 
stets unwandelbar bewahren werde«. Das schwere Martyrium, 
das Nietzsche zwang, seine Baseler Professur niederzulegen, 
war für ihn eine Aufforderung mehr , »in Theilnahme und 
Liebe nicht zuennatten«. Als Nietzsche, mit einem geistigen 
Heroismus sondergleichen in dieser *sonnenärmsten Zeit seines 
Lebens' Bücher, wie die 'Vermischten Meinungen und Sprüche' 
und *Der Wanderer und sein Schatten' sich abtrotzte, fand 
Rohde (gegen Weihnachten 1879) die rechten , zu Herzen 
gehenden Worten „Deine alte Liebe, neu besiegelt" — ant- 
wortet Nietzsche (Biogr. U S. 336) — „das war das köstlichste 

mich gehemmt fühle. Ein absurder Zustand! durch den man mitten 
unter Menschen wie in eine mitwandelnde Mönchszelle eingekapselt und 
isoliert herumgeht und auch an Menschen, denen man sich enger an- 
schliessen möchte, nicht näher herankommt. . .« 

* Der Brief [N. 22 XII 79] wird voraussichtlich au andrer Stelle 
veröffentlicht werden. Vorläufig s. E. Förster-N , II 336. 



112 Dogmen bei Nietzsche. 

Geschenk vom Abend der Bescherung. Selten ist mir's so 
gut gegangen : gewöhnlich war das persönliche Schlussergebnis 
eines Buches für mich, dass ein Freund mich gekränkt verliess". 
In der That hatte Rohde den Choc, den er von der ersten 
Sentenzensammlung Xietzsche's empfangen hatte, inzw^ischen 
überwunden. Er gewann bald den Eindruck, dass Nietzsche 
»auf seiner Kreisbahn aus den Gegenden, wo nur einzelne Tcapa- 
OGca wolmen mögen, sich in diesem *Naclitrag'^ wieder be- 
währten und weniger übertrieben heissen oder kalten Gegenden 
nähert. Das Reethum * ist weniger dogmatisch geworden, und 
das ist ein Glück: denn bei solchem Festhalten an dogma- 
tisch genommenen Paradoxen gewinnt man freilich die Mög- 
lichkeit, durdi einfaches Durch tiguriren dieser Paradoxen . . 
auf alle möglichen Verhältnisse . . eine Reihe geistreich aus- 
sehender Sentenzen (die im Grund immer wesentlich dasselbe 
sagen) zu schmieden. Aber man verbaut sich doch dadurch 
selbst jede freie Aussicht in die Dinge und das Menschen- 
leben : ich kann nicht finden, dass dabei der 'freie Geist' be- 
sonders viel gewinnt. . . . Will nmn einmal ein *freier Geist' 
sein . . ., so soll man denn auch keinerlei Dogmenzwang dul- 
den : und Nietzsche hat, so scheints, den kalten Föhn des 
Reeismus, nach dem heissen des Wagnerthums, schon zum 
grossen Theil überwunden. Wie stark sein Kopf gleichwohl 
zum Dogmenmachen neigt , habe ich recht an dem Eintfuss 
des Nachsommers •• auf ihn gesehen. Das Buch . . . hat mich 
und meine Frau sehr interessiert. Das beste Zeichen : man 
denkt mit I^ehagen und einem Gefühl von wohlthuender Heim- 
lichkeit und vornehmer Stille an das Buch, noch lange nach 
der Lektüre, zurück ; der Nachgeschmack ist das beste Kri- 
terium eines Buches. Aber nun macht N. diese Ai't sofort 

* Damit sind gemeint die 'vermischten Meinungen und Sprtiche' und 
*der Wanderer und sein Schatten', im ersten Druck als 'Anhang' zum 
'Menschlichen Allzumcnschlichen' veröffentlicht, und Hpäter (Werke Band 
III) als zweiter Band diesea Buches bezeichnet. 

* \<r\, ohen S. 97 ff. Rohde hat in diesen Jahren — im Gegensatz 
zu andern Freunden — Ree einen bestimmenden Einfluss auf Nietz- 
sche zugeschrieben; vgl. aber S. 99. 

^ Adalbert fStifter's 'Nachsommer', der in den Fünfer-Kanon (Goethe, 
Lichtenberg, Jung-Stilling [oben S. 25^], Stifter, G. Keller) der deutschen 
Prosa bei N. ('Der Wanderer' 109 = Werke III S. 257) aufgenommen ist 



Goethe. Der Wanderer und sein Schatten. 113 

zur einzigen, die noch gelten soll; aus dem Einen gelunge- 
nen Wurf wird sofort eine Regel Im Speciellen 

bezweifle ich sehr, dass diese Ai-t von Roman in vielen 
Exemplaren existieren könne: wir wollen dankbar sein, 
dass nur Ein solcher Ausruhepunkt in der Hitze des Lebens 
und der Leidenschaft gegeben ist, aber nicht tausend Aus- 
ruhepunkte . . . fordern. Ich betrachte aber diesen Fall für 
Nietzsche als typisch : immer soll man sich gleich zu Gunsten 
einer einzigen Art des Wissens, der Betrachtung des Lebens, 
an allem denkbaren Anderen den Appetit verderben. Wo 
soll dann noch ^Freiheit' des Geistes sein ! Ich kenne nur 
Einen *Freien' im Geiste, unter den ganz Grossen: das ist 
Goethe, und der ist gewiss doch nur darum so frei, weil 
er Alles an seiner Stelle gelten lassen konnte, 
und nicht weil er sich die Freiheit genommen hätte (wie Nietzsche*s 
angeblicher freier Geist, Voltaire, und dessen Gleichen) die 
Eine Hälfte des Menschenwesens zu Gunsten der andern Hälfte 
einfach als Unsinn wegzuwerfen! — In welchem Sinne ich 
das alles sage, werden Sie gewiss verstehen, sicher nicht um 
N. zu tadeln, dass er sich so aufrichtig seiner Meinung ent- 
äussert« [O. 31 V 82]. 

Von den beiden neuen Sentenzensammlungen ergriff Rohde 
am tiefsten *der Wanderer und sein Schatten'. Die einrahmen- 
den Gespräche und manche nahezu lyrisch stilisierten Abschnitte 
wirkten wie persönliche Gegenwart^; bei jedem Wort fast glaubte 
Rohde zu fühlen, »wie es einer völligen Verzweifelung an per- 
sönlichem Behagen und Glück abgerungen ist, ängstlich schnell, 
ehe es Nacht wird, und mit der Sonne auch alle Schatten 
verschwinden«. Er empfand es klar, dass diese Schriften für 
Nietzsche etwas ganz andres bedeuteten, als eine wissenschaft- 
liche Untersuchung für einen Gelehrten; dass in ihnen das 
auf sich selbst zurückgewiesene leidenschaftliche Innenleben des 



* Man denke z. B. an No. 8 (Werke III 195) : in andrer Lebensstini- 
mung wird oder kann man all die von Nietzsche so trübselig gedeuteten 
Einzelheiten als Symbole des Gegentheils auffassen. Beiläutig: Auch für 
Nietzsche den Schriftsteller ist es bedeutsam, dass er (wie Rousseau) aus- 
übender und productiver Musiker war. Selbst der Aphorismus Nietzsches 
ist *au8 dem (reiste der Musik' geboren, wenigstens jene besondre Art, 
die man als lyrischen Aphorismus bezeichnen könnte. 

C r u 8 i n 8 , K. Hohdc. S 



114 Aeusserungen über Nietzsche. 

Einsiedlers einen Ausweg und eine Bethätigung suchte; dass, 
wer diese Schriften anrührte, seiner Persönlichkeit zu nahe trat. 
Von nun an sah sich Kohde — der sich sonst auch brieflich 
im Ausdruck gern gehen Hess — jedes an Nietzsche gerichtete 
Wort daraufhin an, ob es dem Freund nicht wehe thun könne; er 
gewöhnte sich, con sordini zu schreil)en. Mit Genugthuung 
empfand er aber, wie diese Schriften in ilirem ül)erqucllenden 
Reichthum Manches brachten, was er sich, wie in alten Zeiten, 
ganz persönlich anzueignen vermochte. Und so wenig er zum 
Propagandamachen geneigt war, so suchte er doch die Auf- 
merksamkeit von Freunden, wie Ribbeck, Rühl oder Volkelt^ 
auf Nietzsche's Schriftstellerei zu lenken. 

>Der Arme« schreibt er an Rühl »leidet fürchterlich an 
seinen fast völlig blinden Augen und an Kopfschmerzen: von 
Störung seiner Vernunft ist nicht die entfernteste Spur. Lesen 
Sie nur — nicht um das zu constatiren, sondern um über- 
haupt eines der merkwürdigsten und lesenswerthesten Bücher 
zu lesen — sein neuestes Buch: „Der Wanderer und sein 

Schatten** Sie werden darin reden hören einen 

Mensdien, der . . . die Welt nur noch mit den Augen seines 
Geistes sehen kann, aber an Tiefe, Feinheit, Klarheit und 
Besonnenheit (soweit seine stets stark einseitige Weise 
das zulässt) immer nur noch gewonnen hat seit seinen 
Jugendschriften. Seinen Freunden muss das Buch trotzdem 
einen tief schmerzlichen Eindruck machen (w a s haben wir 
Alles zusammen durchlebt!): aber es würde mir höchst werth- 
voll sein, wenn ich einmal erführe, welchen Eindruck eigent- 
lich solch ein Buch auf einen ganz Fremden, aber zu ver- 
ständnisvoller Aufnahme . . . befähigten und unbefangen be- 
reiten Mann macht. Auf jeden Fall : sein Verstand ist nicht 
nur reicher, sondern auch fester, als der von tausend kriti- 
schen Holzköpfen« [Rü. 25 IV 80]. »So viel Muth und Klar- 
heit und Feinheit* — hatte er kurz vorher an Nietzsche ge- 
schrieben — *und ein so holier Adel des Sinnes, dass er es 
wagen kaim, allem artig thuenden Geberdenwesen zu entsagen; 
ein so freier und reiner Blick in die Welt — aber aus einer 



* „Yjü war in Klosters 1884, wo mich R. luit wannen Worten zum Lesen 
des Zarathustra, tlen er mit sich führte, bewog" (Volkelt). Vgl. unten S. 125. 



Aeusserungeu über Nietzsche. 115 

solchen Ferne von allem irdisch Derben und Trivialen; wie 
mit geschlossenen Augen siehst Du die ganze Fülle der Welt 
und das menschliche Treiben, richtig aufgefasst, aber ohne 
selbst von ihm umgetrieben . . zu werden ; und das thut dem 
Leser wehe, wenn er Dich lieb hat und aus jedem Worte seinen 
Freund reden hört . . . Aber in Wahrheit wollen wir uns mit- 
einander freuen, dass Deine Schattengespräche Dich so hoch 
und fern von allem Persönlichen forttragen : so lange Du Deine 
Gedanken concipirst und ausbildest, muss dich ja die Befrie- 
digung, so etwas zu finden und zu können, ganz ausfüllen . . .« 
Das waren Worte, die dem > Tausendkünstler der Selbst- 
überwindung«, der täppisch zudringlichem Mitleid gegenüber 
immer empfindlicher wurde, wahrhaft tröstlich in die Ohren 
klangen. So trat Rohde immer wieder den an seine Thür 
pochenden litterarischen Gaben Nietzsche's mit offenem Sinn 
und innerlichster Theilnahme entgegen. Aber es wählte oft 
lange, bis er den rechten Augenblick fand, um »diesen so weit 
getrennten und so ganz auf das Spiel mit seinen einsamsten 
Gedanken eingeschränkten Freund etwas zu sagen, das bis zu 
ihm dringen könne« ; er habe selbst bei solchen Gelegenheiten 
immer das Gefühl, nicht fertig und in einem unbehaglichen Flusse 
zu sein, so stark, dass es ihm fast körperlich unmöglich werde, 
dem Andern, der sich »mit seinem eignen, so viel energischeren 
Werdeprocess ab(iuäle< etwas Vernünftiges zu antworten. Ein 
Brief »in dumpfer Stunde geschrieben*, gab Nietzsche 1883, bei 
dem Erscheinen der ^fröhlichen Wissenschaft', den ersten Anlass 
zu einer Verstimmung, während es Rohde kaum fassen kann, 
dass er »in bester Meinung seine Schmerzen vermehrt habe« ^ 

* »Ich wünschte ihni Glück zu wirklicher Durchdringunsr mit seinen 
neuen Anschauungen, die früher oft etwas nur Gewolltes gehabt haben, 
nun aber wirklich seine Natur geworden zu sein scheinen; das Per- 
sönliche seines Buches erfreute mich, besonders der Hauch neugewon- 
nener Gesundheit und eine Art Heiterkeit darin» [0. 1 I 83]. Nietzsche 
scheint in jenen Aeusserungen etwas wie Missachtung gefunden zu haben, 
während Rohde sich bewusst war, dass er «seinem hohen Flug mit Be- 
wunderung und mit allervoliständigstera Verständnis nachblicke, auf 
mich, nicht auf ihn zürnend, wenn meine ganze Anlage und dazu die 
. . vom eignen Selbst abziehende Art unserer Amtsarbeit es mir unmög- 
lich machten, ihm zu folgen, oder gar ihm nachzuthun.« Wie hoch ge- 
spannt Nietzsche's Stinmiung schon damals war, zeigen die Briete (an 
V. Gersdorff S. 240, M. Baumgartner S. 294). 

8* 



116 Also sprach Zarathustra. 

Nietzsche emi^fand es in ruhigen Stunden selbst, wie schwer 
es dem Freund sein musste, bei seinen Wandlungen ihm wie 
in alten Zeiten zur Seite zu bleiben. Er wisse bestimmt, schreibt 
er einmal, dass das Bild, das seine Bücher jetzt von ihm gäben, 
nicht das Bild sei was Rohde von ihm im Herzen trage. Er 
habe wirklich (wie Rohde gemeint hatte) eine ^zweite Natur' * ; 
^aber** — so fügt er beschwichtigend hinzu — „nicht um die 
erste zu vernichten, sondern um sie zu ertragen. An meiner 
*erstcn Natur' wäre ich längst zu Grunde gegangen". 

Als Nietzsche dies Bekenntnis schrieb, reiften eben die 
ersten Tlieile des ^Zarathustra' heran. Rohde glaubte in ihnen 
die »beiden Naturen« des Freundes sich versöhnen und seine 
Bahn zu ihrer ursprünglichen Richtung zurückkehren zu sehn. 
Aus der Proteusgestalt des persischen Weisen blickten ihn 
oft genug die trauten Züge des jungen Nietzsche an ; und 
im Stillen hielt er damals für das wiederkehrende Roth der 
Gesundheit, was Andern später als Vorzeichen der Erkrankung 
erschien. »Nietzsche's Buch habe ich grösstenthcils mit wahrer 
Bewunderung gelesen. Ich finde auch die F o r m nicht nur 
geschickt und geistreich gehandhabt . . . , sondern überhaupt 
sehr angebracht : so kann er doch seine Gedanken und Wal- 
lungen noch aus sich heraussetzen , sie nehmen mehr den 
Charakter eines Kunstwerks an , den Ausdruck einer 
Stimmung, die man nicht eigentlich und nothwendig hat, son- 
dern nur durch Vermittlung der Phantasie annimmt, wie eben 
der Dichter die Stinmiung und Art seiner Charaktere als 
d e r e n Stimmung, nicht als seine — wiewohl von seinem 
eign(»n Herzblut darin ist. Und das betrachte ich für ihn als 
ein Glück, als einen Fortschritt. Denn ich habe längst das 
Gefühl, als ob N. wesentlich litte . . an einer Fülle von Poe- 
sie, die nicht in eigentliche Dichtung sich niederschlagen 
will und ihm nun im Innern Fieber und Noth macht.« [O. 
9 XII 83]. Aehnlich, nur eingehender und wärmer äusserte 



* Der Ausdruck ist hier sichtlich in einem andern Sinne genommen, 
als beispielsweise in dem Aphorismus der 'Morjjenröthe' No. 455 (= Werke 
IV- S. 8U8) , entsprechend den Aeusserungen Rohde's über die sich ab- 
lösenden (und im 'Zarathustra* sich versöhnenden) Gegensätze in Nietz- 
sche"« Wesen und Schriftstell erei. 



Zarathustra als Dichtung. 117 

sich Robde gegen Nietzsche selbst. Erst so, indem der Freund 
sich, wie Plato, als Verkündiger seiner Meinungen ein Ideal- 
wesen schaffe, setze er diese Meinungen recht aus sich selbst 
heraus und stehe gewissennassen über sich selbst. Was so 
in die Gestalt eines lehrhaften Gedichtes eingekleidet sei, 
geniesse nun auch die Privilegien eines Gedichtes ; der Freund 
sei der verstandesmässigen Begründung seiner Intuitionen über- 
hoben und könne auch seine Sprache die vollsten Klänge an- 
schlagen lassen ; darin sei die ^Vorrede', aber auch mancher 
spätere Abschnitt unübertrefflich [N. 22 XII 83]. 

Rohde hatte immer den Künstler und Dichter in Nietzsche 
geselin ; schon vor Jahren hatte er die Meinung ausgesprochen, 
dass für sein Denken und Empfinden, für all seine innere 
Philosophie und Musik eine poetische Einkleidung die einzig 
angemessene sei; nur so könne sich sein ganzes Wesen, 
ohne willkürliche Theilung und einseitige Uebertreibung, har- 
monisch aussprechen. So meinte er jetzt, dass Nietzsche mit 
der neueren Form — die ja vieler Variationen und Metamor- 
phosen fähig sei — seine eigentliche Foim zu finden begonnen 
habe. Er glaubte an ein Erstarken der künstlerischen 
Kräfte des Freundest Wirklich hat Nietzsche in den näch- 
sten Jahren vielfach zur dichterischen, auch zur gebundenen 
Rede, gegriffen ^ und die Zarathustra- (und Dionysos-)Maske 
noch in seinen letzten Niederschriften benutzt. 

Mochte Rohde Form und Stimmung des seltsamen Buches 
noch so hoch schätzen: manche Winkel dieser Gedankenwelt 
blieben ihm fremd und unheimlich mit dem Spuk ihrer »nicht 
aus dem Leben genommenen sondern wie aus weltfremden Ein- 
öden mitgebrachten gespensterhaft-abstracten Vorstellungen.^ 
Dahin gehört besonders der Abschnitt vom 'bleichen Ver- 
brecher' [N. 22 XII 83]. Auch bei den Betrachtungen ül>er 
'Kind und Ehe' machte er, bei aller Zustimmung zu den Grund- 

^ Vpfl. S. 59*. Niet/sehe selbst schrieb 1884: „Uebrigens bin ich 
Dichter bis zu jeder Grenze dieses Begrifls geblieben, ob ich mich schon 
tüchtig mit dem Gegentheil aller Dichterei tyrannii^iert habe." 

^ Vgl. Werke, Bd. VIII S. 337 fF., Nachbericht S. V f. Sehr merk- 
würdig ist es, wie sich für Nietzsche die kühnsten metaphysischen Spe- 
culatiouen in die musikalische Stimnmng des Mitternachtsliedes umsetzen, 
Werke VI 332. 



118 Bedenken und Vorbehalte. Keime der Entfremdung. 

gedanken, doch auch seinen, für ihn als Menschen charakteri- 
stischen Vorbehalt. »*Ueber sich selbst hinaus bauen', gewiss 
d as will man als Vater: r.aTcc;. o ö ys tzgUo^j ä|1£(vü)v soll es 
von dem Sohne heissen, und wahrhaft schämt man sich erst, 
w^enn man sich als bestelltes V o r Ij i 1 d eines eignen Kindes 
denken soll. Aber doch — das ist n i c h t der springende 
Punct in dem Ei der Kinderliebe und -Sehnsucht. Man 
fühlt es erst, wenn man sell)st darin steht: was man eigent- 
lich will und wünscht und ersehnt und sich aufbauen möchte, 
das ist eine ganz bedingungslose, grundlose und unaustilgbare 
Liebe zu einem menschlichen Wesen, und die giebt es nur 
und allein im Verhältnis zu dem eigenen Kinde. Alles übrige 
folgt nur daraus.^ 

Man sieht in solchen Fällen, wie die eigenste Lebenser- 
fahiung Kohde von den einsamen Bahnen des Freundes al)- 
drängt; es deuten sich doch schon Gegensätze an, die sich 
bei den nächsten ethisch-psychologischen Schriften Nietzsche's 
mit erhöhter Schärfe fühlbar machen sollten'. Nietzsche hatte 
davon schon 1884 ein(? sichre Witterung ^. 

Noch ein andres (iebiet gal) es, wo sich damals die Wege 
der Freunde zu trennen begannen : das A^erhältnis zuR. Wagner 
und zu AVagner's Schöpfungen. Auch Rohde hat es beim Parsifal 
-— soweit dies Werk andre, als rein künstleiische Zwecke zu 
verfolgen scliieii, — nicht über sich gewonnen, dem Meister Ge- 
folgschaft zu leisten-^; er war nie in dem Sinne Wagnerianer, 

* Sieht iium, bei diesem Mt'iiiuu<^sjuistaii:^rh, pft'iiauer hin, so hat sich 
«lie Situation merkwürdig vorkelirt : Kohde ist, aus persönlichstem Em- 
plinden heraus, mehr Individualist, iils Nietzsche, ja Individualist im 
(it'jTfensatz zu Nietzsche: >Was wäre Kinem an und für sich daran ge- 
lejiren. M'lher sich hinaus zu hauen'. w«Min es nicht eben in diesem Men- 
>cJienkinde wäre, wr» msm das beste seiner Wünsche und (ledanken Ge- 
stalt «gewinnen sehen müehte. weil er es ist, nicht abstract um der Welt 
und der Menschen willen.« Derselbe (Je<:fen<atz wiederholt sich (wie wir 
unten sehn werden) in den eng vtnwandten Hypothesen der Freunde 
über den Unsterblichkeitsglauben. 

- Dieser Stinnnuug giebt N. einen ergreifenden Ausdruck in einem 
Briefe, den K. För>ter-N. vor Licht enberger's 'Philosophie Fr. Nietzsches' 
S. hin hat abdrucken lassen. Hohde's schöner Hrit'f sagt ihm schliess- 
lich doch: ^Freund Nietzsche, du bist nuu ganz allein." 

'•^ Nach den Mittheilungen W\ Sehmid's a. 0. S. Ol, dessen Darstel- 
lung im Uebrigen durch die hierund später verwertheten ?>elb>tzengnisse 
Rohde's ergänzt wir<l. 



Verhältnis zu R. Wagner. Gesellschaftliches Leben in Tübingen. 1X9 

dass er sich in seinen persönlichen Ueberzeugungen hätte binden 
lassen. Aber es blieb für ihn das erhebendste Ereignis seines 
Lebens, dass er einem Genius, wie Wagner, sich persönlich 
hatte nähern diii'fen; er kannte keine tiefem künstlerischen 
Eindi'ücke, als die waren, die er von den Festspielen mitnahm. 
Nietzsche, der auch auf diesem Gebiet eine scharfe Schwen- 
kung bis zum Frontwechsel vollzogen hatte, hielt mit seinen 
ketzerischen Meinungen nicht hinter dem Berge ; schon in den 
* Vermischten Meinungen und Sprüchen' geht er zu offenem 
Angriff vor^ Rohde, als reiner Dilettant in musikalischen 
Dingen, glaubte sich nicht berechtigt, dem Freunde (wie an- 
dern 'Anti- Wagnerianern') auch nur mit brietiichen Einwänden 
entgegenzutreten. Aber er hielt fest, was er hatte : Nietzsche 
un d Wagner blieben ihm »die beiden geliebtesten Menschen <^ -. 

So schweiften Rohde's beste Stimmungen und Gedanken 
auch in diesen Jahren immer wieder hinaus über die traulich- 
enge Welt, in die er hineingestellt war. Aber er begann doch, 
die Schlichtheit und Gesundheit des schwäbischen Lebensstils 
als Wohlthat zu emptinden — im Gegensatz zu Leuten, wie 
Hans Flach, die das Niveau ihrer Tübinger Existenz mit dem 
Massstab eines Küchenchefs abschätzten •^. Von der harmlos- 
angeregten Geselligkeit, die man gerade auf der weltfernen 
»Universitätsinsel« zu pliegen doppelten Anlass hatte und hat, 
zog er sich keineswegs zurück. In der *Dienstagsgesellschaft' — 
einer Vereinigung von Dozenten und andern akademisch gebilde- 
ten Männern — hielt er die üblichen Vorträge (den ersten schon 
im Herbst 1879) *, und gelegentlich liess er sich sogar bereit 

* Eine Art Urkundensainnilung giebt Nietzsche selbst 'N. contra 
Wagner' Werke VIII S. 185 f. '' Vgl. Ribbeck, Br. 195 S. 308. 

'** >Icli vermisse nur die Tübinger Einfachheitc meint er in einem 
spätem Brief [30 I 87J. Und mit Bezug auf Flach's Culturbilder aus 
Württemberg schreibt er schon 1884: »Was Sie aus der Frkf. Ztg. über 
Flacii unfläthiges Schriftcheu entnommen haben können . . ., darf Ihnen 
doch von hiesigen Zuständen nicht allzu schwarze Vorstellungen ein- 
flössen. Anders ist ungefähr Alles hier, als in andern Cantönli . . ., 
aber es lässt sich doch sehr in utramque parterti über hiesige Zustände 
'dischkurire' : das L'ebelste von Allem ist einzig Flacius himself, den 
doch endlich der Allerkenner irgendwo anders in seinem WeinVjerge 
verwenden möge« [Rü. 7 V 84]. 

* Er hat gesprochen: am 18. November 1879: über Universitäten im 



120 Wiiudeningoii. Erdtarkung des politischen Sinnes. 

finden, l)ei den Dilettantentiuffiihrungen der 'Sonntagsgesell- 
scliaft' nützuwiiken ; so hat der stattliche brünette Mann in 
einem lel)enden Eikle einmal den Wallenstein gestellt. Den 
Hauptvorzug von Tübingen erblickte er freilich darin, »dass 
man draussen so sclnujll zu ganz herrlichen Dingen gelangen 
kann . Der leidenschaftliche Naturfreund liess die stolzen 
Linien der schwäbischen Alb nicht umsonst herübenvinken ; 
auch die bescheidne nähere Umgebung des Städtchens, in 
die doch eben jener »unvergleichliche Hintergrund«, sich man- 
nichfach verschränkend, überall hineinblickt, lernte er in ihrer 
Eigenart schätzen, zumal ihn auf seinen einsamen Gängen bald 
sein Erstgebornes begleiten konnte, das er einmal, vom B^gen 
überrascht, »wie der Rottenburger (Miristophorus« nach Hause 
trug. Auch sonst fesselte den scharfen inid im tiefsten Grunde 
vorurteilslosen Beobachter die geschlossne Eigenart des Landes 
und der Leute; und die > sonderbaren Schwaben < (oder »Schwo- 
ben , wie R. beharrlich schreibt), die eben doch den Muth 
hatten , sich selbst durchzusetzen , gewannen seiner gerade 
hierin gleichgestimmten Natur Zuneigung und Achtung ab. 

Erst in dieser neuen ['mgebung ist in Rohde, der mit 
seiner gnnzen PerscJnlichkeit noch in einer rein ästhetischen 
Bildung wurzelt, der politische Sinn recht erw^acht ; das 
uns vorliegende Material ist reich genug, um diesen Schluss 
zu gestatten, mng er auch zur Hälfte ein Schluss ex silentio 
sein. Am Ende d(U- siebenziger »Jahre schwankten seine Stim- 
mungen und Areinungen noch erheblicb ; das Reich mit seinem 
»schwarz- weissen Pharisäerthum« und der »Bismarckschen Bru- 
talität« will ilim oft, wie in alten Zeiten, gründlich unsym- 
pathisch scheinen \ Freilich er war sich bewusst, >Gefühls- 
politiker< zu sein; es fehle ihm, schreibt er einmal, die pro- 
fessionelle Kenntnis der ^'orbedingungen aller Politik, und 
so werde er mit seiner Sympathie bald da-, bald dorthin 

alten GrieohonUiiKl; am 21. Februar 18Ö2: ül>or einige Vorstellungen der 
alten Hellenen in EJetreti' der Fort<lauer <les Menschen nach dem Tode: 
am 25. Nov. l><^^: über die griechiischen Lyriker (mit besondrer BerQck- 
siohtigunjif Pindar's); in demselljen Jahre Avar Flach's Geschichte der grie- 
chisclien Lyrik l>eendet, in der Pindar — bei Seite jjfelassen ist. 

* Zumal >dies Volk . . srine <bimmst<dze Art, die Dinge der Welt 
zu betrachten, gar in's Alterlhum hinüberführt [Ril. 7 XII'TS]. 



Politische Sympathien. 121 

getrieben. Erst seine Lehrjahre im Schwabenhmde schaft'ten 
darin Wandel: er fühlte sich wie in einem voller strömen- 
den Fahrwasser, von dem er nun seine Empfindung dauernd 
tragen liess — er wurde, wie er es kurz und gut formuliert, zu 
seiner eignen Verwundrung »ganz Bismarcldsch« [Rü. 6 V 82] ^ 
Auf der einen Seite lernte er, indem er unter den deutschen 
Landsleuten Jahre lang »als Fremder zu wandeln« meinte, 
die Nothwendigkeit und Bedeutung des Reichsgedankens recht 
persönlich empfinden; auf der andern Seite rückten ihm hier 
— in der Enge einer kleinen Stadt und eines kleinen, aber 
abgeschlossnen und die schärfsten Gegensätze beherbergenden 
Staates — die treibenden und kämpfenden Richtungen viel 
näher auf den Leib, als in Hamburg oder Leipzig oder Jena. 
iHier schleppt sich im Uebrigen Alles in den alten Geleisen 
weiter; eine Zeitlang machte sich die Politik so breit, dass 
auch mich, sonst ziemlich unpolitisches Wesen, ein förmliches 
politisches Fieber (aber ein stilles !) ergriff ^ und mich in 
einer wahren Angst um die Schicksale des Vaterlands . . . 
Tags und Xachts quälte. Hier unten, mitten zwischen Je- 
suiten und Demokraten , fühlt man freilich doppelt , wie 
wichtig und zugleich wie zerbrechlich die Einheit, Kraft und 
Lebendigkeit des Reiches ist. Nun wendet sich ja — einst- 
weilen ! — Alles zum leidlichen, und so hab ich für jetzt mein 
politisch-patriotisches Flügelross an die Krippe gebunden« 
[R. 2 IV 85]. Diese Erfahrungen hal)en für ihn bleibenderen 
Werth gehabt, als die lässigen, halbironischen Worte ahnen 
lassen, in die er hier (und sonst) seine Bekenntnisse ausklingen 
lässt. Sie sind die letzte und bedeutsamste Ergänzung seiner 
menschlichen und wissenschaftlichen Persönlichkeit, welche mit 
dem Nahen der vierziger Jahre, ganz nach der Norm der 

* Dem »geistigen Berliiierthuin< war und blieb er freilich stets ab- 
geneigt [V. 10 X 84]. 

' Ganz still war dies »Fieber« doch nicht; Freunde erzählten von 
sehr lebhaften Debatten mit A. v. Gutschmid und Andern. Gutschmid 
wurde in derselben Zeit, in unentwegtem Festhalten an den einmal ge- 
wonnenen Ueberzeugungen, im Gegensatz zu Rohde, immer mehr nach 
Links gedrängt. Ich erinnere mich eines Gesprächs mit ihm aus der 
Zeit vor den Sei>tennats wählen, nicht lange vor seinem Tode, worin er 
sich in der schärfsten Tonart über das Ziel wie über die politischen 
Mittel der Regierung und der nationalen Parteien aussprach. 



122 Politik. Rechts- und Staatsentwicklung. 

Alten, ihre Akme erreicht, um sich bis zum letzten Tage dar- 
auf zu behaupten. Und da Rohde nur trieb und pflegte, 
was in seinem eignen Leben Wurzel hatte, sind sie auch der 
Arbeit des Gelehrten unmittelbar zu Gute gekommen. In 
.Tena wies er den Gedanken an die Uebernahme einer Lehr- 
stelle, wo er über das antike Staatswesen und Verwandtes zu lesen 
gehabt hätte, weit von sich ; in Heidelberg griff er nach der 
gleichen Aufgabe mit beiden Händen. Einige Abschnitte seines 
letzten Werkes lassen es ahnen, wie geistvoll er Fragen auch 
der alten Rechts- und Staatsentwicklung zu behandeln ver- 
stand. Freilich, das techniscli Politisdie konnte ihn dauernd 
niclit erwärmen, insbesondre ging ihm die persönliche Bethei- 
ligung an der Wahlagitation und Parteipropaganda wider die 
Natur. Al)er ohne viel Aufhebens davon zu machen, nährte 
er in sich hinfort ein unveränderlich starkes patriotisches 
Gefühl« — auch hierin iiumer mehr in einen Gegensatz ge- 
drängt zu jenem einsamen Planne, der seinem Herzen immer 
nocli am allernächsten stand. 



So hat Rohde in dem schlichten Hause an der Wilhelms- 
strasse in Tül)ingen zwischen dem Abhang des Ocsterbergs 
und den hohen grünen Wii)feln des botanischen Gartens, an 
der Seite seiner anmuthigen Frau und unter den lieblich heran- 
wachsenden Kindern, wohl die gesundesten und glücklichsten 
Jahre seines Lebens verlel)t, bis in den Beginn des Schwaben- 
alters hinein ; nur in der lleberspannung der ersten Semester 
werden die alten Klagen laut über die .fatale Schlaflosigkeit 
und Nervosität*. Besonders liebenswürdig offenbart sich in 
den Briefen aus dieser Zeit der edle und weiche, wahrhaft 
humane Kern seiner nach aussen so verschlossnen und rauhen 
P(»rsönlichkeit. Immer wieder zieht es den Sohn zur Mutter, 
die in der Nähe der Schwestei-n in Hamburg geblieben war; 
am Kleinsten theilnehmend begleitet er auch aus der Feme ihr 
gesegnetes Ijoben bis zu seinem jähen Schluss ^ Mit der Innig- 

* >Der alt»* Hallii-r ist ju iiiiii jiuch «T<'storl)»in. . . Für meine Mutter 
ist tla:* witMler ein Vorlust : ihrer Ju^a'n<.]«;enosstMi werden immer weniger 
und sind schon sehr wenige« [H. i< II ls?8*2]. * kleine alte Mutter, die 



Das Familienleben. 123 

keit und dem Humor eines echten Kinderlreundes berichtet 
er von den Ereignissen in seiner Familie^ und entwirft zu- 
mal Ribbeck und Overbeck, die Pathen seines Söhnchens 
waren, ergötzliche Porträts von den kleinen Menschenkindern, 
durch deren Antlitz nun >die menschliche Seele durchzuscheinen 
beginne«. Den Frieden dieser jungen Seelen hütete er eifer- 
süchtig, und pädagogische Missgriflfe, wie er sie schon im Ele- 
mentarunterricht zu beobachten meinte, konnten ihn schwier 
verstimmen 2. Nie fehlt in seinen Briefen ein liebevolles 

noch am 6. Mai ihren 70. Geburtstag besonders heiter und hoffnungsvoll 
im Kreise der Ihrigen . . . gefeiert hatte, ist am 9. Mai [1882] ganz 
plötzlich gestorben. Sie war um Weihnachten sterbenskrank gewesen, 
hatte sich dann aber, bei ihrem kräftigen Körper, wunderbar erholt : sie 
schrieb mir noch am 8. Mai ganz zuversichtlich von unserm Wiedersehn 
im Herbst, von den Kindern u. s. w. Den Brief fand ich, ein wehmüthi- 
ges Denkzeichen von der Grenze zweier Daseinsformen, als ich von der 
schleunigst unternommenen Fahrt zu ihrem Begräbnis zurückkam, vor. 
Nun ist mir Hamburg im Wesentlichen verwaist, die Vergangenheit wie 
abgeschnitten und vorbei . . .* [R. 1 VHT 82, ähnlich 0.]. 

^ Vgl. V. und R. 22 XII 1878. ^Man kann es schon in Tübingen 
aushalten, wenn man sich auf seine Klause und auf seine kleine Familie 
beschränkt. . . Meinem Töchterchen geht es zum Glück bisher völlig 
erwünscht; sie kann freilich noch nichts, als kriechen und krähen (und 
eben kriecht und kräht sie in meiner Stube herum), aber sie ist kreuz- 
fidel und gesund« [2 XII 1879]. »Mein kleines Mädchen wächst voll Ge- 
sundheit heran und voll jener, aus sich selbst sich erzeugenden, von 
aussen fast nichts bedürfenden Fröhlichkeit, die mir so ganz fehlt. Ich 
denke und sage tausendmal: Gott schütze sie! Denn Gesundheit und 
Lebenslust sind wahrhaftig so hohe und zarte Gaben, dass man für ihre 
Erhaltung sich irgend eine übermenschliche schützende Macht erfinden 
möchte, um sie dieser anzubefehlen 1< [N. 8 IV 81, ähnlich R. 20 VII 1881]. 
»Uns geht es ganz correct, namentlich auch dem sogenannten „Brüderle 
FranzErwinOttoRohde**, wie ihn seine Schwester in voller Titulatur otTivsuoTC 
zu nennen pflegt« [R. 8 II 1882]. vDu siehst ich bin ein rechter Fa- 
milienpapa geworden. In der That, meine Kinder sind mein und meiner 
kleinen Frau alleiniges Glück auf der Welt, und ich weiss kein höheres < 
[N. 22 XII 85]. »Was wollte man eigentlich noch gross auf dieser Welt, 
wenn nicht die Kinder da wären, ihre Gegenwart und ihre Zukunft I^« 
[Rü. VII 85]. 

* >Mein kleines Töchting geht ... in ihre erste Schule . . ., wo sie 
etwas nähen, sonst aber nur *n bäten' singen und psalmodiren und den 
lieben Heiland aus den crudesten Phantasieen der alten Juden intim ken- 
nen lenit. Heute brachte sie die schöne Geschichte nach Hause, wie 
auf eine Stadt, weil *ein Böser' darin wohnte, der liebe Heiland von 
oben lauter Feuer schmiss, ein ^Lieber' aber mit seiner Familie von den 
lieben Engeln hinausgeführt wurde, worauf aber eine Frau, die sich um- 
guckte, vom lieben Heiland zur 'Salz-eule' verwandelt wurde. Morgen 



124 D418 Familienleben. 

Wort über seine Frau, die dem fünfzehn Jalir altem Manne 
in den ersten Jahren der Ehe noch fast wie ein Kind erschien ^ 
Sich selbst that er oft nicht genug in diesem von ihm so tief 
•und rein aufgcfassten Verhältnis. Auf einem Tagebuchblatt 
schreibt er, die Mädchen möchten wohl meinen, es werde ihnen 
in der Ehe ergehu , wie im süssen Märchen : die Princess 
nelmie einen Drachen oder Bären zum Mann, doch der werfe 
die unmenscliliche Vermuumiung ah und werde ein schöner 
Prinz; a])er leider behalte ihr Bär sein Fell an und bleibe 
ein Bär. Die Kiesellschaft' sah in Rohde dann wohl auch 
nichts andres-; seine Frau kannte ihn besser, mit dem »Ver- 
ständnis des Herzens- . 



Unterbrochen wurde das Tül)inger Stillleben nur durch 
die Ferienreisen, die Rohde aber nie in die Weite über das 
Meer geführt haben, auch in .Tahren wo er körperlich völlig 
rüstig war; der feinste Konner des Griechenthums hat Grie- 
chenland nie gesehn. 

Sobald die letzten Sitzungen und Conferenzen überstanden 
waren, suchte (?r vertraute Auss])rache mit gleichgestimmten 
Freunden und Verwandten. So fulir er immer wieder süd- 
wärts nach Basel, wo er sich aucli nach der Erkrankung 
Xietzsche's bei den neugewonnenen Freunden O VERBECK und 
^'oi.KELT wie zu Haus fühlt(?. (3der er eilte nordwärts nach 
Wiesbaden, Leipzig, Jena, Rostock, Hamburg, zumal so lange 
die Mutter lebte. »Wii* waren doch mal wieder unter liebe- 
vollen Menschen, di(; aufrichtig Antheil an uns nehmen: item, 
wir wai-en zu Hause, und das l)in ich hier nur, solange ich 

soll (las fort^i'sj.'izt wt-nleii - nun kiimeii jn eij^**ntlich Loth*8 Töchter 
uiiil ihre stMiiitisch^'ii (Jaliintnien ! [K. !.'► X b:)]. Aelinlielio Aeusseningen 
ttlM.»r :ilttp.stanu*utli(.-h«' Din«^«» im l'iiU?rri(rht auch i?oiist, wohl nicht zu- 
tälli<r an I.A (lARiu; (DtMitHcht» Schriften S. L*8T) erinnernd. Vor Allem 
klajrte li. ül)cr iIjis Zuviel an Mj'morierstott, zumal an religiösem, in der 
>.Heliwä]»isoh(?n Jngen(lbil<lun«z^ — mit Recht, wie die bald einsetzenden 
Ki'lV>rmver?;m:li«' auf diesem (iehift ^ezeijjft haben. 

^ Ich werde allmählich ganz zum Hausvsiter und Philister: d. h. 
donn doch mit Mass»*n : d**nn nu*inc kleine Krau, mit ihrer zilrtlichen 
reiiu'U Serie, erhält mieh immer in eiu(?m höher hinauf gelegenen Gebiet 
d»'r Liebe und (^diebthrit [^^ -^- XII !>>]. 

- (lau/, wir einst in Leipzig und Kiel, vgl. Uibbeck an Kitschi Br. 
17:^ [IG V V)] S. L'76. 



Ferienreisen. München. 125 

eben im engsten Kreis meiner Lieben bleibe< [R. 21 X 82]. 
Hatte er seinem Familien- und Geselligkeitssinn Genüge 
gethan, ging er »wie ihn der Dämon führte« seine eignen 
einsamen Wege. Bald vergrub er sich irgendwo im West- 
harz, »der es an eigentlichem Waldwesen dem östlichen 
weit zuvor thut«, oder im Schwarzwald (»bei unbeschreiblich 
schönem Wetter, und so war es denn eine wahre Herrlich- 
keit« [R. 24 IV 82]); bald legte er sich am nordischen Strande 
vor Anker, in Reinbeck, Wyk oder Warnemünde (»um etwas 
allein zu sein, Meerluft zu gemessen und wenige Bücher, auch 
ein neues von Nietzsche, zu lesen« [R. 15 IX 83]). Oder er 
fuhr ohne Plan und Ziel in die Schweiz und ins Tirol, und 
unternahm dann wohl auch einmal Wanderungen mit irgend- 
welchen Reisebekanntschaften, deren Porträt er brieflich, in 
gutem oder grimmigem Humor, mit ein paar Strichen fest- 
hält ^ Vor Allem aber benutzte er diese einsamen Fahrten, 
»um sich aus dem Tiefstand Tübingischen Culturlebens wieder 
etwas heraufzuschrauben.« So hielt er sich 1881 in Berlin 
auf, vor Allem »der Pergamenischen Sculpturen wegen, die 
Einem wirklich einen ganz neuen Ausblick eröfinen« [R. 15 
X 81]. Im Frühjahr 1883 improvisirte er eine Fahrt nach 
Paris, um »Museen und Theater zu besuchen und sich so 
in ein vollständig fremdes Kunstmedium zu versetzen« ; auch 
Städten, wie C a s s e 1 und Karlsruhe, widmete er in den 
achtziger Jahren einige Tage und brachte vom Besuch der 
Gallerien dauernde Eindrücke mit heim *. Wiederholt machte 
er sich in München sesshaft, der einzigen Universitätsstadt, 
wo er »gern gewesen und geblieben wäre« [R. 15 X 83]. Die 
ganze künstlerische Atmosphäre, in der er sich dort bewegen 
konnte, that ihm wohl, und mit wahrer Dankbarkeit gedachte 
er der Münchener Abende, wo er »den Zauber des Tristan« 



* So schildert er Ribbeck ala seinen Reisegescllen in Tirol »einen 
alten Aiherrjeses aus Löbau in Sachsen« ; einmal erkannte er in einem 
solchen Anonymus später einen Collegen. 

'-* RüHL, der mit Rohde die Gallerie in Karlsruhe besuchte, fiel die 
Schnelligkeit des Sehens und Auffaasens bei R. auf. „Er war... lilng>jt 
mit dem ganzen Bilde fertig und keineswegs oberflächlich, wenn ich noch 
gar nicht alles Detail gesehen hatte.* 



126 Ferienreisen. Bayreuth. Italien. 

am tiefsten empfunden habe ^ Wie er sich hier willig in den 
Bannkreis Wagner's ziehen Hess, so pilgerte er, wenn die Zeit 
gekommen war »nach Pflicht, Neigung und auch ein wenig 
nach Beruf« getreulich nach Bayreuth; er hat mehr als 
einmal »alle drei Serien der Aufführungen mitgemacht« und 
die Gelegenheit zu dieser künstlerischen xaiSapo:; ohne zwän- 
genden Grund nie vorübergehn lassen, so sehr ihm »der Üm- 
trieb und die nächtliche Unruhe in dem überfüllten Neste <= 
wider der Strich ging ^. Mit stets gleicher Si)annung und 
Freude rüstete er sich alle paar Jahre zur Falirt über die 
Alpen, da ihm ja in Tübingen >• Italien vor der Thüre lag.c 
In den Horbstferien 1879 streifte er in N o r d i t a 1 i e n bis 
Florenz, um freilich »wegen allzutoller Hitze im schnellsten 
Eilzug bis Rostock hinaufzusausen« |R. 2 XII 79]; als blei- 
benden Eindruck nahm er die (wohl von Manchen getheilte) 
Empfindung mit, dass gerade diese kleinen Orte — Vicenza 
Padua Ferrara Mantua Parma — an intimem Reiz ihi-es Glei- 
chen nicht haben [R. 5 IX 81]. Noch ergiebiger war eine 
dreiwöcliige Frühjahrsfahrt 1884. »Ich habe nie eine so ganz 
geglückte Reise gemacht, wie diesmal; das ganze plagenvolle 
Semester steht mir schon die Erinnerung an die wundervollen 
Tage wie ein tröstlicher Hintergrund da, auf den sich immer 
meine Blicke zurückwenden. So fortgesetzt in herrlichem 
Frühlingswetter, ohne Hitze, Staub und italiänisches Unge- 
ziefer durch diese lebendigen Reste eines kräftigeren und geist- 
reicheren Aevum zu schlendern, in mühelosem Aufnehmen des 
Schönen und Anmuthigen — das wären meine Inseln der 
Seligen, wie ich sie mir wünschte. Das ist also ein grosser 
Vorzug unsres Nestes, dass man gleich da drüben ist.« [R. 
4 VII 84]. Wenn er von solchen Reisen stets »eine leise 
fortbohrende Sehnsucht nach jenen Zuständen einer hellen 
und stillsten Ya?.y//ri der Seele« zui'ückbringt und sich jen- 

* Zuerst 1875. >Gewi8s giebt es in der Welt keine andre Musik von 
solcher Nothwendifjkeit ; meine Seele sang unmittelbar mit in diesem 
tönenden Meeresrauschen der stürmenden Empfindung. Da ist Nichts 
von künstlich-künstlerischer AVillkttr. . .^ Der Tristan blieb sein Lieb- 
ling, neben den Meistersingern. 

* Auf die Grenze, wo er »nicht mehr mitthun konnte«, hal>en wir 
oben 8. 118 hingewies«*n. 



Ferienreisen. Belgien. 127 

seits der Berge, gleich manchem Nordländer *wie in der Hei- 
math -« fühlt, so weiss der Hanseat von der Wasserkante doch 
auch den charakteristischen Reiz alter nordischer und flandri- 
scher Städte voll zu empfinden. »Ich bin also in den Ferien 
wirklich in Holland und Belgien gewesen, bei unvergleichlich 
schönem Wetter . . .; so dass ich eine rechte Sommererinne- 
rung an die seltsamen Städte und das merkwürdige Land fest- 
halte. Dieser ganze Winkel lohnt sehr eine Reise, man ge- 
winnt wirklich ein ganz neues Bild vergangner und gegen- 
wärtiger Zustände — nur freilich nicht gerade in Brüssel und 
den andern modernen Städten Belgiens. Ich habe auch ein 
wenig auf Bibliotheken — in Leyden und Brüssel — mich 
umgesehn ; namentlich in Brüssel mag noch mancherlei zu 
holen sein; der gedruckte Katalog verbirgt mehr, als dass er 
andeutete, was Alles daliegt. Ich habe dort u. A. eine bessere 
Hs. der Philosophica des Apulejus gefunden, als alle bisher 
benutzten sind* [R. 23 XII 81] ^ Einmal besuchte Rohde in 
diesen Jahren auch wieder eine Philologenversammlung; er 
entschloss sich nach einer Italienfahrt 1879 »einem an Bü- 
cheier gegebenen Versprechen gemäss sich in Trier dem Pu- 
blicum zu produciren« [R. 2 XII 79]. Er hat damals, nach 
einer (später erweiterten) summarischen Skizze den Vortrag 
über Leucipp und Demokrit gehalten. So kam bei diesen 
»Kulturreisen« doch gelegentlich auch das Handwerk zu seinem 
Rechte. Im Ganzen aber ging er solchen Dingen eher aus 
dem Wege, als dass er sie suchte; er wollte »seine Alltags- 
existenz vergessen* in freiem Geniessen und Aufnehmen des 
Besten, was er kannte : einer stillen, grossen Natur und einer 
Kunst, wie er sie, seinem Bedürfnis am angemessensten, in 
der Welt der Renaissance und Antike und, nach wie vor, in 
Bayreuth zu finden glaubte. 



' Die Erinnerung war freilich >»scheu88liches Wetter, viel Gedränge 
und wenig sympiithische Menschen^ [Rü. 25 IV 80]. 



128 



VIII. 

Der wissenschaftliclie Ertrag der Tübinger Jahre. 

In der idyllischen Ruhe des »Universitätsdorfes«, wo es 
ohne Arbeit vgar nicht ausziihalten war«, gewann Rohde eine 
Herrschaft über den litterarischen Stoff, die mit der breitesten, 
auch die Winkel und Grenzgebiete umspannenden Ausdehnung 
eine ans Mikroskopische grenzende Feinheit verband. >Es 
ist mir selbst unheimlich, wie gelehrt ich werde« äusserte er 
auf eine Bemerkung Ribbeck's über eine seiner litterarhisto- 
rischen Arbeiten — *gelehrt' mit Anführungszeichen gesj>rochen. 
Aber auch neue Ergebnisse und Anschauungen wuchsen ihm 
in fast bedrängender Fülle zu, so dass er ihrer kaum Herr 
zu werden vermochte. «lahr um Jahr klagt er, dass ihm sein 
Colleg alle Müsse und Stimmung verschlinge, und spielt mit 
dem Gedanken an einen längern Urlaub, ohne damit, bei 
seinem schlichten Ptlichtbewusstsein, je Ernst zu machen. »Seit- 
dem sind denn die AmtspHichten auch wieder in hinreichen- 
der Menge hereingebrochen, sodass icli kaum zu irgend etwas 
ausserdem Zeit habe. Und hal)e doch so viele Pläne ! Und 
darunter sehr lockende, aber die ohne zusammenhängende 
Arbeit nicht zu bewältigen sind. Höchstens langt es zu ein- 
zelnem Stückwerk. [R. 23 XII 1880] K 

* Ebenso kurz vorbei- au Rühl 25 IV 80: >Ich ftlr meine Person 
wüs8te gleich zwei bis <b-ei grosse und schöne Felder, die ich bearbeiten 
möchte : aber die Zeit ! und namentlich die Concentration der Gedanken. . , 
Das Anerbieten des Iferrn Siniion . . . hab ich mit Dauk ablehnen müs- 
sen : eine Geschichte der griechischen Prosa ist . . . über- 
haupt gar nicht zu schreiben möglich, solange es keine Geschichte der 
griechischen Sprache giebt. . . Hotieutlich lässt er sich nicht mit einem 
der neusten Windniaclier ein, die freilich Alb's kömien.« Noch viel 
wenigt*r schien es ihm möglich, eine Geschichte der griechischen L i t- 
teratur zu schreiben (wozu ihn der Buchhändler W. Hkrtz veranlassen 
wollte). 



Litterarische Studien im Alterthum. Chronologie Homers. 129 

Von solchem 'Stückwerk' hat er in Tübingen soviel zu- 
stande gebracht, dass ein aufmerksames Auge wohl die Grund- 
züge eines Gesammtplanes errathen mag — eines Planes, den 
er schliesslich auch seiner Correspondenz mit Ribbeck und 
Nietzsche anvertraut hat. 

Zunächst wurde bei den Vorarbeiten für die litterarge- 
schichtlichen CoUegien jenes Gebiet wieder durchforscht, das 
auch Nietzsche sich einst als Provinz erkoren hatte : die G e- 
schichte der li tt e r ar i s ch e n Studien im Alter- 
thum. Von den zahlreichen hierhergehörigen Arbeiten Rohde's 
sind es besonders zwei, die durch eine Fülle wichtiger Einzel- 
ergebnisse wie durch Originalität und Sicherheit der Methode 
eine Epoche in der litterargeschichtlichen Forschung bezeichnen 
— in wörtlichem Sinne, da man in dieser Richtung noch nicht 
viel weiter gekommen ist. Die eine — schon in Jena durch- 
geführt, aber in Tübingen nachgeprüft und ergänzt — be- 
handelt ein scheinbar winziges Thema, die Bedeutung des 
Terminus yiyoye (bei Suidas) und seiner lateinischen Corre- 
late; durch ausgedehnte chronologische Untersuchungen wird 
die herrschende falsche Ansicht endgiltig beseitigt und eine 
ganze Reihe verschobener litterargeschichtlicher Daten ein- 
leuchtend zurecht gerückt (Rhein. Mus. 33, 1878, 161 ; 34, 620 
= Kl. Sehr. IS. 114 tf.). Die Polemik wendet sich unmittel- 
bar meist an A. Schöne, weiterhin aber oOx övojJiaaTi an den 
CoUegen A. v. Gutschmid, der trotz aller Einwände Lucianos 
Makrobioi fortgesetzt auf ApoUodor zurückführte, und nament- 
Uch auch an Schöne's verkehrten Aufstellungen über das Leben 
der Sappho hartnäckig festhielte 

Nicht weiter, aber tiefer holen aus die verwandten *Stu- 
dien zur Chronologie der griechischen Litteraturgeschichte' 
(Rhein. Mus. 36, 1881, 380 ff. = Kl. Sehr. 1) : ȟber die ho- 
merische Chronologie nach der Vorstellung der Alten — 
nicht der mir ganz gleichgültigen Neueren, nach der Art der 
Sengebusch, Kirchhoff etc.« [R. 23 XII 1880]. Diese Neueren 

» Rohde an Rühl. Vgl. A. v. Gutschmid, Kl. Sehr. IV S. 203 ff. Rühl 
bemerkt zu den Kl. Sehr. IV S. 205, dass Gutschmid sich durch Rohde's 
Ausführungen bekehren Hess; G.'s Hörer bezeugen dasselbe. Briefe 
Rohdes an Rühl geben, z. Th. im Gegensatz zu Vermuthungen Rühl's, 
lehrreiche Beobachtungen über die Suidas-ßtoi., s. d. Anh. 

CrnsinB, E. Rohde. 9 



130 Homer. Spätgriechische Litteratur. 

werden freilich gründlich ad absurdum geführt i. Denn wäh- 
rend Sengebusch und seine Anhänger die verschiedenen an- 
tiken Ansätze über die Zeit und Heimath Homer's benutzt 
hatten, um ihren Phantasien über Gang und Entwicklung der 
angeblichen epischen Volkspoesie einen scheinbaren Halt in 
der Ueberlieferung zu geben, zeigte Rohde mit nie versagendem 
Scharfsinn in den meisten Fällen ganz evident, wie spät und 
mit wie billigen Mitteln diese vermeintlich uralte Ueberliefe- 
rung zusamraengeklittert sei. Dabei ist ihm diese Ueberliefe- 
rung selbst wieder ein merkwürdiges Stück alter Dichtung 
und Historie. Er hat sie schichtweise in langen Jahren (schon 
1868 beschäftigten ihn diese Probleme) abgetragen und aufge- 
nommen (s. oben S. 24. 46). Zu der hastig zugreifenden Art 
älterer Kritiker verhält sich sein Verfahren etwa, wie eine 
unter Dörpfeld's Leitung durchgeführte methodische Aufdek- 
kung versunkener Städtereste zu den ersten dilettantischen 
Ausgrabungen des schätzesuchenden Schliemann. 

Diese und verwandte Arbeiten erledigen wichtige Vor- 
fragen der antiken Litteraturgeschichte. Bald aber freute 
sich R. »die chronologische Plempe endgültig einstecken und 
sich erfreulicheren Aufgaben zuwenden zu können ^ [R. 23 XTT 
1880]. Vor allem schickte er sich an, für sein Hauptcolleg 
die zweite Hälfte der griechischen Litteratur neu zu gestalten ; 
»ich hatte frülier die ganze Litteratui'geschichte in Einem 
fünfstündigen Colleg abgemacht, wobei die nachclassische Zeit 
freilich ziemlich zu kurz kam. Die Arbeit ist gross, aber 
auch der Gewinn für eigne Orientirung und Ganzwerdung 
in litteris« [R. Sommer 1882]. Aus dieser erneuten Vertie- 
fung in die sj)ätere griechische Litteratur ist eine stattliche 
Reihe von ergebnisreichen Einzeluntersuchuugen erwachsen, 
die, meist im Anschluss oder Gegensatz zu neueren Veröflfent- 
lichungen entstanden , in Recensionen niedergelegt wurden. 
Die bedeutendste dieser Arbeiten ist wohl die Besprechung 
von Bergk's *Fünf Abhandlungen' in den Göttingischen gel. 
Anzeigen 1884 (I S. 9 If. - Kl. Sehr. I 309), in der R., ohne 

* Oeg«m Ktrciihoffs Arbeit on zu Homer und Herodot spx'icht sich 
Kt)hde in seinen Briefen wiederholt (z. B. Kü. 25 VI 86) mit grosser Schärfe 
aus. Seine Einwände und Urtheiie vorzulegen wird nicht mehr nöthig sein. 



Rhetorik. Quintilian. Attische Komödie. 131 

den »recht wunderlichen alten Herrnc zu unterschätzen, aber 
auch ohne sich »der jetzt üblich gewordenen Adoration an- 
zuschliessen«, kühl und scharf vor Allem die von-Bergk regel- 
mässig verwirrte oraat^ des Streitfalls klar gelegt und die Lö- 
sung so ziemlich auf allen Punkten (auch in der verwickelten 
Homonymenfrage der Philostrati) ein gutes Stück vorwärtsge- 
bracht hat. Mit einer polemischen Studie über die Herkunft 
und den Charakter der sogenannten jungem Sophistik^ gegen 
G. Kaibel gerichtet (Rh. Mus. 41, 1886, 171 ff. = K1. Sehr. H 
S. 75 ff.), nahm Rohde von diesem Gebiete Abschied. Denn immer 
stärker zog es ihn zu den grossen Alten, vor Allem zu Homer, 
Pindar, den Tragikern. Zugleich wurden, gleichfalls im Zu- 
sammenhang mit den Vorlesungen, die Probleme der Rhetorik 
und Metrik erneut mit reichem Gewinn durchgearbeitet. Ans 
Licht getreten ist von diesen Studien wenig. Aber Ritters 
Untersuchungen über die Quintilianischen Declamationen (auf 
die sich der oben S. 104 citirte Brief bezieht) sind auf Anre- 
gung und unter Aufsicht Rohde's geführt, und ein an Hör- 
schelmann gerichteter Brief über Zielinskis ^Gliederung der 
Komödie' — eine wahre epistula critica — beweist (mehr noch 
als gelegentliche kleine Bemerkungen zur Metrik), dass Rohde 
auch die formelle Seite der antiken Poesie scharf und fein 
und ohne die Brille irgend eines Vorurteils zu beobachten 
verstand. Einwände erhob Rohde vor Allem gegen gewisse 
geschichtliche Voraussetzungen Zielinski's ^ und gegen seine 
geistreichen Versuche, auf sehr problematische chorische und 
scenische Fragen eine bestimmte und gar zu weit ins Einzelne 
gehende Antwort zu geben ^. Hier griffen Studien ein, die 

« Vgl. Gott. Gel. Anz. 1890 S. 131 f., wo ich ähnliche Bedenken aus- 
gesprochen habe. Das Votum Rohde's hat die ersten, von andrer Seite 
gefährdeten Schritte Zielinski's auf seiner Laufbahn als russischer Uni- 
versitätslehrer gesichert und gefördert. 

* Im Anhange sollen, wenn es der Raum gestattet, einige Auszüge 
aus dem Briefe niitgetheilt werden. Zielinski's Buch ist von der deut- 
schen Fachkritik und auch von den deutschen Fachgenossen bei seinem 
Erscheinen nicht nach Gebühr gewürdigt worden. Wie gegen Hörschel- 
mamit äusserte sich Rohde auch andern Freunden gegenüber. »Ich habe 
Zielinski sehr empfohlen: das Buch lässt ja in der That einen geistreichen 
Kopf und die Art eines unzweifelhaft zum Academicus bestimmten Men- 
schen erkennen« [R. 21 XI 85]. — In den Briefen an Ribbeck ist wieder- 

9* 



132 Scenica. Platonische Studien. 

Rohde bei der Behandlung des tollux begonnen und bei Ge- 
legenheit seiner Vorlesungen über ßühnenalterthümer weiter 
geführt hat.* Als sichtbarer Ertrag liegen vor Allem seine 
schönen Scenica vor uns, Rhein. Mus. XXXVIII 1883 (= Kl. 
Sehr, n 381) : ein Muster für die Behandlung eines spröden, 
wortkargen Zeugnismaterials. 

Aus diesen, die verschiedensten Gebjete streifenden Arbei- 
ten, löst sich eine Gruppe als die bedeutsamste los : die Beiträge 
zur Geschichte der antiken Philosophie und Religion. 

Mochten sie in ihren ersten Anfängen auf Anregungen 
der Studentenzeit zurückgehn, so sind sie doch erst in der 
solchen Studien besonders günstigen Luft der schwäbischen 
Hochschule voll herangereift. Seine Ansicht über die plato- 
nische Philosophie und Schriftstellerei hat Rohde, der ein 
stark besuchtes Colleg über Plato regelmässig zu lesen pflegte, 
in ihren Grundzügeu hier festgelegte Die erste und einschnei- 
denste schriftstellerische Leistung ist die Untersuchung über 
die Abfassungszeit des Theätet in den Jahrbüchern für Philologie 
1881 (S. 321 = Kl. Sehr. I S. 256 ff.). Rohde hat seinen An- 
satz in einer ganzen Reihe von polemischen Darlegungen, zu- 
holt auch von metrischen Einzelproblemen die Rede. ^Das Neueste aus 
der Metrik! ich muss Ihnen doch ein kostl)ares ip|iatov, das ich eben 
gemacht habe, brühwarm mittheilen. Ein Herr Gleditsch hat heraus- 
bekommen, dass der Saturnier ein quantitätsloser Vers vom trochäischem 
Rhj'thmus ist mit je 4 Hebungen in jeder Hälfte. Also so muss man 
nunmehr lesen: däbunt malum Metelli ] Naevio poeta^, zu singen nach 
der Melodie: *Alle Vögel sind schon da. Alle Vögel, alle', oder auch, je 
nach dem f^^og, 'Bairisch Bier und Lebei-wurst'« [R 22 VHI 85]. Und 
später, nach einem Hinweis Ribbeck's auf andre 'philologische Unver- 
ständlichkeiten' : »Ich finde dieses dabunt malum Metelli doch noch 
naiver als den Kellerschen Rülps-Rhythmus: dabunt mdlum Metelli ; nicht 
einmal der Wortaccent wirkt ja nun mehr recht, es ist das einfache 
finstre Mittelalter! So wie die Studenten, nach bekannter Melodie singen : 
Integer vitae etc.« [26 X 85]. 

* Im Sommer 1881 schreibt er an Ribbeck: »Denken Sie, dass ich 
mir vorgesetzt und durch die Einleitung zu meinem Colleg über Plato's 
Symposion mich selbst gezwungen hatte, den ganzen Plato in Einem 
Strich nicht nur durchzulesen , sondern die einzelnen Dialoge zu excer» 
piren und ganz eigentlich ins Haus zu schlachten. Jetzt bin ich damit 
durch und habe mir einen ungeheuren Klotz in der Litteraturgeschichte 
aus dem Wege geräumt, auch viel dabei gelernt; aber welche Arbeit! 
Selbst die Pfingstferien sind dabei vollständig im Plato ersoifen ; ich habe 
keinen Schritt aus Tübingen hinausthun können.« 



Platonische Studien. Leucipp und Demokrit. 133 

erst mit ruhiger Eindringlichkeit gegen den Tübinger CoUegen 
KöSTLiN, dann gegen E. Zeller mit wachsender Gereiztheit 
zu verteidigen über sich gewonnen. Zu einem solchen Klein- 
krieg condescendirte er (wie er zu sagen pflegte) nur in Aus- 
nahmefällen. In der That handelt es sich hier nicht um ein 
mehr oder weniger wichtiges Einzeldatum, sondern um die 
prinzipielle Frage, ob für die geschichtliche Betrachtung und 
Darstellung der Schriftstellerei Plato's ein in der Hauptsache 
doch a priori construirtes Bild von der Entwicklung der 
(von vornherein wunderbar consequent und systematisch con- 
cipirten) platonischen Philosophie, oder vielmehr äussere Ju- 
dicien massgebend sein sollen. Rohde hat das Prinzipielle 
am schärfsten später im Philologus 1892 (S. 482 f! = Kl. Sehr. I 
306 fl*.) formulirt. Wie sein College E. Pfleiderer, schätzte 
er die anregende Kraft der just erschienenen Untersuchungen 
Kkohns und hat sich im Anschluss daran seine Ansicht über 
die Entstehung und Composition des platonischen Staats ge- 
bildet; angedeutet wird sie zuerst in der Anzeige von Birt's 
'Buchwesen' in den Gott. gel. Anz. 1882, (S. 2555 Anm. = 
Kl. Sehr, n 441, A. 2). Die verwandte Aufgabe bei Plato's 
Gesetzen hat er gestreift in seiner Besprechung der Bergk- 
schen *Fünf Abhandlungen' ; er tritt hier dafür ein, die ein- 
leuchtenden Hypothesen von Ivo Bruns durch ein willkom- 
menes Amendement zu ergänzen, das aus Bergk's Aufsatz 
erst herausgeschält werden muss^ In all diesen Fällen suchte 
er dem individuellen Werdegange Plato's mit allen Seiten- 
sprüngen und Inconsequenzen auf die Fährte zu kommen *. 

Als Episode dieser platonischen Studien kann die 1884 
geschriebene Untersuchung der sophistischen *Dialexeis' gelten. 
R. führt darin die überscharfen Bestimmungen Bergk's auf 
ein gesundes Mass zurück und sucht das ganz isolierte, und 
deshalb wenig beachtete interessante Schriftchen litterarge- 
schichtlich zu tixiren und vor Allem inhaltlich zu würdigen. 

In dem Vortrag über Leucipp und Demokrit 
(Verh. der Trierer Philol.- Versammlung = Kl. Sehr. I 205 ff.) 

* Eingehender befaBst sich mit ihr die von R. geförderte Diss. H. Krieg's. 

* Gegen die abweichende Auffassung Constantin Rittebs hat er 
später brieflich seine Ansicht sehr energisch aufrecht erhalten. S. Anh. 



134 Leucipp. Mysterien. Religionsgeschichte. 

verweist Rohde auf Grund einer Aeusserung Epikurs den bei 
Aristoteles und seinen Nachfolgern als Lehrer Demokrits ver- 
zeichneten Leukippos in das Reich der litterarischen Schatten. 
Damit führt er uns wiederum auf weitreichende principielle 
Fragen, leider ohne eine völlig durchschlagende Lösung zu 
bieten. Aber die von Rohde voll gewürdigten Einwände von 
H. DiELS geben uns docli noch nicht die Empfindung, auf 
festem Boden zu stehn. Die letzte Schrift über das Aporem 
— Dyroffs Demokritstudien — schlägt sich allerdings mit 
vieler Zuversicht auf die Seite des Gegners und sucht dessen 
Beweisführung durch allgemeinere Erwägungen zu ergänzen. 
Rohde würde aber vermuthlicli auch jetzt noch seine princi- 
piellen Vorbehalte machen; die Autorität der litterarischen 
Data des Aristoteles, denen gegenüber er sich schon in einer 
Jünglingsschrift keineswegs gebunden fühlte ^ müsste noch ein- 
mal in grösserem Zusammenhang vorurteilsfrei geprüft werden. 
Schon in den Zeiten der Leipziger Societas hatte sich 
Rohde mit H e r a k 1 i t eingeliend beschäftigt, wenn er seinen 
^ewig problematischen* Lehren auch kühler gegenüberstehn 
mochte, als Nietzsche ^. In Tübingen wui'de vor Allem das Ver- 
hältnis der heraklitischen Gedankenwelt zur Religion unter- 
sucht, wobei sich Rohde zuPfleiderer im Gegensatz sah. üeber die 
eleusinischen Mysterien hat Rohde seine radicalen Ansichten 
schon 1880 in einem Museumsvortrag entwickelt, und seine zwei 
Jahre später der Dienstagsgesellschaft dargebotenen Betrach- 
timgen *über einige Vorstellungen der Hellenen inbetreflf der 
Fortdauer des Menschen nach dem Tode' spinnen unverkennbar 
den Faden der *Psyche' an. Auch seine Schüler vdes er 
gelegentlich auf Probleme aus der alten Religionsgeschichte; 
so liat er durch eine Preisaufgabe Untersuchungen über die 
hermetischen Schriften angeregt, die freilich (wie manche brave 
Tübinger Arbeit) nicht veröflFentlicht sind^. Druckfertig machte 
R von derartigen Untersuchungen nur Weniges, vor Allem den 

» Vgl. auch Kl. Sehr. I 252. 

* Vgl. die Anzeige des Schuster'schen Heraklit im Centralblatt 1873 
= Kl. Sehr. I 194. Psyche U^ S. 154. 

^ Der Preisträger war H. Meltzkr. In Rolide's Handexemplaren fand 
sich 'Werthvolles, aber schwer Verwerthbares zum Hermes Trismegistoa' : 
Fr. Scholl, zu den KI. Sehr. I S. XXI II. 



Jamblich. Griechische Kulturgeschichte. 135 

feinen Aufsatz über die verschollene Legende von den *sar- 
dinischen Heroen' (im Rhein. Mus. 1880 S. 157 = Kl. Sehr. 11 
S. 197 ff.), »ein wirklich interessantes Thema«, an dem er seine 
helle Freude hatte [R. 2 XII 1879]. In diesem Zusammen- 
hange gewannen auch die alten Studien zu Jamblichos und 
der Pythagoraslegende neuen Reiz. Rohde plante »auf Grund 
seiner CoUationen« eine zusammenfassende kritische und ana- 
lysirende Ausgabe der Pythagorasbücher [Rü. 7 XU 78], gab 
aber den Plan auf, als er hörte, dass Nauck mit ähnlichen 
Absichten umgehe. »Nauck, so erfuhr ich im letzten Momente, 
arbeite auch an einer Ausgabe; er hat mir dann gemein- 
same Herausgabe angetragen: aber nun ist mir die Sache 
verleidet; ich wüsste «^uch nicht, w^ie man so etwas *gemein- 
sam' machen könnte, mag andrerseits nicht mit Nauck Wett- 
laufen — und scheere mich überhaupt den Teufel um den . . . 
Jamblich, der mich schon zu viel Zeit gekostet hat. AVenn 
ich einmal Müsse finde, hab ich Besseres zu thun« [R. 2 XH 
1879] \ 

Das Bessere, was ihm im Sinne lag, war ein im Stillen lange 
gehegter Plan, der all das Stückwerk seiner Arbeiten und 
Interessen zu einem runden künstlerischen Ganzen zu- 
sammenordnen sollte : wie der junge Nietzsche von einem um- 
fassenden * Griechenbuche' träumte, so trug sich Rohde in 
Tübingen sehr ernsthaft mit dem Gedanken, eine griechi- 
sche Kulturgeschichte zu schreiben. Er empfand 
immer tiefer, dass auch für das Gebiet, von dem er ausge- 
gangen und auf dem er am meisten zu Haus war, für die alte 
Litteratur, nicht die ästhetische Werthung, sondern die (jene 
freilich keineswegs ausschliessende, sondern erst tiefer begrün- 
dende) geschichtliche Betrachtung die rechte Fackelträgerin sei, * 

^ Seine Vorarbeiten überliess Rohde dem Concurrenten. Vgl. Nanck 
lamblichi de vita Fythagorae Über, Petrop. 1884 p. XXVII: ERVINÜS 
KORBE cum de meo consilio audisset non solum ab edendo lamblichi libro 
abstiiit, sed etiam utendum aestate a. 1880 concessit mihi editimiis IHdo- 
tianae exemplum, in cuius marginibus et coniecturas quasdam et discrepan- 
tiam codicis Flarentini a se collati adscripseraU In der Quellenanalyse 
schloas sich Nauck (im Gegensatz zu Zeller) ganz und gar an Rohde an, 
vgl. p. LIII sq. LXXI. Noch während der Correctur des Buches steuerte 
Rohde Nauck manche hübsche Kleinigkeit bei, vgl. p. LXIII sqq. 

^ Das ist sie im Grunde auch für die Alten gewesen, d. h. für das 



136 Ersatz der ästhetischen Aufifassung durch die historische. 

und dass diese geschichtliche Betrachtung von dem Isoliren der 
litterarischen und künstlerischen Probleme weg-, und auf eine 
universelle Behandlung der Gesammtkultur hindrängt. 
Sehr bezeichnend heisst es in einem Briefe an Ribbeck [15 
X 82] : >Ich lebe an mir selbst, und eben gA'ade an meinen 
CoUegien, die allmähliche Umarbeitung der ästhetischen und 
absoluten Schätzung des Alterthums in die historische und 
relative durch, die ja den Gang unsrer Disciplin, freilich schon 
lange ehe ich überhaupt anfing, l)ezeichnet hat: ich bereue es 
kaum, persönlich mit der altmodischen ästhetischen Schätzung 
angefangen zu haben, aber niui muss ich stückweise die alte 
Haut mehr und mehr ablegen; das macht Arbeit und Mühe.* 
Das Bekenntnis ist bedeutsam. Es wird von der andern 
Seite ergänzt durch die Cogitata und durch die Streitschriften 
und Briefe, die Rolule bei Gelegenheit des Nietzsche'schen 
Erstlingsbuches schrieb. Schon bald darauf bei der Arbeit 
an der Geschichte des Roman's, ist eine Wendung eingetreten 
(oben S. 79 ff.). Man hätte nun meinen können, dass jene 
l)hilosophische Richtimg mid Stimnmng, die für Rohde's 

antike Publikum und die antike Philologie (andre Kreise dachten anders). 
Man braucht sich nur die hellenistischen Canones — etwa den der Red- 
ner oder der Tragiker — anzusehn, um sich zu überzeugen, da^s die 
Alten nicht mit der starren Nonn einer absoluten Aesthetik, sondern 
echt geschichtlich mit gleitender Scala pjemessen und danach ihre Aus- 
wahl getroffen haben. Am wenigsten Berücksichtigung findet (und ver- 
dient) der Künstler der keinen TSioj yi%p'XY.1'i^^ besitzt (Dionys. de Din.) : 
man sieht in der Selbst<larstellung der Persönlichkeit die Haupt- 
aufgabe der Kunst und hat seine Freude an starken und ei gen wüchsigen 
Menschen. Diesem sehr gesunden Prinzip verdanken wir es, dass wir 
mit dem dünnen erhaltenen Material doch die geschichtliche Entwicklung 
der meisten Litteraturgattungen nach beiden Seiten ziemlich weit ver- 
folgen können. Nach beiden Seiten: denn allerdings giebt es, bei den 
auserwäldtiMi Völkern, mittlere Phasen höchster Gesundheit und Schön- 
heit — jene Zeiten -glatten Meers und halkyonischer Selbstgenügsamkeit*, 
von denen Nietzsche sprach — , denen gegenüber innerhalb der geschicht- 
lichen Betrachtung eine absolute ästhetische Schätzung zu ihrem Rechte 
kommt. Aber «liese künstlerische Schönheit ist eine Himmelsgabe, wie 
die Schönheit d»'r Jugi'ud : man mag sich an ihr erbauen und erfrischen, 
aber man glaube nieht, dass man sie sich, wenn man unter andern Wachs- 
thumsbedingungen l»'l»t, durch die Schminke irgend eines Classizismus 
aneignen könne. Die sehr früh durehbreeliende Richtung aufs Indivi- 
d Welle pflegt man b»'i der Abschätzung der Antike zu gering anzu- 
schlagen, auch bei Kohde kommt sie gelegentlich zu kurz. 



Zurücktreten der philosophischen Interessen. 137 

ürtheil einst den Ausschlag gab, in dem schwäbischen »Phi- 
losopheneldorado« neue Kraft gewonnen hätte. Aber das 
gerade Gegentheil ist der Fall. Durch die Empfindung, dass »die 
ganze Luft von Schulphilosophemen wie geschwängert ist in 
diesem wunderlich scholastischen Lande<^ ^, fühlt sich Rohde 
eher auf die andre Seite hinüber gedrängt. Seine Neigung 
zu ästhetischem und plülosophischem Räsonnement erkaltet 
mehr und mehr. Von der Lehre und der eigentlichen Schiil- 
sprache Schopenhauers spürt man kaum noch einen Nach- 
klang, auch nicht in den Briefen ; mit sichtbarer Abkehr von 
dem alten Meister schreibt er Volkelt [o. D. 83] »Ihre An- 
trittsrede habe ich gelesen, und mit Vergnügen den guten 
Muth und die heitre Ruhe wahrgenommen, w^omit Sie durch 
das Thor der Speculation nicht nella citta dolente^ sondern in 
ein hoffnungsreiches Arbeitsland hineintreten«. Wohl scheint 
ihm der befreundete Philosoph »glücklicher daran, als unser 
Einer, der mit lauter Stücken hantieren muss; aber ich be- 
käme doch Angst, wenn ich zwischen allen den unstäten, sich 
neben- und übereinander drängenden Eisschollen der Systeme 
mein eignes Schiffchen lenken sollte« [V. 29 VI 80]. Auch 
in seinem Freund Fr. Nietzsche hätte er, wie wir uns oben 
(S. 117) überzeugten, lieber den Künstler siegen sehn, als den 
Philosophen. Und wie ihm Constantin Ritter die Absicht ver- 
räth, sich ganz der Philosopliie zuzuwenden, meint er skeptisch 
genug: »Ich fürchte immer, dass die cptXoaocpia mhius in shnt 
habet quam fronte promittit: schon mancher hat es so erfahren« 
[Ri. 7 I 84]. Dieser Stimmungswechsel hinderte Rohde freilich 
keineswegs, den Fortschritt der philosophischen Ai'beit nicht nur 
mit dem Auge des Historikers beobaclitend zu verfolgen. Er 
hat damals Bücher SiGWARTs und Volkelts (wie dessen Dar- 
stellung der Erkenntnistheorie Kant's) »mit grossem Antheil« 
gelesen und ist den neuen Richtungen auf dem Gebiet der 
Psychologie ein gutes Stück Weges selbst nachgegangen ^, Aber 

^ Vgl. auch die Aeusserungen an Ribbkck, oben S. 104. 

^ WüNDTs wird in den Briefen wiederholt mit Sympathie gedacht, 
im Gegensatz zur * Stiftsorthodoxie« ; auch vei*wandte französische Ar- 
beiten las Rohde, dem die lievue philosophique nicht umsonst regelmässig 
zuging. Spuren dieser Studien besonders im zweiten Theil der Psyche. 
So blieb Rohde doch auch hierin dauernd im Gegensatz zu A. v. GüT- 



138 Vloxi einer griechischen Kulturgeschichte. 

seine individuelle Neigung und Kraft begann sich doch immer 
ausschliesslicher einer allseitigen geschichtlichen Be- 
trachtung des Alterthums, vor allem des Griechenthums, zu- 
zuwenden. Erst jetzt gewann er engere Fühlung mit der mo- 
numentalen und epigraphischen Forschung; Staat und Recht 
der Alten treten, mit dem letzten Ausreifen seiner Persön- 
lichkeit , in sein inneres Blickfeld * ; die Werke der beiden 
Bahnbrecher auf diesen Gebieten, BöCKHs und Otfrtbd Mül- 
lers, wurden systematisch durchgearbeitet'^. 

Das Alles kam zunächst seinen Vorlesungen zu gute, in 
die er damals manche kulturhistorische Excurse (z. ß. über 
das Ephebenwesen und die Collegia iuvenum, über die hel- 
lenistischen Grossstädte u. Ae.) enigeschoben zu haben scheint. 
Aber als eigentliches Ziel schwebte ihm Jahre lang bei seinen 
Sammlungen und Entwürfen wirklich jene grosse Aufgabe vor 
Augen. Ribbeck ist wohl der Einzige, mit dem Rohde — 
im Sommer 1882 — die Sache mündlich besprochen hat ; ausser- 
dem hat er sich , schon 1881 , brieflich mit Nietzsche ver- 
ständigt. Anzufangen beabsichtigte er bei »der schwierigsten 
Partie, der Kultur des Hellenismus« ; gerade das sei eine Auf- 
gabe, meinte er, »in die man ungefähr Alles hineinlegen könnte, 
was man sagen könnte und möchte« [N. 8 IV 81]. Ein lo- 
ckendes Anerbieten, das ihm 1883 Cotta machen liess, lehnte 
er, eben mit Rücksicht auf seine innere Verpflichtung kurzer 
Hand ab. Er schreibt bei der Gelegenheit an Ribbeck [15 
X 83] : »Wollte ich für irgend eine beliebige späte Zukunft, 
zusagen , so würde m i r das Gespenst einer solchen wider- 
willig übernommenen Verpflichtung Tag und Nacht um die 
Schläfen liattern . . . Ich bitte Sie übrigens dringendst, von 
meinem thatsächlich ^vorhabenden' Plane einer h e 1 1 e n i- 



sciiMiD, der seine Philosophieblindheit wie einen besondem Vorzug zur 
Schau trug. 

* »Das ist doch einmal ein Fund, ein wirkliches Stück alten Lebens, 
das Recht von Gortyn< [Rü. 12 VII 85.] 

- Das kann man gelegentlich noch jetzt feststellen, wenn man (wie 
einst der Verf.) die Tübinger Universitätsbibliothek benutzt. Zahlreiche 
Nachträge dieser Art in seineu Handexemplaren werden aus dieser Zeit 
stammen. Bezeichnend ist es, dass 0. Mt)LLER in der ersten Auflage 
des Romans äusserst selten herangezogen ist, Welcker sehr häufig (vgl. 
z. B. die Zusätze zu S. 6*2- in der 2. Auflage u. Ae.). 



Anfönge der *P8yche\ 139 

sehen Kulturgeschichte Niemandem ein Sterbens- 
wort zu sagen : mir ist es, als ob durch solches Vorauswissen 
der lieben Nachbarn meine Kraft gehindert, das zu erwar- 
tende Kind wie beschrieen wäre, so dass es nun nicht mehr 
wachsen könnte« '. Dass Bürckhardt gerade damals an ver- 
wandten Aufgaben arbeitete, muss Rohde gewusst haben ; aber 
er wusste auch, dass Bürckhardt nicht eine Kulturgeschichte 
in seinem Sinn schreiben würde, sondern etwas wie Essays 
über den Geist des Alterthums *, die den Philologen *aga- 
ciren' würden, ohne ihm doch eigentlich ins Gehege zu kommen. 
Aber unter der Hand hörte er durch Ribbeck einen andern 
Namen, der ihn eher stutzig machen konnte. Im Frühjahr 
1885 schreibt er dem Freunde : »Nunmehr denke ich mich in 
eine ausbündige Arbeitsfuria hineinzusteigern und so den Rest 
der Ferien vernünftig zu benutzen. Es geht mir wunderlich : 
seit ich Ihnen von meinem culturhistorischen Plan gesprochen 
habe und Sie alsbald mir einen unerwünschten Concurrenten 
nannten ^, ist mir die Lust zur Vorbereitung und Disponierung 
dieser Arbeit wie abgestorben. Wozu sich plagen, wo Einem 
täglich ein Anderer zuvorkommen kann ? Einstweilen will ich mich 
. . . auf die Ausarbeitung einiger abgerundeten kleineren 
Themen werfen, an der ich auch versuchen kann, wie weit 
mir die Form, nach meinen eignen jetzigen Ansprüchen *, 

* Zahlreiche Briefe Robde's bestätigen e8, dass er 1883 seine Aufgabe 
fest in's Auge gefasst hatte. »Ich habe mir nun definitiv ein sehr wei- 
.tes' und würdiges Ziel vorgesetzt, auf das ich freilich nur im Schnecken- 
schritt und Schlangenbiegungen lostreiben kann« [0. 9 XII 88, ähnlich 
V. 10 X 84]. 

^ Wenn dem nach Burkhardt's Tode .ans Licht getretenen, auf alle 
Fälle interessanten Werke doch wenigstens ein bezeichnenderer Titel 
gegeben wäre! Burkhardt hätte es gewiss nicht 'Kulturgeschichte' ge- 
nannt — denn gerade die geschichtlichen Längsschnitte kommen zu kurz 
gegenüber der Schildei-ung des (wirklich oder vermeintlich) Zuständlichen. 

' f)ieser Concurrent sollte »in seiner Parallelarbeit bereits weit fort- 
geschritten sein« [Rü. 12 VII 85]. 

* Rohde nahm in jener Zeit die Darstellung seiner altern Arbeiten, 
besonders des Romans, unter die Loupe; manches genügte ihm nicht 
mehr, insbesondre meinte er (einer Bemerkung Nietzsches [23 V 76] 
entsprechend), das« er mit Adjectiven hätte sparsamer sein können. »Aber 
mir scheint , dass ich gegen Ende des Ganzen besser schreiben gelernt 
habe. Wollen sehen, was mir seitdem zugewachsen ist an Schreibekunst« 
[V. o. D. 84/5]. 



140 AnfUnge der »Psyche'. 

gelingen will. Und damit will ich eben in diesen Ferien beginnen. 
Also schliessen Sie mich und mein Vorhaben in Ihr tägliches 
Gebet einic [R. 2 IV 85]. Den Titel nennt Rohde, um sich das 
Elind nicht wieder *beschreien' zu lassen, auch Ribbeck noch 
nicht. Aber der humoiistisch-feierliche Ton in dem er spricht, 
lässt uns annehmen, dass das > kleinere Thema c ihm doch recht 
bedeutsam erschienen sein muss. Es war der, einige Jahre 
vorher in einem Vortrag behandelte *Seelenkult und 
Unsterblichkeitsglaube der Griechen^. Die 
Psyche ist concipirt nach und unter den Vorarbeiten zu einer 
allgemeinen Kulturgeschichte. Das erklärt am besten die Eigen- 
art des Buches, in dem mit dem Begriff Religionsgeschichte 
auf dem Gebiet der Antike zum ersten Mal wirklich Ernst 
gemacht wird. 



* In der Tübinger Dienstagögesellschaft hatte Rohde am 21. Februar 
1882 ȟber einige Vorstellungen der alten Hellenen in Betreif der Fort- 
dauer des Menschen nach dem Tode« j^e8i)rochen. Uebrigcns »ruini- 
nirte* R. noch lange an den alten Themen weiter und fand gerade des- 
halb nicht die rechte Stimmung für die neue engere Aufgabe. >...Ich 
verHtehe nur zu gut, wie es (freilich in ganz anderm Maass) Flaubert 
und Carlylo beim Ansetzen zur Ausführung einer Arbeit lähmen und 
quälen konnte <- [0. 6 IV 85]. 



141 



IX. 

Abschied von Tübingen. Leipzig. Homerstndien. 



Je länger Rohde in der stillen Neckarstadt lebte und 
lehrte, desto tiefer empfand er die Tüchtigkeit und Gesundheit 
der Umgebung, in die er hineingestellt war. Auch das Verhältnis 
zur Hörerschaft wurde enger und herzlicher ; er sah geni seine 
Studenten bei zwangloser Geselligkeit in seinem Hause und 
vei'sammelte in den achtziger Jahren „sogar eine Anzahl junger 
Philologen an regelmässigen Abenden zur Lektüi'e klassischer 
Schriften (z. B. xcep: ö^^ou;) bei sich" ^ Dazu gehörten der 
früh verstorbene A. Walz, ferner E. Mayser, der Verfasser 
der Grammatik der griechischen Papyri, und vor Allem AV. 
SCHMID, der später mit dem Lehramte Rohde's in Tübingen 
betraut wurde. Ihm gegenüber ward der Lehrer bald zum 
theilnehmenden und nicht nur bei wissenschaftlichen Fragen 
berathenden Freunde ; die Verbindung philologischer und mu- 
sikalischer Interessen tiösste Rohde auch bei ihm eine ganz 
persönliche Sympathie ein^. 

1 W. Schmid a. 0. S. 109. S. auch den Anh. zu S. 105. 

^ In diesem Sinne hat er sich über seinen alten Schüler gegen Freunde, 
wie Ribbeck und Rühl geäussert. Sehr charakteristisch heisst es in einem 
Briefe an Schmid [15 X 93] : »Neulich las ich Ihr Lob als Begleiter zu 
den Liedern des Hugo Wolf in der Zeitung (da ich, wohl bis an mein 
seliges Ende, das Abonnement der Tübinger Kronich hinter mir herum- 
schleppe). Und Sie Glücksmensch, der so etwas kann, Sie wollen sich 
über irgend etwas beschweren ? Aber Sie thun das auch wohl gar nicht 
mehr, als zur innern Motion nöthig ist. Dass ich nichts eigentlich kann, 
ist immer ein wesentlicher Grund meiner Selbstgeringschätzung (auf der 
zuletzt alles Nichtglücksgefühl beruht) gewesen; Sie sind ja darin viel 
besser daran.« Man sieht, wie hoch Rohde jedes Stück Künstlerthum 
eingeschätzt hat. — So hat er in seinen Schülern stets vor Allem die 
Menschen gesucht und gepflegt ; in dem Absorbiren der jugendlichen Per- 



142 Ruf nach Leipzig. 

In dieser Lage fiel Rohde, als ihm 1882 eine Professur 
in Prag angeboten wurde, nach kurzem Schwanken die Ent- 
scheidung nicht schwer ^ Aber wie Jahr um Jahr verstrich 
und die Kinder heranwuchsen, wurden doch wieder andere 
Stimmen in ihm laut. Das Verschwäbeln der Aeltesten will 
ihm nicht gefallen ; der Elementarunterricht und die sonstigen 
»Bildungsanstalten« sind nicht nach seinem Herzen. Auch 
sich selbst wünscht er in ein grösseres und freieres Leben. 
Sehnsüchtig blickt er bei Gelegenheit nach München ^ »Also 
Bursian's Nachfolger bei Cotta zu werden, habe ich gar keine 
Lust ; sein Nachfolger in München — der wäre ich wer 
weiss wie gerne ! München ist fast die einzige Universitätsstadt, 
in der ich wirklich gern wäre und bliebe. Aber ... an mich 
wird schwerlich irgend Jemand denken, ich kenne keine Seele !< 
[R. 15 X 82]. 

Da entschloss sich die Leipziger Facultät nach dem Tode 
von Georg Curtius (der zwar Mitdirector des philologischen 
Seminars gewesen war, aber als Lehrer und Gelehrter doch 
ausschliesslich der Sprachwissenschaft gedient hatte), einen aus- 
gesprochenen Philologen und Litterarhistoriker zu berufen. 
Die Wahl fiel auf Ron DE. Bei der ersten vertraulichen Mit- 
theilung war Rohde Feuer und Flamme ^. Vor seinen Augen 
mochte das alte Leipzig der siebenziger Jahre stehn, mit seinen 
nach Hunderten zählenden Philologcnschaaren, seinem behag- 

sönlichkeit durch die 'Wissenschaft' sah er eine Gefahr. -Im Uebrigen 
ged«fnkon Sie alle drei Ihrer Jnj^eud, die nur einmal blüht, nicht nur 
in ihrer Kraft und Frische, sondern auch in ihrem Leichtmuth und sogar 
in ihrer Schwennuth (wen's so trifft), denn auch die enthält da noch ein 
Klement der Lebenswiirze ^ [Schm. o. D. 86]. 

* >Ich habe wirklich eine Zeitlang ernstlich an Prag gedacht, aber 
schliesslich mich doch geme halten lassen, eben darum auch, weil mir 
das Bleiben so leicht wurde, den angebotenen Fackelzug und Commers 
der Studenten abgelehnt« [K. 1 VIII 82]. 

'^ »Ks wäre zu niederträchtig, wenn ich hier .... zuletzt mit dem 
Beethovenschen Trauermarsch und allem Brimborium einer akademischen 
'Leich' (deren Herrlichkeit Einem gleich in dem ersten Schriftstück, das 
man beim Kinzug bekommt, ausfilhrlichst bekannt gemacht wird) — unter 
meinem Fenster vorbei . . . geschatft werden sollten [R.]. Tm üebrigfen 
vgl. oben S. 1*28 f. Seine Vorliebe für München hat er auch in Heidel- 
berg nicht verleugnet (SchcUl). 

^ Genau, wie die Briefe an Rihbeck, klingen die an andre Freunde, 
z. B. an Rühl 12 VII 85. 



Verhandlungen. 143 

liehen, die Vorzüge der Grossstadt und Kleinstadt verbinden- 
dem Zuschnitt und einem Theater- und Musikleben, dessen 
in den Tübinger Briefen oft dankbar gedacht wird^ Dazu 
die Aussicht, mit alten Freunden, wie Rebbeck, zusammen- 
zuleben, und auch Nietzsche, der sich damals nach Naum- 
burg und Leipzig gewandt hatte ^, wieder näher zu rücken — 
man begreift, dass Rohde -der Entscheidung mit Ungeduld 
entgegensah, zumal durch Indiscretionen von anderer Seite 
die Angelegenheit vorzeitig an die grosse Glocke gekommen 
war ^. Bei den Unterhandlungen ging er dann aber sehr 
gründlich zu Werk und fand in seinem Freunde und dessen 
seit alter Zeit ihm innig vertrauter Gattin unermüdliche Helfer 
und Berather *. Das Ministerium kam Rohde's AVünschen in 
jedem Sinne entgegen ; die Ernennung zum Mitglied der Prü- 
fungscommission (auf die er im Gegensatz zu früheren Stim- 
mungen jetzt doch Gewicht legte) war von vornherein in Aus- 
sicht genommen. So war das Geschäftliche wirklich »in vier- 
zehn Tagen« abgewickelt. Aber Manches und Bedeutsames, 
wie die Abgrenzung der eignen Provinz gegenüber den Fach- 



* >Das8 ich kommen würde und mit tausend Freuden, das können 
Sie für verbrieft annehmen! Norddeutschland, just Sachsen, endlich 
einmal wieder eine wissenschaftliche Stellung — wie sollte mich das 
Alles nicht gewaltsam ziehn. Und dazu dann Ihre Freundschaft, die 
mir einen Anhalt geben würde, wie ich ihn mir selbst zu schaffen so 
schlecht verstehe und doch so sehr entbehre. Dass wir nebeneinander 
recht wohl bestehn können, meine ich auch. Litteraturgeschichte würde 
ich allerdings ungern fahren lassen. . . Mit den Autoren stimmt es ja, 
und Homer würde ich sogar mit besondenn Vergnügen wieder lesen (wie 
schon einmal in Kiel): hier habe ich ihn nur nicht gehabt, weil Herzog 
darauf Anspiüche macht. Sonst könnt ich mir noch mancherlei kleinere 
Sachen zulegen ... z. B. griechische Religionsgeschichte: über 
dieses Thema habe ich vielerlei vorbereitet. ^ 

' Nietzsche freut sich ebenso des Gedankens, ^dass dies Jahr uns 
zusammenbringen muss* [23 H 86]; auch er fand in Leipzig nicht, was 
er sich versprochen hatte. 

* >Nichts ist mir fataler, als nun das Gerede, ehe die Geschichte zu 
Ende ist. Denn noch kann ja aus Allem — Nichts werden und ich sitze 
dann wieder *in 'n Pisspott', wie der Fischer im Märchen, zum Gaudium 
aller Neider. Aber hoffen darf ich nun noch, und will es< [R. 21 XI 85]. 

* »Geht die Verhandlung nun einen günstigen Gang, so soll es an 
mir nicht liegen, dass nicl\t in 14 Tagen spätestens Alles in Ordnung 
und ich Lipsiensis designatus bin. Alle Hagel! scheene wiir'sch! Also 
speriamo!« [R. 27 XI 85]. 



144 Reise nach Leipzig. 

coUegen, blieb unklar und sollte in mündlicher Verhandlung 
nachträglich ins Gleiche gebracht werden. Ganz geheuer war es 
Rohde dabei nicht zu Muthe ; der nach der Entscheidung ge- 
schriebene erste Brief klingt gedämpft genug [R. 13 XII 85] : 
>Also fertig wäre es nun, lieber Freund, ich komme zu Ostern 
und dann möge nur das Geschick Alles günstig gestalten. 
Dass ich jetzt noch, nach vollbrachtem Entschluss, eine ge- 
wisse Bänglichkeit vor der Zukunft spüre, auch nun erst recht 
merke, wie ich doch mit tieferen Wurzeln, als ich dachte, mit 
dem Boden dieses Dorfidylls verwachsen bin, werden Sie be- 
greifen. Ich habe eigentlich sehr günstige Zeiten hier gehabt, 
viel Anhänglichkeiten bei den Studenten, Gunst und Freund- 
lichkeit beim Ministerium [Gessler] ; Vieles, was mir dieses 
halbe Landleben lieb machte und gerade meinem Naturell 
entsprach, werde ich nirgend wiederfinden. Aber ich ho£fe, 
dass diese leise Wehmuth bei dem Abscheiden aus diesem 
Stillleben auch sanft verwehen wird : bis ans Lebensende wäre 
mir diese Existenz doch nur dann befriedigend gewesen — 
dann allerdings völlig ! — , wenn ich hier daheim wäre ; aber 
heimisch wird eben ein 'Fremder' nie und niemals unter diesem 
seltsamen Volk. Nun also dyaS^^ xux*?) in den breiteren Strom 
hinein! Es wäre eine Art Feigheit gewesen, wenn ich nicht 
schliesslich mich doch für Leipzig entschieden hätte«. 

Kurz vor Weihnachten fuhr Rohde auf ein paar Tage 
nach Leipzig. Eine Wohnung wurde bald gefunden, bequem 
und wenigstens nach einer Seite frei gelegen, aber mitten im 
Buchhändlerviertel. Ueber die Arbeitstheilung kam man noch 
nicht ins Reine. > Meine Rückreise ist ohne Fährlichkeit ver- 
laufen, das Fest glücklich gefeiert ; ich fange wieder an zu ar- 
beiten, vielleicht für längere Zeit zum letzten Mal recht für 
mich und nicht für CoUeg und Gott weiss was für Dinge 
sonst. Die freie und reine Luft unsres Dorfes, das heute 
im hellsten Frosttagsglanze strahlt (wie man ihn in Leipzig 
nicht einmal im Traum zu sehn bekommt) athme ich ordent- 
lich mit Andacht und Wehmuth ein; überhaupt wird mir oft 
fast bange, wenn ich an Leipzig denke: wer weiss wie mir's 
da glückt? Bisher war mir ein akademischer stnujijh for Ufe 
erspart, da hier gar nicht ge-struf/ffrlt wird, sondern jeder ge- 



Abschiedskommers. Rohde's Ansprache. 145 

mächlich seine Heerde weidet und seine Schalmei oder seinen 
Dudelsack bläst« [R. 28 Xn 85]. 

Tübingen, vor Allem seine Hörerschaft, that »nur zu 
viele, um ihm den Abschied schwer zu machen. Bei einem 
Kommers, den die Stiftsverbindungen und andre Körperschaften 
am 20. Februar veranstalteten, „loderte die Liebe und Ver- 
ehrung für ihn mächtig empor" ^ Rohde dankte in einer freien 
Ansprache, von der wenigstens die Umrisse festgehalten wurden. 
>Eine wirkliche Werthschätzung der antiken Cultur« — führte 
er etwa aus — »ist die Grundlage der philologischen Studien, wie 
wir sie betreiben. Damit braucht durchaus nicht eine ünterschät- 
zung der Kultur unsrer Zeit verbunden zu sein. Beide Welten 
ergänzen sich. Die moderne Kultur ist mehr auf Abwehr 
alles Schädlichen, Störenden, alles Ungemachs gerichtet in 
ihrer Erfindsamkeit. Die antike — d. h. die griechische — 
Kultur in ihrer Blüthezeit war positiver und productiver: 
ihre Hervorbringungen dienen nicht der Abwehr des Stören- 
den, überhaupt nicht sowohl dem Nutzen, als der freien Hin- 
stellung des Schönen in der Kunst; sie bieten eine p o- 
8 i t i V e Bereicherung menschlichen Geistesbesitzes, und zwar 
für alle Zeiten. Aber auch dem Alterthum kam eine 
Zeit, wo der völlig gereifte Geist sich an den ererbten Vor- 
stellungen auf sittlichem Gebiet, an dem, die Welterschei- 
nungen nur eindringlicher wiederholenden, nicht erklärenden 
Bilderreichthimi der (plastischen und poetischen) Kunst nicht 
mehr genügen Hess, sondern seinen Lebenshalt suchte in der 
eigentlichen Erkenntnis der Dinge, in der Wissenschaft. 
Und da sind es abermals die Griechen , welche die Ur- 
väter aller Geistes- und Naturwissenschaften wurden. Nur 
ist dabei, im Gegensatz zur Entwicklung der Kunst, ein 
eigenthümlicher Mangel nicht zu verkennen : bei vielen genialen 
Anfängen oft keine rechte Fortsetzung der Arbeit; nach schwer 



* Bericht in der schwäbischen Chronik v. 24. Februar 1886, s. W. 
Schmid S. 100. 105. > Sonnabend war grosser Abachiedscommers für mich, 
in dem die Anhänglichkeit und Dankbarkeit der hiesigen Studenten, auf 
deren besondre Art ich doch so wenig eingehn konnte, einen wahrhaft 
rührenden Ausdinick fand. Noch bin ich ganz von Weihrauch umstän- 
kert, aber es war doch auch viel ächte Stimmung dabei« [R. 23 II 86]. 

CruBins, E. Kohde. 10 



146 Ansprache. Antike und moderne Kultur. 

errungenen grossen Einsichten später keine rechte Wirkung, 
keine radicale Ausrottung älterer Verkehrtheit und Unwissen- 
heit : kurz , keine gesicherte Continuität und Stufen- 
folge der Forschung, kein rechtes Durchdringen des Lebens 
mit der Wissenschaft. Dies liegt in tausend Beispielen am 
Tage, auf den Gebieten der Xatui-beschreibung, Geographie, 
Astronomie, auch der ypa(ijiai'.XY]. Und der Grund dieses 
Mangels?* — hier wendet sich Rohde der besondern Situation 
zu — »Es fehlt an einer Einrichtung gleich den Univer- 
sitäten unsrer deutschen Art ^ JMan hatte Akademien 
(in Alexandria u. s. w.) , aber ohne obligate Lehrer der 
Wissenschaft; man hatte in den Philosophen vereinen in Athen 
auch ehic gewisse Stätigkeit der U eberlief erung der Wis- 
senschaft, aber nur in engem Kreise und bald ohne frische 
AVeiterbildung der Lehre, ohne rastlos neue Forschung. Eine 
organische Verbindung von Forschung und 
Lehre, wie sie unsre Universität bietet, fehlt. Daher ver- 
mag die Forschung nicht, durch die Lehre immer neuer Ge- 
nerationen von Jünglingen, ins Leben hinauszudringen, ver- 
mag die Wissenschaft nicht befruchtend in die Praxis hintiber- 
zuwirken. Dazu kommt noch ein eigentliümlicher Trieb des 
griechischen Geistes: das Einzelne, in seiner Besonderheit 
gerade Lebendige, umzubilden und abzurunden zu überin- 
dividuellen Typen, d. h, zu Idealgestalten; einmal gefunden, 



* Es könnte sclioiuen. als ob Rohde hier «einer Aufgabe als Fest- 
redner Concessioncn machte. Aber ähnliche Betrachtungen über die Be- 
rechtijTung und Bedeutung der Universität (aber auch über ihre mögliche 
Entbehrlichkeit und Ersetzbarkeit bei einer wirklichen Volkskultur) finden 
sich (leider in ganz skizzenhafter, vielfach kaum verständlicher Form) 
schon auf einem Jonenser Zettel aus den siebenziger Jahren, und 1879 
hielt Rohde einen Vortrag »über Universitäten im alten Griechenland«. 
Rohde ist damals in seinen einsamen Gedanken nicht minder kühne Wege 
gegangen, wie Nietzsche in den Vorträgen über die Zukunft unserer Bil- 
dungsnnstalten. Wenn Rohde den hohen Werth einer Verbindung 
der Fors<!hung mit der Lehre so nachdrücklich betont, bekämpft er ent- 
gegengesetzte Ansrhiiuuugen, deren Wirkung er gerade in der Tübinger 
JStiftsluft zu verspüren meinte und die kurz vorher (1881) von Lagarbe 
in einem Rohde gewiss bekannten Aufsatze der Deutschen Schriften (S. 
.S56 tf., vgl. oben S. 08) geradezu auf die >eharfe Formel: 'entweder 
Lehre, oder Forschung* gebracht war(;u. Laganle's Reformplan für den 
L-niversitätsunterrieht sieht aus wie eine verbesserte Stiftsordnung. 



Ansprache. Forschung und Lehre. 147 

blieben solche Typen beharrlich, geringer Entwicklung fähig. 
Dieser Trieb wirkt sichtbar in griechischer Kunst und Poesie, 
und erzeugt dort den hohen Idealismus, den festen, individuelle 
Schrullen fernhaltenden Stil. Aber der gleiche Trieb nach 
Abschliessung und Abrundung rief in der Wissenschaft viel 
zu früh eine Systematik hervor, die aller ferneren Ent- 
wicklung hemmend in den AVeg trat: so in den philosophi- 
schen Secten, so auch in den ärztlichen, naturwissenschaft- 
lichen, grammatischen Schulen. Ganz anders die moderne 
Wissenschaft! Sie strebt unaufhörlich nach immer ferneren 
Zielen; jedes Systematisiren gilt ihr nur als etwas provisori- 
sches, vorläufiges ; sie kennt keine Ruhe und Selbstzufrieden- 
heit im endgiltigen Abschluss. Und dieses niemals müde 
Weiterforschen übt denn auf den Universitäten auch seinen 
heilsamen Einfiuss auf die Lehre, die sich mit und durch 
die Poi'schung selbst ewig erneuert, verjüngt und frisch erhält, 
und so auch dem Leben stets frische Bewegung zuführt. Dies 
ist der Geist unsrer deutschen Hochschulen und ihr sitt- 
licher Kern zugleich ; hier erfüllt sich das AVoi-t : *wer immer 
strebend sich bemüht, den können wir erlösen' — nicht zwar 
vom Philisterium, wohl aber vom Philisterthum. Kein De- 
kret von oben hat diesen Geist den deutschen Universitäten 
gegeben: sie selbst haben ihn aus sich erzeugt, und Niemand 
wird ihn ihnen rauben können, x Kohde schloss dann mit dem 
Ausdruck des AV^unsches, dass in diesem Geiste auch die 
Württembergische Hochschule »blühn und gedeihn und immer 
noch schöner sich entwickeln möge« ^ 

Es ist so ziemlich die einzige Programm rede, die 
Rohde in seinem Leben gehalten hat ; es bedurfte einer wirk- 
lich gehobenen Stimmung, um solche Gedanken, die sich in 
seinen Vorlesungen kaum einmal von fern zeigten, ans Licht 
empor zu locken. Er muss doch die Empfindung gehabt haben, 
dass er im Kreise seiner schwäbischen Hörer, wie unter guten 



* Nach dem angeführten Bericht und einer von Rohde nachträglieh 
aus dem Gedächtnis hingeworfenen Skizze, die er Constantin Ritter anf 
dessen Wunsch zur Verfügung stellte; zur Deutung und Ergänzung tragen 
auch die (S. 146^) erwälinten Aufzeichnungen über Universitätsweseu Ei- 
niges bei. 

10* 



148 Abschied, üebereiedelung. 

Freunden, seinen tiefsten lleberzeugungen Ausdruck geben 
durfte, ohne die Gefahr, missverstanden zu werden. In dem 
scharfen Betonen des Weiter forschen s, der selbständigen 
Arbeit, forniulirt er, wie in einem wissenschaftlichen Te- 
stament, nochmals eine Forderung, die er gerade in dieser 
Umgebung nicht so hatte durchsetzen können, wie er gewünscht 
hätte. Darüber hinaus zeigte er auch hier, wie man die, gegen 
alle Historie und Kritik standhaltende Ueberzeugung von der 
besondern Stellung der Antike mit einem offnen Sinn für die 
Eigenart unsrer Zeit verbinden kann. 



Nach diesen Höhepunkten gab es, gerade in den letzten 
Wochen, doch mancherlei Verdriesslichkeiten. Zumal ver- 
stimmten Bohde Quertreibereien bei den Vorverhandlungen 
wegen seines Nachfolgers, denen er als Berather beiwohnte; 
aucli auf den »neuen Cultusminister« ist er wenig gut zu spre- 
chen. Dazu trug er schwer an der Würde und Bürde des 
Dekanats und hatte mm noch »von tausend kleinlichen Ge- 
schäften die Neige zu leeren*. So war es ihm eine Erlösung, 
als »der halbe Zustand« endlich vorbei war. Mit den besten 
Hoffnungen, aber doch mit einem leisen Misstrauen, das durch 
alle sanguinischen Selbstbeschwichtigungen hindurchklingt, trat 
er in den neuen Lebenskreis, in dem er »seine Laufl^ahn zu 
beschliessenc gedachte. 

Die ersten Monate ])rachten eine volle Ernüchterung. 
Zwar, unter den ihm nalie tretenden CoUegen gab es Manche, 
von deren Umgang er sich Gewinn und Genuss versprach. 
Er rühmt Fr. Zarncke's >• Lebendigkeit und Frische«^; mit 
A. Springer, seinem Nachbar, der damals schon ganz an's 
Haus gefesselt war, schienen sicli wirkliirh persönliche Bezie- 
hungen anzuspinnen. Aber »der Lärm, Kuss- und Braun- 
kohlendunst 't, in den er sich versetzt sali, reizte seine an die 



' Im gleichen Sinne hat sieh Rohde bei Zjirncke's vorzeitigem Tode 
ausgesprochen. - Dass Zarncke todt ist, ist wahrhaft schade! Kr war... 
eine für Leii)zig unentbelirliche Person, mit seiner Lebhaftigkeit und 
gilnzlich Leipzigerisch gewordenen Lebensstimmung' [Rü. 8 XI 91]. 



Enttäuschung. 149 

Ruhe und Höhenluft des schwäbischen Städtchens gewohnten 
Nerven. Die Zahl der Hörer 1)lieb weit hinter seinen Er- 
wartungen zurück; sie nahm gerade damals in Leipzig ver- 
hältnismässig noch viel rapider ab, als in Tübingen, wo Stift 
und Convikt einen festen Stamm hergeben. Auch durch die 
Leistungen und den ganzen >Stil« des Durchschnittsstudenten, 
den er im Hörsaal oder bei seinen Uebungen vor sich sah, 
fühlte er sich enttäuscht; viel ausgeprägter, als bei dem welt- 
fremdesten Stiftler, glaubte er hier (was ihm »alle Stimmung 
verdarbt) die Incarnation der Philisterhaftigkeit zu finden. 
So wollte sich zwischen ihm und dem Auditorium kein rechtes 
Verhältnis bilden und man erzählt sich, dass er, bei gelegent- 
lichen Aeusseiningen seiner Davidsbündlerstimmung, auf offne 
Opposition gestossen sei. Aber das Alles hätte sich verwin- 
den und ausgleichen lassen. Schlimmer war es, dass Rohde 
seiner ganzen Art und Richtung nach nicht geeignet war, 
den altern Fachgenossen, gewissemiassen als dritte, beglei- 
tende und gebundene Stimme, sich anzuschmiegen. Curtius 
hatte auf philologische Stoffe im engern Sinne fast ganz ver- 
zichtet; die Collegen waren beati possidentes der anziehend- 
sten und lohnendsten Gebiete, und Rohde blieb zunächst, 
ausser dem von Curtius übernommenen Homer, nur »das von 
allen Seiten angenagte Gebiet der griechischen Litteraturge- 
schichte«. Ein derartiges »Dasein als Lückenbüsser« zu führen, 
lag nicht in seinem Plan. Immer wieder wurde mit dem Freunde 
verhandelt, mündlich und schriftlich : für diesen Cirkel wollte 
sich die Quadratur nicht finden lassen. So sah sich Rohde 
doch in jenen akademischen strugijle of life hineingetrieben, der 
ihm so zuwider war. Die Bilanz, die er in dieser Stimmung 
zieht, ergiebt einen völligen Bankerotte 

* >Ich sehe in eine wahre Wüste von Trostlosigkeit hinein, wenn ich 
an mein zukünftiges Vegetiren in dieser Stadt . . . denke, aber was hilft 
es! Die Studenten mögen ja brav sein: im Colleg sehn sie mir so ent- 
setzlich philiströs entgegen, dass ich . . . am liebsten ganz schwiege. 
Gerade wo ich wirklich Gutes und Originelles sage, gafft mich das Volk 
am blödesten an. . . Für Ihre guten Worte danke ich von Herzen ; wenn 
es noch irgend eine erträgliche Vorstellung für meine Leipziger Existenz 
in mir giebt — so ist es diese, dass wir Beide uns nicht dauernd miss- 
verstehn können. Möchten wir denn zusammen noch manche freundliche 
Stunde haben!« [K. 4 VI 86]. 



150 Ruf nach Heidelberg. Wiedersehn mit Nietzsche. 

In dieser Missstimmung kam ihm vfie eine Erlösung der 
Gedanke, nach dem Süden zurückzugehn , zwar nicht nach 
> Neckartübingen *^ (was er am liebsten gethan hätte) ^ aber doch 
nach der andern Hochschule am Neckar, nach Heidelberg. Man 
wünschte dort umgehend eine »vorgängige Annahme oder Ab- 
lehnung« [R. 4 VI 86], während Rohde nun, bei aller Geneigt- 
heit, sein Zelt wieder abzubrechen, doch die Gefahr einer 
erneuten Uebereilung zu fürchten begann. Ribbeck, der durch 
diese neue Wendung der Dinge aufs peinlichste überrascht 
war, that inzwischen, amtlich und persönlich, was sich irgend 
thun liess^ Aber Rohde ging seinen eignen Weg; er zog A. 
Springer ins Vertrauen und suchte auch bei seinem damals 
in Leipzig weilenden Jugendgenossen guten Rath. Es w^ar das 
letzte Mal, dass er mit Nietzsche von Angesicht zu Angesicht 
verkehrt hat. Nietzsche rieth ihm, zu gehn ; auch ihm brachte 
der Aufenthalt in Leipzig (selbst das Wiedersehn mit dem 
Freunde) eine bittre Enttäuschung. Rohde fand Nietzsche zu- 
nächst >weit weniger gespannt und übei-spannt in seiner Stim- 
mung, als frühere [O. 27 VI 86]. Aber etwas Trennendes stand 
zwischen ihnen ; >eine unbeschreibliche Atmosphäre der Fremd- 
heit, etwas mir damals völlig Unheimliches, umgab ihn. Es 
war etwas in ihm, was ich sonst nicht kannte, und vieles nicht 
mehr was sonst ihn auszeichnete. Als käme er aus einem 
Lande, wo sonst Niemand wohnt . . .^ Aehnlich hat Nietz- 
sche empfunden, der sich schwer genug in diese Welt prak- 



* Kr hat da8 in zahh-eichen Briefen aus dieser Zeit offen ausgesprochen, 
s. z. B. unten S. 154*. 

- Die sachlichen Bedenken schienen Ribbeck immer wieder nicht 
schwer genujjf, und er vermuthete entcregenwirkende äussere Einflüsse. 
Der letzte Brief Rohde's in dieser Angelegenheit mag im Auszug auch 
hier als Schlusswort eingerückt werden. ^Ich will Sie doch über den 
'auswärtigen' Kinfluss beruhigen, der mich zu meinem Entschluss mitbe- 
wogen haben soll. Was man Ihnen darüber gesagt und gar geschrie- 
ben haben mag, ist mir unerfindlich: wenn man nicht etwa gedacht hat 
an — Nietzsche, der mir, wie ich Ihnen erzählt habe, allerdings 
zugeredet hat, al>er — da seine (lesichtspunkte ganz andre als meine 
waren — , nichts zu dem endgiltigen Entschluss beigetragen. . . Dass 
meine Briefe vom Herbst v. J. andre Stimmung zeigen, als ich jetzt habe, 
Leipzig gegenüber, glaube ich gern. Man fiihlt anders, so lange man 
in einer Illusion befangen ist, und wenn man sie als solche erkannt hat<. 



Annahme des Rufes. 151 

tischer Rücksichten und Bedenken hineingefunden haben mag. 
Wenn die beiden Freunde sich damals noch nicht bewusst 
wurden, dass nun wirklich >eine Kluft zwischen ihnen be- 
festigt war , so trug die Schuld daran die Thatsache, dass 
das Gespräch sich im Gegensatz zu alten Zeiten überhaupt 
nicht in die Tiefe wenden wollte. Schon der quälende Druck 
seiner > engen und unklaren Verhältnisse < und der Sorge um 
die nächste Zukunft liess bei Rohde keine freie Stimmung auf- 
kommen. 

Endlich, ^nach heftigem Hin- und Herschwanken«, griif 
Rohde zu. >Ich gehe« — schreibt er an Ribbeck — > schon 
zum Winter . . . Ich vertraue darauf, dass die Zeit nicht 
mehr fern ist, wo Sie mir zugeben, dass ich kaum anders 
wählen konnte, dass eine befriedigende Thätigkeit mir hier 
nicht erreichbar w^ar und dass ich ohne eine solche hier 
nicht existiren konnte . . . Leicht ist mir, weiss Gott, der 
Entschluss nicht geworden , am meisten , w* enn ich an Sie 
und ihre Frau dachte; nun ist er gefasst und thut mir nur 
noch in Gedanken an Sie beide selber wehe. Lassen Sie mich 
an der Hoffnung festhalten, dass diese Angelegenheit . . . 
keine dauernde Verstimmung zwischen uns bringen w^erde; ich 
hoffe immer Eines in Leipzig doch zurückzulassen , woran 
ich in Heidelberg oft mit Wehmuth zurück denken werde: 
Ihrer Beider freundschaftliche Gesinnung < [R. 86] ^ 

Rohde hatte später wohl gelegentlich noch Anwandlungen 
eines Zweifels, ob er Recht gethan habe, auf jenen weitem 
Wirkungskreis zu verzichten, zumal auch Volkelt bald in 
Leipzig heimisch wurde *. Aber der Entschluss war sein 
Segen. Seine schwer gefährdete Lebenskraft hätte sich in 
Leipzig noch schneller verzehrt, und Stimmung und Müsse zu 
einer Arbeit aus dem Vollen, wie sie ihm sein neuer Wohn- 
sitz bald darbot, hätte er dort nicht so leicht gefunden. Immer- 

* Das schien ihm damals das Einzige, was er zu bedauern habe, 
>dasä wir Ribbeck und Wachsmuth verlieren* [0. 27 VI 86]. 

^ In Heidelberger Briefen meint er, A. Springer »keinen Dank schul- 
dig« zu sein dafür, dass er von ihm -in den Entschluss, nach Heidelberg 
zu gehn, hineingetrieben sei*, oder er nennt es eim; Thorheit, ^dass er 
sich hierher verheuert « habe, statt in dem »alten guten Leipzig« bessere 
Tage abzuwarten [V. 30 XII 94 u. ö.] 



152 Arbeiten. Homercolleg. 

hin raffte er sich in diesem schweren Sommer soweit auf, 
dass er den Vorlesungen über Homer (die frülier nur der 
Eingang zur Litteraturgeschichte gewesen waren) eine völlig 
neue, in die Einzelanalyse ganz anders eingreifende Fas- 
sung gab ; seine in der Stille fortwachsenden religionsgeschicht- 
lichen Untersuchungen förderten die Arbeit und wurden durch 
sie gefördert. Nicht wenig :^ Gutes und Originelles« muss 
er zuerst in seinem Leipziger Hörsaal ausgesprochen haben, 
wo sich gelegentlich unter dem Studentenvolk das aristokra- 
tische Denkerantlitz Nietzsches zeigte. Manche Abschnitte 
aus dem ersten Theil der Psyche und der sie ergänzenden 
Aufsätze sind damals im Keim entstanden. Zu der Art, wie sein 
Vorgänger CuRTius die Homerischen Fragen behandelt hatte, 
stand Rohde in scharfem Widerspruch, in der Methode, wie 
in den Ergebnissen; auf welcher Seite der Fortschritt und 
die Wahrheit zu finden sei, darüber heiTScht heute kaum ein 
Zweifel mehr. 

Veröffentlicht wurde in dem Leipziger Semester Nichts. 
Denn der streitbare Aufsatz über die asianische Rhetorik und 
die zweite Sophistik (Rhein. Mus. 1886 = Kl. Sehr. 11 75) ist 
noch in Tübingen geschrieben und corrigiert. 



153 



X. 

Heidelberg. Die Vollendung der Psyche. 

(1886—1893). 

Sobald die Vorlesungen geschlossen waren, floh Rohde 
aus dem Dunstkreis Leipzigs, um sich den Nachgeschmack 
seiner letzten Erfahrungen mit reineren neuen Eindrücken von 
der Zunge zu spülen. Wieder war es Bayreuth, wo er 
fand, was er suchtet Im September kehi-te er in bester Laune 
nach Leipzig zurück ; seine Briefe erzählen von den »wirklich 
lieblichen Wochen«^, die er damals >in grossem Leichtsinne 
mit seiner Frau und einer jungen Tübinger Freundin von ihr 
verlebt habe. Die Glanzpunkte waren gemeinsame Fahrten 
nach Dresden und nach Weimar, wo ihm vor Allem das neu 
erschlossene Goethe-Haus »lieb und aufklärend« war und seine 
Gedanken nur noch enger an den Unvergleichlichen kettete ^. 
Auch in Heidelberg »schenkte der Dämon noch eine Anzahl 
schöner Herbsttage« zu allerlei W^anderungen ^ »So war der 
Einstand, wie man in Württemberg sagt, ein fröhlicher und boni 
ominis, hoffe ich. Will man sich ganz ruhig und gelassen 
von dem Strom treiben lassen, so ist, scheint es, Heidelberg 
der beste Ort ; nur trifft man sich eben doch immer meder 
auf wechselnden Meinungen: bald scheint es Einem so gut 

* »Ich schwebe hier noch in einer halben Existenz herum, das Se- 
mester ist aus, meine Familie verreist, ich selbst gehe morgen auch fort, 
zunächst nach Bayreuth. . . Der schnelle Wechsel greift natürlich an, 
Möbel und Gern ath; vielleicht wäre es besser gewesen, es hätte sich nicht 
solch ein Ausweg aus allerlei . . . Bedenklichkeiten dargeboten, und ich 
■wäre gezwunp^en gewesen , hier auszuhalten. Nun aber wird auch 
der neuerwählte Zustand seine bedeutenden Vorzüge haben« [Schiii. 4 
Vin 86]. 

' Rohde ist in diesen Jahren Mitglied des Goethevereins geworden. 
Die Tübinger Freundin war eine Tochter Chr. Sigwart's, später Gattin 
des Botanikers G. Klebs. 

» 0. 20 XII 86. 



154 Collegiale Verhältnisse. Erkrankung 1887. 

und recht . . ., andre Male denkt man doch, dass . . eine här- 
tere Arbeit eigentlich dem Menschen und Mann geziemte c 
[O. 20 XII 86]. 

In einem Regen- und Schlammwinter, (>wo Heidelberg 
aussieht, wie wenn eine Dame mit Seidenschuhen im Schnee 
herumpatschte«), kamen zwar wieder rebellische Stimmungen» 
aber er hatte doch die Emptindung, »dass sich das Alles bald 
in's Gleiche und Gleichmüthige gesetzt haben w^erde«*. Die 
Hauptsache war, dass er in den nächsten CoUegen »charmante 
Leute« fand; dazu erwies sich »der ganze Ton als frei und 
harmlose ; nur die Tübinger Einfachheit im Lebenszuschnitt 
vermisse er. Die einst von Ribbeck mitbegründete philologi- 
sche Gesellschaft »wurde neu errichtet, mit acht Mitgliedern 
[darunter vor Allem Scholl und Zangemeister], und man 
vertrug sich darin sehr gut* *. Als Höhepunkt blieb den Theil- 
nehmern der Sommer 1887 in Erinnerung, wo Rohde die Füh- 
rung hatte. Er sprach über seinen alten Liebling Pindar^; 
einmal, an einem Damenabend um Weihnachten, hielt er einen 
anmuthigen Vortrag über die Daphnesage. 

Dieser willkommenen neuen Beziehungen wurde Rohde 
freilich nicht recht froh. Noch Ostern 1887 hatte er mit 
stillem Behagen bei den Baseler Freunden zugebracht *. Aber 
in den Sommermonaten setzte sein Leiden mit erhöhter Wucht 

' Vgl. Kü. 18 XI 86. 0. 20 XII 86. K. 15 III 87. .Andern gelingt 
offenbar leichter, was mir überall sehr sauer wird und langsam gelingt, 
mich einzugewöhnen, d. h. zuletzt doch immer, mich im erforderlichen 
Umfang zu resigiiiren; in Neckartübingen war ich endlich soweit ge- 
kommen — da muss ich Thor aufl)rechen und Alles aufgeben! — Ich 
hoffe aber, für mich und meine Frau und Kinder, stark auf das Früh- 
jahr und damit auf das eigentliche Heidelberg. Noch ist hier tiefer 
Winter, es schneit und schneit ununterbrochen, nicht der geringste Enos- 
penansatz zeigt sich, und so will auch unser Gärtchen, dem sich das 
Haus nach der Rückseite hin anlehnt, noch nichts bedeuten« [R. 15 III 87]. 

- >Schätzenswerth ist namentlich Zangemeisters unermüdliche Nai- 
vetät und Unternehmungslust < [R. 15 III 87]. 

^ Im (Tegen>>atz zu seinen beiden Lehrern Ribbeck und Ritschi (s. 
Ribbeck, Brief 17ii S. 275) hat Rohde seit seinen Studentenjahren sich 
zu »dem reichen Dichterherzen« des spröden Aristokraten hingezogen 
gefühlt. Fiinen Niederschlag seiner Heidelberger Studien bietet die Psyche 
11 209-2-22. 

* Ich habe die angenehmste Erinnerung an ihr gelindes Leben in 
einer der anmuthigsten Eckten von Basel- [0. 2 VII 87J. 



Gonfiict mit Nietzsche. 155 

ein * und quälte ihn so, dass ihn »selbst kurzes Sitzen und 
Schreiben stark angriflf«. Doch blieb er seiner Kräfte Herr 
genug, um den Amtspflichten und in der Hauptsache auch 
den gesellschaftlichen Anforderungen nachzukommen. Wenige 
mögen geahnt haben, wie schwer er schon damals an seinem 
Leiden zu tragen hatte. 

In diese trüben Monate fällt nun eine briefliche Ausein- 
andersetzung mit dem Jugendfreunde, die zu einer endgiltigen 
Entfremdung führte *. Der Anlass ist geringfügig genug : in 
der Hauptsache eine scharfe Aeusserung ßohde's über H. Taine, 
deren Wortlaut nicht mehr festzustellen ist, da Rohde den 
betreflfenden Brief später vernichtet hat 3. Aber man kann sich 
wohl denken, wie Rohde seine Abneigimg gegen Taine, in der 
erregbaren und vielfach verdüsterten Stimmung jener Tage, 

* »Ohne Zweifel habe ich diesen Zustand *nervö8er Dyspepsie', wie 
die Aerzt« ihn nichtssagend benennen, den tiefen Aufregungen des letzten 
Sommers und den Erschütterungen zu verdanken, die meine ganze Em- 
pfindungswelt bei der gewaltsamen Umsiedlung erlitt. . . . Was mir am 
unangenehmsten bei diesen Quälereien war, war dieses, dass ich an einer 
gehörigen Förderung einer grösseren Arbeit, die ich endlich aVjstossen 
möchte [die Tsyche'], verhindert war; solches Hinauszerren macht die 
ödeste Stimmung« [R. 2 VIII 87]. 

* Die Aktenstücke in dieser Sache sind, so weit sie erhalten sind, 
vollständig vorgelegt von Frau E. Förstek-Nietzsche in der »Deutschen 
Revue' August 1901 »Friedrich N. und Hippolyte Taine'. Ihre Darstellung 
mag Überhaupt zur Ergänzung und Controlle der hier gegel>enen dienen ; 
sie wird im Folgenden wiederholt wörtlich citirt. 

* Wer Rohde's Cogitata und Briefe kennt, den wird es nicht Ober- 
raschen, dass ihm Taine (so viele Züge er als Kulturhistoriker mit dem 
auch in der phüosophie de Vart dankbar benutzten Jakob Burckhardt ge- 
mein hat) als Philosoph und Aesthetiker unsympathisch gewesen ist. In 
der phüosophie de Vart mag ihm die kühle Verständigkeit, jener schon 
in Jugendaufzeichnungen heftig angegriffne >InteIlectaaliHmu8<, anstössig 
gewesen sein, der die Tiefe der Probleme ermessen zu haben meint, wenn 
sein Senkblei zu Ende ist. Ebenso durchweg die Tendenz, die grossen 
Menschen *zn construirenc. als Product von Rasse und Milieu auszu- 
rechnen, und das von Rohde immer so hoch geschätzte Ineffahüe der 
Persönlichkeit dabei möglichst gering anzuschlagen. Worauf sich der 
Ausdruck »inhaltlos«, den Rohde gebraucht haben muss, bezog, bleibt 
unklar; vermuthlich auf gewisse geschichthch-philosophische Conhtnic- 
tionen, die ihm durch den dan<-beii herlaufenden Kultus der petitn faits 
wohl gelegentlich mehr maskirt, al.s begründet erschienen; gerade in dem 
den Freunden am besten bekannten Buche, der philosf/fjhie tie i'art. giebt 
es solche Abschnitte. In meinem zweiten Brief mu«!» Kohde übrigen.-; sein 
Urtheil einigermassen limitirt und zugleich begründet haben. 



156 Streit über Taine. Formelle Versöhnung. 

auf eine paradoxe, mit Bewusstsein übertriebene Formel 
braclite, die nur cum grano salis verstanden einige Berechti- 
gung hatte; er war gewohnt, dass seine Freunde dies Köm- 
chen Salz besassen und opferten ^ Freilich, Nietzsche gegen- 
über hatte er seit einem Jahrzehnt in einem ganz andern Stil 
geschrieben und gesprochen. So nahm ihn Nietzsche beim 
Wort und ertheilte ihm eine Lection, wie einem Schulbuben, 
in Ausdrücken von wahrhaft massiver Deutlichkeit ; wenn die 
Beleidigung, mit der Nietzsche schliesst, auch nur hypothetisch 
ausgesprochen und im nächsten Satz zurückgenonmien wird 
— dass sie ßohde traf, wie ein Peitschenhieb, lässt sich be- 
greifen ^. Rohde gewann es über sich, unmittelbar nach dem 
Eintreffen der Antwort „sich über den Ton seines Briefes zu 
entschuldigen" ; es lebte kein zweiter Jlensch, dem gegenüber 
er sich zu einem solchen Schritt entschlossen hätte. Nun lenkte 
auch Nietzsche ein, in einem herzlichen Briefe, der vor Allem 
zeigt, dass seine Verstimmung keineswegs durch eine theore- 
tische Meinungsverschiedenheit hervorgerufen war (als Denker 
war Taine damals auch ihm schon wieder fern genug gerückt), 
sondern dass sie tiefer wurzelte in einer ganz persönlichen 
Empfindung. Weil Taine auf Zusendungen Nietzsche's ver- 
bindlich geantwortet, weil er ihm „ein herzhaftes und theilneh- 
mendes Wort über seine Schriften gesagt hatte", fühlte sich 
ihm Nietzsche innerlichst verpflichtet und empfand das harte 
Wort Rohde's wie die Kränkung eines Freundes. Hinter 
diesem Persönlichen versteckt sich dann freilich noch ein Aller- 
perscinliclistes : der Vorwurf nämlich, dass Rohde ein solches 



* Ich könnte, aus brieflichen und mündlichen Aeusserungen Rohde*8, 
eine stattliche Sammlung von epigrammatischen Urtheilen zusammenstellen, 
die zweifellos Caricaturen sind, aber, indem sie übertreiben, doch zugleich 
das Charakt<?ristische der Persönlichkeiten herausholen; sie treten dann 
oft zu andern Urtheilen in einen scheinbaren Gegensatz, treft'en aber bei 
längerem Hinsehn doch schliesslich mit ihnen zusammen. Im Verkehr 
musste man Rohde's Wort«' ^gelegentlich in der Art der alten Komödie 
inter^iretiren, während man bei seinen Schriften nur panz ausnahmsweise 
in diese Lage kommt. 

- Nietzsche schreibt: -Aber ich glaube, wenn ich nur diese eine 
Aeusserun«; von Dir wüsste. ich würde Dich auf Grund des damit ausg^* 
drückten Manpfels an Instinkt und Takt verachten. Glücklicherweise bist 
Du mir anderweitig? ein b e w i e s e n e r Mensch." 



Innere Entfremdung. 157 

„theilnehmendes und herzhaftes Wort" damals nicht gefunden 
hatte ^ Und wirklich mag sich Rohde (was Nietzsche in- 
stinktiv gefühlt haben wird) mit jenem Angriff auf Taine zu- 
gleich indirekt gegen die starke und vielleicht einseitige Werth- 
schätzung der Franzosen überhaupt gewandt haben, wie sie in 
Nietzsche's letzten Schriften bemerkbar ist. 

Im November 1887 übersandte Nietzsche dem Freunde 
dann seine letzte, frisch von der Presse kommende Schrift, *Zur 
Genealogie der Moral', begleitet von einem Briefe, der in 
seltsamer Weise versöhnliche Worte mit den alten Klagen 
und Anklagen vereinigt^. „Ein kühler, förmlicher Dank 
Rohdes auf einer Karte" blieb die einzige Antwort. 

Man würde fehlgehn, wenn man daraus auf einen Mangel 
an Verständnis und Theilnahme bei Rohde schliessen wollte; 
im Gegentheil, er hatte gerade von diesem Buch und von 
seinem Vorgänger einen tiefen, aber bei aller Zustimmung im 
Einzelnen, einen im Ganzen »nicht sympathischen« Eindruck. 
Es ist gewiss begreiliich, dass er nach jenen letzten Briefen 
von solcher Gesinnung den Freund kein Abbild sehn liess^. 

Das Buch hat manche charakteristischen Züge, die „Rohde's 
species** durchaus verwandt waren. Zwar spannen die beiden 
letzten Schriften das Thema des ^Menschlichen, Allzumensch- 



* Nietzsche schreibt: ,, Magst du, wenn es Dir gefällt, von mir selber 
nach Herzenslust und Gewohnheit Unsinn reden : das liegt in der natura 
rerum, ich habe mich nie darüber beklagt, noch es je anders erwartet. . .* 
Wer das Verhältnis und den Briefwechsel der Freunde tiberblickt, wird 
heute sagen müssen, dass diese Worte von einer krankhaften üeberreizung 
dictirt sind. Rohde lag damals eine solche Voraussetzung noch völlig fem. 

* ,Es scheint mir, dass ich noch etwas von diesem Frühjahr her bei 
Dir gut zu machen habe? . . . Nein, lass Dich nicht zu leicht von mir 
entfremden! In meinem Alter und in meiner Vereinsamung verliere ich 
wenigstens die paar Menschen nicht gern mehr, zu denen ich einmal 
Vertrauen gehabt habe. Dein N.** Dann in einer Nachschrift: „üeber 
Mr. Taine bitte ich dich zur Besinnung zu kommen. Solche grobe Sachen, 
wie du über ihn sagst und denkst, agaciren mich. Dergleichen vergebe 
ich dem Prinzen Napoleon; nicht meinem Freunde Rohde. Wer diese 
Art von strengen . . . Geistern missversteht . . ., von dem glaube ich nicht 
leicht, dass er etwas von meiner eignen Aufgabe versteht" usw. 

* Beiläufig: auch in den Briefen Jakob Burckhardt's (z. B. in dem 
bei E. Förster-N. II S. 321 mitgetheilten) macht sich eine grosse Zurück- 
haltung gegenüber den prinzipiellen Fragen geltend, die N. anrührte. 
Das ganze Verhältnis bedarf noch der Aufklärung. 



158 Nietzsche's Genealogie der Moral. 

liehen' weiter. Aber Nietzsche war (was Rohde nicht ver- 
kannte) über ßee und die Engländer entschieden hinausge- 
wachsen. Seine besten wissenschaftlichen Kräfte — sein > psy- 
chologischer Tief blick < und sein philologisch geschultes Wit- 
terungsvermögen in geschichtlichen Dingen — sind in den 
grundlegenden Untersuchungen ungehemmt an der Arbeit ; 
seine alten Fachstudien — vor Allem die zu Theognis und 
Homer — tragen in diesem neuen Klima reiche Frucht ^ ; 
durchweg wird ein rationalistisch construirendes Zurecht- 
schieben der Probleme überwunden und ersetzt durch eine 
(im Ergebnis wohl einmal anfechtbare, aber principiell berech- 
tigte) geschichtliche Betrachtung. Das Alles hat Rohde, der 
damals selbst verwandte Wege ging, einleuchten müssen und ein- 
geleuchtet. »Nach der letzten Schrift« — schreibt er später — 
koumit einem, bei wiederholter Lektüre, das Frühere (auch 
noch * Wanderer und Schatten') blass und kraftlos vor«. Auch 
in seiner Gesamtanlage schien Rohde »gerade das letzte Buch 
Nietzsche's das beste, am besten geordnet, logisch straffer ge- 
baut, als seine früheren« * [0. 111 89]. Trotzdem fühlte sich 
Rohde wiederum durch die W e r t h u n g der ethischen Phä- 
nomene, durch die S t i m m u n g, die aus dem ganzen zu 
sprechen schien, befremdet, ja abgestossen. Er glaubte, durch 
Nietzsche »den Werth unsrer in natürlicher Entwickelung ent- 
standenen moralischen (Tcfühle in Frage gestellt, das Mora- 
lische zu Schein und Wahn herabgedrückt« zu sehn ; und 



mor 



* Dahin gehört vor Allem jene Entdeckung der 'Herren- und Sklftven- 
al', die (wie so viele (redankenprägungen Nietzache's) dem Scliicksal, 
geflügeltes Wort (also missverstanden) 7A\ werden, nicht entgangen ist. 
'Zur Geneal.' 5 = Werke VII S. 308 heilst ea: ^Im Worte xaxd^, wie in 
ÖstXd^ (der Plebejer im Gegent<atz zum dya^ö^), ist die Feip^heit unter- 
strichen: dies <?iebt vielleicht einen Wink, in welcher Richtung man die 
etymolopfische Herkunft dos mehrfach deutbaren ayaO-dg zu suchen hat.* 
Ohne von diesem Wink zu wissen, hat mein Freund JoiCAXNES Baunack 
ocYaO-dg mit porjO-dc, ßoTjx^öo^ zusammengestellt und mit ayav O-öog (dem 
Elativ fehlt naturgemäss der Comparativ) gedeutet: ßörjv dyaO-öc ißt der 
, hurtig auf den Kamjjfruf litTbei«.'ilende''. der , hurtige Kämpfer* (Studien 
n 260). Diese neue Stützt» ersetzt die von M. BrTvAL (Mem. de la sog. ling. 
IX 457) niedergerissenen. 

'-' Aehnlich ilussei*te sich Rohde mündlich im Gespräch mit ScHöLl* 
und KrNO Fisciikk. Deutliche Nachwirkung in der 'Psyche' wie in der 
Rectoratsrede über die Religion der Griechen, s. S. 169 f. 197. 



Wagner-Liszt gegen Nietzsche. 159 

dagegen wehrte er sich innerlich mit der ganzen Leidenschaft- 
lichkeit seines Temperamentes, Auch aus zahlreichen Aeusse- 
rungen über concrete Verhältnisse und Persönlichkeiten, me 
sie auf beiden Seiten vorliegen, fühlt man eine gewisse Fremd- 
heit, ja Gegensätzlichkeit heraus. Vor Allem war es Nietz- 
sche's Verhalten gegen Wagner, dasßohde »quälte undpeinigte«. 
Ebenso lief der französisch gestimmte, nahezu deutsch feind- 
liche Kosmopolitismus des ^Prinzen Vogelfrei', sein ätzender 
Spott über die * Vaterländerei', jenem schlichten patriotischen 
Gefühl zuwider, das sich Rohde in allem Wechsel der Mei- 
nungen und Stimmungen stets unverändert erhalten hat^ 

Das bedeutsamste Selbstbekenntnis ist ein Brief aus der 
Zeit der Heidelberger Anfänge, in dem Rohde Wagner-Liszt 
und den spätem Nietzsche wie zwei streitende Parteien mit 
einander confrontirt. > Neulich habe ich Wagner's und Liszt's 
Briefwechsel gelesen . . . und bin selten ... so im Innern er- 
giiflfen worden. Mir wenigstens vergeht allemal, wenn ich 
solche unmittelbarste Lebensäusserungen Wagner's, dieses voll- 
blütigen und lebenskräftigen Menschen (den nur allzuheftiger 
Lebensdrang, und nicht Blutarmuth, zuweilen lebenssatt und 
trübe machte) lese — mir vergeht die Lust (vielmehr sie kommt 
gar nicht auf), über ihn zu Gericht zu sitzen ; ich lasse mich 
froh und begeistert (warum soll man das Wort und den Be- 
griff verpönen?) tragen in dem starken und voll bewegten 
Element. Merkwürdig ist dabei der unvermuthet tiefe Gegen- 
satz zwischen Wagner und Liszt, der überall hervorbricht; 
ein Gegensatz des Gesammttemperaments und darum nicht zu 
vermitteln. Um so erstaunlicher die, nicht aus einem momen- 
tanen elan geborene, sondern durch lauge Jahre und viele 
Irrungen auf beiden Seiten unermüdet anhaltende grossherzige 
Hülfsbereitschaft und die förmliche Opferung Liszt's für Wag- 
ner's Interessen. Liszt war offenbar stets der Meinung, 
Wagner denke gering von seinen musikalischen Leistungen 
(als Componist natürlich, nicht als Vortragender) ; dass ihn 

* J. VoLKKLT bestätigt mir aus persönlicher Erinnerung, dass ein 
Hauptgrund, der Rohde damals von N. trennte, dessen Stellung zu Deutsch- 
land gewesen sei. — Rohde selbst bezeichnet später als Grund der Ent- 
fremdung von N. kurz und treffend »niannichfiiche Miss Verständnisse und 
die üntUhigkeit, seinen letzten Evolutionen zu folgen^, s. unten S. 169*. 



160 Liszt gegen Nietzsche. 

dieser Verdacht nicht einen Augenblick an der unbeding- 
testen Hingabe an Wagner's Sache und Person irre macht 
— das finde ich bewundernswürdiger als irgend etwas, und 
ich finde an dem Anblick solcher Grösse des Herzens und 
solcher reinsten Güte der Gesinnung tausendmal mehr Ver- 
gnügen, als an all dem Gerede von Stärke und Heiterkeit 
und Gew^issenlosigkeit genialer Raubthiere . . ., womit Nietzsche 
in seiner neuesten Leistung uns abermals bewirthet« [V. 
28 Xn 87]. Man sieht, für ßohde stehn sich LisZT und 
Nietzsche als die Träger zweier entgegengesetzter Mora- 
len kämpfend gegenüber; aber sein Herz ist nicht mehr auf 
der Seite des Jugendfreundes. „Dies Buch**, schrieb damals 
Nietzsche, „mein Prüfstein für das, was zu mir gehört, hat 
das Glück, nur den höchstgesinnten und strengsten Geistern 
zugänglich zu sein: dem Reste fehlen die Ohren dafür." Rohde 
gehörte zu dem Reste. 

Hier ist nichts zu verhüllen und nichts zu entschuldigen. 
Es war keine doctrinäre Meinungsverschiedenheit über einen 
Philosophen oder ein philosopisches Problem, was die beiden 
Freunde trennte. Darüber wiiren sie schnell hinweggeschritten. 
Ganz allmählich waren sie sich fremd geworden in ihrer Lebens- 
stimnmng, in den aus der eigensten Erfahrung herauswach- 
senden letzten Ueberzeugungen und Hoffnungen. Sie rufen 
sich, wie zwei einsame Wandrer, immer wieder einen Signal- 
ruf zu, und merken, dass ihre Wege sie doch weiter und weiter 
auseinander führen. Schliesslich verstehn sie sich nicht mehr. 

Es ist jene *Tragödie der Freundschaft', von der Nietzsche 
seiner Schwester in jungen ,Iahren gesprochen hat, als ob er 
den Ausgang seines Verhältnisses zu Rohde voraussehe ^ Die 
Katastrophe war thatsächlich schon eingetreten, ehe die ver- 
hängnisvollen Briefe gewechselt wurden. 

Aber ein tiefes Gefühl rein menschlicher Anhänglichkeit 
imd Treue blieb in Rohde allzeit lebendig ^ wie es bei Nietzsche 

» Vgl. den schönen Bericht bei E. Förster-Nietzsche Bd. 11 S. 242. 

'-' Rohde'« Gattin, die den Aufsatz der Frau Förster-N. noch gelesen 
hat, bezeugte das in ihrem letzten, an mich gerichteten Schreiben mit 
jrroH.ser Wärme; Rohde selbst verräth es in zahlreichen Briefstellen aus 
den nächsten Jahren. Kr sprach von dem Freunde und seinem Leiden 
^ nicht häufig, aber nie ohne den Ausdruck tiefer Ergriffenheit" (Scholl). 



SiaatsalterthQmer. Oberschulrath. \ßl 

versöhnlich und rührend noch in die beginnende Umnachtung 
hineinleuchtete. 



Diesen innem Kampf hat Rohde durchgefochten, ohne 
sich mit irgend einem Menschen wirklich auszusi)rechen ; nur 
indirekt verrathen es manche briefliche Aeusserungen , wie 
schwer er unter der Trübung seines Verhältnisses zu dem 
Jugendfreunde damals litt^ Er empfand es nun doppelt als 
Gewinn, dass er wenigstens *jenem akademischen strugglc of 
Ufe entronnen war.« Aufathmend freute er sich des unein- 
geschränkten Spielraimis in seiner Lehrthätigkeit ; denn er und 
Fr. Scholl ergänzten sich aufs schönste. Rohde verzichtete 
nur auf die Vorlesungen über römische Litteraturgeschichte 
(die ihn im Grunde doch von seinen eignen Zielen wegführten) ; 
in den, für die Religionsgeschichte unentbehrlichen griechi- 
schen Staatsalterthümern fand er einen vollen Er- 
satz, und mehr als das : die Anregung, mit Fragen und Stoffen, 
die ihn erst im reifem Mannesalter recht ergrifien hatten, 
sich einlässlich zu beschäftigen. 

Dazu kamen die neuen Aufgaben, die er im badischen 
Oberschulrath und als ständiges Mitglied der Prüfungs- 
commission zu übernehmen veranlasst war. Er hiess sie will- 
kommen, weil sie ihn »endlich einmal in die Praxis hinein- 
führten«, freute sich auch mancher neu sich anspinnenden 
persönlichen Verhältnisse; vor Allem bekennt er, dass ihm 
G. Wendt >sehr eingeleuchtet habe und seine ganze Thä- 
tigkeit und Ai-t für diese Badensche Gymnasialroutine < [R. 
15 III 87] *'*. Bei dem ersten Examen in Karlsruhe war 
der Eindruck >doch ganz leidlich < ; Rohde war eben, nach 
den Erfahrungen seiner badischen Candidaten, der ideale Exa- 
minator', der ohne an irgend einem Thema zu kleben auf die 

* JOH. Volkelt (bei einem Besuch in Heidelberg 1888) gehört zu 
den Wenigen, denen gegenüber er aus seiner Zurückhaltung heraustrat. 
Auch F. Scholl erinnert sich charakteristischer Aeusserungen. 

' Aehulich an Overbeck. »Ein Theil meiner Pflichten liegt in Karls- 
ruhe. . . Es wird mich interessiren, die dortigen Leute (von denen Wachs- 
muth mit einer Art Begeisterung sprach) kennen zu lernen; die Anfor- 
derung, durch Examina und Inspectionsreisen dem Gymnasialwesen näher 
zu treten, so neu sie mir ist, ist mir eigentlich erwünscht« [0. 20 XU 86]. 

Crnsins, £. Bohde. 11 



Iß2 Seminar. Arbeiten der Schüler. 

Ali; und die Studien eines Jeden einging und ihm Gelegen- 
heit gab, zu zeigen, was er wusste und konnte. 

Im Seminar freilich schien »ein weniger guter Jahrgang 
zu wachsen.* Gar kein Talent« klagt Rohde; >in Württem- 
berg felüte es daran nie, nur an der Absicht, das Talent in 
Zucht zu nehmen« [2 YIII 87]. 

Wie streng es Rohde mit all diesen Pflichten hielt, zeigen 
seine Briefe und Berichte. Wer mit der Absicht kam, des Lehrers 
Hilfe füi* eine ernsthafte Arbeit in Anspruch zu nehmen, für 
den hatte Rohde auch in diesen schweren Jahren stets Zeit 
und guten Rath. So entstand damals auf seine Anregung 
manche brauchbare Ersthngsschrift, darunter die (in Kiel ab- 
geschlossene, von Rohde ursprünglich auf ein ferner liegendes 
Ziel dirigirte) Untersuchung des Holsteiners Cornelius HöLK 
de symbolis Pythagoreis ^ und das feine Büchlein ^Griechische 
Märchen von dankbaren Thieren und Verwandtes* , dessen 
Verfasser, A. Marx, Rohde von Tübingen nach Heidelberg 
gefolgt war. 

Was Rohde von Heidelberger Müsse vorgeredet worden 
war ^ bestätigte sich in den ersten Semestern durchaus nicht, 
und >an zusanmienhängende Arbeit war wenig zu denken«, 
zumal bei der Zurückhaltung, die ihm sein Leiden auferlegte. 

So gelang es Rohde nicht, das ungethümliche Opus«, 
über das er gern in geheimnisvollen Andeutungen sich ergeht, 
:> recht in Bewegung zu bringen. Zwar wurde weiter ge- 
sammelt und herumexperimentirt, aber eine organische Glie- 
derung des Ganzen wollte sich nicht herausbilden bei > dieser 
Satansmaterie, in der der causale Zusammenhang und logische 
Fortschritt von Capitel zu Capitel eigentlich ein wesentlich 

* Als ich in den Nounzijrer Jahren einen Hörer über die svmbola 
P^'thiij^orica arbeiten hissen wollte, setzte mich Rohde von Hölk's Ab- 
sichten in Kenntnis. Ich könnt«» nur einen Theil der Arbeit über- 
wachen^, >chriel) v.r später, vkann daher das Ganze auch nur nehr theil- 
weise billij^en; der Vf. hat meistens seinen Eifer auf Erörterung der 
Quellenfrage verwandt, die ich ihm rieth, j^anz kurz zu erledigen . . ., die 
Sachen, nämlich den Sinn und Ursj)rung der einzelnen ou|ißoXa, lässt er 
fast völlif? unljerührt , eine wirkliche kritische Sichtung und Darlegung 
der verschiedenen Scliichten der T)fiJjGXa fehlt auch — kurz, es giebt noch 
genug zu thun. Immerhin ist das Thema nun 'angeschnitten' und wohl 
kaum noch zu einer völligen Neubearbeitung geeignet« [Cr. 10 II 95]. 



Grenesung. Reise in Oberitalien. 163 

fictiver und beliebifrer ist- [R. 15 III 87] ^ Ebensowenig fand 
Rohde Stimmung und Kraft, einige schon skizzirten Einzel- 
untersuchungen auszufüliren ; nur ein paar Nachschösslinge 
älterer Arbeiten traten ans Licht. Aber diese »Massigkeit 
in jedem Sinne« lohnte sich auch. Im Spätherbst 1887 konnte 
er mit bestem Erfolg »eine Erholungsreise nach Oberitalien, 
dem unerschöpflichen« unternehmen [O. 22 II, Rü. 30 VI 88], 
und in Briefen, die er um die Jahreswende schrieb, meldet 
er, dass er den bösen Feind, sein Magenleiden, bezwungen 
zu haben und nun wieder resolut aus dem Vollen zu leben 
hoffe ^. Nun erst meinte er die schöne Welt, die ihn umgab, 
mit den eignen Augen zu sehn. Der Zauber der in Leipzig 
so schmerzlich vermissten süddeutschen Natur; das Neckar- 
thal, >dies Bild von unvergleichlicher Anmuth«, das ihm wie 
eine Steigerung seiner Tübinger Eindrücke erschien ; eine 
Wohnung, an einen Bergeshang gelehnt, »in fast ländlicher 
Umgebung < ; dazu die greifbare Nähe des Schwarzwaldes 
und der Schweiz und >so Manches was ein ermüdetes Herz 
erquicken kann < — das Alles wirkte zusammen um die letzten 
Regimgen von Missgefühl zu verscheuchen. Auch seinen Tü- 
binger Freunden gestand er damals, dass er mit seinem Schick- 
sal wohl zufrieden sein könne. 

Mit dem heimlichen Wohlgefühl des Genesenden, der 
zugleich noch ein Anrecht hat, sich zu schonen, kamen im 
Sommer 1888 lang vermisste Stimmungen geistigen Behagens 
und Geniessens und brachten die innere Stille und Wärme, 
wie sie Rohde für seine Schriftstellerarbeit nöthig hatte. Als 
>neu eingefangener Goethevereinler« trieb er, wie in alten 
Zeiten, allerlei litterarische Allotria. Besonders an den »aller- 
hebsten Briefen der Frau Aja« (die damals erschienen) hatte 



* »So wird mir eigentlich meine Arbeit nun zu einem steten Vor- 
wurf und zu einem Hemmnis im frohen Ergi'eifen des Moments, da sie 
mich immer an das mahnt, was ich eigentlich thun sollte. Hoffentlich 
ist das Alles nur der Zustand des Kreissenden . . .« [V. 18 XII 87]. 

• Er sei seinem Magenschmerz lediglich mit strengster Diät zu Leibe 
gegangen. »Ich habe doch wenigstens erlebt, dass auch Er nicht unsterb- 
lich ist (wiewohl leider zur Auferstehung nach dem Tode geneigt) und 
bin darum weniger verzweifelt wie im Sommer < [0. 22 II 88, ähnlich 
R. 18 I 88]. 

11* 



164 Litterariscb-ästhetische Studien. Grillparzer. 

er seine Freude; die unverwüstliche Frische und Gesundheit, 
die sie ausströmen, that ihm »förmlich physisch wohlc*. Alte 
Lieblingsideen — über Jean Paul, die Romantiker, das Wesen 
des Tragischen — wurden wieder lebendig und bereiteten die 
Stimmung vor, aus der seine letzte Schrift (über die Günde- 
rode) erwachsen ist. >Ihr Buche* — schrieb er damals an Vol- 
kelt — 'hab ich zu lesen angefangen und hoffe noch viel Be- 
lehrung und Anregung daraus zu gewinnen. Vor Allem soll 
es mich auch antreiben, Grillparzer selbst mir genauer be- 
kannt zu machen. Ich habe eigentlich von seinen Tragödien 
nur Ahnfrau, Sappho und des Meeres und der Liebe Wellen 
gelesen. Und dabei, muss ich gestehn, ist mir nicht wohl ge- 
worden. Die Personen nicht des Stückes, sondern die Person 
des Autors, wie sie doch auch im Drama immer durch die 
seiner Seele entstiegenen und aus ihr sich ablösenden Ge- 
stalten hindurch — dunstet, sozusagen, ist mir unangenehm 
gewesen ; etwas Dumpfes und Mattes und Schläfriges geradezu 
wehte mich an und machte mir diese Atmosphäre unerquick- 
lich. So giebt es Musiker, Componisten: was sie ausführen, 
ist oft schön und zart und sinnreich, aber der Grund, auf 
dem alle diese Ausführungen stehen, die Seele des Künstlers, 
bleibt Einem unsympathisch. Al>er ich bin vielleicht nicht 
an Grillparzer's glücklichste Stell(»n gerathen und will jeden- 
falls ihn nunmehr genauer kennen lernen. Es giebt auf der 
Welt so wenige Autoren und Bücher, die Einem wirklichen 
Zuwachs bringen, das« man ein Thor wäre, von diesen wenigen 
sich eines entgehn zu lassen . . . Jüngst habe ich wieder 
Jeax Paul viel gelesen, und mit Erstaunen fast — allem 
herkömmlichen Gerede zuwider — l)estätigt und sogar ver- 
tieft gefunden, was icli als ganz junger Mensch an ihm liebte 
und schätzte; es ist gar nicht wahr, dass er einer reiferen 
und skeptischeren Erfahrung, einem erfahrenen Kunstver- 
ständnis nicht Stich hielte ; man durchschaut damit wohl seine 
Kunstmittel (und Kunststücke stellenweis) deutlicher, aber die 
Wirkung des Kunstwerkes wird dadurch eher noch vertieft; 

* In den Briefen tiiuchen jetzt wiederholt Kedtmsurten der Frau Aja 
auf [z. ß. V. 25 XII 87J. 

* *Grillparzer als Dichter des Tragischen', 1888. 



Jean Paul. Das Tragische. Bayreuth. 165 

die tieferen Farben, der vollere Inhalt, den man aus gesam- 
melter Kunde des Lebens und des eignen Innern hinzubringt 
zu den Umrissen und Phantasiebildern der Dichtung, heben 
diese nicht auf, lassen sie nicht blass und leer erscheinen — 
umgekehrt! Und das ist die Probe auf Aechtheit der Ge- 
nialität des Dichters. Ich weiss wenige Bücher, die mich 
dauernder festhalten und so lange in mir nachtönen, wie die 
Elegeljahre ; aber auch die weniger sicher entworfenen, selbst die 
unsichtbare Loge, ziehen mich magisch in ihre Welt, eine ganz 
eigne Welt des Lebens und Empfindens, und auch die Ueber- 
gefühligkeit stört mich wenig, sie läuft nur wirkungslos ab . . . 
Sie reden auch, wie meist geschieht, . . . von tragischer ^Schuld'. 
Das stört mich aber, wo ich es finde ; es beruht doch eigent- 
lich auf der Annahme, dass der Held der Tragödie, der, und 
weil er untergeht, im U n r e c h t sei, die Mächte, die ihn zum 
Fall bringen, im Recht. Aber das trifl't gar nicht zu auf die 
wirklichen Tragödien. Freilich, welche soll man so nennen? 
Ich habe wohl einmal daran gedacht, dass man die Entstehung 
des Tragischen in der Dichtung historisch ergründen 
sollte, also aus den Ursprüngen der griechischen Tragödie. 
Nicht mit Absicht und Bewusstsein natürlich, sondern, wie es 
scheint, einfach aus einem Conflikt der moderneren tieferen 
Weltanschauung und Sittlichkeit der Poeten mit den nicht 
danach angelegten alterthümlichen Stoflen, die sie aus den 
Sagen einer ganz anders denkenden Vorzeit übernahmen (in 
aller Arglosigkeit), ist das ^Tragische' in die dramatisch be- 
handelte Mythe gekommen, z. B. in der Oedipussage, Orestes- 
sage etc. Genauer betrachtet müsste diese Entwicklungsgeschichte 
der Tragödie, ohne alle theoretische Vorfestsetzungen, das 
Wesen des Tragischen deutlich erkennen lassen« [V. 30 VIISS]. 
In dieser beschaulichen Stimmung versuchte Rohde in den 
Sommermonaten 1888 den Eingang seines Werkes schrift- 
stellerisch zu gestalten, kam aber über »den zweiten von ca. 
10 Abschnitten« (es sind 15 geworden) nicht hinaus; an der 
»Insel der Seligen« legte er sich vor Anker (Psyche^ S. 104 f.). 
Die Briefe erzählen dann von der Absicht nach Bayreuth 
zu pilgern ; später zog er auf einige Wochen nach Engelberg, 
und die Freunde, die mit ihm zusammenhausten (J. VOLKELT 



166 Engelberg. Politische Interessen. 

und H. VÖCHTING) rühmen seine Mittheilsamkeit und prächtige 
Laune. In den Briefen klingt oft ein ganz jugendlicher, man 
möchte sagen studentischer Ton an ^ Er fand wieder An- 
lass, aus seiner stillen Welt geistig hinauszutreten, und nahm 
auch an den politischen Ereignissen, die dem Tode des alten 
Kaisers folgten, den lebhaftesten Antheil, aus jener festen, 
bismarckisch-conservativen Gesinnung heraus, die wir als die 
Frucht seiner Tübinger Lehrjahre kennen gelernt haben *. 
Von seiner Schriftstellerei spricht er nun in den Briefen mit 
tiefer Befriedigung; »Ich wollte Ihnen Zeit und Müsse zu 
solcher grossen Arbeit wünschen, es ist doch eigentlich das 
Beste an unsrer Art von Existenz: kleinere Arbeiten zer- 
splitteni und kitzeln Einen nur, statt ernstlich wohlzuthun« 
[Rü. 30 VI 88]. 

Rohde hatte jetzt einen redlichen Frieden mit den neuen 
Verhältnissen geschlossen. Ein greifbarer Ausdruck dafür ist 
es, dass er (1888) den Plan fasste, dem Beispiel seiner Näch- 
sten zu folgen und v Grundbesitzer zu werden. »Nun steht 
mir nächstens ein Umzug und seine Freuden bevor. Ich habe 

* So schrieb er z. B. damals an Ribbeck, er meine sein Magenleiden 
losgeworden zu sein, »weniger durch das Verdienst verschiedener Gewäs- 
ser, als einfach durch den *Zahn der Zeit', der ja *in alle Wunden seinen 
Balsam träufelt'«. Das ist jener harmlose, an den berühmten Sohn Ber- 
naus erinnernde Unsinn, an dem auch A. v. Gutschmid immer seine kind- 
liche Freude hatte — vielleicht eine Tübinger Reminiscenz. 

* Er äussert z. B. in sehr scharfen Ausdrücken die Meinung, die 
Kaiserin Friedrich mit ihrem Anhang von englischen und deutschen In- 

triguanten (von Herrn von »S an , durch Herrn Eugen Richter 

herunter zu dem Charlatan Mackenzie) würde, um uns Bismarck zu stür- 
zen, sich den ^Freisinnigen' verschriebon haben, d. h. den Jesuiten, deren 
Knechte jene sind, um nur irgend etwas zu sein ; und dann wäre im Na- 
nnin der *Freiheit' Deutschland zersprengt und seinen Feinden wehrlos 
überliefert worden«. Er glaube nicht, dass Kaiser Friedrich bei allem 
guten Willen mehr als ein zweiter Fr. W. IV. geworden wäre. »Ein 
zweites Olmütz, das wäre vielleicht der Ertrag seiner 'freisinnigen' Poli- 
tik gewrs«'n. Aber Sie werden vermuthlich alle diese Dinge umgekehrt 
iM'urtheilen. Ich bin nicht i'inmal Dilettant der Politik, sondern Odient; 
aber in solchen Z«;iten rückt «.*inein das Teufelszeugs zu dicht auf die 
patriotisch«; E m p f i n d u n g. E-* mag übrigens gut sein, dass andre ge- 
rade i'ntgeg(;ng(*setzt <*nii>tin(b*ii, sonst wäre allerdings die Gefahr eines 
Vrrsumpfens des guten (b-utsch«?ii riiilisteriums in englischer Selbstgefäl- 
ligkeit vorhanden; nun, davor b«'wahrt uns in der That der Freißinnlc 
[Rn. 30 VI 88]. 



Ankauf in Neuenheim. Nietzsche's Erkrankung 1889. 167 

mir ein kleines, aber behagliches Haus, inmitten eines ganz 
netten Gartens gekauft, in Neuenheim, in einer noch nicht 
durch Prahlerei und Ungemüthlichkeit entstellten Gegend. 
Dort hoffe ich . . . ein gottgefälliges Leben zu führen, im An- 
blick der Berge und in einer bemerkenswerth reinen Luft. . . . 
Wenn wir erst drüben sind und wenn dann — lauter wenn's, 
die sich doch erfüllen werden — das dicke Buch endgültig 
abgeschlossen ist, so sehe ich nicht ein, was mich hindern 
könnte, mich in die diapa^ta eines alten Weisen einzuspinnen 
. . . Meine Gesundheit ist — praefiscini ! — viel besser, als 
die vorigen Semester, namentlich ist mein Magen ganz wohl 
geordnet. Solitiim sibi jmdoretu imposult, sagt ja wohl Trimal- 
chio . . . Auch für die Kinder wird der Garten und die 
Luft drüben herrlich sein ; nur der lange Schulweg und die 
Brücke, auf der es oft stark weht ! Im Grunde mach ich mir 
— auch für die Kinder — aus dem Winde nichts; und dabei 
ist der Gang über die Brücke, mit dem Blicke den Fluss 
hinauf und stets wechselndem Licht und Duft, ein Stück Poesie 
auf dem Wege zur Stadt und Universität, auf das ich mich 
noch extra freue ^ [R. 13 III 89]. 

Freilich, ehe es so weit kam, hatte Rohde noch die tiefste 
seelische Ei'schütterung zu verwinden, die ihn, vom letzten 
Jahre abgesehn, in Heidelberg betroffen hat. 

Am 7. Januar 1889 erhielt Rohde von Turin aus, auf 
einem losen Blatt, »mit vollkommener sicherer Hand von Nietzsche 
geschrieben, eine kurze Anrede, unterzeichnet Dionysos«. Auch 
er gehöiie zu jenem Zuge gi-üssender Gestalten, der im Däm- 
merlicht der nahenden Umnachtung am Geiste des Einsamen 
vorüberschwebte \ Der Zettel machte Rohde Angst; doch 
suchte er sich zu überreden, dass ein Scherz des Schreibers 
dahinter stecken könne. Nach wenigen Tagen war er eines 
Andern belehrt. 

Rohde bekennt in den Briefen aus jener Zeit *, dass ihn 



' Von Brandes u. A. sind solche Zettel, die N. oftenbar im ersten 
Moment der VerwiiTung geschrieben hat, bereits veröii'entlicht. 

- Z. ß. Rü. 15 I 89; 0. 24 I 89. Hoffentlich ist es mir im folgenden 
gelungen, das intime Briefmaterial, das mir vorlag, zu einer zugleich 



168 Nietzsche's Erkrankung 1889. 

die Katastrophe völlig überrascht habe ; er habe dergleichen 
nach seinen jüngsten Eindrücken nicht für möglich gehalten 
und sei nun durch die »grässliche Thatsache« ganz zerstört*. 
> Gerade Nietzsche's letzte Aeusserungen^^ [gemeint ist vor 
Allem das Buch *zur Genealogie der Moral' | vgeben am aller- 
wenigsten die Vorstellung, dass dieser starke Verstand plötz- 
lich zerbrechen könne ; die Ueberspannung nach ii-gend einer 
Seite war man ja fast gewohnt an ihm. Wenn er etwa un- 
klarer geworden wäre in seinem Denken und Darstellen, wie 
z. B. Hölderlin so deutlich in seinen letzten Producten: aber 
im Gegentheil, seine letzte Schrift am besten geordnet, logisch 
straffer gebaut als seine früheren . Rückblickend meinte er 
dann freilich Spuren einer Erkrankung zwar nicht des Denkens 2, 
wohl aber des Empfindens in den letzten Briefen und Schriften 
Nietzsche's wahrzunehmen; auch den fremden, agitatorischen 
Ton, der schliesslich gegen die bekämpften Richtungen und 
Personen, vor Allem gegen R. Wagner, angeschlagen wurde, 
rechnete er dahin ^. Er empfand es nur um so mehr als einen 



lebendigen und diskreten Darstellung zusammenzuarbeiten. Wie das 
oben S. 83. 86* berührte Erlelmis für manche Wunderlichkeit des jungen 
Rohde die Erklärung ist, so zittert diese Erschütterung in seinen letzten 
Lebensjahren fühlbar noch lange weiter. 

* Rü. 15 189: »Eine fürchterliche Nachricht, die Sie doch wohl bald 
erreichen würde, steckt mir in aUen Gliedern und macht mich elend und 
krank. Mein Jugendfreund Nietzsche, mit dem ich freilich seit etwa einem 
Jahre ausser Verkehr gekommen war (in Folge mamiichfacher Missver- 
atändnisse und meiner Unfähigkeit, seinen letzten Evolutionen zu folgen, 
an dem aber ein gutes Stück meiner besten Erinnerungen hing) — ist 
dem Irrenhaus in Basel übergeben worden . . .« 

- »Es ist Alles lucid bis ans Ende; aber das führt ja zur reinen 
Kannibalenmoral« äusserte er sich 1889 gegen W. Schmid (a. 0. S. 92). 
Audi Heidelberger Freunden gegenüber hat er stets lebhaft bestritten, 
dasrt in den letzten Schriften Nietzsche's irgend eine Spur von Trübung 
des Verstandes zu finden sei. 

" *Sein Verhalten zu Wagner in den letzten Zeiten . . . zeigte, dass 
wirklich längst etwas krank war in ihm ; denn sicher wäre ihm in die- 
sem Falle diese Art des Kami)fes unmöglich gewesen, nach seiner gan- 
zen Natur. Ach, <h*r altt^ Nietzsche, wie ich ihn kannte auf der Uni- 
versität und noch Jahre nachher'.* [24 189]. Vgl. auch 0. 111. Rü. 15 I. 
V. 18 III 89. Eben wegen ihres agitatorischen Tones wünschte Rohde 
«lanials Schriften, wie den Fall Wagner, die (lötzendänimerung und den 
Antichrist, znrückgt"Zogen oder zurückgehalten zu sehn. Man lese nur 
<len Schluss der Hectoratsrede oder die stimmungsvollen Worte am Aus- 



Wiederaufnahme der Arbeit. Berührungen mit Nietzsche. 169 

nagenden Vorwurf, dass er das nicht herausgefühlt, sondern 
den Freund »mit dem Masse und nach den Ansprüchen völ- 
liger Normalität« gemessen habe. Er hätte sich, meinte er, 
durch jene »wunderlichen Aeusserungen« nicht von Beweisen 
rein menschlicher Sympathie abschrecken lassen dürfen, zu 
denen ihn sein Herz stets aufforderte ; schien doch selbst durch 
die wirren Worte des letzten Blattes die alte Zuneigung des 
Freundes hindurchzuklingen ^ >Auf mich dringt soviel ein 
an Gefühlen und Gedanken voll Wehmuth und Stimmungen 
aller Art — dass ich mich nur verhüllen kann und nichts 
mehr sagen < [Rü. 15 I 89] ^. 

So fühlte sich Rohde auf Wochen hinaus »wie gebannt und 
gelähmt« ; immer wieder glitt seine Stimmung zurück in das 
Gefühl einer »Trauer ohne Trost und Hoffnung«. Die Ar- 
beit des Tages bot ihm kein Gegenmittel ; fern von der Strasse, 
die seine Worte zogen, gingen die innersten Gedanken ihren 
eignen Weg. 

Schliesslich waren es die ernsten, seiner eignen Stimmung 
verwandten Probleme der ^Psyche', an denen er sich auf- 
richtete und, wie in den Jünglingsjahren, hinüberführen Hess 
auf ein »stilles Gebiet unpersönlicher Interessen« : das Früh- 
jahr 1889 ist der Zeitpunkt, wo die eigentliche Schriftsteller- 
arbeit an seinem Buch voll wieder einsetzt^. Damals sind 
vor Allem jene Darlegungen über Blutrache und Mordsühne, 
über religiöse Heiligung und Mysterien wesen geschrieben, die 
auf einen weiten Umkreis von ethischen und rechtlichen An- 
schauungen ihr intensives Licht werfen. Im Einzelnen be- 
rührt sich hier Rohde nirgends mit den Arbeiten des Freundes. 
Aber wer sich an Nietzsche' s Ausführungen über Begriffe wie 

gang der Psyche, um sich zu überzeugen, wie fern ihm jede derartige 
Polemik lag. 

* N. erhob ihn darin, nach einem unklaren Hinweis auf die letzte 
Debatte, schliesslich >unter die Götter«. 

'^ Noch im März schreibt er: > Zuletzt ergriff mich das Unglück meines 
Freundes N. so stark, dass ich mich förmlich krank fühlte< [R. 13 III 89. 
Rü. 23 X 89]. 

* Rohde schrieb damals trübe genug an Ribbeck: >Muth und Ueber- 
muth, wie sie eigentlich alle sonst zwecklose Arbeit begleiten und ver- 
ursachen sollen, haben wenig dabei mitgewirkt; ich fürchte, man wird 
das dem foetus anmerken.« 



170 Uebersiedlung nach Neuenheim. Bayreuth. 

Schuld, Vergeltung, Heiligkeit erinnert, der wird doch den 
Eindruck gewinnen, dass sie nicht ohne Einfluss auf die 
Forniulirung und Behandlung verwandter Probleme in der 
^Psyche' gewesen sind. Es gab doch auch jetzt noch Gebiete, 
wo die alte »Waflengemeinschaft« fortbestand. 



In der Stille seines Neuenheimer >» Gartenhauses«, in das 
er inzwischen übergesiedelt war, spann sich Rohde für den Rest 
des Jahres völlig ein in strenge Schriftstellerarbeit ^ Auch 
die Ferien wurden geopfert, ohne dass er sich durch die ver- 
lockenden Reisepläne Ribbeck's sonderlich beunruhigt fühlte; 
zu einer griechischen Reise, meinte er resignirt, werde er so 
leicht nicht mehr kommen. Nur von einer kurzen Fahrt über 
W ü r z b u r g nach Bayreuth, unmittelbar nach Schluss 
des Semesters, erzählen die Briefe ^ ; gerade in diesem Jahre 
zog es Rohde an die erinnerungsreiche Stätte, wo er sich un- 
gestört dem Kultus seiner Jugendideale hingeben konnte. 
Sonst meinte er nichts besseres thun zu können, als »einfach 
hier im Lande und auf dem Lande sitzen zu bleiben«, im 
stillen Behagen am eignen Besitz und am wachsenden Ge- 
lingen der Arbeit; gegen Ende des Jahres hatte er wirklich 
den ersten Theil des Buches abgestossen ^. »Der Früliling 
und Sommer«, schreibt er um Weihnachten, »hat uns, in dem 
neuen, frei und freundlich gelegenen Haus mit einem ganz 
netten Garten viel angenehme Tage gebracht ; wir . . . sehen 

* > Während Sic — 'AQ-y^vag 6^];^ tuxwv ISdEtv, wie der Dichter KoCx^ug 
nagt — in aller Welt herumgezogen sind, mit dem getreuen (nicht *armen') 
Konrad (der übrigens als Inschriftenumstürzer recht seltsame Wege geht). 
Hoffentlich haben Sie Genuss und für viele Vorgänge antiken Lebens die 
rechten Hintergrundsbilder für sich gewonnen . . . Ich entbehre das 
immer noch, werde auch so leicht nicht dazu kommen . . .« [R. 27 XII 89]. 
Koix^jjZ iöt Rohde's Heidelberger Vorgänger Köchly, dessen Grabschritt 
citirt wird; das Folgende geht auf den zu früh gestorbenen Karl (nicht 
Konrad) ßuRESCH und seinen übereilten Aufsatz im Rhein. Mus. XLIV 
(1889) S. 489. 

■'' »Ich war im August, auf dem Wege nach Bayreuth, in Würzburg, 
und habe mich aufs Neue in die anmuthige üppige Stadt, den sanften 
Strom und den friedlichen Blick vom 'Kuppele' verliebt. Aber Sie waren 
verreist . . .- [V. 25 XII 89]. 

^ Die *erste Hälfte' des Werkes wurde noch vor Weihnachten versandt. 



Veröffentlichung der ersten Hälfte Ende 1889. 171 

bei jedem Blick rundum die Anmutli und den Segen dieses 
schönen Landes. Dem Verkehr ist freilich diese ländliche 
Abgeschiedenheit nicht günstig — so lange wenigstens die 
Heidelberger ihre alte Vorstellung, dass Neuenheim dicht am 
Ende der Welt liege, nicht aufgeben. Den beabsichtigten An- 
schluss von Neuenheim an Heidelberg hat neulich der Gemeinde- 
rath in seiner Bauernthorheit zu nichte gemacht. Wir bleiben 
ein selbständiger Staat, regiert von einigen Schustern und Kohl- 
bauern ; wir Andere haben nicht einmal Wahlrecht, sondern 
nur das Recht unbegrenzter Liturgieen füi' diesen Bauern- 
staat« [R. 27 XII 89]. Es ist eine echte Weihnachtsstim- 
mung, die aus solchen Briefen — selbst aus ihren humoristi- 
schen kleinen Derbheiten — herausleuchtet. Von seinen Pflichten 
als Hausbesitzer und Metöke spricht Rohde noch öfters mit 
possirlicher Feierlichkeit — wie er denn die »Bauern-Polis<, 
in die er sich nun fester eingegliedert sah, mit offnen Augen 
zu beobachten verstand. 



Rohde war in einem frischen Anlauf mit seiner Arbeit 
bis zu der Stelle vorgedrungen, wo ibm die Sphinx des Or- 
giasmus entgegen trat. Um für wiederholte Prüfung dieser 
heikelsten Fragen Zeit zu gewinnen, entschloss er sich, die 
erste Hälfte des Buches allein zu veröflentlichen und das Ar- 
beitstempo zeitweise zu massigen. 

So konnten die Ferien endJich wieder zu einem längern 
Ausspannen benutzt werden. Im März 1890 ging es über 
Basel nach Oberitalien und Rom; »bei dem meist strahlend 
schönen Früblingswetter habe ich eine Anzahl anmuthiger 
Eindrücke theils erneuert, theils ganz neu gewonnen« [O. 
10 IV 90]. Es ist der letzte gründlichere und in freier Stim- 
mung genossene Aufenthalt in dem geliebten Süden. Der 
Herbst galt der deutschen Wald- und Städteromantik ; im 
Spessart, in Würzburg und in Rothenburg an der Tauber 
wurden ^ Septembertage von zaubrischer Schönheit« verlebt 
und die Arbeit im Stillen weitergestaltet, prout /ibcret qahhpte. 
Ein Aufenthalt in Berlin, der sich daran anschloss, Hess keine 



172 Ferienreisen. Leetüre. Ribbeck's Römische Dichtung. 

freundliche Erinnerung zurück — in dieser Welt fühlte er 
sich fremd [R. O. 27 X 90]. 

Mit ruhigerem Behagen, als die Jahre vorher, liess Bohde 
inzwischen neue litterarische Erscheinungen auf sich wirken, 
vor allem »Manches, was von Westen zu uns herüberkam« ; 
gerade die Aufangskapitel des zweiten Bands tragen Spuren 
solcher, über die unmittelbare Aufgabe hin ausschweifenden 
Lektüre. Auch die damals erscheinenden Schlussbände von 
Eibbecks ^Geschichte der römischen Dichtung' trafen bei 
Kohde empfänglichere Stimmung, als ihr Vorgänger. In einer 
Zeit, die Virgil, wie Cicero, geradezu wegwerfend behandelt 
und zu der kaiserlichen Litteratur kaum noch ein inneres Ver- 
hältnis hat, bewundert Rohde mit dem Freunde in Virgils 
Schöpfungen >die heitre Majestät dieses zu seiner Beife und 
Sättigung gelangten Römerthums< * und lindet auch die spätere 
römische Poesie »nicht nur als Nachklang griechischer Künste 
bedeutsam. Man hat bei solchen Aeusserungen Rohde's, die 
für die Elasticität und Weite seines ästhetischen Empfindens 
bezeichnend sind, gelegentlich den Eindruck, als ob er mit 
einer wahren Lust gegen den Strom schwimme. Er konnte 

* »Die kaiserliche Litteratur ist doch erst die eigentlich beachtens- 
werthe. Weim schon eine ganz künstliche Litteratur sein soll, so auch 
eine völlig reife und freie Kunst . . . Ich habe Vieles aus dieser Dar- 
stellung oder (wie Sie es sehr geschickt eingerichtet haben) Selbstvor- 
stellung des goldenen Zeitalters mit wahrem \'ergnügen gelesen; die 
Palme gebe ich Ihrer Behandlung dos Virgil, in der die 'heitre Majestät' 
dieses zu seiner Reife und Sättigung und noch nicht üebersättigung ge- 
langten Römerthums ausgezeichnet klar und anmuthend hervortritt« fR. 
27 XII 89). Offenbar hat R. von Virgil doch eine andre Vorstellung 
gehabt, als seine neusten Kritiker. Ein paar Jahr später heisst es: »Gar 
nichts von Kranksein und Krankheitsgefühl merkt man ja an Ihrem drit- 
ten Bande . . . Endlich einmal eine wirkliche Darstellung jener doch 
vielfach feinen und nicht nur als Nachklang griechischer Kunst interes- 
santen Reihe von Poeten und bewegter Poesie. Sie müssen fast das Ge- 
fühl des Entdeckers auf jungfräulichem Boden gehabt haben: denn was 
war wohl von dem wirklichen Wesen dieser ganzen Cultur- und Kunst- 
ecke bisher gesagt worden, was wirklich deren Kern und Sinn berührt 
hätte I Statins behandeln Sie mir aber doch zu gut, und Persius zu schlecht: 
ich habe für die Reinheit und «lie ächte, tiefinnerliche Gehobenheit des 
Mannes wie der ganzen römisch-kaiserlichen Stoikersippe (so fatal mir, 
mit wenigen Ausnahmen, die griechiselien Stoiker sind^ immer Sympathie 
gehabt. Nur freilich in Verse musste man das nicht bringen wollen« 
|R. 20 X 92]. 



Rückgang der humanistischen Studien. 173 

es sich erlauben 'unzeitgemäss' zu sein, denn vom modernen 
Wesen und Unwesen — innerhalb und ausserhalb der Phi- 
lologie — kannte Er genug ^ Und so vorurteilsfrei und frisch 
er immer wieder allem Neuen gegenübertrat : die ganze Stim- 
mung dieses Jahrzehnts, zumal seit der Entlassung Bismarck's, 
die Proletarisirung der Bildung und des Staates, die dro- 
hende »schwarze Gefahr« und vor Allem die hereinbrechende 
iBanausokratie« auf allen Gebieten, lastete schwer auf ihm. 
Von der Arbeit des Philologen dachte R. bescheiden genug: 
seine Ueberzeugungen von der erzieherischen Kraft der Antike 
und des Ideals, das Goethe vertrat, w aren die alten geblieben. In 
diesem Sinne galt ihm der äussere Rückgang der humanisti- 
schen Studien als ein drohendes Zeichen^; gegen das Eindrin- 
gen unangemessen vorgebildeter Elemente in die Universität 
hat er sich immer — besonders als Dekan 1892 — nachdrück- 
lich gewehrt. Es kamen trübe Stunden, wo ihm solche Sorgen 
die Freude an seinem Beruf, ja »das rechte Lebensgefühl x zu 
beeinträchtigen drohten ^. Dabei waren ihm im höchsten Grade 

* In diesem Zusammenhange sei an die ebenso unzeitgemässen Aeus- 
serungen Nietzsche's über Horaz' Oden erinnert: *Bis heute habe ich an 
keinem Dichter dasselbe artistische Entzücken gehabt, das mir von An- 
fang an eine Horazische Ode gab< (Werke VIII 167). Rohde hat in Tü- 
bingen Horaz' Oden wiederholt und mit Vorliebe behandelt. 

* >Aber so geht es überall in dieser jämmerlich plebejischen Welt, 
zu der uns ein feindliches Schicksal aufgespart hat. Das Alterthum wird 
nächstens nichts mehr gelten, und wir alle sind ja im Grunde schon 
zum alten Eisen geworfen, sollen es nicht erst werden. Was sollen wir 
auch in dieser Gesellschaft, in der eine Bande von seichten Schwätzern, 
wie diese Socialdemokraten, in aller Gemüthlichkeit einen Weltzustand 
vorbereiten können, für den der Fabrikarbeiter das Idealmass abgiebt! 
In Wahrheit ist ja der 'freisinnige' Philister von dem Standpunkt des 
Fabrikarbeiters . . . nicht mehr als einen kleinen Schritt entfernt; es 
wird ihm ganz wohl sein in dem Idealstaat der Bestialität. Man sollte 
uns pensioniren und resolut die Humaniora abschaffen« [Rü. 26 VIII 91]. 
In der Behandlung, wie sie unter dem neuen Kurs in Preussen den Uni- 
versitäten gegenüber beliebt ward, erkannte Rohde denselben Geist; seine 
brieflichen Aeusserungen (besonders an Ribbeck und Rühl) erinnern oft 
selbst im Ausdruck an die bittern Worte, die vor kurzem der Senior der 
Strassburger philosophischen Facultät, Ad. Michaelis, gesprochen hat. 

* »Ich vollends komme mir vor, wie ein misslungener Patriarch, der 
am besten thäte, seine Schafe und sonstige Habe nun nächstens zu zählen 
und dann das Zeitliche zu segnen , . . Ich besinne mich nicht gern 
darauf, aber plötzlich übedallt's Einen, dass man, nun wo man alt wird, 
eigentlich immer überflüssiger wird, retro crescit tamquam coda vitult) wo 



174 Pädagogischer Drill. Akademischer Nachwuchs. 

unbequem die damals auch in Heidelberg lebhaft betriebenen 
Versuche, den humanistischen Studien durch Hervorkehren 
eines praktisch-pädagogischen Drills an der Universität aufzu- 
helfen. Gerade darin nianifestire sich der Geist, den es zu 
bekämpfen gelte ; das Ergebnis könne leicht darauf hinaus- 
laufen, dass »die Universitätsstudien auf den Standpunkt eines 
schlechten Schullehrerseminars herabgedrückt werden« ^ 

Dem gegenüber erfreute ihn denn doch die litterarische 
Geschäftigkeit eines »hundert Gelenke regenden« akademischen 
Nachwuchses, so sehr dieser bei ihm von vornherein im Ver- 
dacht des »speculirenden Streberthums« stand ; die äussere 
Lage unsrer Studien war wenigstens nicht danach angethan, 
ganz Unberufne durch Gold und Ehren anzulocken *. Vor 
allem aber tröstete sich ßohde der unerschöptiichen Fülle von 
künstlerischen und litterarischen Schätzen, die gerade damals 
wie durch Schicksalsfügung zu Tage traten^; war es doch, 



normaler Weise man sich ausdehnen sollte, wie jener Baum im Evan- 
gelio. Es fehlt das rechte Lebensgefühl; man ist, wie ein Invalide auf 
einem abgetakelten Schiifsrumpf im Hafen, wenn die andern Kerls doch 
wissen, wozu sie ihre Knochen wagen . . .« [Schm. 15 X 93]. 

* Rohde hat sich über diese Fragen, die für ihn als Universitäts- 
lehrer wie als Mitglied des Oberschulraths gleich bedeutsam waren, 
wiederholt sehr lebhaft ausgesprochen (zuletzt und am klarsten gegen 
Rühl21XI93); von der allgemeinen Einführung »pädagogischer Zwangs- 
anstalten« an der Universität erwartete er die ungünstigste Wirkung. Wir 
brauchen auf Einzelheiten um so weniger einzugehn, als jene Gefahr 
auch für Baden wohl endgiltig beseitigt ist, nicht zum wenigsten darch 
das Vorgehn der akademisch gebildeten Lehrerschaft und ihre von echt 
wissenschaftlichem Geiste erfüllten Vorschläge zur Studien- und Prü- 
fungsordnung. 

- Am sympathischsten war Rohde neben seinem Tübinger Schüler W. 
ScHMii) (». . ein Schwabe guter Art, sinnreich und tief« [Rü. 26 1 94]) ein auf 
verwandten Gebieten arbeitender jüngerer Gelehrter, Albrkcht Diktk- 
BICH, der einmal »ein würdiger Concurrent« Schmid gegenüber genannt und 
gelegentlich (Kl. Sehr. II S. 229*) als Kenner religionsgeschichtlicher Dinge 
neben Tu. Gompkrz gestellt wird. Auch F. Dümmler interessierte ihn, »ein 
jedenfalls gescheidter und namentlich (wie selten ist das unter unsem 
Strebern neuster Ordnung!) ein wirklich gebildeter Mann, von vielen In- 
teressen und ausgebildetem Geist und Sinn« [Rü 29 VII 92]. Im Ein- 
zelnen vemiisste er freilich bei Dümmler eine >handfeste Begründung« 
seiner Behauptungen und fand vielfach :>ganz in der Luft stehende Hy- 
pothe«engebäude, manchmal nicht uninteressant, aber durchaus auf WiU- 
küreinfällen beruhend* [Rü. 26 I 94]. 

* Bei der Politeia des Aristoteles sah er freilich, soweit es sich 



Neue Funde. Theiluahme für Nietzsche. 175 

als ob diese alten und doch so jungen Meister, gleich den 
Heroen der griechischen Legende, aus ihren Gräbern auf- 
stünden, um abermals die Entscheidungsschlacht schlagen zu 
helfen. So blieb, unter allem Auf und Nieder seiner Aeusse- 
rungen, Rohde's Grundstimmung doch ungetrübt und uner- 
schüttert: deshuwt isfa, nou pnenntK Nur meinte er schon 
damals, dass er die Fluthwelle, die unsre verfahrene Bildung 
wieder flott mache, nicht mehr erleben werde *. 



Wer die Briefe Rohde's aus dem Beginn der neunziger 
Jahre durchblättert, begegnet Zügen, die an die ungestümen 
Klagen und Forderungen des Kieler Dozenten erinnern '. In 
der That: in dieser Kampfstimmung hat sich ßohde mit ge- 
steigerter Innigkeit zu seinen Jugendidealen zurückgewandt. 
Und mit diesen Idealen war unlöslich verbunden die Gestalt 
des Freundes, der ihnen den schärfsten Ausdruck gegeben 
hatte. »Auf der Fahrt nach Berlin fuhr ich auch an Naum- 
burg vorbei, das mit seinen Thürmen und Landhäusern wie 
eine alte, unvergessliche Jugenderinnerung herüberwinkte. Das 
ist nun drei und zwanzig Jahre her; welch herrlicher Mensch 
und wie eine neue Oft'enbarung menschlichen Wesens war da- 
mals der arme Nietzsche!« [O. 27 X 90]. 

Der Ton, der hier angeschlagen wird, klingt uns nun 

um die litterarische und wissensclmftliche Technik des Verfassers han- 
delte, >zu Lobpsalmen keinen Anlass«, ohne dass er sie deshalb dem Ari- 
stoteles hätte absprechen mögen [Rü. 26 VIII 91]. Dagegen schätzte er 
die Kunst des Herondas, als typisches Erzeugnis antiker Realistik, 
sehr günstig ein und freute sich bei der Leetüre manches kleinen Fundes. 
Einiges derart ist damals, durch briefliche Mittheilung, meinen Herondas- 
arbeiten zu gute gekommen. Ueber den Athenerstaat sollen, wenn es 
der Raum gestattet, einij^e Briefauszüge im Anhang reden. 

* Aus dieser Stimmung heraus ist der schöne Schluss der Psyche 
geschrieben (IP S. 404). 

* Im Beginn der neunziger Jahre mehren sich die Zeichen, aus denen 
hervorgeht, dass Rohde seinen frühen Tod geahnt hat. 

* Eine sehr charakteristische Aeusseruug oben S. 173*; selbst in den 
Ausdrücken erinnert Manches darin an Stellen aus d»*n Cogitata oder 
aus dem S. 59 citirten Jugendbriefe. »Ach, 1. Fr., es gab bessere Zeiten I 
Wahrhaftig, die innere Welt war unendlich reicher vor 7U und 80 Jahren < 
[Schm. 26 X 90], ganz wie in dem Briefe 14 X 72, oben S. 47». Vgl. auch 
die Auszüge aus der * Afterphilologie'. Kl. Sehr. I S. XXV f. 



176 Nietzsche-Litteratur. G. Brandes. 

immer voller aus den Briefen Rohde's entgegen. Gerade da- 
mals begannen Nietzsche's Schriften in weitern Kreisen zu 
wirken, gleich lebhaft bewundert wie bekämpft. Rohde sprach 
nicht leicht von diesen Dingen, bei denen er sich ganz per- 
sönlich betheiligt fühlte. Aber wenn er bei den üblichen An- 
giiffen auf den Schriftsteller Nietzsche den Menschen respekt- 
los behandelt oder muckerisch verdächtigt sah, konnte sein 
Zorn, wie in jungen Jahren, mächtig auflodernd Mit stiller 
Genugthuung beobachtete er, dass Nietzsche, zumal in Künstler- 
kreisen, posthume Triimiphe- feierte. > Armer Freund! Nichts 
schlägt mehr an sein Ohr; ich darf gar nicht nach dieser 
Richtung die Gedanken lenken ; es ist eine zu schmerzliche 
Vorstellung'- [O. 8 XI 91]. 

Was Rohde von der > Nietzsche-Litteratur* kennen lernte, 
forderte freilich meist seine lebhafte Opposition heraus, ob es 
nun aus dem feindlichen Lager kam, oder aus dem der Pros- 
elyten. Das Meiste machte auf ihn den Eindruck, als ob 
es »von gi'ünen Jungen aufgeführt werde«, die ihm freilich 
immer noch viel erfreulicher schienen, als *dio nicht einmal 
grünen < Universitätspedanten. »Schändlich- fand er die Auf- 
sätze in der Deutschen Rundschau (1892), in denen »ein Berner 
Professor« den Freund etwa als anempfindenden Dilettanten 
zu rubricieren und philosophisch als *Neocyniker' abzuthun 
suchte — das ist wirklich, wie N. selbst irgendwo sagt, 
als ob ein kalter, plumper Frosch in irgend einen warmen 
Winkel hineinhüpft«. Aber auch bei anders gestimmten Ar- 
beiten, z. B. bei den Essays von G. Brandes *, machte er 
seine Vorbehalte. »Ich habe schon Besseres, besser und 
weniger süffisant Geschriebenes von Brandes gelesen. Selt- 
sam ist es, dass er als Personalnotizen z. Th. Sachen bringt, 
die an Nietzsclie's kranke Einbildungen unmittelbar vor dem 
Ausbruch des Uebels erinnern . . . Immerhin : Nietzsche ist 
hier einmal einem Nichtpedanten in die Hände gefallen, der 
doch einen Zugang zu seinen Gedankenwegen hat, freilich 

* „Wiederholt äusserte R. damals, wie N. geradezu reinigend auf 
seine Umgebung gewirkt habe, wie um ihn nichts Niedriges habe auf- 
kommen können"* (Scholl). 

* Rundschau 1890, später in der Sammlung 'Menschen und Werke'. 



Lou Andreas-Salome. Zarathustra IV. 177 

Alles nur als litterarisches Experiment, nicht als etwas inner- 
lich Nothwendiges anfasst und behandelt« [0. 10 lY 90]. Besser 
und tiefer empfunden schien ihm eine Artikelreihe von Loü 
Andreas-Salom^^ Hier war »etwas ganz Andres als bei dem 
koketten Herrn Brandes« [O. 13 III 91]; es wui-de doch wenig- 
stens der Versuch gemacht, die verschiedenen Phasen in der 
Schriftstellerei Nietzsche's als das Ergebnis seiner menschlichen 
Entwicklung zu begreifen^. Manche Einzelheit mochte Rohde 
an seine eignen Deutungsversuche jenes »Mirakels« erinnern^. 
Von den Schriften des Freundes hat er in diesen Jahren, 
nach dem Zeugnis der Briefe, besonders den 'Wanderer', und den 
*Zarathustra' zur Hand gehabt, ferner die* Genealogie der Moral', 
in der er, nicht nur in formeller Hinsicht, den Höhepunkt von 
Nietzsche's psychologisch-moralistischer Schriftstellerei erkann- 
te *. Am nächsten ging ihm aber der letzte (vierte) Theil des Za- 
rathustra; er hat ihn erst 1892 'ganz zufällig«, kennen gelernt^. 
^Ein wunderliches, aber ergreifendes Buch, an dem ich überall 
den tiefsten, eignen Klang einer zum Abgi'und hinabschreitenden 
grossen Seele höre. Wie N. sich so in seine Traumwelt förmlich 
familiär einlebt — ich kann das Alles nur mit wehmuthsvoller Er- 
schütterung lesen. Diese Erfahrung, den tiefsten und 
reichsten Geist, der Einem begegnet ist, im Wahnsinn 
und in die Unzugänglichkeit seiner Wahnw elt verschwunden zu 

* In der Vossischeu Zeitung, Sonntagsbeilage 1891, No. 2. 3. 4. Die 
Verfasserin war die Gattin eines alten Freundes von Rohde, s. S. 63. 

* Ueber das Buch (Fr. N. in seinen Werken, von Lou Andreas-Sa- 
lome, Wien, Carl Konegen 1894) hat sich Rohde nicht geäussert. Man 
wird aber bezweifeln dürfen, dass die Einschätzung Ree's bei Lou A.-S. 
die seine war. Als einen Nietzsche ebenbürtigen Geist hat er Ree kaum 
angesehn, vgl. oben S. 98 f. Entschieden protestiren muss man dagegen, 
wie in dem Buch (S. 189 f.) der methodische Gegensatz verschleiert wird, 
in den Nietzsche (der doch immer Historiker und Philologe war) zu Ree 
gedrängt wurde (s. oben S. 157 f.). Die Fonnel, mit der Frau Andreas das 
Nietzsche-Problem zu lösen sucht, ist hier doch gar zu schematisch an- 
gewandt (s. bes. S. 196 f.). Und im Widerspruch zu ihren Aeusserungen 
(S. 193) wird man behaupten dürfen, dass N. „in der vorhergehenden 
Periode** keineswegs mit grösserer „philologischer Genauigkeit*' inter- 
pretirt hat, als in der Entstehungszeit der *Genealogie'. S. oben S. 158. 

^ Vgl. oben S. 97 f. 

* Vgl. oben S. 158. Erwähnt wird auch die 'Götzendilmmerung', 
deren agitatorischer Stil Rohde aber abstiess. 

•* Nietzsche hatte Rohde diesen Theil nicht mehr geschickt. 

C r u s i u 8 , K. Rohde. 1 2 



178 Aufnahme des ersten TheiU der Psyche. 

wissen — das klingt immer wieder auf in Einem mit einem 
unbeschreiblich traurig machenden Todtenglockenklang. Er 
soll ja ganz aufgegeben sein, auch von den Seinen.« [0. 17 V 92]. 



So wanderten Rohde's Gedanken, während er den zweiten 
Theil seines Werkes gestaltete, oft genug hinüber zu dem 
*Abhandengekommenen' in Naumburg. Es ist von Bedeutung, 
da.s fest zu stellen, um eine später aufzuwerfende Frage mit 
voller Schärfe formuliren zu können. 

Die schon veröffentlichten Abschnitte über den Seelen- 
und Heroenkult übten inzwischen eine mächtige, über die 
Kreise der Zunft weit hinausreichende Wirkung ^ Rohde 
hatte fi'u' seine 'Psyche' etwa das Schicksal des *Romans' er- 
wartet - ; er war danmls, bei der Ungunst der Zeiten und dem 
steten Schwanken seiner Gesundheit, »auf einem starken De- 
pressionspuukt des Daseins angekommen«. Der sichtbare und 



* Von oben herunter über einige Haupt- und Nebenpunkte dieser 
Abschnitte abzuurtheilen hat sich vor Allem ein Mann erlaubt, dessen 
ganze mythologische und religionsgeschichtliche Arbeit hier freilich (wie 
schon früher von II. D. Müller u. A.) gründlich ad absurdum geführt war: 
Max Müller in den 'Beiträgen zu einer wissenschaftlichen Mythologie' 
(1898). Auch an seinem frischen Grabe muss man sagen, dass er die 
Abfertigung verdient hat, die ihm vor kurzem von W. Streitbkbg (Indo- 
germ. Anzeiger 1900 S. 67 Ö.) zutheil geworden ist. In der That, der 
,anmassende Ton, in dem M. Müller von R. zu sprechen beliebt, steht 
ihm übel an einem Manne gegenüber, <lessen unvergleicldiche Psyche 
zum Verständnis der griechischen Religion mehr beigetragen hat, al» 
alle . . . Etymologieen Müllers« (Streitberg a. 0. S. 71). — Werthvolle 
Nachträge bieten vor Allem die förderlichen Bemerkungen Wolpoano 
Hklbigs ('Zu den homerischen Bestattungsgebräuchen', Sitzungsber. d. 
k. bayer. Akad. 1900). Doch scheinen sie mir Rohde nicht ganz gerecht 
zu werden. Was Hell»ig S. 205 vennisst, eine Aufklärung über den Zu- 
stand der Seele zwischen dem Tode und der Verbrennung, giebt Rohde 
ausführlich genug S. 25 f. (-26\ und die S. 2U3 f.. in vermeintlichem Ge- 
gensatz zu Rohde, betonten gf schichtlichen Factoren hat gleichfalls Rohde 
selbst S. 38 (*40) n. ö. hoch genug in steine Rechnung eingestellt. 

* Dass sein *Roman' es nicht zu einer zweiten Auttage bringen wollte, 
hat Rohde mit Rj'cht v»*rNvund«»rlieh gefund«*n: wenn der Verlag ihm doch 
den Gedanken ein»*r neu«'n B»*arbeitung »mu paar Jahr vorher nahegelegt 
hätte 1 Inmittelbiir nach Rohdf's Tode war der Neudruck eine Noth- 
wendigkeit. 



Arbeit am zweiten Theil der Psyche. 179 

sehr bald auch buchhändlerisch nachweisbare Erfolg hat ihn 
überrascht und seine ganze Stimmung gehoben. Nun fühlte 
er sich doppelt verpflichtet, >im Fegefeuer des Sammeins und 
Umschmelzens eines grenzenlosen Stofles« auszuharren. Seit 
Neujahr 1891 wurde wieder das alte, kaum in den Ferien 
einmal gemässigte »Schnellzugstempo« im Arbeiten aufge- 
nommen, und schon im Sommer muss das Ziel der letzten 
Kapitel, wenigstens in den Umrissen, sichtbar gewesen sein. 
'Besonders der Sirenenaufsatz« — schrieb er damals — »hat mich 
interessirt^ ; ich habe auch in meiner Psyche [II * S. 411] auf 
solche Gespenster gelegentlich hinzublicken. Uebrigens wissen 
die Götter — und die kaum — , wann ich endlich mit diesem 
Ungethüm fertig werde . . .^ Die spätere Zeit und ihren neu 
hervorbrechenden Dämonismus werde ich übrigens nur sum- 
maiisch darzustellen haben . . . Der Stoif ist ohnehin über- 
wältigend gross und weitläufig ; ich habe Mühe, ihn einiger- 
massen zu condensiren. Mögen Ihnen die Ferien mehr Er- 
quickung bringen, als mir in meinem Soliloquium mit meiner 
Psyche bevorsteht !< [Cr. 6 VIII 91]. 



Der Plan Rohde's brachte es mit sich, dass sich die Auf- 
gabe mehr und mehr verzweigte und erweiterte, je tiefer er 
in die geschichtlichen und klassischen Zeiten vordrang, wo 
sich aus dem dumpfen Raunen des Volksglaubens die Stimme 
des Individuums herauslöst. So erforderte hier die Sache selbst 
eine andre Anlage und Ausführung, stellenweis auch einen 
andern Stil der Darstellung: was zu Rohde's schmerzlicher 
Enttäuschung in einer angesehnen kritischen Zeitschrift ein 
jugendlicher Berichterstatter völlig verkannte ''\ Rohde hat 
gerade in diesen Abschnitten sein Bestes gegeben und keinen 
Strich gethan ohne das klare Bewusstsein seiner Zweckmässig- 

* S. Philologus L (1891) S. 93. 

' »Noch sehe ich nicht von fern ein Ufer, an dem ich endlich den 
Kahn anbinden könnte und habe dabei die unangenehme Empfindung, 
daöH man auf die Fortsetzung lauert, wäre es auch nur, um das Buch 
endlich einbinden lassen zu können« [R. 9 XI 91]. 

* S. die Vorrede zur 2. Auflage S. IV. Gemeint ist hier die Recen- 
aion der zweiten Hälfte in der Deutschen Litteraturzeitung. 

12* 



180 Religionsstifter im Altert huni. Charakter der Tay che'. 

keit und Nothwendigkeit. Im Gegensatz zu der in der alten 
Religionsgeschicbte eben herrsehenden Mode wollte er, wie er 
brieflich einmal nachdrücklich darlegt, vor Allem den grossen 
Persönlichkeiten zu ihrem Rechte verhelfen ^ »Diese 
Leute [die Tragiker und Philosophen] haben ja nicht nur ein 
^Verhältnis' zur Volksreligion, sie machen selbst Religion ; 
ihre religiösen Werke und Thaten, soweit sie die Seelenreligion 
berühren (und ich habe mich gehütet, über diese hinauszu- 
schweifen) gehören auf's innigste zu meinem Thema. Es sind 

— und ingleichen die Orphica, die Versuche der xaS-apia: u. s. w. 

— Ansätze zu einer, aus der Volksreligion herauszubildenden — 
wie soll man sagen, reflectirten, systematisirten Religion, die 
aber nicht (wie in Persien, Indien, bei den Juden etc.) zu 
einer voll ausgebildeten s e c u n d ä r e n Religionsweise (Sie 
verstehen, was ich mit diesem nicht ganz geeigneten Ausdruck 
meine) gefühil hat .... Mit der Volksreligion ist es eben in 
Griechenland nicht gethan . . . Vollends Plato — erst in 
ihm offenbart sich Ziel und Sinn und Wucht des Spiritualis- 
mus vorangehender Zeiten; icli bin mir bewusst, zum ersten 
Mal seine Seelenlehre (soweit sie mich angeht: seine ganze 
Psychologie aufzurollen, ist mir nicht im Traume beigekommen) 
in ihren wahren Zusannnenhang gestellt, sie gezeigt zu haben 
als Krone eines längst begonnenen Gebäudes ; zugleich die 
mächtige centrale Stellung und AVirkung des platonischen 
Seelenglaubens für die Folge wenigstens abgeschattet zu haben; 
natürlich aber Hess ich den Xeoplatonismus, der für mein 
Gebiet nichts Neues mehr bringt . . . mit zwei Seiten abge- 
thaii sein und Hess vollends das Christenthum . . . ausserhalb 
meiner Betrachtung |Cr. 9 IX 94] ^. 

Wir müssen darauf verzichten, dem vielverschlungenen 
Gange des Werkes im Kinzelnen zu folgen, so schwer es ge- 
lingen will, von seiner Eigenart und Bedeutung in einer kurzen 
Formel eine Vorstellung zu gelien. Das Grosse an dem Buche 

* In d«!n folt^»'iulon Sätzen (ans einem Briefe an mich) lixii*t R. seinen 
Stanilpnnkt so knapp nnd klar, dans s?ie, auch nach den abwehrenden 
Bemerkungen in der zwi?iten Auflagt', vollständig niitgetheilt zu werden 
verdienen. 

- liier wunle dann (h-r Faden in den nächsten Jahren von jüngeren 
Händen (Vjesonders von A. Dietkrich) weitergesponnen. 



Aniinismud. Orgiasmus. EkstaBe. 131 

ist nicht irgend eine bestimmte Entdeckung oder ein in ein 
paar Sätze zusammenzudrängendes Gesammtergebnis. Die Er- 
kenntnis, dass hinter der homerischen Welt eine ganz anders 
gefärbte Religionsanschauung liegt, gehört nicht Rohde zu 
eigen. Man hat das schon früher geahnt und in Hauptstücken 
auch schon früher bewiesen ; insbesondre waren die ver- 
kümmerten Spuren des Seelenkultes bei Homer längst als 
Ueberlebsel aus einer uralten Blüthezeit solcher primitiven 
Religionsformen eingeschätzt und gedeutete Auch die hier 
vertretene tiefere Autfassung des Bakchischen Orgiasmus und 
der Ekstase war schon vorbereitet, nach Nietzsche vor Allem 
durch den, diesen Studien vorzeitig entfremdeten verdienstvol- 
len Verfasser des 'Dionysos' in Roscher's Lexikon, F. A. Voigt*. 
Aber wie uns das Fernste in Rohde's Darstellung zum Greifen 
nahe rückt, wie das Fremde und scheinbar Absurde sich unser 
Verständnis erzwingt und ein leiser Nachhall verschollener 
dunkeler Stimmungen in uns erweckt wird : das ist doch ein 
ganz Neues und Unvergleichliches, woran eine äusserst sen- 
sible Künstlernatur ebenso grossen Antheil hat, wie die uni- 
versale wissenschaftliche Methode, die dem historischen Stoff 
aus der ethnologischen Beobachtung, der empirischen Psy- 

* Ueber Niktzsche« Vorgang vgl. oben S. 57 f. Auch von H. D. 
MCllkr (der die secundäre Natur der homerischen Götterwelt zuerst 
energisch betonte) hat Rohde zu lernen nicht verschmäht, so skeptisch 
er dessen mythistorischen Constructionen gegenüber stand (vgl. die AUg. 
Zeitung 1894, 24. März, Beüage Nr. 69) ; vor Allem in dem Besten, was Müller 
fi^eschrieben hat, in seiner Erstlingschrift *Ares\ fand R., abgesehn von 
der schematischen Behandlung des Sonderproblems, brauchbare Gedanken, 
Endlich hat Rohde auch meinen schon 1881 geführten Untersuchungen 
über die Keren und verwandte Gestalten (in denen der Animismus der 
griechischen Urzeit seinen typischen Ausdruck empfangen hat) ausdrück- 
lich beigestinmit (s. Ersch und Gruber u. d. W. Keren [1882]. später Ro- 
scher's Lexikon II 8. 1136, vgl. auch oben S. 179) und meine Ergebnisse 
ohne Abzug in seine Darstellung herübergenommen. Ich gestatte mir 
diese persönliche Bemerkung, da einige Fachgenossen das Verhältnis 
umgekehrt aufgefasst haben. Rohde ist daran unschuldig: er citirt sehr 
sorgfältig (Psyche I* 239 f., vgl, auch Kl. Sehr. II S. 229^) — hier, wie 
immer. Auf die >legt^re Art der neusten graiuis seignc\ir8< in solchen 
Dingen war er schlf'cht zu sprechen. 

* Rohde ist einer der Wenigen, die diese »bemerkenswerthe Abhand- 
lung-« nach Gebühr gewürdigt und verwerthet haben, S. *Psyche' II* 
S. 6^ if. Ueber sein Verhältniss zu Nietzsche wird unten zu handeln sein. 



182 Schilderung des Individuellen. 

chologie und schliesslich auch aus der persönlichsten Erfah- 
rung, frisches Blut zuzuführen versteht ^ Charakteristische 
Höhepunkte sind die Abschnitte über den Orgiasnius und über 
die Visionäre und Ekstatiker im zweiten Bande, auch der 
Exkurs über die Spaltung des Bewusstseins (II* S. 5 ff. 100 ff. 
413 ff.). Aber das Eigenste und Beste, wodurch sich Rohde's 
Werk über die verwandten Arbeiten hinaushebt, ist doch ge- 
rade dies: dass es uns das Einzelne, Individuelle mit allen 
Mitteln philologischer Forschung und reifster Darstellungs- 
kunst vor Augen stellt. Man lese die Charakteristiken der 
Propheten und Sühnpriester, der Tragiker, Pindars, Heraklits 
und vor Allem Platon's: aus dem Kern der Persönlichkeiten 
heraus lernen wir ihren Glauben verstehn. So steht Rohdes 
Werk vor uns, als die erste religionsgeschichtliche Leistung 
im grossen Stil, die nicht nur das schildert, was der Archäo- 
loge und Ethnologe Religion nennt, die primitivsten Gedanken 
der sogenannten Volksreligion, sondern die auch die AVande- 
rung und Wandlung dieser Gedanken in den höheren Schichten 
der Gesellschaft und bei den grossen repräsentativen oder 
reformatorischen Individuen zu schildern unternimmt. 

Aber so harmonisch und festgefügt das Ganze sich auf- 
baut: problematisch bleibt hie und da der causale Zusammen- 
hang und logische Fortschritt von Capitel zu Capitel* ; pro- 
blematisch bleibt zumal d e r Punkt, vor dem Rohde bei der 
Veröffentlichung halt gemacht hatte, als wollte er vor einem 
entscheidenden Schlage alle Mittel und alle Möglichkeiten noch 
einmal durch2)roben : die Stellung des Orgiasmus und der dio- 
nysischen AVeihen in der Geschichte des Unsterblichkeits- 
glaubens. Nach Rohde's Darstellung ist hier die einzige Pforte, 
durch die ausgesprochen spiritualistische Vorstellungen in das 
seinen tiefsten Instiucten nach ganz und gar dem Diesseits 

* Beiläufig uiüfT in diesem Zunanmienhang an die Mittheüung Ro- 
scher's (oben S. '69) erinnert werden. Bedeutsamer sind die persönlichen 
Eindrücke, die Rohde der modernen Musik verdankt. Einmal, nach jenen 
schweren Erlebnissen, an denen wir oben (S. 98) vorübergegangen sind, 
gesteht er, dass »der Dänionc oft völlig vor der grossartigen Macht der 
Wagnersehen Musik weiche : »so hat dieser Bayreuther Aufenthalt für 
mich fast die Wirkung einer Heilkur gehabt-«. Aehnliohe Aeusserungen 
auch später noch wiederholt. 



Unsterblichkeitsjglaube und DioDysoskult. 183 

zugewandte griechische Leben eingedrungen sind^ und zwar 
eingediimgen sind als fremde Eroberer aus dem Barbaren- 
lande Thracien'. Rohde selbst wusste sehr wohl, dass hier 
das Gebiet des nicht ganz Beweisbaren, sondern zum Theil nur 
durch Nachdichtung und Nachempfindung zu Erreichenden c 
in seinen Ausführungen beginnt. -Aber auch da — wo Dio- 
nysos hineintost — habe ich nicht einem Einfall . . ., sondern 
sogar am meisten einem langen Hin- und Herbedenken nach- 
gegeben. Es ist gar nicht wahr, dass 'Unsterblichkeit', eigent- 
lich gefasst, in den Eleusinien gelehrt wurde. Plutarch, wo 
er (Consol. ad uxor.) sagen will, worauf sich seine U n s t e r b- 
keitshoffnungen begründen, nennt bestimmt die Dio- 
nysosmysterien ^. Das allein würde die Richtung zu weisen 
genügen. Tausend Anderes kommt dazu. Im Dionysoscult 
aber kann der Keim des ünsterblichkeitsglaubens gar nicht 
anderswo gesucht werden, als in der Ixaiaa:;, in seinen Ge- 
sichten und Ofi'enbarungen. Das war das Grobe meiner Ur- 
betrachtung, und alle genauere Betrachtung und Ausführung 
bestätigt mir nur von allen Seiten die Richtigkeit meiner Auf- 
fassung. Dass zu dem *wüsten Taumel' der dionysischen AVeihen 
die Speculation treten musste , um den griechischen 
Unsterblichkeitsglauben zu erzeugen . . . sage ich selbst ein 
Dutzendmal, und besonders auch, wo ich vom Orphikerthum 
rede . . .« [Cr.]. 

In der That, dass Rohde's Annahme das gerade Gegen- 
theil eines flüchtigen 'Einfalls' war, weiss Jeder, der Rohde's 
wissenschaftlichem Werdegang auch nur von Weitem gefolgt 
ist. Wesen und Bedeutung des Orgiasmus hatte das Freun- 
despaar schon in Leii)zig beschäftigt*. Nietzsche suchte dann, 
in der 'Geburt der Tragödie', dem Räthsel mit den Formeln 
der Schopenhauerischen Philosophie beizukonmien, während 

* Früher hatte er anders geurtheilt, s. Cog. 53 u. Ae. 

^ Die folgenden Aeusserungen (aus Briefen an mich) meinte ich, bei 
der Bedeutung der Frage, im AVortlaut mittheilen zu sollen. 

^ Gemeint ist die wichtige Stelle p. 611 D: xal ixrjv &xöv aXXwv dcxoO- 
etg, 6i Tieid-Oüot TcoXXoOg XiyovTS^ (bg oOfiäv ooöotpi^ i(^ öiaXuO-ävii xaxöv ouöfe 
XuTCTjpöv ioitv , oTö' ÖTt xcüXOsi oe Kiarsustv 6 Tcdiptog "kt-^o^ xai xcx [luorixa 
oujißoXa T(ov 7ü8pl xov Aidvuaov dp^taaiiöv, a oOvtop,sv dXXi^Xoi^ o^ xotvwvouvteg. 

* VgL oben S. 18. 57. 



184 Verwandte Gedanken bei Nietzsche. 

Rohde schon in Aufzeichnungen aus den ersten Dozentenseme- 
stern den psychologischen Mechanismus religiöser Erweckung und 
Erregung (ohen S. 68, Cog, 31) an der Hand moderner Schilde- 
rungen zu untersuchen beginnt . Auch mit Ribbeck, dessen Pro- 
gramm über die Anfänge des Dionysoskultes hereinspielt, wurde 
das > dunkle Problem • verhandelt; in einem Dankbriefe nach Zu- 
sendung der zweiten Hälfte der Psyche erinnert Ribbeck an 
die alten Kieler Zeiten, wo er (und mit ihm gewiss sein Hörer 
Rohde) in der * Geschichte der Tragödie* ähnliche Wege ge- 
gangen sei. Endlich hat Rohde im Beginn der achtziger Jahre 
die griechischen Mysterien und den Unsterblichkeitsglauben 
in akademischen Vorträgen behandelt. 

Nach derselben Richtung, wie bei Rohde, sind bei Pb. 
Nietzsche jene alten Lieblingsgedanken weiter gewachsen. 
Nietzsche formulii'te sie endgiltig in einem Kapitel der *Götzen- 
dämmerung', das 1888 in Sils-Maria geschrieben ist (Werke VIII 
S. 172), folgendermassen : ^ Ganz anders berührt es uns, wenn 
wir den Begriff 'griechisch' prüfen, den Winkelmann und 
Goethe sich gebildet haben, und ihn unverträglich mit jenem 
Elemente finden, aus dem die dionysische Kunst wächst, — 
mit dem Orgiasmus. Ich zweifle in der That nicht daran, 
dass Goethe etwas Derartiges gi-undsätzlich aus den Möglich- 
keiten der griechischen Seele ausgeschlossen hätte. Folglich 
verstand Goethe die Griechen nicht. Denn erst in den' dio- 
nysischen Mysterien, in der Psychologie des dionysischen Zu- 
stands spricht sich die Grundthatsache des hellenischen 
Instinkts aus — sein * Wille zum Leben'. Was verbürgte 
b i c h der Hellene mit diesen Mysterien? Das 
ewige Leben, die ewige Wiederkehr des Lebens ; die Zu- 
kunft in der Vergangenheit verheissen und geweiht ; das trium- 
phirende Ja zum Leben über Tod und Wandel hinaus; das 
w ii h r e Leben als das G e s a m m t - F o r 1 1 c b e n durch 
die Z e u g u n g , durch die Mysterien der Geschlechtlichkeit. 
Den Griechen war deshalb das geschlechtliche Symbol das 
ehrwürdige Symbol an sich, der eigenthche Tiefsinn innerhalb 
der ganzen antiken Frömmigkeit . . . Dies Alles bedeutet das 
AVort Dionysos: icli kenne keine höhere Symbolik als diese grie- 
chische Symbolik, die der Dionysien. In ihr ist der tiefste 



Nietzsche und Schopenhauer. 185 

Instinkt des Lebens, der . . . zur Ewigkeit des Tjebens, re- 
ligiös empfunden, — der Weg selbst zum Leben, die Zeugung, 
als der b e i 1 i g e Weg . . . Erst das Cbristenthum, mit seinem 
Ressentiment gegen das Leben auf dem Grunde, bat aus 
der Geschlechtlichkeit etwas Unreines gemacht . . .**^ 

Auf den ersten Blick glaubt man, Rohde's Hypothese 
ausgesprochen zu sehn. Aber fasst man Nietzsche's Aus- 
führungen schärfer ins Auge, überzeugt man sich bald, dass 
sie auf ein andres und ferneres Ziel gerichtet sind. Nach 
Rohde's Ansicht gewann in den Dionysosorgien das Indivi- 
duum durch das Mittel der Ekstasis die Ueberzeugung von 
seiner Gotteskindschaft und seinem Fortleben in einer höhern 
Welt ^. Nietzsche combinirt den Orgiasmus nicht mit der 
Ekstase; er fasst eine andre Seite des Kultus, andre Sym- 
bole und Stinmiungen ins Auge und sieht in diesen nun eine 
Aeussening jenes über- (oder unter-) individuellen Lebens- 
triebes, der nicht in irgend einem Jenseit« zu Haus ist, sondern 
sich manifestirt in dem Weben und Schaffen der Natur, ganz 
wie der Schopenhauerische *AVille'^. Kurz: bei Rohde handelt 
es sich um die persönliche Unsterblichkeit, bei Nietzsche 
um die Ewigkeit des G e s a m m 1 1 e b e n s. Es sind zwei 
in sich geschlossene, von einander unabhängige Vorstellungs- 
kreise, die sich nur flüchtig berühren. Aber Nietzsche's Ge- 



* Die Sperrungen rühren nur zum Theü von N. her. 

'-' Vgl. Rohde oben S. 183, Psyche H- S. 19 IT. 45 if. 

^ Wirklich sagt Schopenhauer selbst, hinblickend auf verwandte Er- 
scheinungen der Antike (Die AVeit als Wille und Vorstellung I S. 325 
[360]): „Ganz dieselbe Gesinnung [wie die der Inder] war es, welche 
Griechen und Römer antrieb, die kostbaren Sarkophage gerade so zu 
verzieren, wie wir sie noch sehen, mit Festen, Tänzen, Hochzeiten . . 
Bakchanalien, also mit Darstellungen des gewaltigsten Lebensdranges, 
welchen sie nicht nur in solchen Lustbarkeiten, sondern sogar in wol- 
lüstigen Gruppen . . . uns vorführen. Der Zweck war offenbar, vom 
Tode des betrauerten Individuums, mit dem grössten Nachdruck auf das 
unsterbliche Leben in der Natur hinzuweisen und dadurch, wenn gleich 
ohne abstraktes AVissen, anzudeuten, dass die ganze Natur die Erschei- 
nung und auch die Erfüllung des Willens zum Leben ist.* Diese Sätze 
reichen, auch dem besondern Problem gegenüber, dicht an Nietzsche's 
LOsung heran. Nietzsche hat sich zu den Anschauungen seines alten 
'Erziehers' zurückgewandt, wenn er sie auch mit einer A'erschiebung des 
Accentes zum Vortrag bringt. 



186 I^ic Wiederkunft des Individuums bei Nietzsche. 

danken Laben Platz neben und hinter der Hypothese Rohde's ; 
sie werden bei einem erneuten Versuch, das Dunkel der Dio- 
nysosmysterien aufzuhellen, ernsthaft zu prüfen sein \ Dass 
Rohde, bei seiner besondern Aufgabe, auf sie hätte eingehn 
müssen, ist in Abrede zu stellen ; er hat es mit gutem Grunde 
vermieden, sich in solche Seiten- und Hintergründe seines 
Themas hineinlocken zu lassen. 

Was aus diesen letzten Aeusseiningen Nietzsche's über 
griechische Religion und Kultur, wie aus seinen ersten, be- 
fremdend und bezwingend herausklingt, ist das Pathos einer 
ganz pei"sönlichen Ergriftenheit : mit dem Satze, dass man den 
antiken Mythus glauben müsse, um ihn zu vei-stehn, hat er 
in ähnlichem Sinne Ernst gemacht, wie die grossen Künstler, 
in denen das Naturgetühl der Antike wieder lebendig geworden 
ist. Die Gestalten des griechischen Mythus verwuchsen ge- 
radezu mit seinem eignen Wesen, aus dem sie dann in ge- 
steigerter Form und Färbung von Neuem emanirten — ein 
psychologischer Vorgang, in dem sich das Schaflen eines an- 
tiken Propheten vor unsern Augen wiederholt^. Nun hat sich 
bekanntlich in Nietzsche's Speculation jener Gedanke einer 
Fortdauer des allgemeinen Lebens schliesslich doch durch eine 
überraschende Wendung mit der Wunschvorstellung einer Ewig- 
keit des Individuellen verbunden. Da^ Leben bringt in seinem 
rast- und endlosen Wechsel immer wieder dieselben, ganz be- 
sondern (\>mbinationen der Elemente hervor, die das Indivi- 
duum ausmachen: es verbürgt damit auch dem Einzelnen die 
'owiiie AViederkunft'. Auch diese letzte, als ein ganz persön- 
liches Geheimnis empfundene und gehegte Lehre ^ hat Nietz- 

* WtMiu F. A. Voigt ^Koscher's Lt'xikou 1 UH^i» d*? Phallos-Syiubol 
iiu Div>ny>o>k\iU nur .auf iHf vej3>»tative Fruchtbarkeit' Wziehn und den 
sMuri'u OriTia^mus aU Vevretatiouszauber deuten wül. so ist das eine 
haiidcreitlioho Kin>eitii:keit, Wi der t^s dem Verf. offenbar selbst nicht 
•Yv'ht ireheuer :v. Miitiie i>i. 

- Maur.or. wie BvVKUX ».Hier Kungkr. stehn Nietzsche's Empfinden 
uuhor. als die 'Xlvtholoireu'. Couijeuial war ihm auch hierin Rohde« da» 
.ei>^'n die Coci^*»***- "*i''' ^^i*^' Tsvche : nur hat R. mit strenger Selbst- 
-Uvh:. seinen A'-^sioiitru entspivchond. jene Umbildung des Fremden durch 
vl.is FiiTue, vies Antiker, viurch aus Mvvierne .*;: vermeiden ^resucht. 

• iie>vhichllivb v-.t nicht et >invi t> vwip», schon in der Speculation 
vUr vivicchen auttaiichcude Vv»rstciiung\nu die al«er In ihrer Verbindung 



♦Dionysos' bei Nietzsche. JgJ 

sehe auf den Namen Dionysos getauft; Dionysos ist ihm der 
7:at; TiacJ^wv TueiTeuwv des griechischen Philosophen, der nach 
Aeonen seine Züge auf dem Spielbrett der Natur wiederholen 
muss^ Hier scheint Nietzsche noch näher an die Hypo- 
these Rohde's heranzustreifen. Aber: das Individuum lebt 
bei ihm nicht fort — in einem .lenseits, sondern es vergeht 
und kehrt wieder — im Diesseits. Also ist hier der (Gegen- 
satz nicht minder fundamental, wie im ersten Fall. Und vor 
Allem: Nietzsche will hier gar nicht als Gelehrter antiken My- 
sterienglauben deuten: er schafft selbst einen neuen Glauben. Es 
ist einer der Momente, wo Nietzsche seine eignen Gedanken 
und Stimmungen in die Antike hinüberströmen lässt, wo er 
*die Schatten im Hades' mit seinem eignen Blut belebt. Ob 
sich dem Griechenvolk mit dem Namen Dionysos wirklich 
dieser Glaube verbunden hat, das war für Nietzsche eine 

mit diesem ganz individuellen Temperamente eine neue Färbung und 
Energie gewinnen. Man hat darauf hingewiesen, dass gerade in den 
letzten Jahrzehnten verschiedene Denker selbständig auf die Idee der 
dvocxuxXroacc zurückgegriffen haben (H. Lichtenberger und K. Förster- N., Die 
Philosophie Fr. N.'s S. 192 ff.). Bei Nietzsche wird man zunächst an An- 
regungen vonseiten der antiken Philosophie denken (s. z. B. Unzeitgem. 
Betr. II 2 = Werke I S. 298). Aber von den beiden, bei Nietzsche ein- 
ander bedingenden Gedanken — dem von der p]wigkeit des Gesammt- 
lebens und dem von der Wiederkehr des Individuums — haben wir den 
einen, sogar in Anknüpfung an dionysische Elemente der Antike, bei 
Schopenhauer vorgebildet gefunden (oben S. 185^). In demselben Ka- 
pitel der 'Welt als Wille und Vorstellung' heisst es wenige Seiten später 
(S. 334 [370]): , Ein Mensch, der . . . seinen Lebenslauf, wie er ihn bis- 
her erfahren . . von immer neuer Wiederkehr wünschte, und dessen 
Lebensmuth so gross wäre, dass er, gegen die Genüsse des Lebens, alle 
Beschwerde und Pein willig und gern mit in den Kauf nähme; ein sol- 
cher stände *mit festen markigen Knochen auf der wohlgegründeten dauern- 
den Erde' und hätte nichts zu fürchten** usw. Dem Nein seines Lehr- 
meisters hat N. auch hier ein Ja entgegengesetzt, und was bei jenem 
die spielend in die Luft geworfene Seifenblase einer Hypothese ist, wird 
bei ihm eine die sittliche Zukunft des Menschengeschlechts tragende 
Ueberzeugung. 

* Vgl. E. HORXEFFER , 'Nictzsche's Lehre von der Ewigen Wieder- 
kunft', Leipzig, Naumann 1900. Der Gedanke tritt zuerst nnt vollem 
'Schwergewicht' in der 'fröhlichen Wissenschaft' auf, einem von Rohde 
besonders geschätzten Buche (s. oben S. 115S und Lou Andreas-Salomä, 
Fr. N. S. 219 ff.); in Nietzsche's letztem, nicht vollendeten AVerke sollte 
er den Schlussstein bilden. [Während der Correctur gewinne ich, durch 
die Güte der Frau Förster-N. Einblick in die Studien und Entwürfe N.'s, 
die eben in Band XV vereinigt sind]. 



188 Abweichende Anschauungen bei Nietzsche. 

untergeordnete Fraget Er h«itte auch hier ein andres und 
ferneres Ziel im Auge, als der Verfasser der Psyche. 

Trotzdem mag es befremdend erscheinen, dass Rohde in 
den Abschnitten, worin er den Orgiasmus, sein Wesen und 
seine Herkunft, darstellt, Xietzsche's Lehren überhaupt nicht 
berücksichtigt; gekannt hat er jene Um- und Weiterbildung 
eines alten Lieblingsgedankens zweifellos. Aber er selbst 
stand nicht mehr auf dem alten Boden. Nicht nur dass seine 
psychologische Auffassung eine andre geworden war; auch das 
historische Problem hat er — ob mit Recht oder Unrecht — 
anders beantwortet; vor Allem schloss er den dionysischen 
Orgiasmus „von den Möglichkeiten der griechischen Seele" 
aus und Hess ihn, als eine unheimliche geistige Epidemie, aus 
Barbarenländern über die Grenze dringen. So hätte Rohde 
auf der ganzen Linie gegen den wehrlosen Freund polemi- 
siren müssen^. Man begreift, dass ihm auch jetzt noch »Schwei- 
gen die erträglichste Form des (lisse)h<iifS€ zu sein schien. 

Aber auch unter dieser Voraussetzung behält das ganze 
Verhalten Rohde's etwas Peinliches. AVir wissen, wie oft er 
in diesen Jahren zu den Schriften des Freundes zurückge- 
griffen hat: manche Stelle seines Buches wendet sich an ihn 
wie ein stummer Gruss aus der Ferne ^. Warum venneidet 
er, auch nur den Xamen Xietzsche's zu nennen? Gewiss nicht 
aus Flauheit oder ^lissgunst: noch in Heidelberg hat er oft 
genug Zeugnis abgelegt für den alten Genossen. Hier steckt 
etwas ganz Persönliches. Fürchtete Rohde etwa eines jener 
Freundschaftsgeheimnisse zu verrathen, die er vor fremden 
Augen nicht profaniren mochte? In der That, das wird der 
Schlüssel für das Räthsel sein. Wir haben oben von jenen 

' [N. hat sie bejaht: W. XV 487-490. Die Blatter lassen schliess- 
lich eine Vision vor uns aufsteigen: 'Dionysos und der Gekreuzigte', das 
rechte (Jejjfcnbild zum Christus im Ohmp]. 

* Wir werden unten (^S. 202 \.) auf die Frage zurückkommen. Dass 
Rolide hier historisch im Rechte sei. ist keineswegs entschieden; wir wer- 
den sehn, dass er, ohne zwingenden (Trund. die Spuren von Orfjriasmus 
im alten Epos anders beliandelt, als die Zeugnisse für animistische Vor- 
stelluniren, die er als surrivals einschätzt. 

^ Vgl. oben S. l.V^ f. Auch in der Art, wie Pythagoras und Empe- 
dokle< als » L'ebermenschen ^^11* S. 10a ITB"! geschildert werden, steckt 
etwas von Niet /««che. 



Letzte Aeuaserung Nietzsche's. ISd 

letzten Manifesten Nietzsche's gesj^rochen, die durch Brandes 
und Andre veröfl'entlicbt sind. An Robde schrieb Nietzsche 
damals als — Dionysos und ^ erhob ihn unter die Götter <. 
Wie mag es Robde zu Mutbe gewesen sein, als er in den 
letzten, halb wirren Worten, die ihm der Jugendgenosse vor 
seinem ^Untergang' zurief, den Kern seiner eignen Auffassung 
des antiken Unsterblichkeitsglaubens erkannte! Denn der 
Myste sollte ja durch den > Herrn der Seelen« Dionysos em- 
porgehoben, > vergottet« und damit erst der Unsterblichkeit 
theilhaftig werden^. Wenn Rohde des Freundes in diesem 
Zusammenhang gedacht hätte, wäi*e er fast gezwungen ge- 
wesen, >der Menge einen der scheusten Winkel seines Her- 
zens zu öffnen*. Das gewann er nicht über sich^. Und er 
that recht daran. Bei unsrer Aufgabe konnten diese Erleb- 
nisse wahrlich nicht umgangen werden: aber sie gehören 
nicht in ein wissenschaftliches Buch, von dem nicht nur alles 
Polemische, sondern alles Persönliche, soweit es den streng 
gemessenen Stil der Darstellung stören könnte, mit bewusster 
Kunst fern gehalten ist. 



Rohde hatte, auf sein Erstlingsbuch zurückblickend, die 
Empfindung, dass ihm doch auch an »Schreibekunst- noch 
Einiges zugewachsen sei. In der That giebt es Abschnitte 
in der Psyche, die zu dem Vollendetsten gehören, was man 
deutsch in wissenschaftlicher Prosa lesen kann ^. Mit dem 



^ Rohde hat das Alles sehr schön entwickelt, aber problematisch 
bleibt die von ihm angenommene Alleinherrschaft des Dionysoskultes auf 
diesem Gebiete doch. Zur Aufhellung der Anfänge wird man noch man- 
ches Späteste heranziehu dürfen : sehr merkwürdig ist jener dnaö-avaTta- 
ji6g in einem Zaubei'papyrus (Wessely, Denkschr. der Wiener Akademie 
XXXVI 1888, S. 56), in dem A. Dieterich eine Mithrasliturgie erkennt. 

^ Merkw^ürdig ist es auf alle Fälle, wie nahe die Wege der beiden 
Freunde auch hier schliesslich zusammenliefen. Wenn Nietzsche seine Ge- 
sundheit wiedergewonnen hätte, wäre der innere Ausgleich gewiss nicht 
ausgeblieben. 

^ Man prüfe z. B. die Schilderung der homerischen Welt I" S. 11 Ö*., 
die Charakteristik der Odyssee S. 82 Ö'., die grandiose Betrachtung über 
den Gang der griechischen Kultur 8. 111 If. und vor Allem die Porträts 
der Dichter und Denker im zweiten Bande. 



190 Stil der »Psyche'. 

*Roman' verglichen, ist der Stil zurückhaltender geworden ^ Das 
ist ein Gewinn, und zugleich ein Verlust; man würde gern 
einmal stärker die Flamme des 'verborgnen Feuers' spüren, das 
dem Jugendwerk seine eigenartige Kraft und Wärme verleiht. 
Trotzdem ist Rohde auch jetzt noch weit davon entfernt, mit 
seiner Persönlichkeit hinter seinem Werke zu verschwinden. 
Ist die Aufgabe auch eine rein geschichtliche: wo die Saiten 
seiner Seele mitklingen, wird ein aufmerksames Ohr, etwa bei den 
Darlegungen über die alten Philosophen, leicht heraushören. 
Wirklich hat Rohde, während er sich in die religiöse Specu- 
lation des Alterthums vertiefte, von neuem versucht, in seinen 
Anschauungen, über 'Historie und Kritik' hinaus zu einem 
prinzipiellen Standpunkt vorzudringen. Auch mit verwandten 
modernen Erscheinungen setzte er sich damals auseinander. 
Aber mit speculirenden Religionsphilosophen — auch mit LOTZE 
— wusste er wenig anzufangen. Eingehender las er damals 
VoLKELTs Buch *Pantheisnuis und Individualismus', das dem 
Verfasser lebhafte Angriffe süddeutscher Zionswächter« ein- 
getragen hatte. Ich tinde umgekehrt ^ — schreibt R. an 
Volkelt — in Ihrem Buche zu viel 'Religion' ausgebreitet. 
Wenn einmal die Gottheit, zb {)-e:Gv, pantheistisch verstanden 
wird (und darauf kommt es doch hinaus bei Ihnen), so ist sie, 
wenn auch nicht identisch mit mir, doch jedenfalls auch nicht 
abgetrennt von mir und mir entgegengestellt. Zu dem aber, 
was eigentlich i n mir ist und lebt, kann ich wohl ein Ver- 
hältnis der Ehrfurcht haben, aber nicht eines der reJigh^ die 
stets ein ausser mir Bestehendes, nach meinem Gefühl wenig- 
stens, voraussetzt^. Ich finde aber auch gar nicht, dass die 
P h i 1 s () p h i e die Aufgabe hat, der Religion im eigent- 
lichen Sinne zu Hülfe zu konmien. Es sind und bleiben eben 
g e t r e n n t e Gebiete [V. 12 III 92]. Phantasie und Gefühl 
hoben Rohde, wie in alten Zeiten, oft genug in die Sphäre 
religi(>sen Emi)tindens ^ : für den Verstand kannte er schliess- 



* Auch Uohde hat dar* grefühlt. Er wunderte sich über das »voll- 
ständige Bild des damaligen E. R.«, das aus dem Roman herausblicke, 
meinte aber, dass er so nicht mehr scln*eiben könne und wolle [V.]. 

" Vgl. hierzu die Rectoratsrede S. 2-4 = Kl. Sehr. II S. 334 f. 

^ Vgl. oben S. 68. \±>K 123» und vor Allem die Cogitata 56 u. A. Hätte 



Philosophie und Religion. 191 

lieh nur ein Gebot, das lizkyti'^. Aber ein iizex^'v, das ihm 
nun folgerichtig jede Unduldsamkeit gegen anders Fühlende 
und Glaubende verbot. Man lese den stimmungsvollen Schluss 
der Ps}xhe — von dem neuen Glauben, ganz anders als alle 
ältere Religion mit der Kraft begabt, das schwerbeladene Herz 
zu zerknirschen und in Hingebung aufwärts, dem göttlichen 
Erbarmen entgegenzutragen — , um sich zu überzeugen, wie 
fern diesem freien Geiste (dessen theoretische Grundstimmung 
schliesslich wohl ein resignirter Skeptizismus gewesen sein 
mag) alle agitatorische Freigeisterei gewesen und geblieben ist^ 

R. nicht ein inneres Verhältnis zu den religiösen Problemen gehalit, 
würde er seine Hund nie nach dem Stoff der Psyche ausgestreckt haben. 
* In seinen Briefen klagt er gelegentlich darüber, dass er sich die- 
sen Skeptizismus nicht mehr recht vom Leibe zu halten vermöge. 



192 



XI. 

Das Prorectorat Die Studien ttber Creuzer nnd 

die Günderode 

(1893—1896). 



Zu Pfingsten 1893 hatte Robde beabsichtigt, der Ein- 
hidung eines ihm nahestehenden Fachgenossen folgend, an 
der Philologenversanmilung in Wien theilziinehmen. Es schien 
ihm, wie er Th. Gomperz schrieb, »fast eine Ehrenpflicht, zu- 
gleich den klassischen Studien und ihrem Träger, dem Deutsch- 
thum , die man beide gleichmässig an die Wand drücken 
möchte, eine bescheidene Huldigung durch Theilnahme an 
diesem Feste darzubringen.« Auch ein kurzes, »mehr als 
eine Art Jliscelle gedachtes Vorträglein« aus griechischer Re- 
ligionsgeschichte hatte er Gom2)erz in Aussicht gestellt [G. 
13 III 93]. Aber die Voraussetzung, dass er bis dahin »mit 
dem Druck der unseligen 4^uxv fci*tig sein werde, erfüllte sich 
nicht. So sah er sich genöthigt, im letzten Augenblick seine 
Zusnge zurück zu nehmen ^ Erst im Herbst konnte er den 
zweiten Theil des Werkes ausziehn lassen: »das Ende seiner 

* »Ich selbst stehe unj^oni von dem Plane zu der Versammlung mich 
eiuzutind»'n ab, und besonders von der Aussicht, so manche, nach ihrer 
geistif^en und wissenschaftlichen Physiognomie mir wohlVjekannte treff- 
liche Männer auch persönlich kennen zu lernen. Aber es j?eht uicht 
anders. Force majeure, ich kann nur der Versammlung alles Gute, gute 
und heitre Stimmung (wer hätte die freilich in diesen Aengsten des Va- 
terlandes zur Verfügung) wünschen . . .« [G. 10 V 98], Ich konnte Rohde 
im Sommer von meinen AViener Eindrücken erzählen. Der Mann, der 
damals, soweit das ein Einzelner kann, in Wien für die rechte Stimmung 
sorgte, steht jetzt an weithin sichtbarer Stelle. 



Publication des Schlusses der Psyche. Ferienreise. Pläne. 193 

Qualen« war gekommen, nach einer mehr als acht Jahre 
währenden scharfen Anspannung aller Kräfte. In der rechten 
»Arbeitsfuria« kannte er keine Rücksicht, weder für die Ord- 
nung des Hauses, noch für seine Gesundheit; manchen Mit- 
tag und manchen Abend hat er durchgearbeitet, um »den 
Topf nicht im besten Kochen vom Feuer rücken zu müssen. ^< 
Endlich hatte er das »Recht zur Ruhe«. Er versuchte 
wohl auch, es auszunutzen, in Baden-Baden und später auf 
einer kurzen Reise nach München und Venedig. Da 
wandelte er wieder einmal auf den Spuren vergangener Ju- 
gendzeit < — aber die rechte Stimmung wollte sich nicht ein- 
stellen. >Wird man alt!« ruft er aus. >Und wenn man die 
Summa Summarum zöge, was das Leben Einen gelehrt hat 
— wie wenig ist es!« [Rü. 21 XI 93]. Wo die Spannung 
vorüber ist, bleibt der Rückschlag nicht aus*. Es überkommt 
Rohde >ein Gefühl der Leere«, das ihm fast die Freude an 
der Vollendung der Arbeit zu beeinträchtigen droht. *Nun, 
vielleicht XTYjaofia: gü xaxio) ein andres Mal« — schreibt er 
an Rühl. > Pläne hätte ich schon. Sonst ist es ja in Heidel- 
berg immer noch auszuhalten, viel eher als in Ihrem Thule«^. 



* Ich habe erst in dieser Zeit mit Rohde persönlich zu verkehren 
Gelegenheit gehabt, meist in der Gesellschaft Ribbrcks, in Baden-Baden. 
Bei Mahl und Trunk verrieth er die misstrauische Vorsicht eines Mannes, 
der seiner Gesundheit nicht sicher ist. Aber in der Unterhaltung war 
er von übersprudelnder Laune ; manche scharf geprägte Bemerkung grub 
sich unverlierbar meinem Gedächtnis ein und gewinnt jetzt im Zusammen- 
hang seiner brieflichen Aeusserungen einen volleren Sinn. Ohne den leben- 
digen Eindruck von Rohde's Persönlichkeit, den ich von jenen Tagen 
mitnahm, hätte ich mich an die Aufgabe, über ihn zu schreiben, kaum 
herangewagt. Ribbeck meinte damals, es sei 'der ideale Rohde' zum 
Vorschein gekommen. 

* Man fühlt sich an jenes ironische Wort von der eignen Art von 
»Gehimkrankheit« beim deutschen Professor erinnert, das wir oben (S. 94) 
gehört haben. 

* »Die Vollendung macht mir keine besondre Freude; die Last bin 
ich los, aber ... es bleibt, wie freilich wohl allemal nach Abthnung 
einer grossen Mühe, ein Gefühl der Leere zurück, als ob Einem ein gros- 
ser Backzahn ausgezogen wäre« [Rü. 21 XI 93]. Jene Pläne lagen wohl 
auf religions- und kulturgeschichtlichem Gebiet. Als letztes Ziel mochte 
ihm wieder eine gi*iechische Kulturgeschichte, als nächste Etappe eine 
*Kultur des Hellenismus' vorschweben (s. oben S. 138). Dafür spricht 
auch sein erhöhtes Interesse für die Papyrusfunde. 

C r u B i u s , E. Rohde. 1 3 



/ 



194 Rectorat. Beschäftigung mit Nietzsche's Briefen und Mscr. 

So sehn wir ihn schon wieder die Hand ausstrecken, um *eine 
tüchtige Arbeit zwischen den Schraubstock zu nehmen«. 

Aber der Semesterschluss im Frühjahr 1894 brachte ihm 
Aufgaben ganz andrer Art. Bei der Wahl zum Prorectorat 
vereinigten sich die Stimmen auf seinen Namen, und wenn 
er sich auch bewusst war, mit seiner Kraft Haus halten zu 
müssen, so mochte er sich doch der ehrenden Verpflichtung 
die das Yertraun der Genossen auf seine Schultern lud, 
nicht entzielm^ Die Aussicht, sich einmal ganz auf die prak- 
tischen Geschäfte des nächsten Tages beschränken zu dürfen 
und zu müssen, hatte für ihn im Grunde etwas Lockendes, 
nachdem er so lange Jahre »in den Gedankeunebeln ver- 
schollener Zeiten- herumgewandert war. 

Die wissenschaftlichen Pläne wurden also vertagt. In den 
freien Stunden, die die Osterferien brachten, versenkte sich 
Rohde noch einmal ganz in die schönsten und schmerzlichsten 
Erinnerungen seines Lebens : er ordnete die lange Reihe von 
Briefen, die er in zwei Jahrzehnten von Nietzsche empfangen 
hatte. Damals begann Nietzsche's Schwester die Manuscripte 
und Corresi)ondenzen des Bruders zu sammeln, unmittelbar 
nach der Uebernahme des Rectorats reiste Rohde zu ihr nach 
Naumburg, um, ihrem Wunsch entsprechend, die unveröffent- 
lichten Manuscripte des kranken Freundes durchzusehn ; das Brief- 
blatt, das den Anlass zur Entzweiung gegeben hatte, hat er damals 
vernichtet'^. Die weitausschauenden Pläne der tapferu Frau, die 
eben als AVittwe aus Paraguay heimgekehrt und in Deutschland 
fremd gewoi'den war, suchte Rohde zu fördern, so \'iel er 
konnte ; so empfahl er ihr einen philologisch und philosophisch 
geschulten Tübinger Hörer als wissenschaftlichen Helfer und 
versprach, die metiisclien und litterarischen x\ufzeichnungen 
Nietzsches aus den Baseler Jahren im Einzelnen zu i)rüfen^. 



* 1890/1 war Rohde gewählter 8eniitor. dann hatte er. z. Th. unter 
schwierigen Verhältnissen, das Dekanat geführt (S. oben 8. 17B). 

'* Vgl. K. Förster-N., Deutsehe Kevue. August 1901: ^Als wir beide 
im Frühjahr 1894 darauf zu sprechen kamen, war es seine erste Bitte, ihm 
diesen Brief herauszugeben, damit er ihn verbrennen könne". S. oben S. 155. 

^ Ein lieft mit metrisch-musikalischen Notizen Nietzsche's, das Rohde 
in Heidelberg durchsah, hat sich in seinem Nachlass leider bis jetzt 
nicht linden lassen. Es hat vermuthlich Material enthalten für die 



Thätigkeit als Prorector. Excurse zur Psyche. 195 

Für Rohde waren das wieder Tage tiefster seelischer Er- 
regung ^ Beruhigend und ausgleichend wirkten hald die prak- 
tischen Anforderungen, die auf ihn eindrangen und ihn seinen 
eignen Gedanken entzogen. 

Zunächst Hess sich Alles günstig genug an. Besondre 
Freude machte es Rohde. dass es ihm gelang, auch im Ver- 
kehr mit den Vertretern der studentischen Oorporationen den 
rechten Ton zu treffen, ja eine Art von diplomatischer Kunst 
auszuüben, die er sich selbst kaum zugetraut hatte. So hat er 
damals (freilich von einigen in solchen Dingen besonders er- 
fahrnen Collegen unterstützt) die Wiederherstellung des Aus- 
schusses der Studentenschaft in die Wege geleitet und sich 
einen Festcommers, der den Vermittlern zu Ehren veranstaltet 
wurde, gern gefallen lassen*^. Er fühlte, dass er doch noch 
nicht so alt sei, wie er in jener trüben Novemberstimmung 
gemeint hatte. Mit sichtlichem Behagen schildert er eine De- 
putation bei dem Senior der Pacultät, deren Veranstalter und 
Führer er war, und prophezeit Ribbeck, er werde auch noch 
den 70. Geburtstag in derselben ^rosigen Frische« erleben, 
wie soeben KuNO Fischer. Nur ganz vereinzelt liess er sich 
bei »reinen Repräsentationssachen' durch Senatsmitglieder 
vertreten, so (durch Victor Meyer und Imm. Bekker) beim 
Jubiläum der Universität Halle. Im Allgemeinen wusste er 
sich mit all diesen Pflichten über alles Erwarten gut^ abzu- 
finden. Dabei fand er noch Zeit, die zurückgelegten Exkurse 
zur Psyche auszufeilen und sich in scharfem Gegenangriff mit 
Eduabd Meyer auseinanderzusetzen'*. Rückblickend meinte 



Begründung jener Paradoxen von einer reinen Quantitätsmetrik, in denen 
die allerneuste Auffaasunj? dieser Probleme (vgl. Hermes XXX. 308 ff.) vor- 
weg genommen und überboten ist. 8. Briefe 1 S. 398 ff. Werke X S. 440 ff". 

* Rohde's Gattin hatte es nicht vergessen, wie tief Rohde von der 
Beschäftigfung mit dem Briefwechsel ergriffen gewesen sei, und mit wel- 
cher Rührung er von den »wunderlichen langen Jugendbriefen« und der 
Zeit, die sie widerspiegelten, gesprochen habe. S. Anh. 

* Man erzählt freilich, dass er als *Fidulität8praside' seinen Collegen 
(besonders dem Juristen K. Schködkr) bald das Feld geräumt habe, da 
es ihm zwar keineswegs an Humor, wohl aber an 'Fidulität' fehlte. 

* In den 'Paralipomena' Rhein. Mus. L 1895, 1 ff. = Kl. Sehr. II 
S. 224 ff. Wer den weitern Verlauf dieses Lebens überschaut, wird die 
gesteigerte Erregtheit des Tones in der Polemik als Symptom einer er- 

13* 



196 Erkrankung. Rede beim Kaiserbankett. 

er, das erste Semester, >obschon ungewöhnlich anstrengend 
und überhäuft', sei durchaus glücklich, »und man kann wohl 
sagen glorreich< abgelaufen. 

Für die Herbstferien ward eine gemeinsame Reise mit 
Ribbeck geplant; aber das ^beständige Unwetter« trieb Rohde 
von einem kurzen Abstecher auf den Weissenstein bei Solo- 
thurn bald wieder nach Hause und — an die Arbeit. >Das 
ist mir schlecht genug bekommen. Denn seit Ende October, 
genau mit dem Beginn der Vorlesungen am 26. October, ent- 
wickelte sich ein längst angekündigtes Leiden meines, in den 
Jahren, in denen ich Psychen machte, arg misshandelten und 
vernachlässigten Magens zu wahrhaft bedrohlichen Anfallen, 
mit Herzbeklemmung usw. So dass ich, nach zwei Wochen 
CoUeg, mich in's Bett legen musste, darin . . . meine Prorec- 
toratsrede fertig stümperte und meiner Frau dictirte : nach- 
her wurde sie am 22. November von Scholl vorgelesen . . . 
Seitdem such ich mich mit strenger Diät und Langeweile zu 
heilen, und es geht auch wohl langsam aufwärts. Am 8. Jan. 
[1895] denke ich wieder anzufangen mit Vorlesungen und Seminar. 
Die Aerzte — darunter der treffliche Kussmaul — betheuem, 
dass Herz und Magen nicht organisch irgendwie betroffen 
seien : Alles sei ^nervös' : womit bekanntlich auf * wissenschaft- 
liche' Weise ausgedrückt ist : wir wissen nicht, was eigentlich 
vorliegt. Aber man sagt mir doch unbedingt völlige Herstellung 
zu, und hoffentlich trifft's so ein^^ [R. 2 195]. In der That 
war er ])ald soweit hergestellt, dass er seine Rectoratsgeschäfte 
in vollem Umfang wieder zu bewältigen vennochte. Vertreten 
Hess er sich nur in der äussersten Noth; es steckte doch et- 
was vom Mann der Praxis in ihm. Damals hat er, beim 
Kaiserbankett des Militärvereins, auch die einzige politische 
Rede seines Lebens gehalten; er sprach auf das Vaterland 
*apart und trefflich' , aus jenem conservativ-bismarckischen 
Gleiste heraus, der, schon längst nicht mehr als blosse Stim- 
mung, seine Ueberzeugungen beherrschte. Auch Fernerste- 
hende hatten einen starken Eindruck von seiner Art und Per- 
sönlichkeit. 



höhten nervösen Reizbarkeit aufxufassen geneigt sein. Frühere Aeusse- 
ungen Rohde's über Eduard Meyer öind S. 107^ mitgetheilt. 



Prorectoratsrede. Wiedersehn mit Cosima Wagner. 197 

Die Rectoratsrede giebt ein skizzenhaftes, aber mit wunder- 
voller Klarheit geschautes Gesammtbild der griechischen Re- 
ligionsentwicklung, gewissermassen den Hintergrund für die 
Sonderdarstellung der Psyche. Was Rohde im Eingang vor- 
trägt von der Religion einer vormoralischen Zeit, die in den 
unsichtbaren (aber der Welt durchaus immanenten) Ueber- 
mächten nur die Macht sah' ; dann von dem Entspringen der 
moralischen Vorstellungen im Boden der bürgerlichen Ge- 
sellschaft«, ihrem Einzug in die Welt der Götter; von der 
schliesslichen Yersittlichung der Religion, die nun ihrerseits 
die Moral heiligt und sie gegen einen zur Hybris treibenden 
schrankenlosen Individualismus verteidigen hilft — das Alles 
wäre nicht geschrieben ohne Nietzsche, wenn es sich auch 
zum guten Theil gegen Nietzsche kehrte Der Schlussab- 
schnitt — eine Darstellung des als Anfang transcendenter 
Religionsformen gefassten Dionysoskultes und der von ihm aus 
in die Gedankenwelt der Philosophen emporqualmenden My- 
stik — löst sich von der Behandlung dieser Fragen in der 
'Psyche' weniger los. Bemerkens werth ist die Schärfe, mit 
der es Rohde auch hier betont, dass Orgiasmus und Mysticismus 
> fremde Blutstropfen im griechischen Blute gewesen seien. 

Es war keine leichte Aufgabe, in den gegebenen Grenzen 
diese complicirten Probleme so darzustellen, dass eine, solchen 
Studien zum grossen Theil fern genug stehende Hörerschaft 
theilnehmend zu folgen vermochte. Rohde hat diese Aufgabe 
zu lösen verstanden, trotz der Ungunst jener Tage, wie er 
denn überhaupt die Gabe besass, unbeirrt durch die ihm über- 
reichlich zuströmenden Einzelthatsachen, überall die bestim- 
menden Züge zu sehn und zu zeigen. 

Die Rede war eben fertig gedruckt, als Rohde, im Fe- 
bruar 1894, im Hause seines CoUegen H. Thode Cosima 
Wagner begrüssen konnte; das Wiedersehn hat ihn tief be- 
wegt^. Damals wurde Frau Wagner auf Rohde's Rede auf- 
merksam. In einem schönen Briefe spricht sie Rohde für die 

* Aehnliche Gedanken aber schon 1877, Co//. 78 S. 251. 

* Der Brief, den er kurz nachher au» Bayreuth empfing, fand sich 
mit einigen andern, ihm gleich werthen Reliquien, in einem be8ondern 
Fach seines Schreibtisches. 



198 Prorectoratarede. Dienstreisen. 

Bereicherung, die ihr sein Vortrag gebracht habe, ihren Dank 
aus und gedenkt der ähnlich gestimmten verschollenen Tage 
von Triebschen. Auf ihre Veranlassung wurde der Haupt- 
theil der Rede dann in den Bayreuther Blättern abgedruckte 
So ist Rohde schliesslich doch noch ihr litterarischer Mitar- 
beiter geworden *. 

Rohde selbst wollte freilich wenig Gewicht auf diese Im- 
provisation legen. Nehmen Sie siw tempore < — schrieb er 
einmal beiläufig — diese Rede mit Nachsicht auf: sie ist das 
Werk eines Kranken, der ^^tkov eauioö war . . ,, daher auch 
sehr unvollständig und für mich selbst am wenigsten befrie- 
digend ; sie, wie ich wollte, auszuarbeiten für den Druck fand 
ich weder die Zeit, noch die Lust und Kraft. Nun muss sie 
sich so durchdrücken wie sie eben ist. — Wäre nur erst dieser 
grässliche Bärenwinter vorbei und dies endlose Semester mit 
seinen unerhörten Plagen und Aufgaben für meine immer noch 
reducirte Kraft! Dann werde ich endlich . . . für meine Er- 
holung etwas Gründliches tluin können, (^nando cer venit 
meum ! Also bis auf bessere Zeit — pazirnza ! ... [Cr. 10 1 95]. 



Wer Rohde's Amtsthätigkeit und schriftstellerisches Schaf- 
fen in den nächsten Semestern überblickt, der sollte meinen, 
die bessere Zeit sei nicht lange ausgeblieben. Den vielfachen 
Aufgaben, die seine Doppelstellung mit sich brachte, wusste 
(»r stets gereclit zu werden. In seinem Wirken für den Ober- 
schulnith war er allmählich aus seiner anfänglichen Reserve 

' Sie schreibt ii. A. (Bayreuth W III 9o): ^Mit Dankbarkeit habe ich 
es einpt'unden, wieder mit fester Hand in jene Gebiete geführt zu werden, 
wo wir uns von der Beängstigung der Gegenwart befreit fühlen . . . Ich 
darf wohl sagen, dass ich diese Ihre Ausarbeitung wie eine Bereicherung 
in mir aufgenommen habe. Zugleich aber hat sie mich sehr gerührt. 
Ich konnte nicht anders , als wie von Neuem in Verkehr mit unserem 
armen, armen Freun«! mich denken! Verschollene Krinnerungen tauchten 
auf, und als ob Nichts uns gt'sehieden hätte, fand ich mich wieder mit 
ihm im Gespräch und Hess mi(!h von ihm belehren über jene erhabenen 
Dinge, die wie eine Zuflucht der Gedanken bilden. Seltsam genug, führ- 
ten mich meine Schritte gerade unmittelbar, nachdem ich Ihre Rede ge- 
lesen hatte, nach Basel, und dort an der Universität vorbei, die einst so 
viel Leben für uns enthielt ..." - Vgl. oben S. 75. 



Karlsruhe. Vortrag Über den Roman. Dissertationen. Aufsätze. 199 

herausgetreten ; zumal bei seinen Dienstreisen zeigte er gerade 
in den letzten Jahren mehr von seiner Persönlichkeit, während 
er sich früher oft gründlich ausgeschwiegen hatte ^ Die Auffor- 
derung, »in dies schöne Land hineinzufahren <, war ihm im 
Grunde stets willkommen. Als er im Herbst 1895 veranlasst 
ward, am Grossherzoglichen Hof in Karlsruhe einen Vortrag 
zu halten, begrüsste er es mit Genugthung, dass man dort 
»von seiner altmodigen Disciplin- etwas wissen wolle. Sein 
Thema entnahm er dem Gebiet seiner Erstlingsarbeiten, auf 
das sich damals seine Blicke zurückwandten : der Geschichte 
des Romans. Es waren starke und wohlthuende Eindrücke, 
die er aus Karlsruhe heimbrachte bei dem ersten Blick in 
eine ihm bis dahin ganz fremde Welt. Vor dem echten Adel 
dieses Fürstenpaares hat sich der alte Hanseat gern gebeugt *. 
Seine Lehrthätigkeit an der Universität Hess ihm damals 
manche freie Stunde, zumal die Zahl der Hörer immer noch 
niedrig genug war und blieb ; doch ist auf seine Anregung und 
unter seiner Aufsicht eine Anzahl tüchtiger Promotionsarbeiten 
zu Stande gekommen^. So konnte er wieder aus dem Ganzen 
schaffen, die alten Arbeiten weiter pflegen und Pläne zu neuen 
anspinnen. Er ist, wie ein Jäger auf dem Anstand, stets auf 
dem Posten, wenn die wunderbaren Entdeckungen dieser Jahre 
in das Revier seiner Interessen herüberstreifen. Bald wird 
eine merkwürdige Inschrift formell und inhaltlich erläutert und 
der Name ihres Verfassers nachgewiesen (Philol. LIV 11 fi*.)*» 



* Nach den Erinnerungen Badiacher Collegen. Von der Erledigung 
dieser Aufträge Hess R. sich nicht leicht abhalten; gelegentlich ging er 
mit der Empfindung, ein Halbkranker zu sein, auf die Reise und wurde 
wohl auch einmal mitten in der Arbeit von seinem Leiden heimgesucht. 

* Ueberzeugter Monarchist war Rohde seit seinen Jünglingsjahren, 
s. oben S. 48. — Die drei bedeutsamsten Beiträge zur Geschichte des Ro- 
mans, mit denen der zweite Band der Kleinen Schriften eröffnet wird, 
sind in den Jahren 1894 — 1896 geschrieben. Rohde hat es sehr bedauert, 
dass er nicht Gelegenheit hatte, diese Studien in einer neuen Auflage 
seines Buches zu verwerthen. 

* Ueber die Gazäer (Seitz), Parthenios u. Ae. 

* In der Beurtheilung des Grenfellschen Fragments begegnet sich 
Rohde mit einem Aufsätzchen aus meiner Feder, auf das er nachträglich 
hinweist (vgl. Philol LV S. 353). Da zu dem Aufsatz Über die Inschrift 
aus TalnuH (Philol. LIV) in der Vorrede der 'Kleinen Schriften' nur einige 
textkritische Einzelheiten nachgetragen sind, mag hier nochmals auf ihn 



200 Papyrusfunde. 

bald findet eine neuentdeckte Dichtung auf Grund metrischer und 
ästhetischer Ausweise den rechten Platz im litterargeschichtlichen 
Fachwerk (Berl. philol. Wochenschr. 1896, 1045 = Kl. Sehr. 
II 1 ff.). Alte schon in Tübingen angefasste Probleme, wie 
die Zeit des *Philopatris', kommen zum Abschluss (Byz. Zeitschr. 
VI 1896 S. 475 ff. = Kl. Sehr I 411 ff.). Auch Herondas und der 
Aristotelische Athenerstaat wurden jetzt >mit freierem Sinn« 
im Einzelnen durchgearbeitet und in Seminarübungen ver- 
werthet, und die inmier wieder in fjist beängstigender Fülle 
heranfluthenden Papyrusfunde nicht nur für die Zwecke der 
Psyche ausgenutzt. 

Gerade solchen neuen und neuartigen, von den philologi- 
schen Comparsen oft mit verlegenem Lächeln begrüssten Er- 
scheinungen trat er mit einer Frische und Elasticität des 
Empfindens gegenüber, die von Altern und Einrosten wahr- 
haftig nichts verspüien liess. Man höre nur seine Charakteristik 
des ganz uud gar * unklassischen' (jrenfellschen Liebesliedes : >E8 
ist keine geringe Poesie. Die Leidenschaft des Herzens, das sich 
rathlos auf den Dornen seiner Schmerzempfindung hin und 
her wirft ... ist mit grosser Wahrheit ausgesprochen, durchaus 
ohne herkömmliche Phraseologie, in einem der natürlichen 
Empfindung aufs engste angeschmiegten Ausdruck <. Diese 
bescheidenen Reste eines spätantiken Realismus waren doch 
einmal wieder Kunst aus erster Hand, im Boden eines naiven 
Lebens wurzelnd, gesund und triebkräftig — und vielleicht 
wirklicli der Ansatz verschollener grösserer Bildungen ^ 

hingewiesen werden. Bemerkensw^ertli ist das von Rohde entdeckte Akro- 
stichon (Md^tp.0^ 5£xo'jpiü)v eypa'^^a), noch bemerkenswerther wäre der (S. 12) 
angenommene Wechsel von Sotadeen und akatalektischen Tetrametern, 
wenn die beiden Belege sicher wären. Interessirt hat Rohde die Inschrift 
als Document spiltantiker Religionsgescbichte imd als neues Beispiel für 
die Trauminspiratiou der Poeten (s. oi>en S. 60'-). Den schwierigen Ein- 
gang deutet er so: »Maximus soll auch im Schlaf (als Dichter) thätig 
sein. Ein Traum bringt ihn an den Nil; er hört unter den Nymphen 
die Musen singen ; er selbst bringt sein Gedicht zu Stande . . .» das er 
auf Geheiss des [Sonnengottes] Mandulis selbst nun nach Talmis bringt 
und dort anschreiben lässt.« 

^ Vgl. Kl. Sehr, n S. 8. 'J6. Die ästhetische Empfindung, die solche 
Urtheile bestimmt, war in Rohde schon lebendig, als er der Kunst der 
Hellenisten (im 'Roman') ihr eignes Recht und Gesetz zuwies. Vgl. auch 
oben S. 67. Wunderlich genug, dass immer noch (z. B. in der praefatio 



Revision der *p8yche\ 201 

Aber immer wieder erzwang sich der Gedankenkreis der 
Psyche erneute Aufmerksamkeit. Einzelne Punkte wurden in 
selbständigen Untersuchungen weiter ausgeführt , Positionen, 
die gefährdet schienen, durch mühsame Detailarbeit verstärkt ; 
dahin gehört vor Allem die feinsinnige Analyse der Nekyia (Rh. 
Mus, L = Kl, Sehr. 11 255), worin die in der Psyche angedeute- 
ten Ansichten über die Composition der homerischen Gedichte 
und die Geschichte des alten Epos genauer dargelegt und be- 
gründet werden. Obendrein hatte sich, bald nach der Ver- 
sendung der zweiten Hälfte, das Bedürfnis einer neuen Aus- 
gabe geltend gemacht. Um von dem Werke alle rein negative 
Polemik möglichst fern zu halten, schuf sich Rohde freie Bahn 
durch eine Reihe gehaltreicher Anzeigen ^ Gleichzeitig ging 
er an die Einordnung des neu herangewachsenen Stoffes, mit 
derselben Umsicht und Sorgfalt, wie bei der ersten Conception 
des Werkes ; jedes brauchbare Steinclien, das ihm eignes oder 
fremdes Finderglück herbeitrug, wusste er nachbessernd oder 
ergänzend an der rechten Stelle in den stolzen Bau einzufügen. 
Zu Aenderungen im Plan und in den Grundlagen verstand 
er sich nicht, wenn ihm auch die Gewagtheit gewisser An- 
nahmen jetzt klarer zum Bewusstsein kommen mochte, als 
mitten im Arbeitsfeuer. Was man auf den ersten Wurf so 
hingesetzt hat, bei voller Ueberlegung noch einmal hinzu- 
stellen, hat vielfach etwas Bedenkliches. Dennoch werde ich 
wohl an den Fundamenten so gut wie nichts ändern; ich 
müsste mich selbst ganz umkrempehi, um Alles zu erneuern 
. . . Sit ut esf!< [V. 30 XII 94] 2. 



der brauchbarsten Btikchylidesausgabe) der Versuch gemacht wird, in- 
commensurable Grössen (wie Bakchylides und Herondas) aneinander zu 
messen. 

* In den Heidelberger Jahrbüchern (Kl. Sehr. II 293 ff.) und der Ber- 
liner philologischen Wochenschrift (1896, 1045 ff. 1577 ff.; 1897, 751 ff.: 
1898, 270 ff'. Manche neue Erscheinung, mit der er sich damals herum- 
schlug, erregte sein lebhaftes Befremden, das sich brieflich noch viel er- 
götzlicher äussert, als in den Recensionen. Bei einigen, nach seiner An- 
sicht verfehlten Werken ergrimmte ihn die allgemeine assentaiio. »Es 
giebt keine Widerstandskraft gegen den Unsinn mehr«, sagt er einmal 
in einem an mich gerichteten Briefe. 

* Aehnlich meinte Rohde schon Ende 1893: »Ich wünschte nachträg- 



202 Creuzer und die Günderode. 

Wie um sich einmal in andrer Luft zu erholen, machte 
Rohde unter all diesen Arbeiten auch noch einen Ausflug ins 
^romantische Land'. Die bei allen Schwächen bedeutende 
Persönlichkeit Fr. Creuzers, dessen räthselhaft-hässliches Ant- 
litz über dem Arbeitstisch ins Seminarzimmer hineinschaute, 
hatte seine x^ufmerksamkeit auf sich f^elenkt. Im Eingang 
seiner Rectoratsrede gedenkt er auch dieses heute halb ver- 
schollenen Vorgängers mit der kühlen Ehrerbietung eines ge- 
schichtlichen Beobachters, der weiss, dass in jenem Manne die 
freilich längst überwundne Empfindung und Anschauung einer 
ganzen Generation ihren vollsten Ausdruck gewannt Aber 
es ist nicht Creuzer der Philologe und Mythologe, der ihm 
innerste Theilnahnie abnöthigte, sondern Creuzer der Mensch, 
und mehr noch als Creuzer (der ihm im Grunde dünn und 



lieh Manches in dem . . 2. Theil anders gemacht zu haben, finde freilich, 
das8 ich doch wohl stets auf denselben Kreis zurückgekommen wäre« [Rü. 
21 XI 93]. Mir schrieb Rohde h. Z. , dass er meine Kinwünde (die hier 
S. 182 f. kurz angedeutet sind, vgl. das litter, Centralbl. 1894, 61, 1858) 
nicht widerlegen könne, dass er sich aber auch nicht überzeugt fühle. 
Das oben mitgetheilte Bekenntnis zeigt mir, dass wir doch auch in Roh- 
de's Sinne das Recht und die Pflicht zu einer Revision gerade jener pro- 
blematischen Partien der Fundamente haben. Vor Allem wird die Her- 
kunft und Verbreitung der orgiastischen Dienste (nicht nur des Dionysos- 
kultes , sondern auch der Religion des Zeus Lykaios usw.) noch einmal 
zu untersuchen sein, schon um (wie Rohde selbst einmal sagt) eine vor- 
zeitige Krystallisirung der Meinungen in dieser durchaus problematischen 
Angelegenheit durch erneute Bewegung zu verhindern. Dass auch Nietzsche 
den Orgiasmus für eine echt griechische Erscheinung hielt, haben wir 
oben (S. 184 ff.) gesehn. Ich glaube, er wird gegen Rohde Recht behalten. 
Die Hinweise auf orgiastische Bräuche bei Homer werden gerade so als 
snrvirals zu «leuten sein (nicht als Anfange von etw^as ganz Neuem und 
Fremden), wie die Reste animistischer Anschauungen, in denen jene 
Bräuche wurzeln. 

* Der Stil seiner Polemik st«4it auch hier wieder in einem beraerkens- 
werthen Gegensatz zum s])äten NietzKche. Man lese nur die leidenschaft- 
lichen Invectiven geg^'n Creuzer's Zeitgenossen und Gegner Lobeck in der 
MTÖtzendänimerung', Werke VIII S. 171. Lobeck's Person wird hier im 
Grunde gar nicht getroffen. Das Unzulängliche in Lobeck's Ausfühiiingen 
ist aufs Conto einer Zeitanschauung zu setzen , des aus dem 18. Jahr- 
hundert herüberwirkenden Rationalismus, unter dessen Zwange er gerade 
so stand, wie Creuzer unter di^n der Romantik. Was Lobeck persönlich 
gehöil, ist durchaus echt und tüchtig; es wurzelt in seiner unerreichten 
Gabe und Kraft zum Be()l)achten, Sammeln. Sichten. Solche weiterzufüh- 
renden Activa fehlen bei Creuzer: trotzdem respectirt ihn Rohde als 
energischen Vertreter einer einst mächtigen Auffassungsweise. 



Studien zu den Romantikem. 208 

matt< erschien, wie seine Briefe) seine unglückliche Seelen- 
freundin. Die 1894 von der Heidelberger Bibliothek erwor- 
benen Briefe Creuzer's an die Günderode gaben die Lösung 
des dunkeln psychologischen Räthsels und führten tief hinein 
in jene Welt der Romantik, nach der Rohde schon oft hinüber- 
geblickt hatte. *Mit leiser Hand umblätternd' (wie es in einem 
Dankschreiben Ribbeck's heisst) lässt Rohde uns diese ver- 
gilbten Briefschaften durchsehn; Unbedeutendes oder gar zu Pein- 
liches schiebt er in sicherem Taktgefühl beiseite und weiss durch 
kurze Zwischenbemerkungen, wo es Noth thut vermuthungs- 
weise, den oft verschleierten oder zerrissenen Zusammenhang 
wieder herzustellend So glauben wir >die leidvolle alte Ge- 
schichte« selbst zu durchleben ; man legt das Buch mit der 
Empfindung aus der Hand, als ob man einen neuen Wei-ther 
kennen gelernt hätte. Wenn sich das wissenschaftliche Meister- 
thum hier, einem neuen Stoffkreise gegenüber, siegreich be- 
währt ^ : so hat den Hauptantheil an dem eigenartigen Reiz 
des Büchleins doch eine nachschattende und mitfühlende Dich- 
terstimmung, die bei einer unverkennbar mit künstlerischer 
Absicht gewählten skizzenhaften, ja scheinbar lässigen Dar- 
stellungsweise (ganz entsprechend dem intimen Stoffe) ein 
kleines Kunstwerk schuf. Stilistisch haben die Bemerkungen 
Rohde's einen ganz eignen Reiz; sie klingen, neben dieser 
überschwänglichen Brieflyrik, wie ein gehaltenes und doch 
stimmungsvolles Recitativ. Dabei ist der Ausdruck oft von 
einer eignen Sattheit und Lebendigkeit; man hört es heraus, 
mit wie jugendlichem Empfinden Rohde das schwüle Drama 
an sich vorüberziehn liess. In zwölfter Stunde waltete der 
Zufall als Vorsehung und spielte Rohde, aus den Schätzen 
des Freiherrn v. Bernus auf Stift Neuburg, die letzten, nicht 
veröffentlichten Dichtungen der Günderode in die Hand. Sie 
bestätigten dem litterarischen Psychologen, dass er diese Natur 
nicht falsch geschätzt hatte, wenn er sie tiefer autt'asste, als 
Andre. Rohde deutet nicht mit dem Finger darauf: aber aus 



* üen Anstoss zu dieser (ursprünglich für die Heidelberger Jahr- 
bücher bestimmten) Arbeit gab K. Zangemeistek. 

* So in der Datirung der Briefe (meist im Gegensatz zu L. Gkiger) 
und in der Zuweisung anonymer Dichtungen an die Günderode, S. 14. 



204 Philosophie und Philologie. 

der Charakteristik am Schluss seiner Darstellung (S. 123) 
geht es hervor, dass er hier, in einer christlich-romantisch 
gestimmten Menschenseele, dasselbe Erlösungsbedürfnis lebendig 
ringen sah, das er, als innersten Kern auch der antiken My- 
stik, verstehn gelernt und gelehrt hatte. So haben ihm doch 
wieder seine eigensten Studien in dies Dunkel hineingeleuchtet. 
Hervorzuheben ist noch Eins. Rohde hat selbst einmal 
die Sitte der hellenistischen Poeten und Schriftsteller be- 
sprochen, Freunden durch versteckte Citate aus ihren Werken 
eine Huldigung darzubringen. Und wie in der Psyche, be- 
gegnen wir auch in diesem letzten Werke den Spuren Nietz- 
sches. So ist das Schlagwort, mit dem Rohde Creuzer's 
Philologie charakterisirt : philosophia fkhat quar philohgia 
fuvrat (p. VI) aus Nietzsche's Baseler Antrittsrede über Homer 
entlehnt (1869, Werke IX S. 24) K Es ist der junge Nietzsche, 
auf dessen Antlitz er sein Auge weilen lässt. Aber ist diese 
Huldigung, im gegel)enen Zusammenhange, nicht zugleich eine 
Kritik? In der That, Rohde's Zutrauen zu der Tragfähigkeit 
philosophischer Speculation ist in jenen Jahren nicht gestiegen. 
Was er kannte von Versuchen, zu letzten Einsichten und 
Zwecken vorzudringen, hielt vor seiner Skepsis nicht stand. 
Resignirt meinte er schliesslich, ein Stück schlichter Arbeit 
zu bleibender Nutzung hingestellt zu haben, scheine ihm immer- 
hin ein Trost in diesem zweideutigen Leben, dessen Zweck 
kein Mensch angeben kanu'^ [Schm. 20 VI 96]. 



So ])lieb Rohde weiter im alten Arbeitstrott . Mit dem 
Gedanken, einiual gründlich auszuspannen, hat er wohl oft 
genug gespielt, al)er niemals recht Ernst gemacht ', Dabei 
wollte ihn die unheimliche Empfindung, dass sein Leiden, auch 



* Rohde kannte sie länj^st aus dem von dem Freunde veranstalteten 
Privatdruck. 

- Es klingt wehmüthig genug, wenn er sich nun vornimmt, »alle 
Ferien gründlich auszunützen: wer weiss wie viele man noch hat.« Seine 
Zuflucht war meist Baden-Baden, »der einzige Ort diesseits der Alpen, 
wo man zu jeder Zeit Sonnenschein und Waldluft athmen und sich etwas 
ausstauben kann« [V.]. 



Todesahnungen. Die Familie. 205 

in besseren Tagen, fortglimme, kaum noch verlassen. *Mir 
geht es nicht extra< — sagt er in seiner schlichten Art — , 
»Mancherlei beengt und beängstigt mich^ [Schm. 20 VI 96]. 
Er hat gewusst, dass es zu Ende ging. Aber was ihn quälte, 
war weniger der Gedanke an das eigne Schicksal, als die 
Frage, was aus den geliebten Angehörigen werden solle, deren 
Existenz so unbedingt auf der seinen nihte. Fast wider Willen 
verräth sich in den Briefen sein sorgendes Vaterherz. Damals 
Hess er die älteste Tochter die Seminarklassen besuchen, > nicht 
um dieser ^Bildung' willen«, sondern um ihr >die Möglichkeit 
eignen Verdienstes offenzuhalten^ ^ Solche Sorgen legten sich 
wie ein grauer Nebel selbst vor die letzte grosse Freude seines 
Lebens, das Heranwachsen des jüngsten Söhnleins. Aber bald 
verschwinden alle Schatten, wenn er von seinem Hans Adolf 
spricht. Selbst bei der Arbeit wollte er die Nähe des gelieb- 
ten Kindes nicht missen, während er sonst durch die kleinste 
Störung um die rechte Stimmung gebracht werden konnte ^. 

* In einem Brief an Rühl meint er, er möchte wohl ein reicher Mann 
sein, um der Tochter das ersparen zu können [Rü. 16 XII 95]. »Ich 
wünsche ihr freilich diese Lehrerinnenplage nicht ernstlich, sondern ein 
normales Frauenlos. Immerhin besser so eine, wenn auch angestrengte 
Thätigkeit, als das elende Herumdämmem in weibischen Nichtigkeiten, 
wie es unverheirathete Damen sonst meist aufführen« [V. 17 II 96]. Bei 
dieser Gelegenheit sei bemerkt, dass Rohde in Zeiten, wo sich die Mehr- 
zahl der Docenten gegen das Frauenstudium ablehnend verhielt, einige 
genügend vorbereitete Hörerinnen in seinen Vorlesungen zugelassen hat. 

* Sogar der alte burschikose Humor meldet sich, wenn er etwa die 
neusten Erfahrungen in der Kinderpflege und mit den Kindspflegerinnen 
schildert [R. 15 I 96]. 



206 



XII. 

Das Ende, Zur Charakteristik. 

(1897. 1898.) 



Das letzte Lebensjahr brachte Rohde noch manches sicht- 
bare Zeichen des Erfolges, vor Allem die Ernennung zum 
correspondirenden Mitglied der Münchener Akademie und eine 
Berufung nach Strassburg ^ die ihn freilich, Dank dem schnellen 
Eingreifen des badischen Ministeriums, nicht lange in Athem 
hielt. Auch andre Ehren blieben nicht aus '^. Dazu >ver- 
mehrte sich die Zahl der Studenten wieder stetig <^ ^, und 
manche Gefahr, die Rohde für seine Lehrthätigkeit gefürchtet 
hatte, schien gnädig vorüberzuziehn. Aber sein Leben blieb 
tief umdüstert durch das peinvolle Tjeiden, das dem so jugend- 
lich fühlenden Manne bald jede starke Bewegung und Er- 
regung verbot. Geradezu vernichtend traf ihn im Beginn des 
Jahres die hoffnungslose Erkrankung seines spätgebornen jüng- 
sten Söhnleins. Als nach einem kurzen Leben voll Sonnen- 
schein* sein liiebling von ihm ging, nahm er den letzten Rest 
der Lebenskraft des Vaters mit hinunter in's Grab. 

Es giebt Nichts, worin sich das tiefste Emptinden Rohde's 
so bezwingend auss|)räclie, wie die Briefe, die er sich in diesen 

^ Die Anr«'<rung dazu war von Tji. Nüldkkk ausgegangen, der Rohde 
schon in «einen Kieler Anlangen richtig eingeschätzt hatte, s. oben S. 51. 63. 
»loh bleibe auch im Ganzen gern hier*, schrieb R. einige Monate später; 
»Heidelberg hat immerhin viel i)ersönliche Vorzüge vor Strassburg. . .c 
[Rü. 23 Hl 07]. 

- Rohde war zuletzt badischer (ieheimer Rath und im Besitz der 
üblichen Ordensauszeichnung. 

•'' »Ich habe wenigstens 25 im Colleg, darunter freilich ein Weib!c 
[Rü. 23 III 97]. 



Der Tod des Söhnchens. 207 

dunkeln Monaten abgerungen hat. >Da8 war ein trauriger 
dunkler Winter — heisst es in einem Schreiben an Kühl, 
— , -der jetzt zögernd von uns Abschied nimmt. Der Ver- 
lust unsres geliebten Kleinsten hat micli tiefer erschüttert als 
ich sagen kann ... Es war ein fröhliches und liebevolles, 
schon zu einem deutlich sich aussprechenden Charakter ent- 
wickeltes kleines Wesen, unser aller tägliche Freude, wahrhaft 
das Licht unsres Lebens . , . Ich kann nicht ohne Erzittern 
des Herzens an diese schrecklichen Tage und Nächte zurück- 
denken, in denen es uns stufenweise ferner gerückt und zu- 
letzt ganz entzogen wurde ; die Verdammten in der Hölle 
können nicht tiefer leiden. Ich bin zu alt, um diesen Verlust, 
diesen mir eigentlich immer ums Herz schwebenden Kummer 
noch ganz verwinden zu können . . . Ach, wir liebten ihn, 
und lieben ihn in Ewigkeit . . .< Vergebens suchte Rohde Trost 
und Vergessen in einer Heise über die Alpen, bei der ihn 
seine Frau begleitete ; diesem Dämon gegenüber blieb der Zau- 
ber des Südens ohnmächtig ^ 

Aber immer wieder rang sicli sein elastischer Geist empor 
zu Stimmungen ruhiger Betrachtung und gesammelter Arbeit. 

* Noch im Herbst — kurz vor seinem Tode — achreibt er: vDie un- 
ausgefüllte Lücke am Tisch und im Zimmer mahnt uns täglich, was wir 
verloren haben — niemals schUesst sich diese Wunde, der leiseste 
Stoss reiöst sie auf. Mein Kind ! Ich werde das, so lange oder kurz mir 
die Zeit noch zugemessen ist, nie vergessen können ; das Leben hat eine 
schmerzlichere Färbung angenommen und niemals scheint uns Eltern die 
Sonne mehr ganz hell und heiter: es steht immer ein dunkler Fleck da- 
vor . . .« [Schm. 29 IX 97]. Unvergleichlich ist ein Brief an Ribbeck 
[11 I 97] aus den Tagen des frischesten Schmerzes: ein Threnos von 
fast dichterischer Kraft, den man freilich abdrucken zu lassen sich scheut 
— der Schluas dieses Briefwechsels. Gehaltener klingen die Worte, in 
denen er einen Monat später seines Verlustes in einem Beileidschreiben 
an Ribbeck's Frau gedenkt: >Ich kann ungefähr ermessen, wie viel Sie 
mit Ihrer Schwester verlieren, wie nun Ihr Leben ärmer wird an Sorge 
und Freude, und an Liebe. „ Ohne Liebe lebt man nicht, das ist richtig, 
Sie macht's Leben wichtig" — ein kindischer Spinich und wie tiefe Er- 
fahrung spricht er aus ! Mir blutet noch das Herz im stillen weiter an 
dem Schmerz um den Hingang unsres geliebten Kleinen ; ich verstehe aus 
tiefster Sympathie, was Sie nun im Stillen leiden werden. Was soll man 
davon sagen? ^Schweig, leid' und trag ....•* Ach, der Leib ist doch 
nur der untergeordnete Diener; was wir lieben, was uns wiederliebt, das 
wollen wir haben und nicht loslassen, das ist unser einziger wah- 
rer Besitz.« löo'j ö Ävd-pwTioc. 



208 I^ie zweite Ausgabe der Psyche. Das Ende. 

Am 27. November 1897 konnte Rohde die Vorrede zur zweiten 
Auflage der Psyche absenden. Wer spüi*t in seinen vornehm- 
gelassenen, an einigen Stellen wie mit halbem Lächeln vorge- 
tragenen Geleitworten einen Schatten des Kummers, der so 
schwer auf seiner Seele lastete ! Eines litterarischen Angriffs, 
der ihn seiner Zeit in grimmige Entrüstung versetzt hatte, 
gedenkt er allerdings mit scharfer Ironie: aber selbst über 
diesen Worten liegt eine eOoc'a, die seiner Polemik in den 
letzten Jahren fremd geworden war. 

Noch am siebenten Januar des neuen Jahres schrieb 
Rohde eine lichtvolle Besprechung von Roscher's Buch über 
die Kynanthropie (Kl. Sclir. II, 216) ; die alten Probleme 
Hessen ihn nicht zu Ruhe kommen. Am zwölften wollte er 
trotz aller Beschwerden seine Vorlesungen wieder aufnehmen. 
Am Ta^e vorher nahte ihm der Tod, als »der schöne, heilende 
Dämon, wie er es schon in jungen Jahren geahnt und ge- 
wünscht hatte. In dieser letzten Leidenszeit hat Rohde den- 
selben geistigen Heroismus bewährt, wie einst sein unglück- 
licher Freund - gestützt freilich und getragen durch eine 
Genossin, die das eigne Leben einzusetzen bereit war, um das 
seine zu retten'. Er ging dahin wie ein Held nach gewon- 
nener Schlacht, im Vollbesitz seiner geistigen Gaben und auf 
der Höhe seiner Erfolge. Haus zu halten mit seiner Kraft 
hatte er nie recht gelernt. Schön zu leben schien ihm wün- 
schenswerther, als zu leben - - nach der Lehre eines jener 
alten Weisen, die ihm allezeit melir gewesen sind, als litte- 
rarische Probleme. So war es gerade für ihn eine Gnade, 
dass er 'aufstehu durfte vom Mahle des Lebens, ehe die Kerzen 
bleicli werden und der Wein sparsam perlt' *. 



^ Nicht gar zu lanjjfc, nachilem diese Worte geschrieben waren, iat 
8ie dem Gatten hinüber^efolgt. 

'^ Mit den Worten der Karoline von Günderode (Schniid S. 104). »Man 
wird nicht reicher durch längeres Lehen« sagt er einmal [Rü. 21 XI 93] 
in einer Zeit der Depression, wo er sich »schon viel zu alt« vorkam. Er 
wollte wie der, in der Psyche mit fühll^arer Sympathie geschilderte Epi- 
kur, lieher intensiv leben, als extensiv, *'m dem Moment alle LebensfttUe 
zusammendrängend, so dass das kurze Leben allen Inhalt eines langen 
gewinne <. 



Zur Charakteristik. Temperament. 209 

ROHDE gehörte nicht zu den ^£ta t^wvxs;. Er hat an 
seiner sonderbar aus den verschiedensten Elementen gemisch- 
ten Natur*, zumal in Jüngern Jahren, schwer genug getragen 
und anders geartete Freunde wohl einmal beneidet um ihren 
»friedlichen, halky(mischen, windstillen Sinn ^ K In der Erregung 
des Augenblicks blieb er nicht immer Herr seines stürmischen 
Temperamentes und Hess sich dann auch in seinen Aeusse- 
rungen und Urtheilen über die Grenze hinausreissen, die er 
bei ruhigem Blute als berechtigt anzuerkennen keinen Anstand 
nahm^. Freilich, dem conventionellen > artig und bescheiden 
Thun< hat er sich wohl nie recht zu fügen vermocht. Er 
hielt es mit der antiken [izyxkof^ux^a, die er schon im *Roman', 
an einer ganz persönlich gestimmten Stelle, mit unverkenn- 
barer Sympathie geschildert hat ^. So war dieser ^einsame, stolze 
Mensch' im Verkehr nicht ohne Ecken und Kanten, an denen 
sich der einigermassen verzärtelte , ^chinesische' Geschmack 
der Gesellschaft zu stossen pflegte. „Ich tolerire sie" — 
schrieb O. Ribbeck — „als natürliche Krystallisationen seines 
edlen, gediegenen Kerns und sein verborgenes Feuer wärmt 
mich'' *. 



* Die angeführten Wendungen sind Briefen an Volkelt entlehnt, 28 
n 87. 25 XII 89; ähnlich M. 21 XI 69. Was er nicht hatte, zog ihn bei 
Persönlichkeiten, die in seinen Kreis traten, am stärksten an. Bei Män- 
nern, wie OvERBKCK, VoLKKLT, auch W. ScHMiD glaubte er's zu finden. 
Vor Allem aber schien ihm der junge Nietzsche glücklich zu preisen ob der 
•Ganzheit seiner Studien« und der Fähigkeit, seine besten Kräfte in eine 
harmonische Einheit zusammenzufassen und das »Dreigespann* seiner 
philologischen, philosophischen und künstlerischen Neigungen zu Einem 
Ziel zu lenken. Um so rathloser stand Rohde da, als für Nietzsche, Ende 
der Siebenziger Jahre, die Periode der innern Kämpfe begann. 

' Ich kenne mehr als einen Fall, wo Rohde nach scharfen, persön- 
lich zugespitzten und zu einem latenten Kriegszustand führenden Debatten 
selbst zuerst einlenkte und die Hand zum Frieden bot. 

* *Der Gr. Roman' S. 318 f. Sehr bezeichnend ist eine Betrachtung 
über die ^Bescheidenheit', die etwa gleichzeitig mit jenem Abschnitt ge- 
schrieben wurde (Cog. 61). In einem der letzten Briefe an Rühi [23 III 
97] sagt er von seinen Kindern: »sie sind . . von Herzen gut und edel, 
wie es — warum soll ich es nicht vor einem Freunde aussprechen — 
mein und meiner Frau Kinder gar nicht anders sein können«. Hier 
spricht die Gesinnung >des adligen und als solchen sich wohl erkennen- 
den Geistes und Charakters«. 

* 0. Ribbeck, Brief 173 S. 275. S. oben S. 4. 

Grasiu«, E. Rohde. 14 



210 Phantasie und Gemüthsleben. Humor. 

Das Triebleben der Emptindung und Phantasie war bei 
Rohde reicher entwickelt, als dem modernen Normalgelehrten 
wünschenswerth erscheinen würde. Er konnte sich , gleich 
seinem Jugendgenossen, zu Höhen emporgehoben fühlen, die 
sonst nur der Begeisterung des Künstlers erreichbar sind. 
Aber auch hinabgestossen in die dunkelsten Tiefen. Jede 
Periode seines Lebens brachte ihm neben grossen Erfolgen 
bittre Enttäuschung und schmerzlichen Verlust \ Solche Er- 
lebnisse erschütterten ihn bis in die letzten Wurzeln ; er 
hatte jene gesteigerte Fähigkeit zum Schmerzempfinden, von 
der er in seinen Tagebuch})lättern spricht (z. B. fV>//. 72). Den 
wenigen Freunden gegenüber gab er sich, in seiner Begeisterung, 
wie in seinem Kummer, ohne Vorsiclit und Rückhalt, mit einer 
nahezu dichterisch wirkenden Kraft naiver Selbstdarstellung ^ 
Aber öffentlich die Rolle des Schwärmers oder des Iwmme 
thwln'eux zu spielen , war ihm widerwärtig. Er verschloss 
und versteckte seine tiefsten Stimnmngen peinlich vor fremder 
Neugier, am liebsten unter der Maske eines derben, ja grot- 
tesken Scherzes. Wie der Humor in der Kunst als Comple- 
mentär färbe des Tragischen erscheint, so ist er ein wesen- 
haftes Element dieser herben und hochgestimmten Mannes- 
seele. Schon in den Jugendbriefen giebt es Einfälle, die an die 
drollige Anmuth eines Billets von Gottfried Keller erinnern. 
Wie unerschöpflich diese humoristische Ader })ei Rohde spru- 
deln konnte, weiss Jeder, der mit ihm in guter Stunde zu- 
sammengesessen hat ^. 

* Wer (liMii (liiTii,' dieser Erzählung gefolgt ist, wii'cl wissen, was ich 
meine. Er seihst deutet einmal hin auf die beiden grossen Schmerzen der 
Jugendzeit, die Trennung vom Klternhaus {Cog. 8^) und den unvermeidlichen 
Bruch mit der (ieliehten. Noch schwerer mag er in den letzten Lebens- 
jahren den Verlust des Fr(Mindes und des Kindes empfunden haben. 

* Das Ti«*fste und Ergreifendst«; hielt ich mich nicht für berechtigt, 
ins Licht der 0^'ti'entlichkeit zu zi«din ; man würde damit zu schwer gegen 
Rohde's Empfinden sündigen. Hohde könnte freilich dabei nur gewinnen. 

** Vgl. oben S. 5L 166. Es ist sehr bezeichnend, dass Rohde nicht gern 
pathetisch sprach, oder gar declamiiie; solche Stimmung behielt er lieber 
für sich. Höchhti'us \mter vi(!r Augen konnte man ihn einmal, etwa Verse 
von Nietzsche, recitiren hören Dagegen Hess er sein wundervolles Talent 
für Mimik und Komik gern spielen; man schmeckt das selbst aus seinem 
Briefstil heraus, wenn er dialektische Formen und Redensarten anwendet 
und sich plötzlich in einen 'Sächser' oder 'Schweben' verwandelt. In Kiel 



Beobachtungsgabe. Scharfsinn. Selbstzucht.Geschichtliche Intuition. 211 

Trotz dieser |?eradezu an ein Künstlerteniperanient ge- 
mahnenden Eigenschaften , hat Rohde nichts vom Schön- 
redner und Phantasten an sich. Mit unerbittlicher Energie 
fegt er aus der Region, wo der Verstand das Herrenrecht 
hat, alle Unklarheit und träumende Willkür hinweg. Nichts 
konnte ihn mehr erbittern, als das In-Curs-setzen tic- 
tiver Werthe \ wo die Mittel methodischer Arbeit echtes 
Metall zutage zu fördern versprachen. Er kann sich nicht 
genug thun im Sammeln und Sichten des Materials, im Beob- 
achten, Combinieren, Hin- und Her-Ueberlegen '^, In strenger 
Selbstzucht, andre Seiten seines Wesens oft gewaltsam nieder- 
zwingend, macht er einen nüchternen, kühlen Scharfsinn zum 
Herrn im Hause und lässt keinerlei Xebenregiment aufkommen. 
Er bewährt hier eine sittliche Energie, die in Wahrheit vor- 
bildlich genannt werden kann. 

Aber bei alle dem blieb er sich der Unzulänglichkeit und 
Beschränktheit jeder rein beobachtungs- und verstandesmäs- 
sigen Erkenntnis immer bewusst. Wie er einer nicht streng 
beweisbaren Metaphysik ihr Recht einräumte, so auch, in ge- 
messnen Grenzen , der nachschatfenden Phantasie , der ge- 
schichtlichen Intuition und Construction '^, Wohin es ihn 
drängte: zu einem wirklichen Anschauen und Nachempfinden 



spielte er, in schwerer Zeit, eine derb komische Rolle auf einem Liebhaber- 
theater, »als sentimentaler Harlekin«, wie er damals an Ribbeck schrieb. 
Auch Frau Dr. Förster-N. erinnert sich an mimische Improvisationen Roh- 
de's, die von überwältigender Komik gewesen seien. 

* In seinen Werken wird man vorschnell hingeworfene Hypothesen 
überhaupt nicht tindeii. Eher ging im Gespräch (auch im sermo familians 
des Briefes) das Temperament mit ihm durch ; zumal wenn er sich zum Wi- 
derspruch gereizt fühlte, konnte er die gewagtesten Behauptungen aufstellen. 

* Gerade bei einigen Angehörigen der jüngsten Generation, die sich 
im Besitze des Arcanums einer ganz besonders treftiichen Methode glaub- 
ten, sah Rohde nur die Fähigkeit, > durch allerlei Windbeuteleien den 
Vorrath an abgeschmackt(»n Annahmen noch zu venuehren". 

' Sehr bezeichnend sind die Stellen der Psyche, wo er des geistreichen 
Buches von FusTKL DK CouLANOKS gedenkt (1*166,2; 2|3, 2). Man fühlt *^ 
ihnen an, wie ungern Rohdt; es sieh versagt, dem Verfjisser auf ein doch 
gar zu problematisch erscheinendes Gebiet zu folgen, und liest zwischen 
den Zeilen, dass er im Innersten glaubt, was er von seiner Darstellung, 
als unbeweisbar, ausschliesst. Auch die Grundgedanken der Pokmiik für 
Nietzsche's Geburt der Tragödie gehören hierher; sie behielten für Rohde 
in der Hauptsache ihre volle Giltigkeit. 

14* 



212 Gesammteindruck. Leben und lieber Zeugungen. 

dieser versimknen Kultur — war ohne eine solche, wesent- 
lich aus dem Subject stammende Ergänzung und Organisirung 
des Ueberlieferten nicht zu gelangen. Zumal in den Haupt- 
werken verbindet er mit der grössten Vorsicht die grösste 
Kühnheit, mit der saubersten Einzelbeobachtung den Blick 
aufs Ferne und Ganze, mit strenger Schärfe des Denkens nach- 
empfindende Poetenstimmung, kurz, *den kühlen Kopf und 
das warme Herz' des grossen Gelehrten. Bei aller Schärfe 
der Kritik, bleibt sein Geist stets positiv gerichtet, schauend 
und aufbauend, voll kühner Pläne, und unerschöpflich an 
Material und Kraft, sie zu verkörpernd Blickt man zurück 
auf seine wissenschaftliche Thätigkeit, fühlt man sich versucht, 
auf ihn zu übertragen, was (in einem wohlbekannten Buche) 
von einem Gewaltigeren gesagt ist: „Er schreitet vorwärts in 
gemessnen Schritten ; kein Schritt wird zurückgenommen, keiner 
wird übereilt; jedes Werk erscheint als die Frucht eines reifen, 
sich lange berathenden, tief nachdenkenden Verstandes". 

So ist es Rohde als Schriftsteller wirklich gelungen, was 
er sich in einem Jugendbriefe wünscht: all die Töne, die in 
ihm erklangen, zu einem vollen und harmonischen Accord zu- 
sammenzufassen. Und dieser Accord tönt doch auch in sein 
Leben hinein als Grundstimmung und Auflösung aller Disso- 
nanzen. In seiner schlichten Arbeit regten sich seine besten 
und tiefsten Kräfte. Von dem festgegründeten Boden seiner 
Sonderwissenschaft aus fand er den Zugang zu allen Fragen, 
die ihm als Menschen nahe gingen. Die Idee des Hellenen- 
thums<, in deren Dienst er sich in jungen Jahren gestellt 
hatte, hielt Stand, ja sie wuchs nur höher empor, je höher 
Rohde selbst seine Gedanken richtete. Sie blieb ihm die ewige 
Ki'aftquelle, von der alle spätere Wissenschaft und Kunst — 
und auch die speculative Ausgestaltung des Christenglaubens^ 
— Leben und Richtung empfangen hat ^. So lag für ihn (wie 

* Zumal in Jugendbriefen gebraucht er gern die (wohl von ihm selbst 
geprägft«) Formel in positivo salus. 

* Man vergleiche besonders den Schluss der Psyche. Nietzsche sagt 
in dem, oben S. 156 f. citirten Briefe, Rohde habe, wie die meisten Philo- 
logen, nur ein zufälliges, kein nothwendiges Verhältnis zu seiner Wissen- 
schaft. »Solehe Aeusserungen zeigen doch, wie fremd ihm Rohde's Denken 



Die Antike als Wegweiser zu einer nenen Kultur. 213 

für seinen Freunil) der günstigste Standpunkt für eine univer- 
salgeschichtliche Betrachtung der Kultur durchaus auf dem 
Boden der Antike : hier war der grosse Kreuzungspunkt, auf 
dem alle Strassen und Wege schliesslich zusammenliefen \ 

x\ber Rohde stand der Antike nicht nur als Historiker 
gegenüber. In ihm blieb inmier etwas lebendig von der phi- 
losophisch- reformatorischen Stimmung seiner Jugendjahre, und 
er hat manches scharfe Wort gesprochen über die altklugen 
Kritiker >im neuen Reich, die diese unvergleichliche Welt 
mit süffisanter Ueberlegenheit behandeln zu dürfen glaubten, 
*in dem satten Gefühl, wie wir's so herrlich weit gebracht^ ^. 
So wenig Rohde die Absicht hatte, einem flauen Classizismus 
das Wort zu reden und unser Ziel hinter uns zu stellen : 
der Meinung war und blieb er allerdings, dass auch auf 
den modernen Menschen — und gerade auf den modernen 
mit seiner raffinirten Barbarei' — die Erkenntnis griechi- 
scher Art >imperativisch wirken müsse. Ein tiefes Bedürfnis 
nach voller Menschenbildung, auch in anders gestimmten Zeiten, 
zu erwecken und wach zu erhalten^ — erschien ihm als eine 
hohe Aufgabe seiner Wissenschaft*^. Wer diese Blätter ge- 
lesen hat, weiss, dass es Rohde ganz persönlich Ernst war 
mit diesen unmodernen Gedanken und Idealen. Er wollte kein 
V gelehrtes Gespenst sein; auch seine Arbeit sollte ihm vor 
Allem dazu dienen, jede Kraft des Geistes und Gemüthes- , 
die in ihm wohnte, zu nähren und zu steigern ; und wenn er 
seinen Blick immer wieder auf das Hellenenthum zurückwandte. 



und Schaffen geworden war. Rohde hatte damals sein Hauptwerk unt^r 
den Händen. 

* Man darf annehmen , dass Rohde , wenn ihm ein längeres Lehen 
beschieden gewesen wäre, auf seine kulturgeschichtlichen Pläne zurück- 
gegriffen hätte. S. oben S. 193. 

« S. oben S. 46 f. 173 f. 

^ Man vergleiche die Kl Sehr. I p. XXVI f. ausgehobenen Stellen 
und oben S. 47 tf. 58 f. Hier ist der Punkt, wo sein Interesse für die 
Schulpraxis entspringt, von der er mehr verlangt, als blosse Routine. 
In den Heidelberger Jahren hat R. übrigens wiederholt geäussert, dass 
»ein erfolgreiches Schulmeisterwirken« vielleicht »wohler thut, als dies 
Soliloquium auf dem Lehrstuhle (s. unten S. 272 f.). Hier sprechen per- 
sönliehe Erfahrungen mit, die er damals zu machen Gelegenheit genug 
hatte. 



214 PersönlicheB. 

SO that er es, weil er in ihm den sichersten Leitstern sah auf 
dem Wege nach jenem tenien Ziel einer edleren Kultur«. 
Mancher von denen, die sich heute Philologen nennen, mag 
fast befremdet in diesen letzten und tiefsten Grund von Rohde's 
Ueberzeugungen hineinblicken '. 



Rohde ist als Persönlichkeit vielfach verkannt worden. 
Er selbst that wenig, um das zu verhüten. Der kleine Kreis 
von Freunden, in dem er sich aufschloss, wusste, wess Geistes 
Kind er war. „Wenige Menschen** — schreibt einer dieser 
Freunde * — „waren von so grosser, echter Güte des Herzens, 
so unberührt von Selbstsucht und Eitelkeit, von einer so grossen 
und freien Auffassung des Lebens *\ 



* Zu den Kl. Sehr. I S. XXVI ausgehobeneu Sätzen tritt, als persön- 
liche Confession, die 1879 geschriebene Anzeige von Ribbeck's Ritschi- 
Biographie, Kl. Sehr. II S. 452. Der «gelehrte Pedant und Philister« wird 
hier aber doch seinem Gegenfüssler, dem feuilletonistischen Schwindler, 
vorgezogen. 

* Franz Rühl in einem Brief an mich, dem ich mancherlei Auf- 
klärung verdanke. 



A N U A N G 



COGITATA 



APHOKrsMEN UND TAGEBUOUBJ.AKTTER 



ERWIN R O H Ü E S 



217 



COGITATA 



1867. 



Was soll ein innerlich frei gewordner Theologe seinen Zu- 
hörern sagen? Tonte l(i r/ritr et rien que lu eerite!'^ Das ist 
leicht decretirt. 7^/^// que In rerite sollte jedermann stets sagen : 
aber tonte la rerite der unmündigen Masse — und unmündig 
sind hierin von zehn Menschen mindestens neun — zu bieten, wäre 
nutzlos und gefährlich. Nutzlos — denn die Leute wissen ohne 
Kinderfabeln nicht zu leben: und so wäre die kurze Wahrheit 
in all ihrer Unbarmherzigkeit für sie viel zu gut ; gefährlich — 
denn die Masse der Boshaften . . . bedarf einer guten starken 
Kette . . . Endlich wäre es thöricht, der schadenfrohen Menge 
auch noch das Schauspiel eines misshandelten Guten und Ver- 
ständigen zu geben. Also rien que la rerite immerhin : d. h. man 



* Von den verschiedenen Notizblättern und Heften, die mir vorge- 
legen haben, trägt das älteste (1867 f.), in zierlich ornamentirten Zügen, 
die Ueberschrift Cogitata. Das ist bezeichnend. Schopexhaükr hat einen 
seiner handschriftlichen Sanimelbände so betitelt, und jene Aufzeich- 
nungen aus den Studentenjahren (aus denen hier nur wenige Nummern 
als Probe mitgetheilt werden) sind in der Wolle schopenhauerisch gefärbt. 
Wenn ich die ganze Auswahl so benannt habe, so wird man sich dies 
pars pro toto, das uns das Citiren erleichtert, füglich gefallen lassen. 
Manche der anziehendsten Stücke mussten wegbleiben, da sie zu per- 
sönlich gehalten waren; sie sind aber meist irgendwie in der Dar- 
stellung verwerthet. Die (fett oder cursiv gedruckten) Jahreszahlen und 
Ziffern sind von mir zugesetzt; Rohde hat nur die ersten Abschnitte num- 
merirt Kleinere Auslassungen werden mit Punkten (...)> grössere mit 
Sternen (* ^ *) bezeichnet. 

* Mit Nr. 1 auch in dem Heft bezeichnet. 



218 Anhang. 

hiilte sich an den Theil der Wahrheit, der innerhalb der fest- 
gesetzten Kirchenlehre liegt ; und so wird der Theologe eine 
segensreiche Wirkung ausüben , indem er dem Willen seiner 
Zuhörer edle, über die Befriedigung des Thiers hinausliegende 
Motive zu geben versucht und auch wohl giebt. Aber seine 
schwer errungenen metaphysischen Ueberzeugungen verschliesse 
er ... im eignen Busen und in dem weniger Freunde ; er theile 
sie nur dem mit, der einen eigentlichen Einblick in sein Inneres 
mit reinem Willen und gebildeten Verständnis verlangt. Wer 
mit dieser Ueberzeugung theologisch zu wirken übernimmt, der 
arbeitet an dem Baue der Zukunft. . . . Wer ^vürde ihn be- 
neiden um diese reservirte Stellung, in der er sein Bestes stets 
verdeckt halten muss : aber wer von uns darf es denn ungestraft 
wagen, der ]\Ienge auch nur auf Augenblicke einen der tiefsten 
und scheuesten Winkel seines Herzens zu öffnen? . . . 

Hamburg, 27. 7. 67. 



91 



Die Tragödie, fordert Diderot, soll Individuen zeichnen, die 
Komödie, richtiger das Schauspiel, Gattungen. Und doch hatte 
ich neulich bei erneuter Anhörung der Minna von Bamhelm ge- 
rade das entgegengesetzte Gefühl. 

Es gehört die ganze Liebe zu Lessing, die ich besitze, dazu, 
um die Erlaubnis zu haben, den Charakter des Tellheim wenig 
interessant zu finden ... So Hegt ein Fehler darin, dass man Tell- 
heinis Charakter, wie L. in dem Titel selbst thut^, so kurzweg 
auf den Namen %S t o 1 z' ziehen kann. Die interessanten, der 
Darstellung würdigen Menschenindividuen lassen sich nie so kurz- 
hin unter eine Rubrik einreihen : man muss sie studiren ehe man 
sie kennt: und dann wird mau den und jenen Charakterzug ihnen 
vindiciren können, aber einfach registriren kann man das Ganze 
nicht. Ein Buch, ein Roman, ein Drama, aus dem man eine 
Moral in Einem Spruch ziehen kann, ist platt : nichts lächerlicher 
als aus Shakespeares Dramen eine Moral als Quintessenz pressen 
zu wollen ! Der Grund ist dieser, dass ein Roman wie ein Drama, 
denn doch das Leben, wenn auch mit dem Auge des Künstlers 



» Bei Rohde Nr. 4. 

'^ Das ist wohl ein Vorsehen. 



Cogitata 1867. 68. 219 

(d. i. Genies, welches hineinzudringen weiss in das eigentliche 
Heiligste des Lebens, und Gestalten schafft, als wäre es selbst 
der bewegende Geist) also das Leben zuletzt doch immer dar- 
stellen soll : und was sie dabei als unkünstlerisch abstreifen sollen : 
das ist doch nur das Unwesentliche, aber gewiss nicht das, 
was das eigentliche Wesen der 'Welt als Vorstellung' 
ausmacht, innerhalb derer sich ihre Darstellung bewegt. Das 
aber ist das Individuelle, die ganz 'incalculable' Mischung 
von warm und kalt, gut und böse . . . 

Der Stolze, der Misanthrop, der Geizige, der Edle läuft 
so wenig in der Welt herum, wie der Mensch, der Mann ; und 
wenn allerdings die (Platonische) Idee all diesem bunten Man- 
cherlei zu Grunde liegt, so soll der Künstler uns doch zuerst 
eine Figur geben die lebt und lebensfähig ist : und das kann 
nur der individuell gestaltete Charakter. Mit alle dem 
soll natürlich nicht gesagt sein, dass dem Dichter eine unlogische 
Charakterentwicklung erlaubt sei, wie das Leben sie — schein- 
bar wenigstens — bietet: wir müssen die Nothwendigkeit der Ent- 
wicklung immer verstehen. Wie er Schönheit, Logik und In- 
dividualisirung zu vereinigen habe, das muss ihm sein Genius 
sagen: aber warum staunen wir denn Shakespeares Hamlet so 
an, wenn nicht deshalb, weil des Dichters Geist hier der leben- 
erweckenden Kraft des Naturwillens gleichkommt in der Schöp- 
fung einer Gestalt, deren Wesen sich, wie alles Höchste der 
Kunst und des Lebens, eigentlich in nüchterne Worte gar nicht 
fassen lässt? 2. 10. 67. 



1868. 

Als Demetrios von Phaleron in Athen eine Volkszählung 
hielt, fand er 21000 Bürger, 10000 Metoeken, 400 000 Sclaven 
(Athen. VI 272 C). Das w^äre, nach freilich ganz eignen Grund- 
sätzen angestellt, das Verhältnis etwa zwischen der kleinen Zahl 
derer, die von der Natur zur selbsteignen Lebensführung berufen 
sind, und der grossen tobenden Masse der „ewig Blinden'', der 
zur Sklaverei gebomen, von der Natur mit dem unverkenn- 



» Bei Rolule Nr. 9. 



220 Anhang. 

baren Stempel der Gewöhnlichkeit gezeichneten. Ich achte zu- 
weilen in vollen Gassen auf den Gesichtsausdruck der vorbei- 
drängenden Mehrheit : Widerwille, Betrübnis ist der stets wie- 
derholte Eindruck . . . Ganz mit Recht zählten die Griechen 
den Mann zu den Weisen, der seine Erfahrung in den Satz zu- 
sammenfasste : ol TzXeliToi y.oi.y.C/i, Ja, .,die meisten sind schlecht", 
d. h. wenn nicht gerade immer boshaft und tückisch, doch roh 
und ganz unglaublich beschränkt, dem Thiere gleich mit dem 
Kopf zur Erde gewandt, auf Erhaltung ihres elenden Daseins 
allein bedacht, auch zur Wissenschaft nur befähigt, sofern stumpfes 
Anlernen ilin^ später ihren Lebensunterhalt sichert. 5. 7. 68. 

* * 



1870. 

Zwei genera der Religion wie der Philosophie giebt es, 
eins, in dem der Mensch, d. h. aber nur sein bewusster 
Theil, sein Intellect, Ausgangs- Mittel- und Endpunct ist, und 
ein andres, das die ganze Welt umfasst, das dem Menschen mit 
dem All Gemeinsame als Grundlage erkennt, den ihm allein eignen 
bewussten Intellect als etwas Nachgeblühtes ; in diesem Sinn ist 
das jüdische Christenthum eine Menschenreligion, die Hegelei 
eine Menschenphilosophie, der Buddhaismus (und die ältere 
Schleiermacherische Religion, in der Gott, als anthropomorpher 
Begriff nur eine relative Stelle findet) * eine Weltreligion, Sch[o- 
penhauerj's Philosophie eine Weltplülosophie zu nennen. Wer 
sich nun in die Weltphilosophie versenkt hat, dem ist dann frei- 
licli wohl der Weg zu einer Menschenphilosophie qnellrconqiw 
verschlossen. 



• >. 



Das ist vielleicht Schopenhauer's Hauptfehler, dass er im 
ersten Theil seiner Philosophie vom bewussten Intellect als dem 



* Die folpentltMiNiimmeru (4 — VJ) st^hn auf kleinen geknickten Brief- 
bliittern, müssen aber nach der Schrift, wie auf (irund einiger Datiningen, 
hierher gerückt werden. Roh<l(; selbst bezitiert die einzelnen Abschnitte 
nicht mehr, scheidet sie aber durch Striche und Spatien. 

^ Die Parenthese ist im Mscr. unten nachgetragen. 



Cogitata 1870. 221 

Schöpfer der erscheinenden Welt ausgeht, im zweiten Theil von 
dieser durchaus im Centrum der Menschenvergötterung wur- 
zelnden Ansicht abgeht und die Welt von innen heraus ver- 
steht und kennen lehrt : ein neues Zeichen, wie schwer es auch 
dem tiefsten Geist ist, seinen theoretischen Menschenstolz ganz 
abzulegen. Seine Grösse liegt im zweiten Theil, so sehr 
auch der erste Theil sich durch schärfere, formirte Logik aus- 
zeichnet : die Welt ist eben nicht durch den Intellect ge- 
schaffen und nicht für den Intellect da : daher denn alle tiefsten 
Anschauungen einen Beweis schlechterdings nicht »v^ertragen ^ , 
ja, um solche zu sein, gar nicht vertragen dürfen. 



6*. 

Eine befriedigende Philosophie soll gar nicht durchaus auf 
Beweisen ruhen. Sie soll nicht sagen können : alles was ich 
lehre, kann ich dem rechnenden Intellect vorrechnen: ihr muss 
genügen, wenn sie ihre Gegner auffordern kann, siegesgei^dss 
auffordern kann, ihr, in ihren Lehren, Widersprüche gegen die 
Berechnungen des Intellects aufzuweisen. Im Uebrigen hat sie, 
wie die Religion, sich an die Gläubigen zu wenden: „wer es 
fassen kann, der fasse es". Die Religion ihrerseits ist nun selbst 
dazu nicht verpflichtet, Widersprüche gegen die Logik des be- 
wussten Intellectes zu vermeiden. 






Vom Wesen des Tragischen kann man vieles, und auch 
viel verschiedenartiges, aber gleich wahres sagen. Das wesent- 
liche ist denn doch dies : das eigentlich Tragische beruht in der 
Darstellung der Doppelnatur des Menschen als Individuum und 
als Theil des Ganzen. Sein Glück ruht auf der individuellen 
Seite. Ist nun aber ein Individuum auserkoren, die Zwecke des 
Ganzen zu fördern, so wird das fast stets mit seinem persön- 
lichen Untergang enden. Ein edles Individuum also, in diesen 



* Vgl. oben S. 57*. Der Gedanke kehrt in der Correspondenz noch 
öfter wieder. Seine wissenschaftlichen Arbeiten hat R. im Ganzen die- 
sem Gebiet der »Ahnung« fem gehalten, gelegentlich scheut er sich aber 
nicht, seine Leser auch in solche »Tiefen« blicken zu lassen, z. B. in den 
Bemerkungen über Fustel de Coulanges s. oben S. 211'. 



222 Anhang. 

Zwiespalt gestellt, bald vom wehenden Hauch der grossen Be- 
geisterung erhoben, dann wieder in sein individuelles Empfinden 
zurücksinkend, endlich, seinem Einzelglück verzweifelnd entsa- 
gend, willig zum All-Einen heimkehrend: das ist der Stoff der 
wahren Tragödie. — Die erkennbarste, ergreifendste Tragik ist 
daher das L i e b e s s t r e b e n , das den Einzelnen zur höchsten 
Erfüllung des Weltwillens treibt, sein eignes sichres Glück aber 
dabei achtlos, ja höhnisch zertritt. Daher denn nicht nur so 
sehr viel Dramen das Liebesstreben zur Grundlage haben, son- 
dern das griechische Drama seinen Ausgang durchaus in 
dieser schwellenden Liebessehnsucht hat, der gross und tief ge- 
fassten Liebessehnsucht der ganzen Natur im Frühjahr, deren 
Verkörperung dann Dionysos ist. Tn diesem Sinn ist die erha- 
benste , die Griechen fast übergriechende Tragödie K 1 e i s t's 
P e n t h e s i 1 e a. 

Zu andern , das Individuum erdrückenden Zweckaufgaben 
des Gesammtwillens gehört offenbar ein Glaube an bestimmte, 
sittlich begründete Zwecke des Ganzen (während die durch 
die Liebe bezweckte Propagation no(di keinen andern Zweck 
des Gesammtwillens andeutet, als den der blossen Existenz). 
Daher denn solche Dramen zu irgend einer mythologischen 
Voraussetzung gerne greifen : als welcher wir uns leichter und 
lieber ergeben , als einer mit der Prätension reiner philosophi- 
scher Erkennbarkeit auftretenden. Treffliche Beispiele für diese 
Art sind der Hamlet und Schillers gar nicht hinreichend zu preis 
sende Jungfrau von Orleans. 



s. 

Die tragische Ironie besteht darin, dass der tragische 
Charakter seine ])ers önlich en, glücksuchenden Bestrebungen 
zu betreiben meint, wo er vielmehr, blind und eifrig, den Ab- 
sichten des Gesammtwillens dient, denen er und sein Einzelglück 
erliegen wird. Auch hier ist die Liebe das klarste Beispiel: 
tragische Ironie ist es, wenn der Wille dem Liebenden in der 
Befriedigung seiner Sehnsucht ein persönliches, unendliches Glück 
vorspiegelt, da doch diese Befriedigimg nur den Zwecken des 
W^illens gilt. — Den Ausdruck Ironie wendet man darum pas- 
send an, weil es eine seltsame, aber leicht sich einschleichende 
Vorstellung ist, dass der Wille, wenn er uns zur Befriedigung 



Cogitata 1870. 223 

seiner Zwecke durch die Vorsp lege 1 ung individueller Ab- 
sichten treibt, sich dieser Täuschung als solcher bewusst sei. 



'Pantheismus' ist darum ein so völlig sinnloses Wort, 
weil {J-eö; eben stets und überall nichts ist, als der zur Person 
hypostasirte Begriff des ^lenschen, der 'Pantheismus' aber eben 
nicht den Menschen zum Centrum und zu der letzten eigent- 
lichen Absicht der Welt macht, sondern ihn in Zusammenhang 
des All, als Mittel zum Zweck, so gut wie alles Andre, begreift. 
So streift er (was den Einzelnen dann freilich nur in erleuch- 
teten Momenten gelingt, aber doch stets als Ziel vor Augen 
bleibt) in seiner Vorstellung der weltbildenden Potenz das spe- 
eifisch Menschliche (d.h. den ihm allein eignen bewuss- 
ten InteUect) nach Kräften (und in der Theorie gänzlich) 
ab: womit dann eine Hypostasirung dieser Potenz zu einem 
Unsinn wird. 



KL 

Der erste Begründer der oben [4] charakterisirten 'Menschen- 
philosophie' dürfte Anaxagoras sein mit seinen schöpferischen 
voO^. Ihm folgt, mächtiger wirkend, Sokrates, dieser Philo- 
soph des Bewusstseins. Sehr charakteristisch ist, dass Euripides 
(cf. Troad. 886 f.)^ der mit Sokrates so eng verbundene, ein 
Schüler des Anaxagoras heisst. — Die vorsokratischen Philo- 
sophen haben sonst die schönsten Ansätze zur Weltphilosophie. 
. . . Man könnte also von Sokrates, mit Parodie des bekannten 
Spruchs des Cicero, sagen, dass er die Philosophie vom All der 
Natur zum Menschen herabgeführt habe. 



IL 

Nach Sokrates bildet sich im Griechenthum immer mehr 
eine einseitige Richtung auf das B e w u s s t e aus, mit gänzlicher 
Verwerfung alles Instin ctiven: diese, mit ganz hellenischer 

^ Die Parentht'se ii^t im Mscr. oben nachgetragen; es ist die berühmte 
Stelle Zs'j^, 8ii' dvdYxig ^''yoäoq, sixs voO^ {ipoiwv. 



224 Anhang. 

Virtuosität gepflegte Richtung giebt, fürchte ich, für das ge- 
wöhnliche Bild vom Hellenen thum ein zu starkes Ingrediens ab. 
Heftigster, einseitigster Vertheidiger dieser Tendenz gegen ein- 
brechende, neue, auf Wiedererstarkung des unbewussten Ver- 
mögens begründete Richtungen ist L u c i a n. 

Wie verständlich ist es, dass mit der Ausbreitung der So- 
kratischen Richtung die Tragödie verstummt! Denn sie ist 
die erhabne Darstellung der geheimnisvoll despotischen Macht 
des 'Unbewussten', dem Intellect Abgekehrten über das, im 
Lichte des Intellects wandelnde Individuum. Daher denn mit 
Euripides das Intriguenspiel beginnt, d. h. diejenige Art des 
Dramas, die sich ganz im Gebiet der Kämpfe von Intellect 
gegen Intellect hält. Kurz gesagt: Tragödie ist der Kampf 
des Individuums mit dem allumfassenden Weltwillen, das Intri- 
guenspiel (mit heiterem oder traurigem Ausgang) der Kampf 
bewusster Individuen unter einander. Damit ist dann ja w^ohl 
deutlich gesagt, was die T r a g ö d i e scheidet vom Rührstück, 
dem s.g. bürgerlichen Trauerspiel \ 22. Juni 70. 



7.V. 

Im Gegensatz zur vulgären, täglich auf den Gassen und in 
den Lehrsälen zu hörenden, Ansicht könnte man gradezu be- 
haupten, dass diejenigen Völker, die, wie die Aegypter und In- 
der , im T h i e r e die Gottheit verehren , tiefere Religiosität 
zeigen, als die Israeliten, die n u r in der Menschengestalt die 
Gottheit erkennen und verehren. Jene thierverehrenden Nationen 
fühlten nämlich tief und richtig, dass das Ehrwürdige, Bleibende 
Schaffende und Erhaltende n i c h t im denkenden Vermögen liegt, 
sondern in jener unbewussten Kraft, die im Thiere zwar nicht 
reiner vorhanden ist, als im Menschthier (mit Burckhardt 
zu reden) auch, aber, ungestört durch altkluges bewusstes Denken 
und Wissen, sich in ihnen reiner darstellt, unbefangener, 
naiver wirkt. 24. Juni. 



* Angedchlossen u. A. das S. 46 ei-wähntc Citat aus Wilhelm Meister. 



Cogitata 1870. 225 



U, 



Als letzten Zweck alles Seins und Wirkens des Menschen, 
aller ihrer instinctiven und, vom Instinct freilich auch regirten, 
bewussten Bestrebungen können wir, wenn wir ehrlich sein wol- 
len, doch nichts als die Existenz, die möglichst erträgliche 

Existenz der Menschheit erkennen Bedenklich bleibt nun 

freilich, dass man in dieser Existenz voll Qual und Herbigkeit 
den letzten Zweck alles Ringens und Mühens erkennen soll. 
Daher denn einerseits, bei ehrlich unbefangenen Naturen, bittrer 
Pessimismus, bei unklar bänglichen Seelen das Hinausschieben 
des Zwecks. . . Es bleibt wohl nur Eine Mitte : ein individueller 
Pessimismus, d. h. eine pessimistische Auffassung der Einzel- 
existenzen, aber eine, wenn man will, vertrauensvolle, wenn man 
will, rein resignirte Stimmung in Bezug auf die Gesammtexistenz 
des Ganzen, für die vielleicht die Begriffe gut und böse, 
elend und glücklich ganz wegfallen, und die wir 
keinenfalls zu überblicken im Stande sind . . . 



Begnügen wir uns einmal damit, die Existenz als letzten 
Zweck zu fassen, so linden alle unsre Instincte, und namentlich 
die moralischen (als wie die nicht dogmatischen unter den 
zehn Geboten) ihre volle Erklärung: sie treiben uns sämmtlich 
an, die beste Existenz der Gesammtheit nicht zu 
hindern oder gar zu fördern . . . 



Die 5pü)|i£va, die bildlichen Darstellungen an den griechi- 
schen Mysterien, hatten den, wenn nicht bewussten, doch sicher 
richtig empfundenen Sinn, dass ein reUgiös-metaphysischer In- 
halt, als durchaus nicht auf Begriffen beruhend, sondern auf 
der reinen Anschauung des AllEinen, auch nicht durch Begriffe, 
d. h. durch Worte mittheilbar sei, sondern, wodurch er ent- 
standen war, durch Anschauungen. Daher denn nichts glaub- 
licher ist, als, worauf ja auch alles führt, dass die Asydiieva der 
Mysterien sehr geringfügig und nebensächlich waren. 

C r u H i u M, Fi. Roh<l(>. 15 



226 Anhang. 

17, 

TJebrigens wäre eine dankbare Aufgabe, zu untersuchen, ob 
nicht das griechische Drama, statt in den üblichen Fabeln, viei- 
raehr in der Darstellung der Mysterien seinen Ursprung habe. 
Seltsam wäre ja, wenn dem nicht so wäre, da in dieser Dar- 
stellung schon vor der Einführung des Bühnendramas, eine voll- 
ständig entwickelte dramatische Vorführung fremder Leiden und 
Thaten ausgebildet war. — Sollten also die axr^vYj aus der Dar- 
stellung der Priester, der Chor aus der schauenden Gemeinde 
der Mysten hervorgegangen sein, die in Eleusis wue im Theater 
nicht ganz müssig war, aber mehr den Stimmungen als den 
Thaten Verkörperung gab? 20. Juli 70. 



IS. 

Das ist das grosse Wesen der echten Tragödie, dass es so 
viele dilFerente Deutungen zulässt, von denen jene wie diese 
gleich richtig sein mögen: freilich wohl nicht gleich tief, wie 
denn auch das Weltall von vielen Seiten betrachtet werden darf, 
ohne dass doch die subjectiv gleich berechtigten Standpuncte 
objectiv von gleichem Werthe wären . . .^ 



1871. 

10. 

Eigentlich geht es uns beim Aufnehmen eines tief rühren- 
den und ergreifenden Kunstwerkes, ^^'ie den Weibern des Achill: 
sie weinten um den Patroclus UaipoxXov 7:p69aaLv, acpwv S'aOxcbv 
xV^Gs' exaoir, (II. T 802). Optimistische Flachköpfe können da- 
her nie wirklich tragisch ergriffen werden. 26. Mai 71. 



1870. 71 



Die 'Jetztzeit' hat ein vortreffliches Mittel gefunden, sich 



* Es foljxon Schopenhauerisch gefärbt«* Botriichtungen Über bildende 
Kunst und \Sj)rich Wörter' aus italiänischen Novellen (Bandello) und aus 
Arnold'« 'Pfingstmontag', auf dm R. wohl Goethe geführt hatte, mit 
dem Datum 8. Aug. 70. 

- Die folgenden Bemerkungen 20 tf. schliessen mit spilterer Schrift 
(z. Th. mit Daten) an die Notiz vom 5 VII 68 in dem Quartheft an. Die 
ersten Nunnnern werden aus dem Jahr 1870 oder 1871 stammen. 



Cogitata 1870. 71. 227 

der Dankbarkeit, der staunenden Verehrung gegenüber dem Ge- 
nius zu entschlagen, wenn sie ihn nicht länger secretiren, igno- 
riren, fortverläumden, * widerlegen*, 'vernichten' kann: er wird 
'historisch deducirt', besser noch 'historisch con- 
struirt'. Damit ist dann alles in Ordnung und besagter Ge- 
nius kann dann ruhig reponirt w^erden. Mir schwant's, als ob 
diese herrliche Zeit nächstens auch für Schopenhauer und Wag- 
ner gekommen wäre. 



Wagner ist der Michel Angelo der deutschen Mu- 
sik : ein Riese an Haupt und Gliedern, ein Titane an Kraft und 
Vermögen; in seiner Vollendung als Individuum vollgerechtfertigt, 
unbestreitbar, aber ein wahres 'Individuum', streng gegen Andre 
abgeschlossen, das subjectivste aller Kunstwesen. Wenn daher 
solchem ganz besonders gearteten Riesen die kleinen nach- 
eifern wollen, giebt's ein sonderbares Schauspiel: sie platzen, 
wie der Frosch in der Fabel. Und doch reizen gerade solche 
heroische Eigenthümlichkeiten am allerstärksten zu solch ver- 
hängnisvoller Nachahmung ! 






Das Cl assische, im Gegensatz zum Romantischen, 
möchte wohl eigentlich darin bestehn, dass der 'classische' 
Künstler mit ungefärbtem, reinen Sonnenauge die Dinge sieht, 
wie sie sind, d. h. wie sie, aus den reinen, ursprünglichen Be- 
dingungen menschlicher Anschauungsnoth wendigkeit und den 
dieser zum Stoff ihrer künstlerischen Thätigkeit gegebenen Be- 
dingungen (a posteriori) sich zusammensetzen: während der Ro- 
mantiker alle Aussenwelt erst in dem Spiegelbild seines ^^'under- 
lich gefärbten eignen 'Gemüthes' zu erkennen und auffassend dar- 
zustellen vermag . . . Die vielen Personen, in die er — in seinen 
Werken - sein reiches W^esen zersetzt, sind doch im Grunde nur 
das vielfach gebrochene Licht seines eignen Herzens und Sinnes. 
Eigentlich nur vertragen wir Modenien — richtiger : interessiren 
uns nur solche 'subjectiv' gefärbte Bilder des Abglanzes der 
Welt. Schon die Alexandriner mögen in diesem Sinne 
romantisch genannt werden. Ein Grund übrigens , diese 

15* 



228 Anhang. 

% 
beiden Arten der Dichter gegen einander abzuschätzen, liegt 

nicht vor: seltener sind freilich die classischen. 






Welch' tiefen Grund mag es haben, dass man hell und klar 
einsehen kann : selbst die freie, wohl erwogene Philosophie, 
in deren Lichte Du die Welt erblickst, ist im letzten Grunde, 
nach der Art menschlichen Erkennens, nicht viel mehr, als eine 
Allegorie, ein Mythus : und gleichwohl bei dieser schein- 
bar demüthigenden, die Wahrheit der betreffenden Philosophie, 
neben so vielen andera Mythen verdächtigenden Erkenntnis, 
ohne doch ermüdet zu seyn, sich beruhigen kann?^ 



;i4. 

Das mag wohl der schlimmste Zeitpunkt der Welt seyn, 
wo die Menge nicht mehr fähig ist, zu glauben. Denn cptXd- 
aotfov 7iXf/^o^ £tvat aSuvaxov. Wenn also die Autorität ihnen 
schwindet, wer wehrt der mühsam, bis hierher, gezähmten Bestie 
in eben diesem 7:Xf/i)-o$?! Gerade so weit aber sind wir in der 
herrlichen 'Jetztzeit' gediehen : das Schicksal bewahre die 'Fol- 
gezeit' ! 



. . . Wirklich empfinde ich, der Schopenhauerschen Philo- 
sophie gegenüber, ganz die siegreiche Zuversicht, die uns ein 
tiefsinniges K u n s t w e r k giebt * : gar nicht eine logische 
Ueberzeugimg von der Unbestreitbarkeit, sondern die Gewissheit, 
dass solch ein Kunst w e r k zu bestreiten, so wäre, als woUte 
ich mit einem iVIesser das Wasser in Stücke schneiden. Die 
Einsicht, dass noch gar viele Kunstwerke, vom Wesen der Welt 
erzählend, w a h r sein könnten, ohne dass dieses darum w e- 
n i g e r wahr wäre. Kurz, diese Wahrheit ist eine funda- 
mental verschiedne von aller „wissenschaftlichen'* Wahrheit. 



* Vgl. oben S. 26. Kinu Fortsetzunjr die.soH Gediuikons unter Nr. 25. 
'^ Kin Weitcrspinnen des Gedankens von Nr. 28. 



Cogitata 1871. 72. 229 

1872^ 

Man empfindet erst das Grosse, das in dem Spruche des 
Sokrates vom Nichtwissen, vom Wissen des Nicht- 
wissens liegt, wenn man sieht, wie schwer es ist, unsern na- 
tur\%dssenschaftelnden Welterklärem zum Bewusstseyn zu bringen, 
dass wir, nach Reducirung der complicirtesten Erscheinungen 
auf die einfachsten 'Kräfte', ja auf die 'Kraft', den 'Stoff' 
an sich, noch immer vom Wesen der Welt eigentlich nichts 
verstanden haben. Jene meinen damit dann das letzte 
Räthsel gelöst zu haben! Nun bringe Einer aber das philoso- 
phische i*aö|ia diesen Seltsamen bei, denen, ihrem Instincte nach, 
eigentlich alles 'selbstverständlich' ist! 

Das Porträt, als Kunstleistung, ist vielleicht die höchste 
Schöpfung der bildenden Kunst : es hat die schwierigste Aufgabe, 
eine Idee des Individuums darzustellen, also eigentlich einen 
Widerspruch in sich. Der Porträtbildner soll in Einem Abbilde, 
nicht eine momentane Darstellung des empirischen Charakters, 
sondern einen Abglanz des intelligiblen Charakters vor 
des Beschauers Augen stellen. W^ eiche Feinheit der Beobachtung, 
welche geniale Divin ation erfordert es , weder ins Leer- 
idealische, noch in die Fixirung des Augenblicks zu gerathen, 
sondern z. B. denjenigen (mit Lichtenberg zu reden) p at ho gno- 
mischen Ausdruck des Darzustellenden aufzufassen, ja aus 
tausend Momenten zu c o m b i n i r e n , der eben diesen intelli- 
gibeln Charakter am reinsten und intensivsten zur Anschauung 
bringt. Sähen wir nicht dieses Wunder in herrlichen Porträts 
von Tizian's, Van Dyk's, Rubens', Raphael's Hand (viel weniger 
gehören Bilder von Holbein, Dürer etc. hierher, oder ältere 
Italiäner), wir würden diesen unglaublichen Vorgang für unmög- 
' lieh halten: und doch empfinden wir, im Gedanken an solche 
Meisterwerke, die Kraft solcher Genialität vor der glücklichsten 
Photographie, die immer ein Augenblicksbild bleibt. — 
Liegt nicht hier ein Schlüssel zu der verborgnen Aufgabe der 



* Das Folgende scheint sich nach Tinte und Schrift vom Vorher- 
gehenden etwas abzuheben und an den nächsten datirten Aphorismus 
anzuschliessen. 



230 Anhang. 

Kunst, der bildenden im Besondem? Was bei dem Porträt 
auf der Hand liegt, ist wohl ihre Aufgabe überhaupt: nicht zu 
verschönern, die Natur gewissermassen zu steigern, son- 
dern, im individuellen Typus, den inte lligib ein Charakter 
des Dargestellten zur Erscheinung zu bringen, und so, was der 
Natur selbst nur in weit auseinander gezogenen Scenen succes- 
sive und mangelhaft gelingt, in E i n e r etxcbv zu erreichen. Es 
siegt im Menschen-Genius die Natur über sich selbst! 



1873. 

Die Empfindung für Landschaftsschönheit ist zu 
vergleichen dem Lauschen auf das seltsam vieldeutige Brausen 
und Klingen einer Aeolsharfe. Auf ihr wühlt eine bewusstlose, 
verständnislose, zwecklose Kraft : einen Sinn, ein tiefes Klagen, 
ein seufzendes Sehnen hört erst der Mensch heraus, der im 
eignen Herzen mitsingt. Wie das eigentlich Schöne, so sieht 
auch das Rührende, Bedeutende, symbolisch Erregende erst der 
bewegte Mensch in die Landschaft hinein. 12. 1. 73. 



90 

Warum billigen wir in solchen Dichtungen wie : Antigone, 
Faust, Tannhäuser u. dgl. beide Seiten der im Conflict liegen- 
den Mächte? Warum jauchzen, jubeln, leiden und triumphiren 
wir mit der schrankenlos befreiten Individualität des edlen lei- 
denden Helden, können aber nicht anders, als seine Bestrafung, 
Vernichtung von Seiten der geordneten Welt gerecht, ge- 
rechtfei*tigt zu finden? Ist es nicht, als ob es zwei Weltord- 
nungen gäbe, als ob unsre (hier strafende, sich strafend behaup- 
tende) Welteinriclitung zwar bei der mangelhaften Beschaffenheit 
des Menschengeschleclits gut, weise, nothwendig, geheiligt sey, 
eigentlich aber nur ein Kind der Noth, des Bedürfnisses, dem, 
in völlig edlen Individuen, ein freier Selbstbestim- 
mungstrieb sich entgegenstellen dürfe, der zwar die also Be- 
freiten zur gewaltsamen Ausscheidung aus dieser Ordnung der 
Noth zwingt, aber in deren erhabenem Untergang uns einen 
Blick, wie durch zerreissende Wolken, in einen tiefen goldnen 
Himmel einer höheren Welt eröftnet? Es ist wohl etwas 
daran, wenn Mystiker behaupten, für den Reinen und Heiligen 



Cogitata 1878. 231 

gelten die sonst unerschütterlich gültigen Gesetze dieser gegen- 
wärtigen Sittenordnung nicht: aber, bei praktischer Befolgung 
solcher Lehren ist die Gefahr der falschen Auswahl solcher 
'Heiligen' unendlich gross : wir sollen wohl den seligen Zustand 
höchster, schuldreiner Freiheit nur im verklärenden, für Momente 
uns hoch erhebenden Bilde schauen! 



„Das unterscheidet Götter von Menschen, dass viele Wellen 
vor jenen wandeln; uns hebt die Welle, verschlingt die Welle, 
und wir versinken.** Unübertrefflich! Aber auch uns Armen hebt, 
in glücklichsten Stunden, im Genüsse seiner Kunstwerke, der 
Genius (der künstlerische wie der philosophische) mit feurigen 
Armen aus dem ewigen Meere empor: dann sehen wir, selig 
unbewegt, das herrliche Schauspiel dieses Wellenspieles, von 
Noth und Angst befreit, „v o r u n s w a n d e 1 n" : in solchen 
Momenten sind wir, wie die Götter! Und solche höchste Wohl- 
thäter sollten wir nicht heroisch verehren?! . . . 

Es ist mir, bei der Leetüre von H. Dixons New America 
und *Seelenbräute' aufgefallen, wie unmöglich es sei, solche, 
wie es scheint im menschlichen Wesen tief wurzelnden Triebe, 
die namentlich im Shakerthum sich zeigen, aus irgend einem 
Deismus, überhaupt anders als aus einem entschiedenen Pantheis- 
mus zu erklären. Man beachte die abscheuliche Unklarheit 
und Oberflächlichkeit in der Darstellung des natürlich 
rein theistischen Engländers! Januar 73 ^ 



V.>2 

Ein Grund für die lange Beibehaltung überlieferter 
Stoffe in der Dichtung der Griechen und mittelalterlichen 
Völker, der Scheu vor Einfühning selbst erfundner Stoffe 
lag wohl in der (unbewussten) Empfindung, dass eine selbst ge- 
schaffene Geschichte, vornehmlich wenn sie, wie die meisten 



* Das Datum hat Rohde mit BleL-^tift später nachgetragen; er muss 
auf die Notiz und ihre Fonnulirung Werth gelegt haben, 

' Das Folgende auf antk^rni Papier, mit andrer Tinte und Schrift. 



232 Anhang. 

Begebenheiten dieser 'besten Welt' auf ein traurig-schmerzliches 
Ende hinausläuft, entweder ein herbes Gefühl von der schreck- 
lichen IiTationalität dieses irdischen Weltlaufes hinterlässt, oder 
uns mit einem kunstvoll gebauten, nach Ursache und Folge, 
Schuld und Strafe absichtsvoll und klar gegliederten Lebenslaufe 
durchaus aus dem Lande der Dichtung hinausärgert. Eine ur- 
alt überlieferte, von vielen Geschlechtern liebevoll, wie eine 
Offenbarung ältester Weisheit gepflegte, allmählich a u t o r 1 o s 
gewordene Erzählung kann uns das Schrecklichste ohne juristisch- 
poetische Zugabe einer s.g. 'Gerechtigkeitslösung' vortragen; 
wir nehmen es, erschüttert und zu tiefem Sinnen ergriffen, den- 
noch hin, wie einen furchtbaren Vorgang des wirklichen Lebens 
selbst, ohne Weigerung, wie einen Einblick in ein räthselliaftes 
Treiben, dessen gewaltige Harmonie wir mehr ehren als ver- 
stehen. Was aber aus einem einzelnen Menschengeliim eben 
neu und willkürlich herausgesponnen wird , daran ertragen wir 
das furchtbar Fragmentarische, höhnisch Harte, grundlos Schreck- 
liche nur mit Widerstreben . . . Wenige auch vermöchten es, 
eine so ganz unerklärlich schreckliche Erscheinung, wie sie das 
Leben so vielfältig darbietet, ohne Weiteres, d. h. ohne Ein- 
setzung eines raisonnabeln Räderwerkes von treibenden Gründen, 
in einer Nachbildung hinzustellen. Der Mensch kann schwer 
seinen angeborenen Causalitätssinn soweit verleugnen, 
(lass er, wenn ihm selbst die Aufgabe zufällt, ein Stück Lebens 
zu erfinden, in diesem abgebildeten Stücke nicht eine C a u- 
salität spielen Hesse, die in den Ereignissen des wirklichen 
Lebens so nicht vorhanden ist: nämlich eine Causalitäts- 
wirkung moralischer Ursachen auf äussereEr- 
e i g n i s s e. Er s u c h t in der ganzen Welt eine solche Cau- 
salität, und nennt das, was er dafür hält, Gott. In alten Volks- 
überlieferungen erträgt man diese naiv oder tiefsinnig wirkende 
Gottes-Causalität wohl ; schwer in willkürlichen Erfindungen des 
Einzelnen : als wo eine grosse Weisheit erforderlich wäre, um 
solches eigentlich unkünstlerische (von der reinen Lust am Be- 
trachten der Erscheinung ablenkende) (^ausalitätenspiel in eine 
künstlerische Sphäre zu erheben. Den eignen Erfindungen, in 
Specie dem Roman, klebt wesentlich stets eine Tendenz, 
etwas Didaktisches an, das dem reinen Kunstschaffen 
im Wege steht. — Wir ertragen, bei eignen Erfindungen dich- 
terischer Art, weder wenn der Dichter, dem Leben gleich, das 
Räthsel als Räthsel stehen lässt, noch wenn er uns eine Lösung 



Cogitata 1873. 233 

in die Hand giebt, deren Unzulänglichkeit im Vergleich mit der 
tiefsinnigen Wirklichkeit wir wohl empfinden 17. 5. 78. 

.V.V. 

Die sonderbaren ^ Geschichtsphilosophen *•, die den Genius 
aus dem Gähren und Gebären der vielen Mittelmässigen hervor- 
gehen lassen ! Ich sehe die Sache umgekehrt : der Genius 
formt seine Zeit, nicht die Zeit den Genius. Tritt der 
Genius unter die Menschen, so wirkt er in langen und weiten 
Kreisen, zur Nacheiferung antreibend, nach, wie der Stein, der 
ins Wasser fiel. Haben etwa die Wasserkreise den Stein zum 
Hineinfallen gebracht, nicht vielmehr der fallende Stein die 
Wellen und Wasserkreise hervorgerufen? 

Es giebt Gesichter, bei denen eine etwas lebhaftere Erre- 
gung nicht den Charakter erschliesst, sondern ihn wie zu mas- 
kiren dient: z. B. Gutschmid. 17. 5. 73. 



.7.0. 

Das Paradies, eine goldne Zeit, stand vermuthlich nicht in 
dem Beginne unsrer menschlichen Geschichte — wie mit den 
Hebräern auch die tiefsinnigen Griechen glaubten: sicher aber 
steht es auch nicht an ihrem Ziel und Ende, wie unsre biedern 
Tageshelden meinen , denen jede zweckmässigere Einrichtung 
äusserer Dinge ein ^Fortschritt' zu diesem Paradiese, jede wei- 
tere Entfesselung zu geistiger Zügellosigkeit eine *Errungen- 
schaft' heisst. Die Geschichte sollte die Herren doch eines 
Bessern belehren in dieser Zeit der 'Historie und Kritik' ! 



Betrachtet man die erstaunlichen Befreiungsthaten auf gei- 
stigem Gebiet am Ende des vorigen Jahrhunderts : die Abwer- 
fung künstlerischer, faul gewordener Routine durch Winkelmann, 
die fanatische Predigt eines Rousseau gegen eine unselige, von 
den Ahnen ererbte, kranke Verbildung in allen Dingen, Kants 
philosophischen Drachenkampf, seine fast übermenschliche (eigent- 



234 Anhang. 

lieh zu verstehn) Erkenntnisthat : dazu die positiven Neuschöpf- 
ungen, die ersten Boten einer neuen Zeit: Goethe's unerhörte, 
eine neue Welt ankündigende Dichtung und Dichterexistenz, 
Beethovens, Mozarts Musik, und so vieles andre — so begreift 
man wohl, dass jene Recken eine abgelebte Zeit zu Grabe trugen, 
eine neue in's Leben führen wollten : und i h r Prophet war 
vor allem Schiller. Daneben aber empfindet man es schmerz- 
lich, wie seitdem keineswegs, nach vulgärer Meinung, die geistige 
Erhebung nun immer rüstig weitergegangen ist; vielmehr ist 
eine schreckliche Erschlaffung eingetreten : wir standen 
am Morgen einer neuen Weltcultur, die es vielleicht mit der 
griechischen aufgenommen hätte ; aber ein trüber Regen fiel ein 
und verschleierte Alles. Jene Helden wollten uns eine neue 
Bildung bringen : und über Nacht haben wir nichts als eine 
neue Politik daraus gemacht ! 

Hat die Ermattung durch die französische Revolution und 
die daran geschlossenen langen Kämpfe dazu beigetragen? 

19. Mai 73. 



Der (oft übertriebenen) Sucht, dem Gange der menschlichen 
Bildungsgedanken und Künstlererfindungen einen Weg histori- 
scher Weitererbung, statt eines mehrmaligen spontanen 
Entstehens nachzuweisen , beruht doch auf dem sehr richtigen 
Gefühl, dass nichts auf der Welt seltner sey , als die E r f i n- 
d u n g von etwas wirklich Neuem auf geistigem Gebiete : 
welche Erfindung man daher möglichst selten und sparsam sich 
eintretend denkt. 19. Mai 73. 



^ Unsre moderne 'sentimentale' Naturbetrachtung 
enthält, so scheint es, stets ein allegorisches Element, welches 
in der Gestaltimg und Thätigkeit der Natur eine Parallele 
zum Menschendascin empfindet. Dies ist es wolü eigentlich, 
was uns bei solcher Betrachtung oft so stark zu rühren vermag. 
— Es liegt darin, recht verstanden, eine Art formloser My- 
thologie, die sich nun freilich zur ächten plastischen Mytho- 

* Das Folgende mit feinerer Schrift, ott'enbiir einige Zeit später. 



Cogitata 1873. 235 

logie verhält, wie das Rauschen der Aeolsharfe zur fest gebil- 
deten Melodie. 



Wenn wirklich die bildende Kunst es mit einer Darstellung 
des Gattungstypus (■= ioia) zu thun hätte, so raüsste sie 
ja, genau genommen, am letzten Ziele einmal in Einer Figur 
ihre höchste Aufgabe erreichen und erfüllen können. Jeder fühlt 
das Unsinnige dieser Consequenz. — Nein, man kann, in einem 
tiefsten Sinne, sagen : jmlvhnim est mttltf forme, und zwar seinem 
Wesen nach, im Gegensatz zum Einen, philosophisch ergreif- 
baren Wesen der Welt. 



40. 

Poetische Gleichnisse haben darin ihre Kraft, und ihre 
oft begeisternde Wirkung, dass sie nicht nur zu der mensch- 
lichen Handlung ein Aehnliches aus andern Kreisen der 
Natur hinzubringen und danebenhalten, sondern geradewegs die 
Gleichheit der eigentlich wirksamen Kraft in dem 
menschlichen und dem damit verglichenen Vorgang aus der wei- 
tem Natur, etwa den [isiewpa, dem Leben des Wassers, der 
Thiere, empfinden lassen. Verglichenes und Gleichendes ver- 
halten sich zu einander wie concentrische Kreise ^ 

20. Juli 73. 



41 \ 

Das beste Instrument der Erinnerung ist vielleicht der Ge- 
ruchssinn. Ich erinnere mich bei bestimmten Gerüchen sofort 
alt«r Zeiten, bestimmter Oertliclikeiten und der Ereignisse und 
Stimmungen, die sich an sie knüpfen. Z. B. ein bestimmter 

^ Ein Goilankengiiiig (vgl. auch Nr. 38), auf dem Rohde sich (schwer- 
lich zufällig, H. oben S. 17) den Anschauungen G. Th. Fecjixkrs nähert, 
vgl. dessen Zend-Avesta IP S. 14 ff. — Beiläufig sei hier an die wunder- 
lichen Phantasien Fechners von einem zukünftigen *liöheren Menschen' 
erinnert, Zend-Avesta II S. 193 ff. 206. 

* Wie Kolide hier einen Schopenhauer'schen Gedanken (Parerga 
S. 353) weiterspinnt un<l mit italiänischen Erinnerungen verbindet, das 
schien interessant genug, um im Auszug mitgetheilt zu werden. 



236 Aiilumg. 

moderiger Geruch ruft mir stets Hansen's Vordiele in Wandsbeck 
und damit eine ganze Reihe von Erlebnissen und Träumen 
einer seltsamen Jugendzeit zurück ; ähnlich erinnert mich ein 
gewisser Geruch frischer und feuchter Bretter an Jena usw. 
.... Die katholische Kirche weiss übrigens sehr wohl, was 
sie thut, wenn sie die Empfindung einer gewssen mystischen 
Erhebung mit dem starken W e i h r a u c h d u f t, den sie bei 
der Messe aufsteigen lässt, so unauflöslich im Gedächtnis ver- 
bindet, dass man durch jenen sonderbar erregenden Duft stets 
wieder in jenes Gefühl einer geheimnisvoll süssen, halbreligiösen 
Träumerei unwillkürlich emporgehoben wird. 20. August 73. 



4'^ 

Sehr charakteristisch, und wie von einem instinctiven Ge- 
fühle des wirklich bezeichnenden eingegeben ist der Gebrauch 
unsrer bunt aus allen Sprachen zusammengewürfelten Kunst- 
sprache, wonach sie das ^Realistische' aus dem Lateinischen 
das 'Idealistische' aus dem Griechischen herübergenommen hat. 



4.7. 

Je genauer, tiefer imd intimer Einer eine fremde Sprache 
versteht, ja zu empfinden lernt, desto weniger -wird er ge- 
neigt und geschickt werden, Dichtungen oder prosaische Werke 
aus jener Sprache in die eigne zu übersetzen. Er wird, 
viel tiefer als ein oberflächlicher Kenner, das ganz Specifische, in 
keiner zweiten Sprache wiederzugebende vieler und gerade der 
besten Ausdrücke jenes fremden Idioms empfinden, die sich, 
g e n a u entsprechend, eben nicht übersetzen lassen : wie etwa 
zwei Kreise sich schneiden, aber, bei verschiedenem Radius \ nie 
decken können. 



* 



44. 

Das L e h r g e d i c h t verwirft man zu unbedingt. Es giebt 
eine (Tattun<r tiefsinniger Erkenntnis, die keine blosse Dichter- 
phantasie ist und doch nicht mit dem Organ der Begriffe, der 
Vernunft allein gefasst wird und auch von dieser allein nicht 

* Rolulo hat wohl 'Centrunr Hchroiben wollen. 



Cogitata 1873. 74. 237 

mitgetheilt werden kann. Diese Erkenntnis giebt dem Er- 
kennenden das Gefühl innerlichster Wahrheit: und doch be- 
hält sie etwas Bildliches an sich, das mit einer künstlerisch an- 
schauenden Fähigkeit auf gef asst und an eben diese im Hörer 
mitgetheilt wird. Im Grunde sind die eigentlich metaphysi- 
schen Erkenntnisse wolü alle dieser Art; sie behalten etwas 
bildlich-symbolisches ; etwa wie ein Traum symbolisch 
von einem später sich bewahrheitenden Factum berichten kann^. 
Solche Erkenntnisse in einer dichterischen Form mitzutheilen, 
ist durchaus wohlgethan. Daher denn auch die Griechen der 
edelsten Zeit gerade ihre philosophischen Einsichten in solchen 
Lehrgedichten mittheilten : Empedocles, Xenophanes etc. 
Wie manche Missverständnisse würden vermieden, wenn z. B. 
Bücher wie Nietzsche's Geburt der Tragödie in solcher 
Form eines lehrenden Gedichtes aufträten ! — Dagegen 
ist es allerdings eine künstlerische Unthat, Fraecepta über Me- 
dicin, Grammatik, Fischfang etc. in dichterischer Form mittheilen 
zu wollen. 



1874. 

Phantasie haben manche der edelsten T h i e r e : das zeigt 
sich z. B. an dem Scheuen der Pferde beim Fahren im Monden- 
schein, wo sie vor eingebildeten Schreckfiguren zurückfahren, 
die sie aus Baumschatten usw. heraussehen. Vielleicht auch an 
den Träumen der Hunde. Erwacht also, beim Ueb ergang vom 
Thierischen zum Menschlichen, die Phantasie zuerst? Ist sie da- 
rum bei einer uralten Menschheit die einzige Leiterin gewesen? 

40. 

Ich habe, in den Weihnachtsferien, Jean Pauls 'Titan' 
aufs Neue gelesen und hoch bewundert. Roquairol namentlich 
ist eine der tiefsinnigsten Gestalten irgend eines Dichters, von 
einer erschrecklichen innern Wirklichkeit ! * — Uebrigens scheint 

* Wie die vorhergehende, hier weggelassene Nummer (vgl. oben S. 65), 
angeregt durch Schopenhauer's * Versuch über das Geisterseben'. Es fol- 
gen, datirt vom 14. Nov. 1873, Bemerkungen über die Auffassung Beetho- 
venscher und Wagnerscher Musik, die auf ähnlichen Wegen gehn. 

* Auf einem Blatt aus späterer Zeit (aus dem April 77) findet Rohde 
in sich selbst >ein Stück einer Ro<iuairol-natur<. 



238 Anhang. 

mir's so : Jean Paul vernahm die Welt und ihre Art mit einem 
ganz andern Organ, als dem Auge, und nun will er, als 
Epiker, doch das Vernommene dem Auge des Zuschauers dar- 
stellen. Das giebt dann eine wunderliche Incongruenz. Er em- 
pfand, so scheint es mir manchmal, die Dinge der Welt wie 
ein Musiker. Und dass er nun doch kein Musiker war, 
macht eben die so leicht zu bemerkende Halbheit seiner Kunst- 
übung aus. 24 I 74. 



47, 

Eine historische Betrachtung hat solange mit der 
C u 1 1 u r nichts gemein, als sie nicht ihr Resultat zu einem 
Motive für den Willen zu machen im Stande ist. Jetzt 
bringt man nun gar die Religion den Kindern historisch 
bei ! Das liegt nun allerdings in der Consequenz : aber doch, 
welche Stumpfheit des Gedankens! Lehrreich wäre es, einmal 
in der Geschichte der classischen Philologie den Weg 
von der wirklichen Culturbedeutung dieser Studien zu 
ihrer vollen Historisir ung zu verfolgen. 



4&, 

Wird schon in der Malerei viel geheuchelt (cf. Fabrikbilder 
von Pietro Perugino mit der unempfundenen Frömmigkeitsver- 
zückung u. dergl.), vne viel wohl gar erst in der Musik! Ich 
habe wenigstens diesen Verdacht oft auch berühmten Maestri 
gegenüber, sonderlich dem wackem Mendelssohn. Ob der 
sich z. B., bei seiner scheusslichen Ruys-Blas-Ouvertüre irgend 
etwas gedacht, irgend etwas empfunden hat? Nun aber die 
Qual für den Hörer, der mit ehrlichem Willen einen Empfindungs- 
inhalt zu suchen sich abquält, der in dem leeren Geklingel über- 
hau})t nicht liegt! 

4ff, 

Der Teufel hole das 'historische Begreifen' grosser Genien ! 
Nie lehrt es uns mehr, als die Schranken, die einseitige Fär- 
bung der Werke grosser Menschen kennen, aber was lehrt es 
uns denn von ihrem tiefen, beglückenden Wesen? Was hilft 
uns all der Plunder zum Verständnis Shakspeares? Und dabei 



Cogitata 1874. 239 

die Glückseligkeit des 'Eulengeschlechts', wenn sie an solch ein 
'Historisches' sich klammern, daran heruraknuppem, ein Ver- 
senken in das unergründliche Wunderwesen des Genius sich nun 
erlassen und tamqitam rv lern* (fesia sogar dicke Bücher über 
XX *und seine Zeit' schreiben können! Welche Absurditäten 
dabei zu Tage kommen, zeigt wohl nichts klarer, als die Thor- 
heiten, die man über Kleist debitirt. Den soll das Unglück 
Deutschlands getödtet haben! Als ob das für ihn etwas anders 
gewesen wäre, als ein freilich gar zu nahe liegendes Symbol 
für die ewige Noth, Gedrücktheit, Trübseligkeit der Welt, der 
Menschheit, deren Empfindung, zu einer persönlichen Qual ge- 
steigert, dies schwere Herz unaufhaltsam in die dunkle Tiefe, 
in die bewusstlose Nacht zurückzog! 



Ich bin darum ein gar so schlechter Conversateur, weil ich 
allzu ungeduldig stets über die banalen Zurüstungen zu banalen 
Resultaten wenigstens doch zu diesen Resultaten gleich über- 
springen möchte, während freilich wohl das bürgerliche Ver- 
gnügen gerade in dem bedächtigen Menuettschritt besteht, 
mit dem man gemeinsam das ganze ABC von Thorheiten bis zum 
Z gemessen durchwandelt. 



Ein nicht allzu eitler Autor kennt die Mängel seines Buches 
darum am Besten, weil er allein den grossen Abstand von der 
Idee in seinem Kopfe zu dem eiGWAov in seinem Buche kennt. 
Denn die andern können doch nur aus dem £:5(i)Xov auf den 
Glanz der iZioL dunkel zurückschliessen. Der Kritiker ersetzt 
nun freilich diese Autor-Unzufriedenheit überreichlich, indem er 
das eiowXov an irgend einem unverschämten Luftgebilde misst, 
das ihm seine klugen Kannegiessergedanken eingeben. 



52. 



Der G e n u s s eines Kunstwerkes besteht vielleicht haupt- 
sächlich darin, dass durch die Production — bei dem Künstler, 
und durch die Reproduction — bei dem Hörer und Schauenden, 
jene Schöpferkraft in Bewegung gesetzt wird, die heim- 



240 Anhang. 

lieh in uns lebt, aber für gewöhnlich schläft, ob sie gleich eigent- 
lich uns selbst erst geschaffen hat, und deren Erwachen eben 
die höchste Wonne des Menschen ausmacht, da seine Lustem- 
pfindung immer auf einem Gefühl der Thätigkeit beruht. So 
würde es sich z. B. erklären, w-arum Wachsbilder mit ihrer 
vollen Illusionswirkung — nach Schopenhauers Bemerkung ^ — 
durchaus unästhetisch wirken: w4r kommen bei ihnen eben gar 
nicht in den Fall, überhaupt productiv zu werden, da sie 
uns gegenübertreten wie lebende Menschen (ein schwächerer 
Kunstgenuss liegt freilich in d e r Production, die ja zu jeder 
Sinnenapperception erforderlich ist.) Alles natürlich erklärt 
diese Auffassung am Kunstgenuss nicht : sonst müsste ja freilich 
ein Kunstwerk uns desto mehr entzücken, je mehr es hinter 
der Absicht seines Schöpfers in der Ausführung zurückstünde, 
da dann die reproducirende Thätigkeit des Beschauers stärker 
in Anspruch genommen w^äre. 



"' •> 

Wie lehrreich müsste ein ganz unbefangen und frei ge- 
schriebenes Buch über die Wandlungen des Unsterblich- 
keitsglaubens sein ! Sicherlich entsprang und entspringt 
er stets aus einem Gefühl des überwiegenden Leides, Elends, 
vor allem des ungerechten Ganges des Menschenlebens 
und der Ab g e b r o c h e n h e i t alles menschlichen Bestrebens^. 
Von allem dem hofft man das Gegentheil in einer „bessern 
Welt" zu finden. Es gab eine Zeit, wo dieses Gefühl noch 
gar nicht erwacht war: dahinein gehöi*t z. B. der Dichter 
der Ilias. Der bedarf offenbar einer Ausgleiclumg noch gar 
nicht (sein Hades giebt sie ja keineswegs). Ein sehr schwer 
zu fassender, auch nur poetisch nachzufühlender Zustand. W^er 
nun an solche spätere Ausgleichung glaubt, dem ist die Sache 
freilich leicht glatt und einfach gemacht. Nun schwindet aber 
der Kinderglaube an solche erträumte ,, andre Welten'* bei er- 
wachender Vernunft nicht nur Einzelnen sondern ganzen V ö 1- 
k e r n. Was dann? Das Gefühl des Elends, der Noth, der Unge- 

* Parerga und Paralipomcna § 209. 

- Die Worte *und <b;r bis 'Bestrebens' mit Bleistift über der Zeile. 
Diese Sätze stehn übrigens im vollen Gegensatz zu den Anschauungen der 
Psyche ; sie zeij^en, wie weit der Weg ist, den R. im nächsten Jahrzehnt 
zurückzulegen hatte. 



Cogitata 1874. 241 

rechtigkeit der Welt steigt gleichzeitig mit dem sinken- 
den Glauben an eine transmundane Ausgleichung. Wo einen 
Trost finden? Buddhistische Naturen und Völker finden Trost 
in der Ei-A\'aitung einer völligen Vernichtung; aber das 
ist ja eigentlich kein Trost für die, die doch auf diese Welt 
und sie allein angewiesen sind und mit imwidersteldicher, un- 
widerleglicher Liebe dieses seltsame Leben trotz alledem lieben. 
Es kommt ja darauf an, dieses Leben in seiner Mangelhaftigkeit 
tröstlicher zu machen: dass es einst einen erwünschten Aus- 
gang ins Nichts nimmt , was hilft uns das ? Die Menge be- 
gnügt sich mit dem Palliativmittel ihres kurzsiclitigen Leicht- 
sinns. Wer das verschmäht, was bliebe dem? Was bliebe einem 
ganzen ungläubig gewordenen Volke? Hier liegt eine drohende 
Frage an die Zukimft. 24. 1. 74. 

Ein Bonmot kann man eigentlich nur machen, wenn man 
sich entschliesst, zwei Sachen einmal mit äusserster Einsei- 
tigkeit zu betrachten, ihre Aehnlichkeiten zu bemerken, die 
ungeheuren Unähnlichkeiten zu übersehen. Dieses Talent, zu 
dem eine gewisse rhetorische Gewissenlosigkeit 
gehört, ist nun den Franzosen absonderlich eigen, es steckt all 
ihren Autoren im Blute. In ernsten Dingen macht eben 
darum eine solche Bonmotsbetrachtungsweise und ein solcher 
Bonmotstyl den Eindruck eines schlechten Witzes, ob- 
wohl es dem französischen Autor mit seinen Einfällen meist 
ganz ernst ist. 24. 1. 74. 



;>.'>. 



Man kann mit der Schopenhauerschen Philosophie allein 
nicht leben. Nicht nur darum, weil sie eben, ernstlich ge- 
nommen, das Leben negirt, und dabei doch in ihrem verneinen- 
den Schluss eine leicht erkennbare phantastische U n d e n k- 
b a r k e i t enthält, wie sie wohl einer Religion, wie der Bud- 
dhistischen — der übrigens diese Undenkbarkeit nach ihren 
Prämissen nicht innewohnt — geziemen mag, aber nicht einer 
philosoi)hischen Lehre. Nicht nur darum. Sondern hauptsäch- 
lich darum : weil diese Lehre ihren Blick so tief einbohrend, 

Crusiu 8, E. Kf.htli". 16 



242 Anhang. 

enthusiastisch anhaltend auf das Einheitliche in dem Leben 
der Welt und also auch der Menschheit richtet. Diese Einheit 
ist nun, ilirem Wesen nach, stets die gleiche, durchaus unver- 
änderliche. Welchen Sinn hätte es, mit solchen auf das unver- 
änderlich Eine gerichteten Gedanken, noch leben, d. i. im Leben 
wirken, d. h. noch näher, auf eine Besserung und Steigerung 
des Lebens hinarbeiten zu wollen? Da doch das, was man einzig 
als wesentlich erkennt, was man überhaupt einzig erkennt, einer 
Veränderung in melius (oder auch in pejus) gar nicht fähig ist? 
Mit dieser Erkenntnis, wenn sie kein flatternder Schleier der 
Lebensbegier verdeckt, fällt alle Auffordenmg zum Handeln 
im Leben fort .... Was soll man freilich thun ? Sich einen 
Schleier ^villkUrlich vorbinden? Oder vielmehr sich dem unab- 
lässig dringenden Rufe der Pflicht des Menschen ohne weitere 
Bedenken willig zeigen ? So soll es wohl sein. Im Uebrigen 
behält diese philosophische Betrachtung tausendmal Recht: und 
sie soll wie ein tiefer, ernsthaft und strenge in der Tiefe mit.- 
tönender Bass im Concerte unserer Empfindimgen und Thaten 
mitklingen. 28. 2. 74. 



Ich glaube, bei allen Religionen beginnt das Ab- 
surde und Widerwärtige erst dann, wenn sie sich des Lebens 
der Menschen in seiner ganzen Breite bemächtigen. Sie 
sind ausgegangen und beseelt von einem ganz einseitigen und 
Eine Region, gleichsam Ein Segment des weiten Kreises mensch- 
licher Beziehungen einzig in's Auge fassenden, diesen Einen 
Puiict mit aller ihrer Seelenkraft durchdringenden Gedanken: 
nun soll, nach diesem Gedanken, das ganze Leben in seinen 
tausendfachen Relationen, geordnet werden ; da wird nun jener 
Gedanke widernatürlich gereckt und gestreckt und es entsteht 
der theologische Unsinn und Frevel. 



>/. 



Nur auf einem mittleren Standpunkte geistiger Befreiung 
meint man, die Religionen verachten zu dürfen ; ist die Eman- 
cipation auf ihrer höchsten Entwicklung angekommen, so „sieht 



Cogitata 1874. 243 

man, dass wir nichts wissen können", und die Religion gewinnt 
neue Kraft und neuen Muth. 



5S, 

Was es mit der Philologie, seit sie sich wirklichen Cultur- 
absichten stolz entfremdet hat, eigentlich noch auf sich habe, 
zeigt wohl nichts deutlicher, als der Umstand, dass für viele 
Philologen, ja für eine Anzahl der gescheutesten darunter (z. B. 
Bentley, Madvig , Cobet etc.) die Schriften der Alten gar kein 
Interesse haben würden, wenn sie, zufällig ganz ohne 
Fehler überliefert wären ; eigentlich also interessiren diese 
Leute die Versehen und Fälschungen der Abschreiber (und ihr 
eigner, an deren Aufdeckung arbeitender Scharfsinn), aber nicht 
die Alten selbst. 



Bilder von Gabriel Max. Sehr belehrend der Beifall, wel- 
chen sie finden. Das rein Malerische daran kann Niemand er- 
wärmen : sie reizen durch das Rebusartige ihrer Darstel- 
lung, welches den Scharfsinn, ein äusserliches Combinationsver- 
mögen, in Bewegung setzt, den Leuten, die vor dem reinsten 
Kunstwerk gähnend stehen würden, den Trost verschafft, sich 
productiv zu wähnen, indem sie sich von dem rein Künstleri- 
schen möglichst entfernen. Eigentlich ist das der Standpunkt 
der aller primitivsten Kunstübung. 



'Nachahmung der Natur' in der Kunst wäre eine schöne 
Sache: wenn man sich nur etwas bestimmtes dabei denken 
könnte. Was man *Natur' nennt, ist ein P r o d u c t eines ob- 
jectiven Factors (der äusseren Dinge) und des subjectiven Be- 
trachters. Im Kopf eines Ruisdael, Claude Lorrain, Tiziano ist 
dieselbe 'Natur' etwas ganz Andres als im Kopf eines Spiess- 
bürgers, in welchem sich die Welt spiegelt wie in der Rundung 
eines Löffels, verzerrt und aufgeblasen. Man könnte auch sagen : 
die 'Natur' ist wie ein Musikinstrument; freilich kommt es auf 
ihren edleren Bau an, dass der Ton ein voller und warmer werde ; 
aber sie erklingt nur in der Hand des begabten und begeisterten 

16* 



244 Anhang. 

Künstlers. Wenn also ein Rafael, ein Thorwaldsen von 'Nach- 
ahmung der Natur' reden wollten, so hätten sie freilich recht, 
aber nur für sich: ihre, d. h. die in ihrem Kopfe sich 
spiegelnde Natur ist an sich schon ein Product menschlicher 
Kunst, und es giebt keine höhere Kunst als die Nachahmimg 
dieser Natur. Aber so absolut gesagt, hat die Vorschrift 
einer Nachahmung der Natur gar keinen verständlichen Sinn — 
durch die Berücksichtigung des s u b j e c t i v e n Factors in aller 
Kunst erklärt sich der Kunstgenuss auf das Einfachste. Im 
Kunstwerke lässt uns der grössere, stärkere, freiere und feinere 
Geist des Künstlers auf eine kurze Zeit die Welt mit 
seinen Augen sehen und wie auch e r sie nur in seinen höch- 
sten Augenblicken sah ; daher die beglückende Erweitenmg imd 
Hebung unsres ganzen W^esens im Genuss der Kunstw^erke. — 
Die Photographie hat keinen Kunstwerth, weil ihr das Wesent- 
1 i c h s t e des Kunstwerkes fehlt, der s u b j e c t i v e Factor 
des schaffenden Künstlers. Findet man trotzdem in 
einer Photogra})hie einen Kunstwerth, so lindet man ihn 
darin , wie in der 'Natur' selbst : man legt ihn nämlich 
hinein, man ist eigentlich selbst der Künstler. 



Ol. 

Bescheiden zu seyn ist die seltsamste Anforderung. 
Man wähnt wohl zuerst, diese Anforderung verlange eine ge- 
ringe Meinung von den eignen Kräften und Leistungen, ein, 
den Uebennuth dämpfendes Bewusstsein von der wirklichen Ge- 
ringfügigkeit des von dir selbst Vollbrachten, von der Beschrän- 
kung deiner Fähigkeiten. In diesem Sinne würde der normale 
Mensch leicht und naturgemäss bescheiden sein können. Aber 
das versteht pirhs hijH'dum nicht unter Bescheidenheit! Es ge- 
nügt nicht, dass man sich selbst und das Seine gering 
anschlage: man soll das Fremde und die umgebenden //o/////^/- 
rinHrs h o c h schätzen und das iiinen recht auf- und eindring- 
lich zeigen. Man soll also den scharfen Blick, der die eignen 
Fehler so deutlich erkennt, abstumpfen, wo er sich nach Aussen 
zu richten hat. Die unsinnitrste aller Forderungen. Daher denn 
die Bescheidenheit, in diesem, ihrem hergebrachten Sinne, 
entweder Zeichen wirklicher Betäubung des Verstandes oder 
reine H e u c h e 1 e i ist, in ganz praktischen Absichten ausgeübt. 



Cogitata 1875. 245 

Das letzte wird sie meistens sein: denn wie wäre es ernstlich 
und aufrichtig: möglich, das ffros der umgebenden homuncinncs 
hoch zu schätzen!^ 



1875^ 



Die seltsamen Leute, welche an tragischen Helden stets eine 
Schuld, als Begründung ihres Unterganges suchen, übersehen 
nur, dass von Schuld schon darum nicht die Rede ist in einer 
rechten Tragödie, weil der schliessliche Untergang des Helden 
ja keine Strafe ist. Im Gegentheil : das eben ist die Stim- 
mung einer rechten Tragödie, dass sie die Schätzung der 
Dinge umwandelt: „das Leben ist der Güter höchstes nicht*'. 
Wenigstens nicht dem tragischen Helden. Nicht weil er, wie 
ein Asket, einfach seinen 'Willen' 'verneinte', sondern weil er 
einen Aufschwung gethan hat in ein Reich der Freiheit, 
welche freilich mit dieser Welt nicht bestehen kann, und ihm 
ein längeres Verweilen hier unten zur reinen Qual macht. 



;.v. 



Warum freut man sich so sehr viel lebhafter, wenn Einer 
an uns lobt — nicht was wir uns selbst verdanken (Fleiss, 
Bildung, Geschick), sondern was ohne unser Zuthun uns 
auszeichnet: Schönheit, Klugheit, Kraft? 



fi4. 

Die Em])tindung für die Natur geht mit der für Musik 
Hand in Hand : Wir empfinden das grausig Schöne, Erhabene, 
noch im wild tosenden ^leere, im frei brausenden Urwald, in 
einer schrecklich endlosen Steppe — und so vermögen wir auch 
eine Musik schauernd zu geniessen, in der das Element der reinen 
Schönheit kaum auf Augenblicke aus dem wogenden Erguss 

* Noch hi«'r wirkt fühlbar Schopenhauer nach, vjjl. W. "\V. u. V. \\ 
37 S. 484. Verwandt sind die Üenierkunjren über die antike (isYaXo'«t''^X^*' 
*Roman' 8. 31^', s. oben S. 'J09». 

-' Auf anderni Papier, mit anilrer Tinte und Schritt. 



246 Anhang. 

unheimlich grosser Leidenschaft auftaucht. Die Alten verstanden 
wesentlich, im künstlerischen Sinne, nur eine gezähmte, milde, 
freigiebige , ^schöne' Natur. Darf man ihren Musiksinn sich 
ähnlich eingeschränkt denken? 



Wie die innem Theile des Menschen — Herz, Magen, Ein- 
geweide usw. — ohne unser Zuthun, ohne unser begleitendes Be- 
wusstsein sich bewegen und arbeiten, und nur unsre äussern 
Glieder, in ihrer Bewegung und Thätigkeit, von unsrer bewussten 
Willkür regiert werden : so können wir freilich unseren Intellect 
nach Gutdünken, wenn auch innerhalb bestimmter Grenzen, frei 
bewegen, aber unser Wille, alles Moralische an uns, operirt 
im Stillen, unbemerkt, von Willkür unbeeinflusst, meist ohne 
uns recht bewusst zu werden, weiter. Es ist fast schon eine 
Krankheit, wenn die verborgene Arbeit unserer innem Theile 
und unsres Willens uns ins Bewusstsein treten. 



1876. 



31. 1. 76. 



Ach, die Musik ! ihr danke ich doch gewiss den poetischen 
Inhalt meines innersten Wesens. Erinnere dich, liebe Seele, der 
seligen, überwallenden Trunkenheit, in der du umhervvandeltest, 
während, in meinen Knabenjahren, Mama allerlei Lieder sang, 
die mich seitdem nie wieder losgelassen haben. Denke an die 
goldenen Gärten des Glückes, in welche du versetzt wurdest, 
während (Frühjahr 70) Nietzsche dir aus den *Meistersängem' vor- 
spielte: „Morgendlich leuchtend**. Das waren die besten Stunden 
meines ganzen Lebens. 



(i7K 
Mit dem Mythus mag es ähnlich sein, wie mit der Musik. 



* Das F(>lp:oiKle mit andrer »Schrift und (bläulicher) Tinte; es scheint 
aus erheblieh späterer Zeit zu st^mnnen, als das Umstehende. 



Cogitata 1876. 247 

Drängt nicht bei Beethovenschen Quartetten es in uns zur Er- 
läuterung des Inhalts der Musik in Vorgängen — in Versen? 
d. i. doch zuletzt in Begriffen? Aber man hat gewiss alles 
eigentlich Wesentliche der Musik gefasst, wenn man sich rein 
dem musikalischen Gang und Wogenfluss der Töne hin- 
gegeben hat. Und so hat man wohl den Mythus gefasst, wenn 
man nur seinen fabulosen Gang und sein Bildliches als solches 
recht gefasst hat. Der Mythus spricht in seiner Art etwas 
aus, das man anders aussprechen eben nicht konnte. 



Alle Göttermythen wollten ganz eigentlich, im schlichten 
Sinne gläubig, genommen sein. Philosophen versprachen die 
Erkenntnis in Begriffen zu geben. Die Mysterien standen 
allerdings in einer Mitte. 



6-.91. 

Die Grösse eines wirklich grossen Menschen besteht 
wohl darin, dass er, nicht durch äussern Zwang, sondern (wesent- 
lich) durch die fortwirkende Kraft seiner Person und des in 
ihm personificirten Gedankens eine Menge der Menschen zum 
Aeussersten zwingt, was ihnen abgerungen werden kann : ihre 
Selbstsucht auf eine Zeit, einen Höheren zum Dienste, zu 
vergessen und bei Seite zu setzen. Dies Wunder — die Sonnen- 
höhepunkte der ganzen Geschichte — zu bewirken, gelingt nie 
einem unpersönlichen Princip, sondern durchaus nur dem grossen, 
zauberhaft wirkenden Menschen. 



Bayreuth 29. Aug. 76. 

Dem Teufel müsste, wenn er durch solche Beobachtungen, 
wie die des La Rochefoucauld (und R6e's) seine Listen und seinen 
Trug enthüllt sieht, um sein Reich und seine Herrschaft ernst- 
lich bange werden : wenn er sich nicht im Reiche des Begehrens, 



> 69 ff. in Tinte und Schrift etwa wie 65. 



248 Anhang. 

als in seiner 'festen Burg' unüber\^*indlich sicher und vor 
den kecken Angriffen des Intellects so wohl verwahrt fühlte, 
wie eine starke Festung vor den Angriffen leichter Plänkler- 
schaaren. 



Eein durch das Mediinn des Intellects l)etrachtet, erscheint 
die Welt einem Jeden, der zu solcher Betrachtung überhaupt 
fähig ist, gleich. Alle 'Moralisten' sahen und sagten im Grunde 
Dasselbe. Es ist gleichwohl keine Gefahr, dass dem durch sie 
belehrten nun die Menschenwelt einfarbig oder farblos erscheine. 
Nur kurze Zeit sehen wir durch die reine farblose Scheibe des 
Verstandes in die Welt: alsbald wendet ein Jeder sich wieder 
zu der bunt gefärbten Scheibe, durch die sein „W i 1 1 e** ihn 
die Dinge in einem ganz seltsam verfärbten, nur ihm eignen 
Lichte erscheinen lässt. 



7*> 



Wir leben durch unsre Schwäche, nicht durch unsre 
Stärke. Die Schwäche unsrer Empfindung ist es, die in schweren 
Leiden uns erhält. „Sei ein Mann*' sagt man einem Leidenden, 
und meint damit im Grunde : sei ein Kind, das noch eben um 
den gestorbenen Hänfling weinte und schon mit erstauntem Lä- 
cheln nach einem neuen Spielzeug greift ^. Es ist dafür gesorgt, 
dass Tragödien nur auf der Bühne uns sich darstellen : und auch 
so dargestellt, bleiben sie den Meisten durchaus unverständ- 
lich. 



7 i> 



Die 'moderne Kritik' liebt es, das Kunst w e r k an dem 
zuschauenden Volke zu messen, und wenn es diesem nichts sagt, 

* Aehiilich 1. 2. 76: Nichts, gar nichts ist seltener, als ein Herz, das 
an einem schmerzlichen Conflict heroisch nnt erfjeht . . . Die Allermeisten 
widerstehen, nicht w«til ihre Lel)eiiskrart grösser wäre, Hondern im Ge- 
gentheil. weil >'u' zu schwach ist, um ein ganz ungeheures Leid über- 
hauptfassen zu können. Man tröstet sich, zerstreut sich, heilt sich leise 
aus. Nur eine gewaltige Seele ist des Leidens im höchsten und tief- 
sten 'Suuw fähig. Das eben sind die üe**talten der Tragödie. 



Cogitata 1877. 249 

das Kunstwerk zu verdammen. Das Volk vielmehr am Kunst- 
werk ... zu messen, fällt den Herren nicht ein. Gleichwohl 
wäre dies die rechte Messkunst und eine wirkliche *Kri- 
tik\ Dies ist denn auch, denke ich, die Art der Nachwelt. 

Bavreuth Auorust 76. 



741 



Arm zu sein ist gewiss vom Uebel : man erleichtert es 
aber schon, wenn man nicht auch die Gesinnung des Armen 
hat. Dann dient Armuth wohl gar zur Beschwingung, Be- 
flügelung des Geistes. 



1877. 

/.'>. 

Man könnte, ohne alle *Geniolatrie\ ja im Interesse der 
höheren Cultur einer grossen Menge, den Satz, dass es auf 
die höchsten Exemplare der Menschheit in deren Culturent- 
wicklung allein ankomme, verfechten. Der grosse Genius ist, 
in seinen Ausstrahlungen, das am wenigsten egoistische Wesen : 
er ist nicht für sich allein gross und herrlich zu schauen, nur 
durch ihn werden die 1000 mittleren Talente etwas. Ohne 
Goethe wären Platen, Rückert, Tieck etc. nichts — oder sehr 
w^enig. I^. s. w. Und nun gar in die grösste Breite! Was 
wären wir Deutschen insgesaramt ohne Goethe? ohne Luther? 
Das närrische Volk, rückwärts schauend, kehrt's freilich um, und 
denkt in seiner Dummheit : was wäre Goethe, Luther olme seine 
'Zeit;?! . . .2 



* 74 mit hlilulicher Tinte, wie ein (hier weggelassenes) Stück, das 
Jena 24. Oet. 76 datirt ist. 

^ Vgl. auch oben 8. 75. Auf das Problem des Genius kommt Rohde 
immer wieder zurück. Einige Tage später notirt er eine Stelle aus den 
Briefen Karl August's an Lavater (10. April 1786, Im neuen Reich 1876. 
N. 34 p. '295): , Könnte man von dem göttlichen Geiste [Friedrichs des 
Gr.] nur einiges wenige autt'angen , um damit, wie mit einem 
Tropfen Rosenöl ganze Eimer Existenzen zu begei- 
stern." Ueberail spürt man das Bedürfnis, den Wunsch, an's Grosse 
zu glauben — heroirorship. 



250 Anhang. 



76'. 



Eitelkeit und Stolz. Vielleicht s o verschieden : dass 
durch die ins Bewusstsein tretende Bewunderung Anderer der 
Stolze sich nur in seiner eignen Werthschätzung durch un- 
bestochene Urtheile bestätigt fühlt — während den Eitlen 
das Bewusstsein, in Anderer Vorstellung sich vortheilhaft zu 
spiegeln, erquickt. 



//. 

Alle Mystiker sagen: 

So lange Gott (der Eine) war, war die Welt (das Man- 
nichfaltige) nicht. 

So lange die Welt ist, ist Gott nicht. 

So sehnt sich denn die Welt aufzuhören, damit Gott wie- 
der sei. 



7<s. 

18. Mai 77. 
Schon bei Homer steht die Sittlichkeit der Menschen er- 
sichtlich höher, als die der Götter. Die der Letzteren ist 
offenbar ein Erbstück einer älteren Zeit, in welcher in der That 
die sittlichen Begriffe noch nicht völlig entwickelt waren. Später 
bildet die griechische Mystik und Speculation kühnlich 
auch die Götter nach geläuterten Begriffen weiter. — An einer 
genauen Verfolgung dieses Gegenstandes liesse sich eine voll- 
ständige 'Geschichte der sittlichen Empfindungen' 
(welche in der That nicht von Anbeginn der Menschheit fertig 
und fest waren) entwickeln. 



Der Gegenstand des Glaubens würde für den Gläubigen 
alsbald seinen rechten Weiih verlieren, wenn er völlig gewiss 
— völlig klar erkennbar wäre. Dies der Reiz der 'Mysterien'. 
Die Ahnung, das freie Spiel der Phantasie. 



Woher die grosse Inbrunst der Griechen im Mysterienglau- 



Cogitata 1877. 251 

ben? Die Gottheit tritt, anders als im gewöhnlichen Glauben 
und Mythus, als eine leidende auf. Wir leiden, verzaubert, 
mit ihr, sie mit uns: das Leiden der Welt geht in uns ein, 
läutert uns von unserm Privatschmerz. Ursprung der Tragödie?' 



SI, 

Bei W. Raabes Erzälilungsart fiel mir ein: durch seinVor- 
g'reifen und Vorausdeut en zerstört freilich der Humorist 
die Spannung: aber nun schlingen sich alle Zeiten, Gegen- 
wart und Zukunft, durcheinander; wir empfangen die Ahnung, 
die Empfindung der 'Idealität d e r Z e i t' : das Ganze wird 
uns zu einem Spiel — doch zu einem schmerzensreichen. Das 
macht das Erhabene des Humors aus. 



Die griechische Mythologie hat ihren incommensurabeln Cha- 
rakter wesentlich bekommen durch die unermessliche Thätig- 
keit der Dichter. Hier deuten zu wollen ist ein Unsinn. 
Die verkehrte Vorstellung, als ob diese Götter und Heroen nur 
in einer Maske herumgingen, die man auch wohl abnehmen 
könnte ! 



Der Pessimismus der Griechen ist nicht etwa eine Frucht 



* AiisfQhrlicher, aber in ganz skizzenhafter Form schreibt Rohde 
etwas später (6. Oct. 77): Griechische Mysterien. Seltsames Gerede: die 
Griechen mit ihren Gedanken nur aufs Diesseits gerichtet! Im Gegen- 
theil : Wohl kein Volk, das an das Jenseit so viel, so bang gedacht hätte. . . 
Freilich eben darum Genuss des Lebens: aber ein dunkler Hinter- 
grund <^bleibt]> stets bewusst. Ausdruck in Mysterien. — Leidende 
Gottheit. Ohne Zweifel <^8teckt>' eine Art von Pantheismus im 
Mysterienghiuben. Aber nun ist freilich ein gewöhnlicher Pantheis- 
mus nothwendigerweise optimistisch (Stoiker). <'Der> Grieche <;^ist]> 
im tiefsten Grunde Pessimist. Das ist für den Pantheisten nur mög- 
lich, wenn das Leid gleich im Anbeginn der Welt in der zur Welt ent- 
falteten Gottheit festsitzt. Sie wird Welt eben durch den in ihr wüh- 
lenden Zwiespalt. 

* Vorher geht die oben zu 80 mitgetheilte Betrachtung über Jenseits- 
glauben und Pessimismus bei den Griechen. 



2 52 Anhang. 

ihrer späten Reflexion (wiewohl auch die stets pessimistisch 
blieb): er spricht sich handgreiflich in ihren Mythen aus. Man 
denke an das Schicksal des Achill — Bellerophon — lason — 
Herakles (Ausgleichung erst ^dort drüben''), ja aller grossen 
Helden. 



Seltsam illustrirt wird die angebliche Lebenslust der Grie- 
chen um jeden Preis durch die zahllosen Selbstmorde in ihrer 
Geschichte. Stets haben sie das xaAti)^ a~oi)ave';v dem xaxw; 
^f// vorgezogen. 

S:'), 

Von den eigentlich griechischen Göttern <ist> zu sagen : 
ihr führt ins Leben ihn hinein , ihr lasst den Armen schuldig 
werden, dann überlasst ihr ihn der Pein etc. Anregung zur 
S c h u 1 d , zum Unrecht durch die Götter (Ilias — Euripides, 
cf. Nägelsbach), und dann doch Strafe des Elenden! -- In 
den Göttern sind überhaupt viele der schrecklichsten 
7A\g;e der Griechen fixirt und hypostasirt, ins Jenseits projicirt: 
Neid, Missgunst, Eifersucht, Ehrgeiz: epiz, aber y.ocy.i\ — denn 
der Mensch ist ja doch nicht im Falle einer Concurrenz ! 



Griechische Mysterien. Das Wesentliche waren 
die cpo)pL£va:, Erscheinungen von Göttern und göttliche Leidens- 
vorgänge. W a s nun daran die Griechen so beseligte, ist für 
uns wohl e^Wg unverständlich. Es waren also Kunstwerke 
die mau sah. Hatten sie einen allegorischen Sinn ? Man meint's, 
(lewiss mit Unrecht. Uns freilich drängt es durchaus zu 
einer begrifflich e n Fassung aller Erkenntnis : die Griechen 
blieben stets verhan-en in dem m y t h i s c h e n Zustande: das 
Allgemeine wurde unmittelbar zu einem gestalteten Ideal- 
bilde. Dessen Inhalt war durch Begriffe nicht auszudrücken: 
inhaltsreicher war es, wiewohl nicht weniger allgemein. Es ist 
allerdings eine Analogie mit einem Kunstwerk. Auch dessen 



Cogitata 1877. 253 

Inhalt ist ja g-anz und gar beschlossen in seine Darstellung; 
es bedeutet nichts, als sich selbst. Und dennoch : 
ein Kunstwerk ist eben etwas nicht rein Individuelles: 
etwas Typisches, Vorbildliches ist immer darin. Darum weiset 
es eben doch über sich selbst hinaus. Nur <ist> nimmermehr 
sein Inhalt durch Begriffe zu umspannen. Dem Inhalt des Kunst- 
werkes -<ist> eben der einzig angemessene Ausdruck das Kunst- 
werk selbst. Könnte man diesen Inhalt in Begriffe fassen 
— nun, so thäte man's. Es giebt aber eine Gattung der Er- 
kenntnis die sich nicht in Begriffe, sondern in gestaltete 
T y ]) e n und vorbildliche Vorgänge umsetzt. So ist 
es denn auch mit dem Mythos — und w^ohl auch mit den Myste- 
rienerscheinungen. — So ist es: aber wir sind so seltsam geartet, 
dass uns ein in Begriffe nicht auflösbarer Rest in einer 
Sache ängstigt : für u n s r e Art zu verstehn , bleibt so etw^as 
unverstanden. Und dabei wollen wir's lassen. Die Griechen 
verstanden ihre Mysterienerscheinungen (wie sehr ihnen die 
Begriffe fremd waren, lehrt wohl nichts klarer, als deren so- 
fort eintretende H y p o s t a s i r u n g zu tSea'. bei Plato — was 
eben auch viel mehr als blosser Begriff ist). Was die Griechen 
nun den optüfieva entnahmen ? Ahnungen. Aber solche Ahnungen, 
die sich nicht in Begriffe umsetzten, in Sät^e, Lehrsätze. Nie- 
mand wohl hätte diese optofieva schlechtweg in XeyofjLeva um- 
setzen können, auch der Hierophant nicht. Ist aber diese Art 
der Belehrung nicht gerade die bei göttlichen Dingen ange- 
zeigte, einzig rechte? 28. 10. 77, 



H7. 

Mysterien. (Schluss). Zuletzt aber, möge er auch Schleier 
nach Schleier von dem Hintergrunde der Welt abziehen, sieht 
der Mensch, in endlosen Wiederspiegelungen , doch immer nur 
— sich selbst'. 



Das Glück ist nicht ein an den Menschen herantretendes 
Factum, sondern nichts als die Spiegelung der Dinge in seinem 

* Wohl, wif 79 f., Bausteine zu einem Vortrag über Mysterien und 
Unsterblichkeitsglauben, s. oben S. 119. 134. 



254 Anhang. 

Geraüth , aus i h m fast ganz allein erzeugt. Das ist eine alte 
Weisheit. Es ist aber mit dem Glück fast wie mit der Gesund- 
heit. Es ist angeboren. Man kann es stärken — weniger 
durch philosophische Reflexionen, als ganz simpel durch Gewöh- 
nung — , man kann es verstümmeln und verkürzen, wenn man 
z. B. schon dem Kinde die Empfindungen des Alleinseins in 
der Welt, der Heimathlosigkeit nicht versüsst, ihm nimmt . . . Das 
wesentliche bleibt doch immer der angeborene Keim von Ge- 
sundheit — von Glücksgefühl (denn Glück ist eben nichts als 
das Gefühl des Glücks). Der Vergleich freilich mit der Gesund- 
heit hinkt: das *Glück' ist nicht so unbedingt zu preisen wie die 
Gesundheit. Das 'Unglück', glaube ich, steht der Liebe näher, 
ist in vielen Beziehungen besser, als das *Glück\ Ohne das 
'Unglück' stünde die W^elt noch auf viel roherer, härterer Bil- 
dungsstufe etc. 28. 12. 77. 



Die Alten hatten den grossen Vortheil bei ihrer Schrift- 
stellerei, dass die sichersten, wichtigsten, fundamentalsten, über- 
zeugendsten Wahrheiten über Menschen, Menschenleben und -ver- 
kehr, Verhältnis der Menschen zur Weltmacht . . ., zur Natur, zum 
Tode etc. damals noch ihres rechten Ausdrucks im Worte, 
ihrer Abbildung in Begriffen harrten. Diese Wahrheiten sprachen 
sie aus, schlicht und kernhaft. So konnten sie gedankenreich 
sein, ohne doch, wie Scribenten sj)äterer Zeiten, den sichersten 
Wahrheiten als 'Trivialitäten' ausweichen und nun feinere, nur 
individuell überzeugende, durch künstliche Steigerung der Ver- 
hältnisse zu gewinnende, nur durch Ahnung zu erschwingende 
Gedanken aussprechen zu müssen. Schon bei Piaton ist Man- 
ches trivial, was es noch nicht für Sokrates war (für den ein- 
fältigen Xenophon wurde freilich auch das Trivialste nie trivial: 
und so ist's mit Plattköpfen allerdings jKr saecnUi saecidorum) 
— an Seneca z. ß. bemerkt man dann schon sehr stark, wie 
ein geistreicher Kopf damals seinen und seiner Leser Ekel vor 
dem 'Trivialen' zu vermeiden hatte. — Man darf übrigens eben 
darum die eigentlichen 'Alten' nicht allzu 't i e f auffassen. 
Spätere Autoren sind wirklich in vieler Beziehung „tiefer", als 
die kernhaftesten Alten. Deren Stärke ist gar nicht, dass 



Cogitata 1878. 255 

sie Gedanken, die sich einem klugen Verstände aus einfachster 
Betrachtung ergeben, bei Seite gelassen hätten, um in tiefere 
Abgründe sich hinunter zu wühlen. Vielmehr was sie sagen ist 
wirklich für uns oft 'trivial' : was sie auszeichnet , ist , dass 
sie diese, nun trivial gewordenen Sätze mit einer uns längst 
abhanden gekommenen Innigkeit und Fülle des 
Sinnes empfanden. Das macht, sie hatten diese Gedanken 
erst gefunden. 28. 12. 77. 



1878. 



Einer der ärgsten Mängel der deutschen Sprache ist, dass 
i p w ; und d Y a ^ >i mit dem Einen Namen 'Liebe' bezeichnet 
werden. Daher rühren so viele Missdeutungen und verkehrte 
Schätzungen der Liebe = £ p w ; : daher sogar die seltsamen, 
deutsch-sentimentalen Selbsttäuschungen über die Natur 
des epwTLXöv Tcad-oc^ Leicht ist zu ermessen, wie wichtig für 
Cultur und Litteratur der Deutschen diese Täuschungen gewor- 
den sind. Hier sieht man eben die Wichtigkeit der Worte. 

11. Mai 78. 



Die Musik hat keinerlei sittlichen Inhalt: 
es ist reine Illusion, wenn grosse Musiker, wie W^agner, sich 
einbilden, aus der Musik eine eigne, tiefere Art der sittlichen 
Empfindung hervorgehen lassen, wohl gar auf Musik eine Art 
von Religion gründen zu können. Man könnte einwenden: die 
Musik drückt ja doch durchweg Regungen des Gemüths 
aus! Gewiss. Aber nur solche Regungen, die in den Bereich 
des Sittlichen nicht hinaufgestiegen sind: nur Empfindungen der 
Lust imd Unlust in allen erdenklichen Schattirungen. Das 
Sittliche (und Unsittliche) entsteht aber erst, wenn jene Regimgen 
und Empfindungen durch das Bewusstsein, ja durch die Reflexion 
geleitet und geregelt werden. Diese Verbindung des 
Triebes und der Reflexion vennag die Musik nun 

* Man vergleiche Schopenhauer 1, IV g 67 S. 444 über amor und Caritas. 



256 Anhang. Cogitata 1878. 

schlechterdings nicht darzustellen. Ihr Reich ist der dunkle 
Untergrun d der Welt, aus welcher freilich auch der Mensch 
auftaucht: aber sie reicht nicht bis ins eigentlich Menschliche 
empor. Daher denn ihre dunkle, unbestimmte Ahnungen anre- 
gende Allgewalt, daher ihre Unfähigkeit das Individuelle 
auszudrücken. So ist denn die Musik stets und immer u n- 
schuldig, aber in einem Sinne, der sie nicht über den schuld- 
fähigen Menschen erhebt, sondern unter ihm wogen lässt. 

Jena 17. Aug. 78. 



Eins der deutlichsten Beispiele dafür, dass viele ^Sitten- 
gesetze' nichts sind als nackte Bestimmungen der Z w e c k- 
mässigkeit, ist die alteingewurzelte Vorstellung, eine ge- 
sclilechtliche aussereheliche Vereinigung sei eine ärgere Sünde 
für das Weib, als für den Mann. Warum?? es lässt sich kein 
Grund erdenken, als der, dass eben das Weib sich dem Gebären 
eines nicht regelrecht versorgten Kindes aussetzte — Nach 
solchen Beispielen soll man aber nicht alle Sittengesetze be- 
urtheilen. Es g i e b t eine über die Zweckmässigkeit hinaus- 
ragende Sittlichkeit. Diese bringt Positives hervor, die 
zweckmässige Sittliclikeit verhütet nur negativ*. 



* Wohl im Gegensatz zu Schopenhauer'ö Parerga IV S. 349. 

- Die letzten Sätze wenden sich unverkennbar gegen Ree und gegen 
Nietzsche's 'Men.sohliches Allzumenschliche.s', das im Mai 1878 erschienen 
war. Ö. oben S. 97 tl'. 



257 



Beilagen und Nachträge. 



Zu S. 11. 

Von H. RoMUXDT ist auch später wiederholt die Rede, so in 
einem Brief an Overbeck 19 XII 88: »In Hamburg traf ich Romundt, 
der aus Kant eine Art Protestantenvereinsreligion herausdestilliren 
zu wollen scheint. [Romundt's Buch 'Herstellung der Lehre Jesu 
durch Kants Reform der Philosophie' erschien 1883], Ich gratulirte 
ihm zu dem ehrlichen Drange und Triebe , dergleichen ist ja stets 
ein Glück für den, den's trifft .... Er will eine Art von Univer- 
salschule, mit Humaniora anfangend, mit Naturwissenschaft fort- 
fahrend, und was weiss ich in welche Bestialia auslaufend, zusam- 
menbringen, aber zu solchen Wagnissen fehlt ihm, fürchte ich, das 
Fortreissende für Andere.« 

Zu S. 17 A. 2. 

Um Missverständnissen vorzubeugen, bemerke ich ausdrücklich, 
dass mir ein wirkliches Zeugnis für Rohde's Bekanntschaft mit 
Stirner in jener Frühzeit nicht zu Gebote steht. Während des 
Druckes werde ich darauf aufmerksam gemacht, dass ich hier, in 
aller Arglosigkeit, ein schon vielfach umstrittenes Problem ange- 
rührt habe, dem ich freilich, auch für die Beurtheilung Xietzsche's, 
keine übergrosse Bedeutung beimessen möchte. Vgl. E. Förster- 
Nietzsche Einl. zu H. liichtenberger's Philosophie Fr. N.'s, S. LXVII. 

Zu S. 22 f. 51, 63. 

Sehr liebevoll zeichnet Ribbeck den jungen Rohde und sein 
Verhältnis zu dem Lehrer in einem, eine Anfrage RühFs beantwor- 
tenden Briefe, Heidelberg, 10. Mai 75. „R. ist in Kiel drei Semester 
lang . . . mein Zuhörer . . . gewesen, hat dort . . . promovirt und auf 
meine Anregung hin sich habilitirt. Bis zu meinem Abgange nach Hei- 
delberg habe ich in nahem . . Verkehr mit ihm gestanden, und ich kann 
sagen, dass ich die Trennung von ihm als eins der noch unersetzten 
Opfer ansehe, welche ich meiner Uebersiedlung hierher gebracht habe. 
Natürlich correspondire ich auch regelmässig mit ihm. Durch diesen 
langjährigen Umgang glaube ich allerdings ein tieferes Verständnis 
seiner nicht gewöhnlichen Natur gewonnen zu haben, als dieser oder 
jener, der ihn von fern gesehn . . . hat. Denn seine äussere Erschei- 
nung verräth zwar auf den ersten Blick einen bedeutenden Menschen, 
wirkt aber auf Solche, die nach dem Schein urtheilen, bisweilen 
auch abstossend. Bei grosser innerer Bescheidenheit hat er in seiner 
Haltung etwas Sprödes, in seinen Aeusserungen etwas Kurzes und 
Knappes, besonders Fremden gegenüber. Das ist aber nur der Aus- 
druck einer gewissen Ungelenkigkeit in den Formen des Umgangs, 
welche, auf gewissen Verhältnissen seiner Knabenzeit beruhend^. 



* Gemeint ist die Vereinsamung im Stoy'schen Institut. 

Crusius, E. Rohde. 17 



258 Beilagen und Nachträge. 

bei soinem energischen und feurigen Temperament, sich in Form- 
losigkeiten . . . verräth. Im (Truude ist er ein Mensch von wahr- 
haft gediegenem, lauteren, durchaus edlen Charakter, keiner Illoya- 
lität, Intriguc oder Zweideutigkeit fähig. Er hat sich die höchsten 
Ziele in sein(»r Wissenschaft gesetzt, ohne iich die gewissenhafte 
Arbeit im Kleinen zu sparen. Ebenso habe ich ihn in grossen wie 
in kleineu Dingen des Lebens bewährt gefunden, den selben an 
Treue, Offenheit, ja sogar, was man ihm am wenigsten zutrauen 
sollte, an zarter Rücksicht .... Er ist insofern allerdings pau- 
corum hominutn, als er sich nur Wenigen ganz giebt, und dem 
gewöhnlichen faden Cxesellschaftstreiben sein einsames Studierzimmer 
vorziehen mag. Er ist aber der unbefangensten Fröhlichkeit fähig 
und hat uns durch seine muntere Laune manchesmal hoch ergötzt. 
Keine Woche verging, in der wir nicht wenigstens einmal bis tief 
in die Nacht bei Gesprächen zusammengenessen hätten, welche so 
ziemlich alle Seiten allgemein menschlicher Interessen berührten. 
Seine umfangreiche Bildung und die ungewöhnlich früh entwickelte 
Kraft und Schärfe seines Urtheils, sein Verständnis für Kunst und 
Poesie, kurz alle seine intellectuellen Eigenschaften, so glänzend sie 
sind, hätten mich indessen auf die Dauer nicht gefesselt, wenn nicht 
der Adel seiner ethischen Natur und die Reinheit seines (xemüthes 
eine tiefe Zuneigung zu ihm in mir begründet hätte . . .'^ 

Zu s. 3a ff. 

Zur Ergänzung der oben gegt»benen Darstellung der Italiäni- 
schen Studienreise mag hier noch einiges für Rohde's .Jugendstim- 
mung (Charakteristische aus Familienbriefen mitgetheilt werden, die 
mir erst nach dem Satz der betreffenden Bogen zugänglich wurden^. 

1. >R()m, den 22. April 69 ... . Bis man unter diesem Ueber- 
fiuss des Bedeutenden zu einiger Sammlung kommt, wird eine ziem- 
liche Zeit hingehen müssen. Zum Wenigsten , weim man nicht 
. . . die i)hiliströs«' Fähigkeit hat, mit den herkömmlich über- 
lieferten Schlagwörtern sein ästhetisches Gewissen zur Ruhe zu 
]>ringen. So ist es eigentlich gerathener, in der Zeit der Aufnahme 
zu schweigen, um freilic^h nachher in grösserer Sammlung — erst 
recht zu schweigen; denn das Beste, das einem Andächtigen die 
(jrfitterbilder der Kunst sagen, ist sowenig in Worte zu fassen, wie 
der eigentliche Inhalt eines musikalischen Kunstwerken. Die Kunst 
d(»s Schweigens schätze ich hier immer mehr, hier, wo jeder 
IMnsel vor den ewigen Meisterwerken anlangt, in seiner elenden 
Philistersprache zu stottern über nichtige N(n)endinge. Andacht 
ist es, was ich immer erfleiie, vor den höchsten Werken der Natur, 
wie der Kunst, die Andacht aber beugt ihr Knie und schweigt. 

Wir fuhren also . . . von Innsbruck nach Veromi, allmählich 
ins glückliche Südland hinein mit seinen dunkeln blauen Schatten 



* Sie sintl von der Adressatin, der Mutter, numerirt, mit dem Da- 
tum des Enipfangstages versehn in:d in (»in sauberes Päckchen zusammeu- 
g(*bunden. 



Zu S. 33 f. 259 

und dem goldiien klaren Licht , das selbst Trümmer und Lumpen 
mit einem Dichter<i:lanz verklärt . . . Einen Tag blieben wir in 
Verona, sahen das Amphitheater, die schönen Kirchen, den getäfel- 
ten Platz dei Siijnori^ der von Palästen rings umschlossen und für 
Wagen unzugänglich, uns der stattlichste Rest einer adlichen Zeit 
dünkte; dann aber ergötzten wir uns, hier zuerst und darum am 
intensivsten, an dem Geschrei und betreibe des Stadtpöbels, seinem 
Drangen und Feilschen um himpigste Kleinwaare; das Ganze wie 
ein Maskenspiel in dem seltsamen Aufwand von Spectakel und Mi- 
mik um eigentlich gar nichts, nur wie eine andre Art von Müssig- 
gang . . . Denn in diesen kleinen Städten macht der Pöbel den 
Eindruck reducirter Phäaken, die desto geschäftiger aussehen, je 
weniger sie eigentlich Geschäfte haben. In Florenz ist's freilich 
anders. Nach V\. fuhr ich am nächsten Tage ; über Padua . . . und 
Bologna . . . dann durch schöne wilde Apenningegenden und end- 
lich hinunter in die reiche Ebene, über Pistoja nach Firenze . . . 
Was . . Florenz so unvergleichlich bedeutsam macht, sind die 
reichen Sammlungen älterer italiänischer Maler, Giotto\s und 
seiner Schüler, und namentlich Fiesole's. Ich habe irgendwo ein- 
mal gelesen, dass Overbeck über Fiesole hinaus keine Kunst mehr 
anerkannte. In der Entfernung, und Fiesole nur aus Stichen ken- 
nend, staunte ich darüber sehr; aber steht man vor diesen Bildern 
selbst, so kommt Einem allmählich das Verständnis, wie ein katho- 
lisch-gläubiger Künstler hier allerdings das Höchste erreicht sehen 
konnte. An kindlicher Lieblichkeit sind in der That seine Gestalten 
unerreichbar, und wenn das so ganz unplastische Christenthum — 
wohl verstanden, das ursprüngliche — eine wirkliche schöne Ver- 
körperung des Evangeliums der Ijiebe, das den kindlichen Seelen 
allein gepredigt wird, verlangte, so koinite es über Fra Angelico 
hinaus gar keinen reineren Ausdruck gewinnen. Ein Kindergeinüth 
hatte dieser Mann, der auf die Welt nur aus der stillen Höhe seines 
Klosters in Fiesole sah und in li(^blichen, sanften Bildern lebte, wie 
sie ihm in stillem Sinnen auf dem goldenen Grunde des Abend- 
himmels erscheinen mochten. Denn wie glänzende Visionen schwe- 
ben diese zarten Gestalten . . auf der goldnen Glorie, die stets den 
Hintergrund bildet und allein schon einen Zusammenhang mit der 
frechen Welt abweist .... Was mich sonst in Florenz erbaut hat, 
davon vielleicht ein andres Mal ; seltsamer Weise hat mir von all 
den Meisterwerken kaum eines einen grösseren Eindruck gemacht, 
als die drei Parcen von M. Angelo. Dazu seine Gruppen von Nacht 
und Morg(*n und gar seine hiesigen Werke; ich brenne auf den 
Zeitpunct, wo ich Müsse haben werde, das Buch von Grimm zu 
lesen .... In Rom kamen wir am Sonntag Abend, in einem 
wahren Wolkenbruche, an. Seitdem ist gutes, schönstes Wetter . . . 
Von hiesigen Eindrücken sage ich noch nichts. Zunächst ist die 
Arbeit gross : am Schlüsse erst winkt als süsse Belohnung die F]r- 
laubnis, in stiller Andacht vor den Götterbildern des Vatican sitzen 
zu dürfen . . . Das Ganze hier stinnnt mich traurig; dazu konunt, 
dass ich unter meinen hiesigen Bekainiten tief einsam bin. Ach, 
wäre Nietzsche hier! Dann wäre keine seligere Zeit auf Erden...« 

17* 



260 Beilagen und Nachträge 

2. »Rom, den 2. Mai 1869^ . . . Ich bin jetzt gerade 14 Tage 
hier: welche Zeit eben ausreicht, 8ich in den Hauptsachen zu orien- 
tiren . . . (joethe, glaub' icli, ist es, der ganz trefflich sagt, dass 
nirgends strengere Arbeit erfordert werde, als in Rom : mir wenig- 
stens macht diese Fülle des Aufzunehmenden zunächst eine Art von 
Angst, und wird so lange Beschämung machen, als man nicht durch 
strenges Studium zu einem sachlichen Wrständnis gelangt ist. Nichts 
nämlich ist irrthümlicher, als die Voraussetzung, dass die Mehrzahl 
der hier verstreuten Trümmer ohne Weiteres einen ästhetisch er- 
quicklichen Eindruck machen werde . . . Ueborhaupt aber ist es 
sicher, dass zum vollen, die ganze Persönlichkeit ergreifenden Ge- 
nuss eines plastischen Kunstwerks unendlich viel mehr, hierauf 
speciell gerichteter, Bildung gehört, als zum innigsten Aufgehen im 
Anschauen andrer Schönheit ... So dürste ich nach der Zeit, wo 
ich, durch strengere Vorbereitung geweiht , in die Mysterien bihl- 
nerischer Schönheit einzudringen würdig sein werde. Einstweilen 
sehne ich mich, zuweilen ganz körperlich, nach dem, für mich mühe- 
loseren (.renuss erquickender Musik: aber seltsam zu sagen, hier 
im Jjande der Töne, ist eine für ernsteren Sinn enjuickliche Musik 
ganz unerreichbar. Man tritt in die Riesenhallen von St. Peter; 
aus irgend einer entfernten Kapelle tönt leises Singen herüber; nun 
geht man näher . . . : ach, welche Seligkeit, im Dämmerlicht dieser 
hohen Wölbungen auf den Wogen der Musik dem l^and der Träume 
entgegenzuschaukeln ! Kommt man aber näher, so hört man ... eine 
Musik ganz wie die, wozu man bei uns Savoyardenjungen mit ihrem 
Dudelsack tanzen sieht! — ... Was hier eigentlich die Schönheit 
der Tjandschaft macht, das ist das Licht, in tausend Abstufungen 
von strahlendem (rold bis zum dunkeln Rlau. Kürzlich hatten wir 
auf der Villa l^udovisi einen Sonnen unterj^ang, der an Pracht., alles 
bisher (resehene übertraf. Voran der herrliche Garten ; aus dem 
jungen hellen Laube ragten die schwarzen riesigen ( ypressen ; und 
dahinter das blühende Land, vom rothgohlnen laicht der scheiden- 
den Strahlen umspoinien ; am Horizont die dunkelblauen Albaner- 
berge mit blinkenden Städtchen, und darüber die krystallene Kuj)- 
pel des reinsten Himmels . . . Nun sinkt die Sonne, und im Osten 
verbi-eitet sich alsbald ein eigen trauriges blaugraues Licht, während 
der westliche Himmel noch . . . im trnnknen rothen (Jolde schwimmt. 
Teil weiss nicht, warum das Anschauen solcher Schönheit mir die 
besten ^loment«? des Daseins giebt . . . Damit für heute ade, liebste 
Mutter, lass mich bald hören, dass du mich lieb hast. Ich denke 
viel an euch . . .t - 

5. >»Rom, Dienstag d. 23. Juni (11) . . . .Mit Schluss der Woche 
wird die Vaticanische Bibliothek geschlossen: dann warte ich nur 
noch Peter und Paul, am 20., ab. um <lie Krleuchtung der Peters- 



* R. wohnte - Via ddle Ire ccnicUe , N. 158, i!^ piano . . . zwischen 
Trajansplatz und piazza dn iS'S. Aj/osioli. gegenüber dem Palazzo Valen- 
tine! li. 

- By. 8. 4 Vn'ingt s»'hr ansführliehe Beschreibungen <ler Fahrten mit 
Wolfgang Helbig. woraus sich kaum etwas Einzelnes herausheben lässt. 



Zu S. 33 f. 261 

kuppol mit zu ♦»rieben . . . und reise daun am HO. ab, vielleicht 
direct nach Neaj)el , vielhMclit erst eine Woche ins Sabiuergebirge. 
Diese *vielh'icht' stellen grade die Annehmlichkeit der Sache dar, 
nämlich den Beginn der nngebundnen Bummelzeit . . . Hätte ich 
Nietzsche hier, so würde gerade diese Zeit reiner, nabelbeschauender 
(wie fromme Inder pflegen) Faulheit die wonnigste meines Lebens 
sein . . . Dass ich auf kurze Zeit vorher noch ins Sabinergebirge 
möchte, kommt daher, dass ich auf einer vor kurzem unternommenen 
Tour von vier Tagen über Frascati, Palestrina, Olevano, und von 
da auf wildesten (lebirgswegen . . . nach Tivoli — in Olevauo 
nicht nur einen Paol Schulden, sondern auch mein Herz gelassen 
habe: keiner schönäugigen Dirne, sondern nur der über alle Dirnen 
schönen Gegend, der unbeschreiblich herrlichen Aussicht von dem 
hocli über (lem . . Städtchen hängenden Wirthshaus. Ich fuhr mit 
der Kisenbahn n.ich Frascati, machte am selben Tage den Giro über 
(Trotta Ferrata, die Ruinen von Tusculum — ausgedehnte Trümmer 
. . . hoch über dem kümmerlichen Treiben der heutigen Meuschlein: 
auch ein Ort zur Versenkung in das Geheimnis menschlicher Kraft 
und zerstäubender Vergänglichkeit — , die herrlichen Villen, zu 
Pferde; handelte dann am Abend mit unterschiedlichen Thierbändi- 
gern, von denen einer immer banditenmässiger als der andre aussah, 
auch drohten sich die Concurrenten mit Ammazzirung; endlich er- 
stand ich einen Esel und Führer für 5 Tage . . . Am andern Tage 
dann durch heisse Ebene nach Palestrina . . . und weiter durch 
fruchtbares i^and in allmählicher Steigerung nach Olevano. Herr- 
liche Lage, ^ralerknt?ij)e, auch ein Hamburger, Namens Lutteroth. 
Das Schönste war am andern Tage die Tour durclfs Gebirge nach 
( -erano ; dann nach Tivoli . . . und so zurück. Amüsirt hat mich 
die ganze Zeit mein Führer, ein halb verrücktes Subject, der von 
allen Sprachen drei Worte aufgeschnappt hatte, nämlich folgende: 
„schäne, gutte Aeseln ; vvry (jo(ul donkeißy hideedj f/es! go on^ dott- 
ketf\ marchc üHohs''. dann: ^andiamo'^ ; und zum Schluss; ,Ja wohl^; 
und dann hieb er wie toll auf das arme Vieh. Wenn er etwas ge- 
trunken hatte — und da ich ihn verköstigen musste, trank er schreck- 
lich viel — , so verfiel er in ein Lauffieber, setzte den Esel in Ga- 
lopp, und schwatzte stundenlang vor sich hin, zufrieden wenn ich 
ihm zuweilen auf seine FVage: n'e verot mit yiiiy giä antwortete. 
Z. B. : er hatte einen General (vermuthlich war's ein Lieuteniuit, 
denn er sollte zugleich ffiorane sein) aus Berlin geführt; nun führte 
er folgende Scene zu seinem eignen Benefiz auf: gehen Sie nur nach 
Bcrlino, e ditc a! generale rosfro: sta viat Antonio ! ^vh^ stavivot'* 
gia^ gia, sta rhu! ^fnaconustaf^ sta bene ; conosce tutto il mondo, 
tout le mondc, ma non si ricorda delle strade — er wusst«» nändich ab- 
solut nichts vom Weg. ausst»r wo es Landstrasse war — , der (Te- 
neral : ^ma ehr, non riatrda le strade f"* Ah, che voletCy sta vccchio, 
ha quaranta sei o quaranta sette anni, non lo sa precisamcnte An- 
tonio, sa il prete, sta seritto nella fcde, und so immer weiter . . . 
Dies Original nannte sich Antonio Taddei, prima guida di Frascati, 
wie er allen Leuten, denen wir begegneten, erzählte. 

Hier in Koni habe ich in alter Weise ohne viel Abwechselung 



262 Beilagen und Nachträge. 

fortgelebt, aber man braucht hier fast nichts zu thun , als zu exi- 
stiren, um die mannigfaltigsten Eindrücke zu gewinnen : wenn nur 
die hier versammelte Philologenschaar ein klein wenig ultra philo- 
loffum saperet . . . Von Nietzsche habe ich aus Basel zwei Briefe 
bekommen, die mich, in Ermangelung persönlichen Verkehrs, sehr 
erfreut haben . . .« 

6. »Neapel, Sonnabend 16. Juli 69 . . . Hier geniesse ich das 
Museum, hole von der Bibliothek, was da allenfalls zu holen ist — 
's ist nicht viel — , und den übrigen Tag dufte ich einfach gen Him- 
mel in ganz neapolitanischem Nichtsthun. Die Stadt bietet als solche 
wenig, das ganz unglaublich geschäftige Treiben der Menschenmenge, 
die sich in ihr drängt, ergötzt oft durch bunte originelle Bilder, 
ermüdet aber noch mehr durch den fortwährenden Spektakel und 
bildet zu dem nobeln stillen Rom einen auf die Tjänge widerlichen 
Gegensatz. Dafür hat man dann vollsten Ersatz durch das wechsel- 
los schöne Bild der weiten Bucht , von deren Heri'lichkeit nichts 
Neues zu sagen nöthig ist . . . Haupterc^uickung in der ganz läh- 
menden Hitze bildet, ausser dem durchaus nothwendigen Eis, das 
köstliche Seebad. Neulich schwammen wir einmal Nachts, bei Mon- 
denschein und Meerleuchten, in die See hinaus, immer silberhell 
erglänzende Wellen vor uns her treibend. Natürlich macht man 
vielfache Touren in die Umgegend . ., neulich . . zu Esel nach dem 
Kloster Camaldoli, durch herrlich kühle Waldthäler, zwischen Eichen 
und zahmen Kastanien. Die brutalen Italiäner haben die Mönche 
bis auf drei verjagt; eine wahrhaftige Sünde an diesem unbeschreib- 
lich schönen Punct, wo man von freier Höhe die Buchten von Nea- 
pel und Bajae, die grosse Stadt und die weiten üp])igen Gefilde 
überblickt, und nach Norden die hinter einander geschobenen Hügel- 
reihen von Ischia, in blauem Duft geschlossen. Nur ganz vereinzelt 
dringt ein Menschen- oder Thierlaut hierher; und wenn man so in 
stillem Entzücken dasitzt, empfindet man wahrlich aufs Innigste, 
dass Alles, was jene tosende und unruhig arbeitende Welt dort tief 
unten bieten könnte, den seligen Frieden stiller Betrachtung nicht 
aufzuwiegen im Stande ist. — Letzten Mittwoch und Donnerstag 
waren wir — Röscher und ich — in Sorrent und von da zu Schiff 
nach Tapri ... Auf Ca])ri liessen wir entsetzlich viel Geld, was 
uns abtT nicht im Genuss des Auf- und Abkletterns an jenem *Zie- 
genfelsen' . . . störte. Auch sind wir in die blaue Grotte nicht 
hineingefahren, wie andre Sterbliche, sondern hineingeschwommen 
und in der leuchtenden, hellblauen Fluth herumgeschwommen, was 
ganz herrlich war . . .«. 

7. »Sorrent den ^0. August 69 . . . Seit meinem letzten Briefe 
habe ich die mannigfaltigsten Fahrten durchgemacht. Zunächst 
ging ich nach Pompeji, und bin dort, in Gesellschaft eines sehr an- 
genehmen Kameraden. Dilthev, 4 — 5 Tage geblieben, in idyllischer 
Einsamk(nt in der kleinen Knei]>e 'zur Sonne' eingemiethet . . . 
Das waren höchst traulich-behagliche Tage, zudf'm durch den Ein- 
blick in das kleinste und intimste Dasein dieser versunkenen Kultur 
auf das Aeusse?-ste beh'hrend. Auch an den . . doch noch ganz 
beträchtlichen Fragmenten von Bildern habe ich ein lebhafteres In- 



Zu S. 33 f. 263 

teresse gewonnen, als ich mir selbst es eigentlich zugetraut hätte: 
ich fühle überhaupt täglich, dass Verständnis für die Plastik erlernt 
werden kann, wan für die Musik z. B. entweder nicht möglich oder 
nicht nöthig ist . . . Als Dilthey fort war, vegetirte ich noch einige 
Tage in Neapel solo herum : dann kam mein Freund Matz aus (.Irie- 
chenland zurück, noch halb seekrank, und schleunigst zogen wir 
zusammen nach Sorrent hinaus. Hier fand ich dann, im stärksten 
(jegensatz zu deni spektakulösen Neapel, eine fast klösterliche Ruhe, 
und auch sonst, im albcrgo di Borna, erträgliche Unterkunft; aber 
an Stelle des äuBsern Spektakels trat ein viel gräulicherer innerer 
. . . die sciolta bannte ich durch Opiumtrinken, habe aber vermuth- 
lich des Guten etwas zu viel gethan : wenigstens ist m(»in Magen 
seitdem noch immer nicht in Ordnung. Um nun schliesslich durch 
Luftveränderung mich etwas zu verbessern, fasste ich den Cjedanken, 
ein Bischen nach Sicilien zu gehen . . . Am Sonnab(»nd Abend 
ging ich dann an Bord des Corriere SicilMHO, sass noch eine Zeit 
lang oben und dachte bei dem wuiiderklaren Sternenhimmel an dies 
und das, Freundschaft und Liebe . . . Am andern Tage gegen 
Mittag sahen wir die herrliche weite Bucht von Palermo vor uns 
auftauchen . . . Da an diesem Tage . . . nichts mehr anzufangen 
war, so streifte ich nur durch die Gassen und nahm den Gesammt- 
eindruck der Stadt auf. An diesem ruhigen Sonntagnachmittag 
machten die Häuser in ihrem gelblichen Ton, von der gemildei*ten 
Sonne beschienen, einen überaus freundlichen, behaglichen Eindruck. 
Dazu vor jedem Fernster ein Balkon, durch dessen Stäbe irgend eine 
grüne Ranke sich schlang: so machte das Ganze das freundlichste 
Bild: behaglich, wie gesagt, und das will fast sagen unitaliänisch: 
denn allerlei andre Vorzüge mögen die Italiäner ja vielleicht besitzen, 
aber was wohl eigentlich Behaglichkeit sei, scheint ihnen noch Nie- 
mand beigebracht zu haben . . . Durch die Strassen zogen trupp- 
weise Jungens, mit furchtbarem Gekreisch . . ., eine Marienpuppe 
aus Wachs auf einer Bahre herumschleppend: nach einem Bilde, das 
sie austheilten, zu schliessen, w^ar die Edle am .lahrestage zum Him- 
mel gefahren. Sonst sass Alles friedlich vor den Hausthüren, ohne 
das übliche Brüllen, womit hier Jeder jede beliebige Thätigkeit 
begleitet. Nach dem Mittagessen . . ging ich auf die Promenade, 
den herrlichen Strandgang . . , Das ist die prächtigste passeggiata, 
die ich noch gesehen habe . . . Wenn man so in einer der halb- 
runden Ausbuchten der am Meere entlang laufenden Mauer sass, 
und über das leise brandende Wasser hinweg diesen Kranz zackiger, 
heller und tiefer gefärbter Berge, rings um die hochragende Stadt, 
sah, dazu die heitre Menschenmenge, Musik und der kühlende See- 
wind, so empfand man wohl aufs Klarste, dies sei so ein Bild von 
den wenigen , die bestimmt seien , ein ferneres, farbloseres Leben 
mit dem Glanz der Erinnerung zu erhellen. — Sonst ist an der 
Stadt selbst der Gesammteindruck, der entschieden schon d<MU Orient 
sich nähernde, buntfarbige, in grellem Spiel von Licht und Schatten 
das Auge vergnügende malerische Charakter , die Hauptsache : 
eine grosse, uns geistig unendlich fremde und darum besonders 
interessant«» Cultur, dit* maurisch-normannische, hat der Stadt im 



264 Beilagen und Nachträge. 

Allgemeinen ihren festen Typus gegeben: sonst aber hat der uu- 
historische Kleinsinn des 17. und 18. Jahrhdts. hier, wie (ausser in 
Plorenz und Venedig) wohl überall in Italien, diese herbkräftige 
Kunst mit seinem kosmopolitisch-leckren Kalk und vergoldetem Stuck 
nach Kräften verkleistert . . . Nachdem ich alle diese Dinge in 
Anschau genommen, schiffte ich mich am Dienstag Abend, auf ein 
Boot der französischen messageries imperiales j ein: sehr elegant. 
Abends Hahnenkampf einiger französischen Radoteurs, über die 
auch im vice zu manifestirende inteUigence im Allgemeinen und die 
intelllgence der Turcs im Besondern : Alles mit knallenden Senten- 
zen aufs Herrlichste verbrämt: ich amüsirte mich sehr daran. Es 
erfolgte der bt^kannte Kampf mit der üblichen engen Bettlade .... 
Messina liegt schön, aber die Berge sind niedrig, nicht in .^o schönen 
Reihen hinter einander gestellt, wie bei Palermo, dazu weder be- 
waldet, noch ganz kahl, was allemal zu den schönsten Lichteffecten, 
den buntesten Schatten Gelegenheit giebt, sondern bewachsen, ich 

weiss nicht womit, aber spärlich: wie halbgerupfte Hühner 

In (/atauia .stürzte ich aufs Xeue sogleich in ein Dampf boot und 
fuhr nach Syrakus . . . Das Beste bleiben die grossen Erinnerungen, 
die um diese weiten Trümmer, um die Steinbrüche, darin man auch 
die gefangenen Athener aufbewahrte, um den weiten Hafen schwe- 
ben, wo di<5 Entscheidungsschlacht . . . stattfand.« 

10. »Rom, Sonntag BI. Oct. 61). ... In Florenz habe ich seit 
meinein letzten Brief . . in alter Weise fortgelebt: vormittags der 
alte Asket, nachmittags mehr dem Sybariten vc^rgleichbar. Am 
letzten Tage reiste ich . . nach Pisa . . . So einmal, wozu auch 
das herrliche Florenz auf Schritt und Tritt den Nachdenklichen 
stimmt , in jene kräftige gestaltungsreiche Zeit am Ausgang des 
Mittelalters . . . eingetreten, erhielt ich mich in so bedeutenden 
Eindrücken, indem ich auf der Rückreise nach Rom einen Tag in 
Perugia und einen \'onnittag in Assisi Halt machte. Es ist gar 
nicht zu sagen, welch einen beglückenden Reiz solch ein Wandeln 
an den Stätten einer schaffenden Vergangenheit gewährt. Nament- 
lich im alten Perugia. Auf einem capriciös gezogenen langen Hügel- 
rücken . . . gelagert, bietet es von allen Seiten neue und im rei- 
zenden Wechsel d»'r drunten liegenden Wiesen und Bäume mit den 
phantastischen, auf- und absteigenden Häusern stets malerische An- 
blicke: die Häuser sind noch Individuen, mit allen Ecken und Ab- 
sonderlichkeiten selbstbewusster Personen, nicht aufniarsehirte.rarde- 
rejinicnter. Nun überall di<^ S])uren (»iner kräftig wirkenden Maler- 
schub*, die mir, in zu grosser Häufung genossen, mit ihren süsslich 
frommen Aeuglein . . . fn'ilich viel weniger zusagen, als die lebens- 
frolien Flonnitiner RcalistcMi d<*s 15. ,lh. — aber sie entwickelten 
denn doch auch, in J^afacl. (bis höchste aUer harmonischen Malergenies, 
den IMozart der Pla^^tik, und bildeten selbst einige, in ihrer zarten 
Holdseligkeit ganz beglückenden Bilder, an die zurückzudenken 
auch zu den sicheren (Gewinnen solch eines italiänischen Aufenthalts 
gehört : wie man an Ix^gnadigte Momente im eignen (remüthsleben, 
in .schlaff(Mi Tagen, zurückdenkt. So die (irablegung des iVrugino 
in Pitti, einijre der sciiönen Fresken in der Sala dol Cambio zu 



Zu S. 33 f. 265 

Perugia, naniontlich aber das unvergleichlich schöne Abendmahl in 
8t. Oiiofrio in Florenz, von einem unbekannten Peruginer. Ein 
unsäglicher Reiz , der (regenwart vergessen , in den alten engen 
Strassen mit den (xestalten jener Zeit im Sinne zu wandeln, von 
deren, die Welt in der Erkenntnis ihrer tausendgestaltigen Schön- 
heit aufs neue schaffenden Regsamkeit unsre, sonst jener so .. über- 
legene Zeit immerhin ein gutes Stück brauchen kann. Das ja macht 
den Künstler, dass er das Schöne, Bedeutsame, sieht, wo ein stumpfer 
Sinn sich langweilt und dann über Enttäuschung schreit. — In As- 
sisi ist das Wesentliche die Doppelkirche des heil. Franciscus . . ., 
an allen Wänden, in der Verschwendung reichen Geistes, mit Fres- 
ken Criotto's und von Schülern des grossen Meisters bemalt . . . . : 
meist Thaten jenes bewundernswerthen Mannes, in einer, meinem 
Gefühl nach, bei aller (rebundenlieit unübertroffenen Meisterschaft 
im Darstellen von ^Historien', . . . durch bedeutsame Auswahl 
sprechender Abbreviaturen für weitläufige Acte. Dabei frappirte 
mich die clironikartige Naivetät , mit der diese , damals doch erst 
kurz vergangenen wunderbaren Ereignisse dargestellt werden konn- 
ten : ganz gewiss hätte man längst vergangner Jahrhunderte Ge- 
schichten ganz ebenso dargestellt. Es ist wie in den alten No- 
vellen (Sacchetti z. B.) : keinerlei historische Reflexion stört (oder 
fördert) die Darlegung des rein menschlich interessirenden Actes .... 
Hier nun in Rom angekommen . . . habe ich die beste Absicht, 
mir in den bevorstehenden paar Wintermonaten soviel von Kunst- 
kenutnis anzupauken, als meine Fähigkeiten . . mir erlauben . , .<^ 

11. »Rom, den 21. November 09. Meine liebe alte Mutting, 
Was du an unserm alten treuen Onkel Hansen verloren hast, kann 
ich sehr tief mit dir empfinden: ein starkes, freisinniges Gemüth, 
das nun seit so langen Jahrzehnten an Deinem und unser aller 
Schicksal einen aufrichtigen Theil genommen hat . . . Wir aber, 
liebe !Mutter, wollen nach allen Verlusten fester zusammenhalten: 
dass ich oft gegen dich gefehlt habe, hindert nicht (und Du weisst 
es selbst), dass ich tief im Herzen die Ijiebe zu Dir trage und die 
Segnung empfinde, die eine aufopfernde Mutterliebe meinem Leben 
giebt. — Jiiebe ist sonst wenig in der Welt: wenn ich die treue 
Freundschaft Nietzsches nicht hätte, und in Briefen wenigstens einen 
genauen Verkehr mit ihm unterhielte : ich wüsste nicht , wie öde 
mir der Verkehr mit der Menschheit erscheinen würde. Was Freund- 
schaft sei, erfahren, meiner Beobachtung nach, die Meisten gar nicht, 
die im vergnüglichen Verkehr mit guten Kameraden diesen heiligen 
Namen tausendfach missbrauchen ... So lebe ich hier, wie ül)er- 
all, am Liebsten, soweit es geht, einsam, in der Vereinigung nur 
eine leichte Zerstreuuni^ erwartend und findend. — Die Bibliothek 
ist wieder eröffnet und verschlingt fast alle Vormittage, Nachmittags 
arbeite ich ein wenig, oder lerne* ein neues Stück des grossen Wun- 
ders keiuKMi, das Rom genannt ist . . .^ 

12. »Rom, U). Dec. ()9 .... Seit wenigen Tagen haben wir 
wieder helles Wetter . . . Dann liegt über dem weiten Bilde der 
ewigen Stadt mit ihren zahllosen Ku])peln . . . und den schönen 
Gruppen der hochliegenden Tlieile . . . jenes ganz unglaublich herr- 



266 Beilagen und Nachträge. 

liehe Jjicht der italiänischen Sonne: alle Schatten sind nicht kalt 
und grau , sondern blau und warm in den verschiedensten Abstu- 
fungen von hell und dunkel. Am herrlichsten aber ist der Hinter- 
grund : die stolzen Linien des hohen Sabinergebirgs, dessen höchste 
Gipfel, jetzt mit Schnee bedeckt, in der Sonne röthlich glänzen: 
und nach Süden die sanfter gezognen Formen der Albanerberge .... 
In andrer Weise erc^uickt die Seele ein Gang im klaren Mondlicht 
durch die schweigenden Strassen , allein am besten , da nirgends 
mehr als in Rom Goethe's Wort wahr wird : „Mit Andern mag man 
sich belehren. Begeistert wird man nur allein." Der sei zufrieden, 
der im täglichen behaglichen Verkehr sein volles Genüge findet: 
seit ich empfunden habe, welche Kraft und Freudigkeit ein gemein- 
samer Flug in reineren Luftkreis . . dem ganzen Wesen giebt, höre 
ich nicht auf, mich nach dem entfernten Freunde zu sehnen. „Wie 
köstlich ist des gegenwärtigen Freunds gewisse Rede, deren Him- 
melskraft der Einsame entbehrt und still versinkt** sagt abermals 
der alte Goethe . . . Augenblicklich, könnt' ihr denken, macht sich 
ConcUium oecumenkum breit genug: w^ohin man sieht und wohin 
man spuckt, stösst man auf einen Pfaffen, roth, violett, grau, grün, 
blau, schwarz uniformirt : eine gi-osse Armee von Schlauköpfen, ein 
noch grösserer Tross von Schaafsköpfen und vielleicht eine kleine 
Elite von ernsthaft Gläubigen. Erzählen kann ich nicht viel da- 
von, denn die Priesteraufzüge haben stets etwas Eintöniges, und bei 
der Eröffnung war der riesige Peter so voll gedrängt, dass ich nur 
langgestreckte Fremdenhälse sah , und ausserdem dichtgeschlossne 
Haufen von Campagnolen mehr roch, als sah . . . Das Eigentliche 
geht übrigens auch in einem separaten Schapp vor sich, der aus 
einer Seitenkapelle des Peter gemacht ist. Schön werden wohl die 
Weihnachtsfeierliclikeiten werden . . . Meinen Weihnachtsabend werde 
ich im deutschen Künstlerverein verbringen, dessen temporäres Mit- 
gli(Hl ich . . geworden bin . . .'< 

IB. »Rom, 4. »Januar 1870 . . . Am 2. wurde dann, im festen 
Vertrauen auf anhaltende Tramontana und sonnenklare Aussicht, in 
heiliger Früh ein Ausflug nach Albano unternommen. Als es aber 
hell wurde, zeigte es sich, dass es eigentlich gar nicht hell gewor- 
den war . . . Trotz des Mangels an Licht, wodurch diese sonst so 
ernsthaft dreinschauenden Landscliaften (?rst ihre ganze Schönheit 
entfalten, war es eine sehr scluine Partie : wie strahlende Helle zur 
Expansion, so stimmt dies einschränkende, fast dämmerige Licht, 
in das sich, in dieser Jahreszeit, zuweilen der italijinische Himmel 
hüllt, zu einer verwunderliclien Art von nachdenkender Ruhe . . . 
Eure Weihnachtsbriefe bekam icli am 25. ; sie machten mir doch 
eine Art Fest: denn im Xünstlerverein war es sehr /o?/rcZ. Dagegen 
haben wir Altjahrsabend unter uns ganz fidel und vergnügt ver- 
bracht, mit Hülfe eines Gastmahls und daran geschlossnen Sympo- 
siums: ein musenbegabtes Mitglied hatte zu allerlei ulkigen Ge- 
schenken niedliche Verse gemacht : ich bekam als Theatermann ein 
kleines Polichinelltheater . . .< 

IG. »Florenz, 14. ^VFlirz 70 . . . Florenz hat . . . den alten 
Zauber geübt, und gar manches I^ildwerk hat mir jetzt erst seine 



Zu S. 33 f. 267 

verborgne Grösse und Lieblichkeit iiufgeschlo8sen : ich fühle, dass 
ich, wenn nach etwas, nach gar manchem der hiesigen Bilder Sehn- 
sucht wie nach einem guten und getreuen Freunde empfinden werde, 
wenn ich fern bin. Sonst ist doch jeder Mensch so einsam, einsam! 
Hier habe ich ziemlich viel Leute kennen gelernt: davon etwas zu 
haben, ausser Täuschung müssiger Stunden, muss man eben nicht 
erwarten. Auf der Rückreise gehe ich auf einige Wochen zu Nietzsche, 
der meiner ebenso bedarf, wie ich seiner: und das wird fast das 
Beste der ganzen Reise sein . . . Von Kiel kriegte ich neulich die 
angenehme Nachricht, dass ich, meinem erworbenen Rechte gemäss, 
ohne alles Weitere Michaelis 70 anfangen könne zu lesen. Zugleich 
einen sehr freundlichen Brief von Ribbeck, mit dem zusammen zu 
leben ich mich freue . . .« 

18. »Venedig, 17. April 70 . . . Am Behaglichsten ist es frei- 
lich, wenn Velsen und ich alleine, ohne den dann doch vorhandenen 
Zwang des anständigsitzens und Vernünftigredens, ohne Familie 
Brinckmann uns in so einer weichgepolsterten Gondel ein paar 
Stunden lang schaukeln und uns vom köstlichen Frühlingslicht um- 
spielen lassen köimen : wie wir denn gestern vier Stunden so herum 
gefaullenzt haben. Ach, der göttlichen Faulheit! Fast meine ich, 
dass F. Schlegel Recht hat, der Faulheit neben Venus und Minerva 
einen Altar zu errichten : so im grünen Wasser liegen , und nur 
ganz langsam denken und reden , und gedankenfrei die köstlichen 
Bilder ringsum einsaugen, etwa Murano, wie es im dunkelblauen 
Nachmittagslicht aus der Fluth steigt, im weiten Kreis vom Wasser 
umzogen, und ganz hinten der lange Zug phantastischer weisser 
Alpen: die Empfindungen eines Katers, der sich auf dem Dache 
sonnt und an keinen Mausefang und Vogelraid) denkt, sondern an 
gar nichts, können nicht behaglicher sein . . . Morgen geht dann 
bibliotheca wieder los: ich quäle mich mit dem berühmten Iliasco- 
dex: den ich nur ganz zu vergleichen wünschte . . .« 

19. »Venedig, 25. April 70 . . . Eins fühle ich doch immer 
wieder in Momenten des Alleinseins mit meiner lieben Seele : es ist 
recht Schade, in diesen Jugendjahren für das Herz keine Nahrung 
zu finden . . . ,,Was bleibt mir nun, als eingehüllt, von holder 
Lebenskraft erfüllt, in stiller Gegenwart die Zukunft zu erwarten ?" 
sagt Goethe 6 Tcavu, von sich freilich, mit dem sich zu vergleichen, 
auch nur von ferne, Frevel ist ... .< 

21. »Mailand, 20. Mai 70. . . . Am vorigen Sonnabend brach 
ich, in Gesellschaft des Dr. Velsen und Brinckmann's, von Venedig 
auf: den Nachmittag brachten wir in Padua zu, wo ich meine alten 
Lieblinge, die Fresken des grossen Giotto und seiner Schüler, und 
die des Mantegna mit erneutem Genuss betrachtete und an der rein- 
lichen, von grünen Gärten umgebenen und durchzogenen Stadt nach 
all dem Grau der venetianischen Paläste und Baracken mein Auge 
vergnügte . . . Am Sonntag besahen wir dann . . . die alten Herr- 
lichkeiten Veronas . . . Wohin man blickt in diesem herrlichen 
Italien der Renaissance, überall neue Schaaren hochbegabter und 
zum Ganzen und Vollen mit Energie strebenden Männer: wahrlich 
eine Zeit, die wir in unsrer künstlerischen Dürftigkeit nur staunend 



268 Beilagen und Nachtrüge. 

verehreu dürfen ! — In einem duftend blühenden Akaziengarten er- 
holten wir uns, bei ländlicher Naturalverpfiegung, von den Anstren- 
gungen des Sehens, und im goldnen Nachmittagslicht fuhren wir 
dann weiter nach Brescia . . .« 

22. »Basel, den 9. Juni 70. Liebste Mutting, da wäre ich glück- 
lich in Basel, d. h. schon seit Sonntag vor acht Tagen: eigentlich wollte 
ich nur höchstens 8 Tage hi(T bleiben , aber mein Freund hat es 
schliesslich doch durchgesetzt, mich noch länger hier zu halten. So 
waren wir dann in den Pfmgsttagen . . ., in Begleitung von Nietzsche's 
Mutter und Schwester, im Berner Oberland, Interlaken, Wengern- 
alp, Lauterbrunn .' . . Hier leben wir uns in die glücklichste Ver- 
gangenheit zurück, ein Stück Fortsetzung jener seligen Tage in 
Leipzig, wo wir, von aller Welt isolirt, im steten Umgang gegen- 
seitige Förderung und Stärkung uns gaben. Leider ist Nietzsche 
in diesem Semester so übermässig beschäftigt, dass uns nur wenige 
Stunden des Tages übrig bleiben, wo wir dann in mancherlei Ge- 
sj)rächen [. . .] und namentlich indem N. Wagnersche Musik, soweit 
dies auf dem (lavier möglich ist, darzustellen sucht. Gestern Abend 
waren wir mit dem geistvollen Jacob Burckhardt zusammen in 
Muttens, einem Dorf in der Nähe von Basel, wo ich mir füi* heute 
einen kleinen Kater gezähmt habe. Daher dieser verwirrte Briefe. 
Sonnabend und Soiuitag denken wir nach Triebschen bei Luzern zu 
R. Wagner, auf einen Besuch, zu gehn, d. h. wenn wir passend 
konmien. Am Montag spätestens denke ich dann abzureisen: in 
Freiburg also halte ich mich, auf Deinen Wunsch, einige kurze Zeit 
auf: dann aber rccta domum . , .'< 

Dass der gemeinsame Besuch der Freunde bei R. Wagner, von 
dem in Br. 22 die Rede ist, wirklich ausgeführt wurde, hat mir Frau 
Dr. E. FoRSTER-NiETZSCHK auf meine Anfrage ausdrücklich bestätigt. 
Das ist der Beginn der persönlichen Beziehungen R.'s zu Wagner. 

Zu S. 35 f. 

Zu den persönlichen Bekannten , mit denen Rohde damals in 
Florenz verkehrte, gehören noch Gustav Parthey und Th. Heyse, 
der 1870 in Florenz ansässige Oheim des Dichters. Das ergiebt 
sich u. A. aus Briefen |5. 14 IV 70] an Wolfgang Helbig (im 
Archiv des arcliä()logi>chen Instituts), die P. Hartwig für mich zu 
excerpiren die (füt»' hatte. 

Zu s. aß. 40 f. 

Aus meiner Darstellung wird hervorj^ehn, dass sich Rohde auf seiner 
Italiänischen Reise imnjerhin sehr ernsthaft um das Verständnis der an- 
tiken wie der Rensiissance-Kunst beuiülit hat; in den Briefen steckt 
noch manche feine, «»rlebtc Beobachtung. W. H. Röscher (Neue 
Jahrbücher für das kl. Alterthum usw. LV 1901 S. 718) meint, R. 
habe die Archäologie und deren Resultate in seinen Arbeiten nicht 
hinreichend berücksichtigt; schon auf der l^niversität habe er sich 
„zu wenig mit dieser Wissenschaft beschäftigt'* (das hatte seine 

* Wirklich hat Rohd«* (was ihm sonst nie passirt ist) kurz vorher 
einen Satz ohne Prädikat gelassen. 



Zu S. 35 ff. 40 f. 269 

guten Gründe)^ und sei Maucb auf seiner italiänischeu Reise im 
Jahre 1869 nicht recht vertraut mit ihr geworden". Obgleich Rö- 
scher Rohde's Reisegeselle war, bezweifle ich doch, dass er Rohde 
hier wirklich gerecht wird. Rohde hat in Bonn gleich im ersten 
Semester «lahn's Hauptkolleg über Archäologie gehört; in Italien 
begann er (allerdings unter strenger Wahrung der umfassenden philo- 
logischen Aufgaben, die er sich nun einmal gestellt hatte), sich mit 
der ganzen Energie, die ihm eigen war, in die ihm zunächst innerlich 
noch fremde Welt der antiken Plastik zu vertiefen, rntl wie glücklich 
wird gleich in dem Buch über den Roman die hellenistische Kunst, 
nach dem Vorgange Helbigs. für die Reconstruction der hellenivsti- 
schen Poesie verwerthet ! Es gab nicht allzu viel Philologen, die, 
über eine bloss archäologische (ireschäftigkeit hinaus, zu einer so 
feinsinnigen ästhetisch-kuiturgeschichtlichen Behandlung solcher Fra- 
gen fähig waren. Allerdings, Rohde war sich bewusst, dass ihn 
seine eigentliche Begabung nicht auf das Ciebiet der bildenden Kunst 
führe, dass er doch vkein rechter homo 2)lasticiiS€ sei, und er machte 
an sich zu hohe Ansprüche, um auf diese v durchaus dilettantische 
Velleität« viel Gewicht zu legen. Als er die Frage, ob er noch 
einen längern Aufenthalt in Italien rein archäologischen Zwecken 
widmen solle, mit seiner Mutter verhandelte, meinte er [M. 25 I 70) : 
>So wenig eitel bin ich nicht, dass ich nicht auch jetzt noch mir 
die Fähigkeit zutraute, den Herrn Specialarchäologen, die ich hier 
ihr seltsam spielendes Divertissement treiben sehe, es gleich zu thun : 
aber zu einem ordentlichen Archäologus — was denn freilich 
ein hoher Beruf ist — fehlt mir vollständig das Talent und die 
Kraft und damit denn auch alle Lust.': Es bestätigt sich eben hier 
doch wieder, dass zu aller intensiveren Beschäftigung mit den zu- 
nächst an die Sinne sprechenden Künsten imd Monumenten eine 
besondre, wesentlich sinnliche Begabung gehört; die sich wohl aus- 
bilden, aber nicht anlernen lässt. Rohde hat freilich — das werden 
schon die eben mitgetheilten Bekenntnisse darthun — auch auf die- 
sem Gebiet mindestens die gleiche Empfänglichkeit besessen , als 
mancher philologisch gefärbte Archäologe; aber er mass sie an sei- 
nem Sinn für Poesie und Musik, und wurde sich damit ihrer Un- 
zulänglichkeit bewusst. — In der Psyche ist allerdings das archäolo- 
gische Material nur sehr mit Auswahl herangezogen, und der Kine 
wird Dies, der andre .Jenes vermissen (z. B. eine wirkliche Ver- 
werthung und Interpretation der künstlerischen Darstellungen des 
Todes und Sterbens). Dass dadurch aber die Entwicklung der 
Hauptgedanken in Rohde's Buch sonderlich beeinträchtigt sei, kann 
ich nicht tinden. Als R. die zweite Bearbeitung zurüstete, hatte 
er nicht allzuviel nachzutragen, was ihm seine archäologischen Fach- 
genossen dargeboten hätten. Inzwischen haben die Arbeiten W. 
Helbigs und mancherlei Grabungen reicheres Material gebracht, 

* In Bonn raubte ihm der Streit zwischen Jahn und Ritschl die 
rechte Stimmung; in Leipzig hat Overbeck (der ju sehr instructive Col- 
legien für Anfänger las) dem fortgeschrittnen, scharf kritischen Arbeiter 
wenig eingeleuchtet; in Kiel lehrte — F. W. Forchhamm kr I Ausserdem 
war R. der Meinung, dass man erst sehen müsse, dann lesen und hören. 



270 Beilagen und Nachträge. 

und i^H int nur zu bedauern, dass Rohde hier nicht mehr seine Sache 
nUirtai kann. Er hätte seinen Mann gestanden. S. oben S. 178, A 1. 

Zu S. 44. 

Unter den Bahnbrechern 'folkloristischer' Studien hätte ich Curt 
Wachsmuths und Bernhard Schmidts gedenken sollen, deren Ar- 
boittjn über das griechische Volksleben 1864 und 1871 erschienen sind. 

Zu S. 51. 

Die Geburtstagsverse für Nietzsche lauten: 

En Leipzig sucht ich jüngst umher 

Was wohl für Fritzen passend war, 

Zu schenken ihm, .,als Angebinde, 

Dass ihn nicht Aergernuss nag' und schinde**. 

Nun dacht' ich : Fritz ist Musicus, 

Professor und Philosophus. 

Als Musicus könnt' ihn erfreu'n, 

Ein dionysisch' Flöteloin, 

Doch lieh' mir auch Diogenes sein Licht, 

Die rechte Zauberflöte fand' ich nicht. 

'Nen scheenen Schlafrock hat er schon 

Als Professorensvmbolon. 

So kam ich endlich zu dem Schluss: 

Nimm Fritzen als Philosophus. 

Ich sprach's und trat mit spähn'dem Blicke 

hl eine Trödelkrambutike. 

(iar Vieles gab's da, billig und theuer: 

Hin grosses Loch aus Maja's Schleier; 

Man guckt hindurch und sieht sofort 

Nicht Zeit, nicht ('ausalität, noch Ort. 

In einer Spieluhr fand sich da 

Praestabilirt' Harmonia. 

Phan- und A-tome ein ganzer Sack, 

Doch Alles nicht nach Fritzens (xeschnijvck. 

Da endlich fiel mein Sucherblick 

Auf ein fürwaiir sehr rares Stück. 

In einem Kasten schlecht und gering, 

Fand ich ein wunderselten Ding : 

Das Ding, dns die ])hilosophi 

Wie lang* schon suchen mit liarter Müh', 

Das Ding, das selbst der alte Kant 

Von fern nur sali, wie das gelobte Land. 

Damals war's stark und Wohlgestalt; 

Nun ist's verhuzzelt. klein und alt. 

Herr Hartmann fand in den letzten Zügen 

Es Jüngst in einer (rosse liegen. 

Der hat's mit plumj)er Faust gepackt, 

(ledreht und gewendet, gezwickt und gezwackt. 

Zuletzt nahm er ein Messer her. 



Zu S. 44. 51. 105. 141. 271 

Zu sehn, wie's wohl von innen war*. 

Da sprang das Ding in diese Truh' 

Und hielt von drinnen den Deckel zu. 

Doch unseinn Fritz als Sonntagskind, 

Thut sich die Truhe auf geschwind. 

„Nun rath', o Fritze, kennst Du mich?'* 

(Hier öffnet sich das Kistchen, ein Teufelchen schnellt empor, in der 
Hand einen Zettel): 

Es gratulirt „das Ding an sich** ! — 

So hat Rohde oft seinen Humor spielen lassen, zuletzt wohl in 
dem telegraphisch ühermittelten Geburtstagscarmen an Ribbeck 1897 : 

Salve, philologoruni lumen! 
Macte viridi senecta! 
Perge porro, scande recta 
l^loridum cacumen. 

Poeta laureatus te salutat. 

Es ist hier bezeichnend, dass Rohde die Formen der Antike nicht 
klassizistisch missbraucht, sondern, ironisch in das Gewand des 
*finstern Mittelalters' (oben S. 132 A.) gehüllt, dem PVeunde gegen- 
übertritt. 

Zu S. 105. 141. 

Rohde im Verkehr mit seinen Schülern möge noch durch einige 
bezeichnende Briefproben charakterisirt werden. An ('onstantin 
Ritter schreibt er, nach einem Glückwunsch »zum überstandenen 
Examen sammt obligatem Argumentle« [Tübingen 26 X 83] : »Es 
freut mich auch, dass Sie gleich eine Schulstelle angenommen haben 
— theils, weil Ilire sonstigen, nicht schulmeisterlichen Neigungen, wie 
Sie auch selbst fühlen werden, um fruchtbar zu werden, langsam 
und im Stillen reifen und mit Ihnen und Ihrem ganzen Wesen zu- 
gleich wachsen und sich vertiefen müssen, nicht aber sofort nähere 
Pflichten überschreien und sich breit machen dürfen ; dann aber 
auch namentlich, weil überhaupt eine Pflicht für den Tilg und eine 
sichtbare Anzahl von Menschen — und nicht für die . . Ewigkeit 
und die Menschheit en bloc — zu haben, eine unsägliche Wohl- 
that ist, und Sie eine solche Pflicht nun haben. Die Nöthigung, 
in fremdere Gebiete , wie Geographie etc. , hineinzusehn und der- 
gleichen in seinem ganzen Zusammenhang sich bekannt zu ma- 
chen, werden Sie noch als sehr wohlthätig empfinden : das ist gerade 
ein Vorzug des Lehrerberufs. Ich vertraue darauf, dass Sie an 
der Leichtigkeit, mit der Sie zu selbständiger Aneignung solcher 
Dinge Mittel und Methode finden werden, den Segen einer irgend- 
wo (wie in Ihren Quintilianstudien) einmal unternommenen eignen 
Arbeit spüren und preisen werden«. Als Ritter Rohde die Absicht 
geäussert hatte, sich für Philosophie zu habilitiren, schrieb ihm Rohde 
[Heidelberg 31 V 89]: »Wie ich Sie kenne und beurtheile, wer- 
den Sie die Habilitation für Philosoj)hie als etwas anderes, als son- 
stige Habilitationen , und als etwas ganz besondres betrachten. 



272 Beilagen und Nachträge. 

Sie i s t auch wirklich etwas besondres. Als Uoberlieferuug des Lern- 
stoö'es, als Aneignung der dagewesenen Meinungen früherer Ge- 
schlechter, ist das Philosophiedocireu etwas Oedes und Unbefriedi- 
gendes. Niemand sollte sich als Philosoph aufthun — und nun gar 
als philosophischer Docent! — , der nicht le feu sacre in sich hat, 
d. h. den Trieb, etwas ganz Eignes, nach seiner Meinung (die immer 
noch irrig sein darf) die Welt der Erkenntnis neu und heller Er- 
leuchtendes loszuwerden, als Missionar einer ihn ganz durchdringen- 
den Sache zu dienen. Ohne Zweifel wollen auch Sie die Philosophie 
nicht als reine (i elehrsamkeit treiben, sondern als Gestaltung 
eines nach eignen Maassen bestimmten xpöno^ xoO ßiou. Hiervon nun, 
meine ich, muss es abhängen, ob Sie sich als Docent der Philoso- 
phie niederlassen : ob Sie einen, eben unwiderstehlichen Drang des 
L e h r e n 8 und persönlich Ueberlieferns eines solchen Eignen in 
sich spüren. Das Iläckselschneiden für die (IJollegkrippe ist in der 
Philosophie viel schlimmer, als in unsern Disciplinen, die von vorn- 
herein auf sowas angelegt sind. Es ist richtig aufgefasst, ein Zeug- 
nis höheren Lehrerthums, das sich der giebt, der sich als Philo- 
soph habilitirt. Sind Sie subjectiv überzeugt, hierzu berufen zu 
sein, so wäre es thöricht und nutzlos, Ihnen von der Habilitation 
abzurathen. Es bleibt nichts ül>rig, als dass Sie selbst sich dar- 
aufhin ernstlich prüfen. Bedenken Sie aber auch , dass die vielen 
Semester ausgefüllt sein wollen, also, ob Sie schon jetzt — 30 
Jahre ist erst ein Kindesalter für einen l^hilosophen — die nöthige 
Breite des Eigenbesitzes haben . . . Man kann ja das Docenten- 
thum auch autfassen als eine Zeit des eignen Ijernen s, in der man 
sicii erst stückweise fertig macht zum dereinstigon Können. Ich 
stelle mir aber vor, dass die Qual — und eine veritable Qual ist 
es — des Vortragens nicht bis zu Ende gelernter Dinge in den 
drängenden CoUegstunden, im Gebiet der Philoso])hie (wo stück- 
weise vorzurücken noch bedenklicher ist als anderswo) nur noch 
viel ärger sein muss als in unsern Disciplinen z. B. . . . Im Gan- 
zen, werden Sie merken, kommt mir Ihre Absicht etwas bedenklich 
vor. Einen Philosophen denke ich mir als einen in langer Erfah- 
rung reif und süss gewordenen, gewiss nicht mehr jungen Menschen; 
Sie sind aber erst 81 Jahre, d. h. noch ganz jung an Erfahrung 
und Leben von innen und aussen. — Andr(*rseits können Sie sagen : 
irgendwo muss ich doch die nöthig«^ Reife heranwarten, und warum 
nicht eben als Docent und indem ich meine philosophischen Schlan- 
genhäute doccndOs auf dem Katheder, loswerde? Es giebt auch eine 
Philosoj)hie der Jugend (jedes Jiebensalter hat seine), und die passt 
besser vor eine Schaar junger Menschen, als die des Alters. — Es 
kommt immer darauf an, wie stark der Drang, Eigenes zu ver- 
breiten, Sie treibt, so dass Sie vor der (Tefahr, 'Philosophieprofes- 
sor' im vulgären Sinn zu werden, bewahrt sind : ist der Trieb über- 
gross, so sind Sir im Recht und dann nur muthig drauf los! — 
Ihre andre Chance, Lehrer an einem niedern Seminar zu werden, 
hat eigentlich etwas besonders Lockendes. Den Trieb , auf P e r- 
s o n e n zu wirken , den ich für stark bei Ihnen halte, können Sie 
da viel besser und tiefer wirken lassen, als auf der Universität (bei 



Zu S. 105. 141. 273 

uiisern heutigen Studenten . . !). Ihre philosophischen Studien ohne 
Hast aushilden und prüfen und sichten können Sie, bei nur 12 Wo- 
chenstunden, ebenfalls besser. Ich weiss nicht, wie Ihnen die idyl- 
lische Existenz an solchem weltfernen Orte (nicht für immer, ja!) 
gefallen würde: Sie müssen aber auch bedenken, dass an einem 
bewegteren Orte, in weiteren Beziehungen, das Docententhum leicht 
in die Breite geht ; man kann nicht beiden Herren dienen. Ich 
formulire kein Schlussvotum, weil ich es nicht könnte — in solchen 
Dingen giebt den Ausschlag das ganz persönliche Gefühl des Ein- 
zelnen, Betroffenen, und das kann nur Er empfinden — , und weil 
eben doch die Entscheidung bei Ihnen aus Regionen fliessen wird, 
in die schliesslich kein Andrer einen Einblick hat. Nur Eins: wenn 
Sie sich habilitiren, so thun Sie ea an einer grossen Universität, 
Berlin oder Leipzig (Breslau ist nur numerisch gross, sonst aber 
'Examensnest'), da>« wäre für Philosophen gewiss der einzig günstige 
Boden. c Kurz darauf schreibt Rohde: >. . Nunmehr will ich Ihnen 
offen meine Empfindung aussprechen: dass ich mich freuen würde, 
wenn ich eines Tages hörte, dass Sie Professor an einem der Semi- 
nare geworden seien, mit denen Württemberg gesegnet ist. Müsse 
zu selbständiger Arbeit würden Sie dort mehr haben, als an einer 
Universität, wo der Bandwurm des C/ollegs jeden Tag verlangt, sein 
Glied abzustossen (schönes Bild !). Und die Befriedigung ist schliess- 
lich grösser an einer Unterrichtsanstalt, als auf dem Katheder mit 
seinem Soliloquium . . . Experto crede Ruperto. Nun, Allah weiss 
es besser, er wird's recht machen.« 

Nicht minder zurückhaltend schrieb Rohde zunächst auch seinem 
Schüler W. Schmid, als dieser ihm von seiner Absicht sich zu habi- 
litiren, berichtete [Heidelberg 23 XII 86] : »Man kann Niemanden vor- 
aussagen, ob er speciell Anlage, noch weniger, ob er anhaltend Lust 
zu diesem Lehren ex cathedra haben werde, in dem ich keineswegs 
die höchste aller menschlichen Thätigkeiten erblicken kann, wie 
mancher Andre. Vielleicht dass ein erfolgreiches S c h u l m ei s t e r- 
wirken Einem eigentlich wohler thut als dies Soliloquium auf dem 
Lehrstuhl . . .« Später begleitete er dann aber die akademischen 
Anfänge Schmid's mit thätigster Theilnahme. »Wenn Sie schriftlich 
positive Fragen stellen wollen« — schreibt er 7 II 87 — »nur zu! 
Wegen Ihrer ersten Vorlesung lassen Sie sich keine grauen Haare 
wachsen: im Vertrauen gesagt, wir pflegen Alle so ziemlich blind 
und tastend in dies akademische Labyrinth hineinzugerathen, es hat 
nur nicht Jeder die würdevolle Miene bereit, die den Defect deckt. 
Aber wenn Sie irgend können, sollten Sie sich nicht, gleich anfangs 
wenigstens, auch noch ein Schulamt aufliängen lassen. Dabei kämen 
beide Aemter zu kurz; und Sie werden ja erleben, welche Heiden- 
arbeit die ersten (Kollegien machen . . . Mit Homer werden Sie . . . 
sehr gut anfangen . . . ; zugleich führt das S i e . . . in das Beste 
und Würdigste ein. (ieben Sie eine Einleitung über die Ueber- 
lieferung . . . von der Zeit des Abschlusses der vorliegenden Ge- 
dichte an, also exclusive 'höherer Kritik'.« Schmids Nekrolog ge- 
winnt gerade dadurch, dass der Schüler für seinen Lehrer Zeugnis 
ablegt, seinen besondern Reiz und Werth. Rohde war danach frei- 

CrusiuB, K. Eohde. 18 



274 Beilagen und Nachträge. 

lieh keine eigentlich ^pädagogische Natur'; dazu fehlte dem grü- 
belnden Solitarier das spontane Mittheilungsbedürfnis. Aber den 
Wenigen, denen er sich innerlich zuwandte, gab er sein Bestes. 

Zu S. 106 ff. 

Den psychologischen Mechanismus, der sein Verhalten zu Rohde 
bestimmte, deckt Flach selbst mit aller Naivetät auf in dem Ab- 
schnitt seiner ^chinesischen Silhouetten', auf den oben Bezug ge- 
nommen ist (S. 79 ff. *Der neue Aristarch'): ^Man hatte Pia-Pü 
1= Hans Flach] bei der Berufung eines neuen Ordinarius [:= Erwin 
KohdeJ übergangen. Zwar waren einige Fachgenossen bemüht ge- 
wesen, dass er wenigstens an letzter »Stelle der Vorschlagsliste ge- 
nannt würde, indessen waren diese Versuche an der unerschütter- 
lichen, panzerumgürteten Brust des einen Universitätspabstes macht- 
los gescheitert, auf dessen Herz kein warmes Wort Eindruck zu 
machen pflegte. — Der neue Kollege [Rohde] war angenommen. 
Ein bedeutender Ruf ging ihm voraus, und er wurde von allen auf 
das Wärmste aufgenommen. Man erfreute sich an seiner Schönheit 
und Vornehmheit. *Er sieht so stolz, so unzufrieden aus, er ist aus 
einem vornehmen Haus' wurde häufig citirt^. — Die ersten Wochen 
versuchte der neue Kollege auch freundlich zu sein, wurde aber 
sehr bald des trockenen Tones satt, und zeigte sich von seiner na- 
türlichen Seite, von der er später fast niemals abwich. Der erste 
Abend, an dem seine Kollegen dieser chamäleonhaften Verwandlung 
zum Schrecken inne wurden und seine wahre Natur hervorschimmern 
sahen, ist allen treu im Gedächtnis geblieben. — Ein junger schüch- 
terner Dozent wagte, als man in grösserer Gesellschaft in einem an 
dem vorbeiströmenden Hoang-ho gelegenen Theehaus sass [der *Neckar- 
müUerei'], die Behauptung auszusprechen , dass das Wasser heute 
eine auffallend grüne Farbe habe, was thatsächlich ganz richtig war . . . 
*Wie\ rief der neue Kollege, das *nennen Sie grün? Wie kann dieser 
Huss überhaupt grün aussehen? Sie leiden wohl an Farbenblind- 
heit? Ein ähnliches Dreckwasser habe ich noch niemals gesehen. 
Ich nenne die Farbe heute graugelb'**. Folgen noch zwei ähnliche 
Scenen — gewiss nach der Natur gezeichnet^, denn Rohde war, 
zumal in gereizter Stimmung, zum Widerspruch um jeden Preis 
fähig — : und das soll dann eine (Charakteristik Rohde's sein, die 
mit <Mnem ganz ernsthaften Urtheil {..sehr vornehm, sehr abspre- 
chend . . ., sehr unreif, sehr unerzogen" usw.) beschlossen wird. Es 
ist niclit einmal eine Caricatur. 

Seinem Protector (jutschmid i)flegte Flach förmliche Fragebogen 
vorzulegen, dw rirutschmid dann ausfüllte. „In heiterer Erinnerung 
ist mir, wie Flach ein (rleiches bei Rohde versuchte, und der ihm 
sagte: *lch weiss, was Sie wissen wollen. Flach, aber ich sage es 
Ihnen nicht'" (E. Holzer). 

* Mau sieht, Flach citirt seinen Faust nach — der Ausgabe des 
Herrn Stephany. 

'-* Flach lässt den 'neu«.*n Aristarch' schliesslich klagen, dass er nach dem 
schlechten Tübinger Bier Magenkrämpfe bekommen habe : welche Rohheit! 



Zu S. 106 ff. 129. 131. 275 

Zu S. 129. 

An Rühl schreibt Rohde (T. 26 V 78): »Ueberhaupt aber zeigt 
Ihnen wohl auch mein y^yove, wie wenig Heil ich von solchen all- 
gemeinen Gesetzen erwarte: wiewohl ich selbst mich mit diesen 
Dingen, in allen Richtungen, vielfach herumgeschlagen habe, finde 
ich es nicht einmal nach durchforschtem Detail nützlich — oder 
überhaupt ausführbar, solche Thesen aufzurichten für Suidas, dessen 
Angaben nur den letzten Rest einer völlig unbestimmbaren Reihe 
von üeberlieferungsschichten darstellen: vor der Untersuchung der 
Einzelheiten solche Dictate wie ein xr^Xa'JY^c TcpöowTCov aufzupflanzen, 
überlasse ich lieber den grossen Männern der Berliner Pepini^re; 
sie verblüffen und verblenden, helfen nichts und können Viel schaden. 
Ihre Vorstellung von den 2 Quellen trifft für einzelne Fälle zu ; ich 
selbst habe ja eben dieses . . . nachgewiesen: und so ist sie denn 
bei IlavOaot^ richtig, freilich auch längst beobachtet ; schon bei XotptXoc 
hat sie Sie verblendet — denn sonst hätten Sie in diesem verzwei- 
felten Artikel gewiss mehr als 2 Einflüsse erkannt, und sich wohl 
überhaupt gehütet, über Näke weit hinausgehn zu wollen; bei Xdpcüv 
vollends verführt Sie diese Vorstellung zu einem . . . haltlosen 
Rathespiel . . . Der Möglichkeiten sind eben bei Suidas stets so 
viele, dass sich nothwendig selbst verblendet, wer überall Ein Re- 
cept anwenden will. So glaube ich auch von Ihren . . . Meinungen 
über Theopomp und Ephoros bei Suidas eigentlich nichts. An Apol- 
lo d o r zu denken bei der Lücke zwischen Ptolem. VII und August 
ist natürlich auch mir in den Sinn gekommen ; ich habe aber diese 
Vermuthung nicht einmal erwähnt, weil 1) der Endpunkt nicht ge- 
nau stimmt, 2) aber namentlich, weil die gleiche Erscheinung einer 
Lücke zwischen der ctvapxCa 'AOTjvafcov und Philipp, Nero und Trajan 
sich doch nicht aus Ap.'s noch einer andern ähnlichen Quelle Ein- 
fluss ableiten lässt, vielmehr ein gemeinsamer Grund für solche 
Lücken zu suchen ist, und dieser in der Abwesenheit eines 
Hauptkerls, um den sich die Uebrigen synchronistisch gruppiren 
Hessen, ausserordentlich einfach und für einen Kenner des Suidas 
sehr einleuchtend sich darbot.« 

Zu S. 131. 

Ueber Th. Zielinskis *(Tliederung der altattischen Komödie' 
(Leipzig, Teubner 1885) schreibt Rohde an W. Hörschelmann [Tü- 
bingen 19 XI 85] : 

»Ich stehe nun gar nicht an , Z.'s Untersuchungen über Ent- 
stehung und Zusammenfügung der einzelnen, nicht rein dialogischen 
Theile der attischen Komödie ein erhebliches Verdienst zuzuerken- 
nen. Schon dass er den Standpunkt einer entschiedenen Abtrennung 
der Komödie, ihrer Anlage nach , von der Tragödie in seiner Be- 
trachtung eingenommen und festgehalten hat, zeugt von richtigem 
Blick; unzweifelhaft werden wir nur auf diesem Wege jemals zu 
einer richtigen Einsicht . . . gelangen. Dass er also die, wie er sie 
nennt, epirrhematische Coniposition mit Energie als die eigentlich 
bezeichnende Komödienweise festhält und ihr überall nachspürt, ist 

18* 



27G Beilagen und Nachträge. 

nur löblich. Auch finde ich es Avenigatens natürlich. da«s er seine 
Beobachtung nun einigermassen überspannt . . . Ich darf hier nicht 
ins Einzelne eingehn. Die Grundvorstellung, dass ein in zwei Per- 
sonen verkörperter Widerstreit von Ansichten, Lebensaufl'assungen 
und dgl. den Kern einer gewissen Gattung von Komödien ausge- 
macht hab(» und in solchen *Agonen' nach einem ziemlich feststehen- 
den Schema ausgekämpft worden sei, und dass um solche Zankdia- 
loge ohne eigentliche Handlung dann später eine sehr lose geschürzte 
Handlung herumgewachsen sei — diese Vorstellung, auf welche das 
fast obligate Vorkommen eines dcYwv führen kann, scheint mir aller- 
dings auch durch das Wesen dieser alten Komödie (über welches 
sich Z. einmal durchaus treffend äussert) sehr nahe gelegt und be- 
stätigt zu werden. Es ist aber wiederum recht bedenklich, dass die 
ältesten Stücke theils gar keinen Agon haben ( Acharner), theils einen 
unentwickelten (Equ.), während doch diese Stücke sonst ganz ent- 
wickelt sind. Gewiss ist es also unerlaubt , die *epirrhematische 
Form', im besondern des Agon's, für den ersten und einzigen 
Keimpunkt der Komödie zu halten; es war eben einer von mehreren. 
Und es ist eine Uebertreibung, die freilich ein Andrer leichter wahr- 
nimmt, als der Urheber einer neuen Art der Betrachtung, wenn 
man diese *epirrhematische Oomposition' nun für ein von Rechts 
wegen ausschliessliches Besitzthum der Komödie halten soll: Z. 
weist ja selbst nach, wie häufig dieselbe Weise sich in der Tragödie 
zeigt. . . . Nun gar seine Erklärung der zwei Stylweisen aus joni- 
scher und dorischer Kunstweise ist ganz unhaltbar . . . Ich be- 
zweifle nicht im Geringsten (was ja zu leugnen Mode ist) , dass 
Tragödit» und Komödie dorische n Ursprungs sind . . . *. Von 
dem 2. l'heil der Schrift will ich nichts weiter sagen : das liest sich 
ja ganz angenehm, aber ich finde nicht, dass man aus dem unsichern 
Gebi<'t des völlig Subjectiven herauskäme, das mir wie vielen 
Andern, alle solche Untersuchungen über die choreutische Darstel- 
lung der Dramen wahrhaft unheimlich macht. 

Nun muss man aber gestehn, dass Herr Z. zu denjenigen Sub- 
jectivisten gehört , denen man auch auf bedenkliche Gebiete nicht 
ungern folgt, weil seine Subjectivität von entschieden geistvoller 
Art ist. In dem ganzen Buche zeigt er (im Verein mit anerken- 
nenswerthem Eleiss) eine frische, schnell und hell auffassende Geistes- 
art, eine energische Phantasie, auch eine nicht gewöhnliche Combi- 
nationsgabe, die sich auf Scharfsinn sogut, wie auf Phantasie stützen 
muss . . . Er hat seine Phantasie noch nicht genügend im Zügel; 
ich sehe darin kein Unglück, sondern nur Jugendlichkeit. Im Uebri- 
gen ist er ofi'enbar ein durchaus , und nicht nur eng philologisch 
gebildeter Mann, dem nichts schulmeisterlich Triviales entschlüpft, 
der Künstlerisches nacli künstlerischem Maasse zu messen weiss. 
Ich schätze noch l)es()nders an s»'iner Darstellung den schnellen 
Gang, der den Leser nicht mit verneinender Discutirung aller mög- 
lichen ^Meinungen andrer Jjeute aufhält, sondern das bei sich vor- 

* Spuren des Agons in dorischer Kunstart habe ieh. ohne \on Rohde's An- 
sichten zu wissen, in den Gott. gel. Anz. 1890, !;>. V^\ nachzuweisen versucht. 



Zu ö. 131. 132 ff. 277 

her abgemacht hat und nun sich positiv, nicht nur kritisch verhalten 
kann. Z. hat die schönste (rabe des leichten Discutirens ; mit 
flinkem Schlag weiss er dem (tegner das Florett aus der Hand 
zu schnellen: er ist kein Pedant, und doch nicht oberflächlich, 
in summa eine Erscheinung, der man, unter so viel entgegengesetzten 

in der Philologie, nur sympathisch gegenüberstehn kann Das 

kann ich mit vollster Ueberzeugung aussprechen: diese Schrift lässt 
den Herrn Z., nuig man an ihren Resultaten noch so viel aus- 
zusetzen haben, ihrer ganzen Anlage nach, und nach dem, was sie 
von dem gesammten Wesen des Verf. erkennen und also von seiner 
Zukunft erwarten lässt, unfraglich als einen Academicus erscheinen, 
einen Mann, der an eine Universität gehört und nirgends anders 
hin. Ich meine noch im Besondern aus der ganzen Art seiner Dar- 
stellung eine vorzügliche Begabung zum akademischen Lehrer zu 
erkennen: er hat eine eutscliiedene Gabe der Simplificirung und 
also Klarmachung der Probleme, einen Zug in's Cxanze und Zusam- 
menhängende aus der Masse vereinzelter Kleinigkeiten, und endlich 
eine sehr bemerkenswerthe Fertigkeit des Ausdrucks, noch dazu in 
♦'iner Sprache, die vermuthlich nicht seine Muttersprache ist . . .« 
Unter den zahlreichen (irutachten und Urtheilen Rohde's, ge- 
druckten wie ungedruckten, die mir durch die Hand gegangen sind, 
kenne ich keins, das für seine Art, Bücher und Menschen abzu- 
schätzen, gleich charakteristisch wäre. 

Zu S. 132 fr. 

Uebcr die Platonischen Fragen, vor Allem die Com- 
position des Staates, äussert sich Rohde am frühsten und ausführ- 
lichsten in einem Briefe [Tübingen, 9. Juli 1881] an H. Usenbb, 
aus dem ich die einschlagende Hau])tstelle heraushebe. 

>lhre Beistimmung zu meiner Datirung des Theaetet ist mir 
sehr (»rfreulich : ich entnehme aus derselben, dass Ihnen ein leicht 
zu machender Einwurf, den ich gar nicht habe erwähnen wollen, 
weil der Zusammenhang ihn alsbald entkräftet, nicht erheblich er- 
schienen ist. Dass im Sophistes und (wegen der Anspielung auf 
die thracische Sclavin) im Theaetet Antisthenes noch als lebend 
vorausgesetzt wHTde , ist allerdings sehr wahrscheinlich ; aber eine 
Zeitbegrenzung wüsste ich doch daraus nicht zu entnehmen : demi 
warum Antisthenes nicht länger als 360 gelebt haben könne, ist 
mir nicht erkeind)ar'. Ich habe stets vom Sophistes und mehr noch 
vom lIoX'.T'.y.dg den Eindruck der (rreisenhaftigkeit des Autors em- 
I)fangen. und bin ganz geneigt, diese zwei Schriften recht spät an- 
zusetzen (vollends den Philebus). Der IloXtiixö^ ist, davon bin ich 
fest überzeugt, nach den spätesten Theilen der Politeia geschrieben; 
er bildet den l'ebergang zu den (Tesetzen. Und nun, in der Politie, 
bin ich in allen Hanptsach(»n so völlig von der Richtigkeit der Krohn- 
schen Analyse überzeugt, dass ich kaum begreife , wie ein u n b e- 
fangener Leser der Politie, der nachher alsbald die Krohnsche 



» Vgl. Kl. Sehr. I lb4. 316 f. 



278 Beilagen und Nachträge. 

Schrift zur Hand nähme, nicht, was er selbst bei der Leetüre (wenn 
er einmal darauf besonders geachtet hat) schon im Allgemeinen be- 
merkt hat, durch Krohn's geistreiche Entwicklung im Einzelnen 
bestätigt finden sollte. Ich weiche nur in wenigen Puncten von K. 
ab. Unmöglich scheint mir , dass aus dem ursprünglichen 
Entwurf der qptXdooqpo^ noch so nachträglich herausgewachsen sein 
könne, wie das V 471 C ff. geschieht: was sollte die Definition des 
Philosophen in dem ursprünglichen Staate, in dem doch für ihn keine 
Verwendung ist? Ich glaube, dass mit V 471 C erst leicht intoni- 
rend, dann allmählich immer tiefer und voller hervorbrechend, die 
Metaphysik hereindringt, finde keinen hinreichenden Orund, V 471 Cff. 
von VI und VII zu trennen, und lasse also, als die mvstische KrÖ- 
nung des Gebäudes, V471 (• — VII extr. Ein Stück bilden: welches 
übrigens auch äusserlich ein Ganzes ist, eingeleitet mit der Frage 
nach der Möglichkeit der xaXXCTtoXi; V 471 C, und VII gegen Ende 
(540 C ff.) mit einer Zurückweisung auf diese nun beantwortete Frage 
sich abschliessend. — B. VIII ist dann wohl älter, als V 471 ff., 
aber n i o h t als der Rest von V. — Im X. Buche müssen zwei Theile 
strenger geschieden werden, als K. thut: den ersten, von der Ver- 
werflichkeit dt»r Dichtkunst (bis 008 B) rechne ich zur allerletzten 
Redaction, die zweite Hälfte (ohne alle Spur der Ideenlehre) nur 
zu der Fortsetzung des 1. Entwurfs. Krohn hat auf den Timaeus 
und Kritias gar keine Rücksicht genommen, wohl wegen seiner Stel- 
lung zu allen andern Dialogen unter Piatos Namen ausser der Po- 
liteia. Diese Stellung scheint mir überhaupt unhaltbar: derTimaeus- 
Kritias vollends kann dem Plato unmöglich aberkannt werden. Nun 
stelle ich mir die Sache so vor. Dor Timaeus kennt eine andre 
Einleitung zur Politie, als die unsres ersten Buches; er resumirt, 
bis p. \\) A, genau nur den Inhalt des ersten Entwurfes (ungefähr 
bis V 4(>0('). Danach scheint die Atlantisfabel eine Fortsetzung 
zu sein nicht unsrer gegenwärtigen Politeia, sondern nur des ersten 
Entwurfs, dtT wohl als eignes Werk bereits edirt war. Dann wurde 
dem Plato dieses Fabuliren lästig; er Hess die Atlantisgeschichte 
unvollendet (i»s scheint, als ob er in der degenerirenden Atlantis das 
Werden der iiixix im Staate hätte darstellen wollen), und gab dem 
1. Kntwurf eine andre Fortst»tzung, docirend, nicht fabulirend. 
Also s<» : 

1) KrsttT Kntwurf: U. cap. 10 — V (das Ende nicht ganz genau 
bestimmbar, weil naohträirlich verwischt: jedfiifalls nicht über 466 D 
hinaus). BesoudiM's edirt. 

2) Fortset/.iniir in einer figiien Fabel: Timaeus Anfang und Kp:- 
•ia; (^der eig«Mit licht' Timaeus nspi -^-^iZEw;. iv") -avTcj, wird doch 
sehr natpi TipojJoxixv tMugoführt p. 27 A, und ist wohl nachträglich 
eingelegt). rnvolltMub^t. 

3) Fortset zunjjf dw n-.A.Tsia des l. Kntwurtes, von V 466 D (un- 
getahr) an: wo dam», als ouw Art Ersatz für den Kritias, die Stadt 
im Krit'ge gezeichnet wird: so bi^s t7l i\ Dann VI II. IX (ausser 
5S()— r>SS AK \ ThtMl 1\ \nid jetzt dov alto Kiugaiig, wie ihn der 
Tini:uMi> nndtMitt't. forttjesohnitten. wt'il «m- eben auf Fortsetzung in 
einem weiteren (lespriioh (das jetzt nicht mehr beabsichtigt war) 



Zu S. 132 ff. 279 

hinwies ; statt dessen Buch I. TI Cap. 1 — 9 vorgesetzt. (B. II weist 
ganz unverkennbar auf B. IX und X, 2 Hälfte voraus). 

4) Einfügung eines ganz neuen Bestandtheils , von ganz ver- 
ändertem Standpunct aus: B. V 471 C — VII Schluss. Dabei dann 
thunlichste Verwischung der Grenzen der früheren zwei Gestaltungen, 
Einfügung von allerlei Voraus- und Zurückweisungen, um das (xanze 
möglichst als Eines erscheinen zu lassen; Einlegung von IX 586 D — 
588 A und von X Theil 1. Was die Zeitverhältnisse betrifft, so 
scheint es mir unmöglich, auch mit der spätesten Ueberarbeitung 
unter die Anfänge der Regierung des Dionys II. herunterzugehn : 
denn wie soll man es sich möglich denken, dass Plato (was wenig- 
stens den An las s zur Einfügung von V 471 C — VII giebt) eine 
Hoffnung auf Einführung und Möglichmachung seines Staates durch 
irgend einen unter twv vOv dv dovaarstai^ rj ßaoiXetai^ S'^cüv })iiaiy (man 
sollte meinen, Dionys I. lebe noch !) yi aOio!^ {Yl 499 B. cf. 502 A. 
540 DE) hegen konnte nach seinem zweiten Aufenthalt in Syrakus, 
867/G? Dazu ist IX 583 B ff. offenbar vor dem Philebus geschrieben.« 

H. Usen?:r bemerkt dazu [11 VI Ol]: „Ich war, als ich diesen 
Brief von R. erhielt, höchst überrascht durch die fast vollständige 
Uebereinstimmung seiner Ansicht mit den Ergebnissen, zu denen 
ich gekommen war. Die feste Erwartung, dass er die Frage weiter 
verfolgen und dann etwas besseres und reiferes liefern werde , als 
ich, mehr und mehr durch andere Fragen bedrängt, von mir hoffen 
konnte, hat mich abgehalten, zu Zeiten, als das Eisen noch nicht 
ganz erkaltet war, zur Ausführung zu schreiten. Nun höre ich zu 
meinem Schmerz, dass in R.'s Papieren keine Entwürfe oder Vorar- 
beiten erhalten sind . . . : deshalb würde ich es mit Freude begrüs- 
sen, wenn Sie diesen Brief als Beigabe Ihrer Lebensskizze veröffent- 
lichen wollten.'^ In der That behalten diese Ausführungen auch 
nach der summarischen Darlegung in der *Psyche' (IP 265 ff.) ihr 
Interesse. 

Ausserdem sind für Rohde's Verhältnis zu Plato und den pla- 
tonischen Fragen manche Aeusserungen in den Briefen an Ritter 
sehr bezeichnend — die Echtheit und Frische des Ausdrucks muss 
hier für eine gewisse Formlosigkeit entschädigen. >Nun trachten 
Sie vor Allem dahin« — heisst es 25 I 87 — idass Sie von dem 
strebenden und mit sich selbst ringenden und immer (bei aller Ein- 
heit der Grundstimmung) sich verwandelnden Plato etwas zu 
sehn bekommen und den ledernen grauen Systematiker, der er in 
X.'s seelenlosem Buche ist, gründlich verachten lernen. So ein öder, 
blutloser Kathedermannequin ist ö O-sIoc IlXdiwv nie gewesen, vor 
Allem ist er nicht im Teiche eines Systems festgefroren, wie jener 
Wolf beim Fischfang.« Nach der Zusendung des Commentars zu den 
vcjici schreibt er Ritter [11 X 96] : ^>Sie haben da ein sehr gründliches 
Stück Arbeit gethan, das man ganz erst würdigen kann, wenn man 
im Einzelnen an Ihrer Hand das Platonische Werk einmal wieder 
neu durchwandelt, wozu ich, offen gestanden, an sich wenig Trieb 
spüre : ich kann diese ganztMi vdjioi nicht leiden, die mir fast über- 
all den Eindruck feierlicher Oede, breitspuriger Nichtigkeit, ja einer 
bei Plato selbst eingetretenen anfangenden Verd ummung machen, 



280 Beilagen und Nachträge. 

in deren schreckliche Ungeschicklichkeit und Hilflosigkeit man sich 
selbst nur ungern niederziehen Insst. Sie scheinen freilich eine ganz 
andre Vorstellung von dem Werk zu haben . . . Unrecht, scheint 
mir, thun Sie aber der Analyse der (Komposition durch Bruns: in 
einzelnen Punkten mögen Sie ihm mit Recht Tüchtigkeit und Will- 
kür vorwerfen, aber im Ganzen, bin ich fest überzeugt, hat B. 
das Richtige getroöen und Sie stellen sich sell»st im Licht, wenn 
Sie eine Hctive und nur durch willkürliches Apologetisiren herzu- 
stellende Einheitlichkeit in dem Aufbau und der Ausführung des 
Ganzen sich selbst aufreden wollen — denn bei Andern wird es 
Ihnen kaum gelingen. Hier sind Sie in der That oft mit allzu be- 
quemen Gegengründen zufrieden. Z. B. — ein ganz äusserliches, 
aber sicher controlirbares Beispiel — II (574 A/B. Sie begnügen 
sich, um den deutlichen Widerspruch mit 1 687 I) zu verkleistt^rn. 
mit Bergk*s Uonjectur KaXxr,5ovi(ov : dass aber dies ganz unmög- 
lich, sachlich unbegründet und durch das Citat der Stelle II 
674 A mit Kapx^i^^^-**^^ ^t*i Theo p h rast ausgeschlossen ist, bemer- 
ken Sie nicht: ich hatte es. an einer Stelle, die Sie offenbar nicht 
kennen, längst bemerkt . . .^ Der Widerspruch zwischen I und II 
bleibt bestehen : und so geht es noch oft, wo Sie schönste Harmo- 
nie anzutreffen sich überredet haben. — Sie sollten doch einmal 
Ihre von Teichmüller übernommene Ansicht über den wahren Sinn 
der I d e e n l e h r e ausführen ; bisher glaube ich absolut nichts da- 
von; die gewöhnliche Deutung dieser Lehre, welche die des A r i- ^ 
stoteles (der doch darin nicht irren konnte!) ist. ist ja deut- 
lich durcli I\*s eigne Worte angezeigt.- 

In zwölfter Stunde erhalte ich von Th. Gomperz noch einen 
schönen Brief Rohde's [2H XI S7], der nach einer Auseinandersetzung 
über ein Heraklitfragment folirende Aeus^erumren über Phiton ent- 
hält: ^Es freut mich sehr, dass Si»^ sich der relativ späten Ent- 
stehungszeit des l* h a ed o n annehmen. Ich habe es nie anders tor 
richtig gehalten. Ausser allen andern (Tründen spricht dafür ja 
laut und deutlich der vielfache Aus!>lick auf Bestreitungen 
der Platonischen Fundamentallehre, jene wundervolle Austühruug 
\3iY, Ysvv?\u5i*a i.i:r:ÄGYo: etc., da> (für micii allemal rührende« resignirte 
-o\i'z 5« a-isj^Mi»- xa: inX(^^ xa: sOV.^i»; lyjca nap' ejizuity» etc. »ich tinde 
die Stelle auirenblicklich nicht»- von der Ideenlehre iresairt. So 
b e *; i n u t man nicht, eine berauschende Vision durzulejien! sondern 
so spricht der müde, de>i eignen halben Zweifels müde, am <Telingen 
des viell'acl» versuchten B e w e i s e s d«*s (ilauben^satzes verzweifelnde 
Denker. Derart ii^e Arijnmente beachtet man freilich meist ffar nicht. 
Zeller z. H, niemals, »on^t kvumte er unmötj.ioh so «x reisen- 
hafte Schriften, wie Sophi-ite«; und Politicus in trnhe Zeit setzen u. 
dgl. m. — Ihre BenierkunüftMi über di«» sprachlichen Kriterien wenleu 
auch zur Scheidung . . , beitrajjfcn. Hin bv^ser Strin bleibt immer 
der Phiidrus; nuMU ei-zne^ Inbehaiien *iarüber. da^s Ihttenbergers 

» Vgl Kl. Svhr. l :Ul f. 

* \\\ der Tiiat hat Koiule a*a> ^u'.n '^vi.ur.tnis-t'. ni'.h: g-anr sjena-i. 
eitin : vt'. p. U*«» P- 



Zu S. 132 ff. 139. 143. 155 ff. 281 

Künste hier versagen, habe ich Jahrb. f. Philol. 1882, p. 90 Anm. 
[= Kl. Sehr. I 274 f.] nur halb angedeutet. Dass bei der Annahme 
einer 2. Bearbeitung die Stelle über Isokrates sehr bedenklich wird, 
werden Sie sich ohne Zweifel selbst nicht verhohlen haben ; wollte 
man annehmen, Plato habe dem alten Sünder erst recht einen Spie- 
gel vorhalten wollen, in dem er sehn sollte, w^as für Hoffnungen er 
nicht erfüllt habe, so wäre das doch w-ohl allzu pädagogisch ge- 
dacht . . . Im Allgemeinen wird ein Jeder froh sein, wenn er sich 
eine Stufenfolge der Platonischen Schriftstellerei zu eigner Beruhi- 
gung (eigentliche Vollbefriediguug wird kein Verständiger hierin 
erreichen können) aufgebaut hat ; ich habe es, zum Privatgebrauch, 
soweit wenigstens gebracht . . .« 

Zu S. 139. 

Trotz wiederholter Umfragen bei den Freunden Rohde's ist es 
mir nicht gelungen, den Namen des *Concurrenten' für die griechi- 
sche Kulturgeschichte mit Sicherheit festzustellen. In den mir vor- 
liegenden Briefen wird er wunderlicher Weise nirgends genannt. 
Dass Jakob Burckhardt gemeint sei, scheint mir auch jetzt noch 
nicht recht glaublich. 

Zu S. 143, Z. 6. 

Rohde's Berufung nach Leipzig hat Nietzsches Entschluss, in 
die Heimath zu reisen, mit hervorgerufen oder doch beschleunigt. 
iVau Dr. Förster-N. schreibt mir: „Mein Bruder hat im Frühjahr 
86 nicht in Naumburg und Leipzig auf längere Zeit gewohnt . . ., 
sondern als er hörte, dass Rohde wirklich in Leipzig eingetroffen sei, 
überfiel ihn in Venedig eine solche Sehnsucht, dass er Hals über Kopf 
nach kaum zehntägigem Aufenthalt von dort nach Leipzig fuhr und 
s])äter erst nach Naumburg. Er benutzte dann die Zeit, um seine 
Verlagsangelegenheiten in Ordnung zu bringen . . . Jedenfalls hatte 
Rohde damals vorher keine Ahnung gehabt, dass mein Bruder so 
dem Ungestüm seines Herzens nachgeben würde . . ., wenn ihm auch 
mein Bruder bei der ersten Nachricht von seiner Berufung nach 
l^eipzig diesen Besuch für später in Aussicht gestellt hatte." 

Zu S. 155 ff. 

Dass in der Darstellung des Streites über Taine so Vieles 
durchaus hypothetisch bleibt, muss ich sehr bedauern. Hier ver- 
sagen die Briefe an die Freunde völlig. Um kein Missverständnis 
aufkommen zu lassen , bemerke ich (zu S. 157) , dass Rohde eine 
Reihe der besten französischen Schriftsteller genau kannte und wohl 
zu schätzen wusste. So schreibt er, kurz vor dem Conflikt mit 
Nietzsche, an Overbeck [20 XII 86], als Nachschrift zu einem aus- 
führlichen Briefe: »Ich lese gerade ein sehr lesenswerthes Buch: 
Stendhal (Beyle), Ja chartrcnse de Panne, Kennen Sie's noch 
nicht, so lernen Sie es doch ja kennen. << Stendhal gehörte zu den 
Lieblingsschriftstellern Nietzsche's. 



282 • Beilagen und Nachträge. 

Zu S. 161 f. 

Rohde als Lehrer zur Zeit seiner Heidelberger Anfänge zeich- 
net pietätvoll ein Brief von A. Marx, aus dem hier einige Sätze 
herausgehoben werden mögen, i. . . Es blieb mir immer lehrreich, 
Partieen, die ich vorher bei andern, dann bei R. gehört hatte, zu 
vergleichen. Das Ergebnis war immer das : Rohde brachte in der- 
selben Zeit dasselbe, oft das Doppelte fertig, ebenso gründlich . . . ., 
aber freilich ohne das behagliche Sichgehenlassen, das auf deutschen 
Kathedern so häufig ist und Wichtiges und Unwichtiges mit gleicher 
Sorgfalt und Breite behandelt. Jedesmal aber war seine Darstel- 
lung . . . die bessere, weil sie lebendiger, persönlicher, energischer 
war und ihn»n Gegenstand nie isolirt betrachtete, sondern immer 
Verbind iingsfäden nach allen Seiten zu ziehen wusste . . . Ein 
eigenes Kapitel verdiente noch Rohde als Examinator. Er war der 
idealste Examinator, den ich je kennen gelernt ... Er fragte aus- 
gezeichnet präcis und bestimmt und führte den Kandidaten in kurzer 
Zeit durch weite Gebiete ; wer wirklich etwas wusste, brauchte nicht 
in Sorge zu sein, wenn er an einer Stelle versagt hatte, er hatte 
noch genug Gelegenheit, dies wett zu machen . . . Und so bleibt 
er in meiner Erinnerung weiterleben : ein hochsinniger vornehmer 
Mann . . . von scharf eindringendem und fein empfindendem Geiste, 
mit unbestechlichem Sinne für alles Echte in jeder Zeit und in 
jedem Volk . . . Dieser Sinn fürs Echte war es wohl auch, der 
ihn zu den Griechen geführt und immer wieder bei ihnen festge- 
halten hat.c — Rohde als Lehrer in Tübingen schildert W. Schmid, 
8. oben S. 14L 27L Das ist das Urtheil aller Hörer, dass Rohde 
seine Vorlesungen — vor Allem die über die sprödesten Stoffe, wie 
über Rhetorik und Metrik — mit einem besondern didaktischen 
Takt zu gestalten verstand. Leider hat Rohde Publicationen aus 
seinen (-ollegienheften ausdrücklich untersagt. 

Zu S. 162. 165. 

Durch frühere Erfahrungen (S. 139) bestimmt, hat Rohde jetzt 
auch im Gespräch das * Buchgeheimnis' streng bewahrt. Nur die 
Nachricht, da^s Rohde ein Buch unter der Feder habe, brachte H. 
Vöchting 1S88 nacli Tübingen mit; von seinem Stoffe hatte Rohde 
nicht sprechen wollen. „Nicht lange vor dem Erscheinen des ersten 
Theils zeigtt» Rohde mir einmal einen Bogen aus der Ferne, sprach 
von der Schwierigkeit der Titolgebung und entschuldigte sich ge- 
radezu, dass es ihm unmöglich sei, mir vorher Näheres mitzutheilen. 
Für den Haupttitel *Psyche' entschied er sich erst nach der Vollen- 
dung, daher ja auch in der ersten Aufiage der untere Bogentitel 
*Seelenkult' uiid nicht 'Psyche' ist'' (F. Scholl). 

Zu S. 169. 1S1. 

Wie Rohde die Grnndproblenie der Psyche immer wieder nach 
allen J^eiten wandte und von allen Seiten beleuchtete, zeigen zahl- 
reiche Briefe. Zu den oben mitgetheilten Auszügen möge hier noch 



Zu S. 161. 162. 165. 169. 181. 283 

eine lehrreiche Partie aus einem Schreiben an Th. Gompebz [Hei- 
delberg 27. Mai 90] nachgetragen werden. 

». . . Sie fügen eine Beobachtung über den homerischen O^jiö^ 
hinzu, der ich Begründung nicht absprechen kann, ohne doch völlig 
den Schlussfolgerungeu beizutreten, die Sie daraus ziehen. Es sieht 
ja wirklich bei Homer bisweilen so aus, als ob zwei Seelen ange- 
nommen würden, O-oiiö^ und 4>ux^- Aber es besteht doch ein wesent- 
licher Unterschied zwischen beiden, der sie nicht parallel zu stellen 
erlaubt. Dem ^jiöc werden alle möglichen Aeusserungen des Em- 
pfindens und WoUens im wachen und lebendigen Menschen zuge- 
schrieben — niemals der '^^x'^l- Die einzelnen Lebenszeichen und 
sozusagen Zuckungen, deren der Mensch sich bewusst wird, scheinen 
auf ein bleibendes gemeinsames Subject, eben den O-oiid^, bereits zu- 
rückgeführt zu werden : das wäre also eine Hypothese auf dem Ge- 
biet des von uns Psychologie genannten. Aber andrerseits wird 
doch wieder der ^ü|jiös, sogut wie cppiveg, x?ip, xpaöir], -^lop etc., als 
lediglich gebunden an den lebendigen und sichtbaren Menschen ge- 
dacht, von einer Scheidung zwischen *Leib' und *Seele' = ^jiög 
ist nie die Rede (von der Ausnahme gleich). Der O-üiiög etc. ist 
vermischt mit dem Leibe, gebunden, seiner Existenz nach, an den 
sichtbaren Menschen. Die 4^ux^ dagegen steckt in dem sichtbaren 
Menschen, unbetheiligt an dessen Thätigkeit, unvermischt mit ihm, 
wie das Schwert in der Scheide. Und das blieb im Popularglau- 
ben, und im theologischen Wahn der Mystiker, die herrschende Vor- 
stellung: daher war ja die Metempsychose eine so naheliegende, und 
entweder sponte bei Griechen entstanden, oder ohne Schwierigkeit 
Fremden entlehnte Vorstellung. Eine solche Ablösbarkeit hat 
der O-üjid; bei Homer nicht. Er wird als etwas mit besonderem Na- 
men zu Nennendes unterschieden von den *Gebeinen' etc. : ^i's f 
öaxda O-ujidg, wxa 8ä O-üp-o^ «PX®*^' ^^^ jisXicöv, töv Xim O-op-ö^ etc.: aber ab- 
geschieden vom Leibe ist er nichts. Er entfliegt, scheint es, 
Avie der Duft von der verwelkten Blume u. dgl. , um zu nichts zu 
werden. Sein Dasein ist gebunden an das Dasein des Leibes, rich- 
tiger an dessen Verbindung mit der ^^^x^» worin eben das *Leben' 
besteht. Entflieht im Tode die ^^x*'h ^^ entflieht gleichzeitig der 
^•jji^c : ^u[ioö xal <\f'JX^g xExaöwv — II. A 334. Wenn in der Ohn- 
macht die 4'"X^ auf Reisen geht, ist auch der ^üjid^ sogut wie *fort', 
hört die Ohnmacht auf, so kommt (mit der ^«X^) auch der O-ujiö^ 
wieder: Sxs öij P' äpmvüxo xal Ig cppdva d-oji^g d^ipOif]. — So entweicht 
im Tode zwar sogut 'lux'l wie O-ujidg, aber der ^jiög doch eigentlich 
nur secundärer Weise, weil die ^'^X^ entweicht und ohne diese der 
leibliche Mensch des Tjebens und aller Lebensfunctionen, die gröss- 
tentheils in dem ^'jjjl^c zusammengefasst sind, beraubt ist. Eine 
Stolle giobt es (ich kenne — wie mir denn derart Vieles entgangeh 
sein mag — jenen Aufsatz in der Zeitschr. Mind nicht), die auch 
von jeher den homerischen Psychologen aufgefallen ist, in der der 
^•Jli6; dtTio jisXewv ööjiov "At^og slow geht H 13L Das halte ich aber, 
in seiner Vereinzelung, für einen missbräuchlichen Ausdruck. Wenn 
doch '4^. und iK in der oben bezeichneten Weise zugleich aus dem 
Toten entfliehn, wenn, mit Uebergehung der ^^xh* auch vom O-ujidg 



284 Beilagen und Nachträge. 

allein gesagt wird , dass er tT)X6T' d:i6 jieXecöv etc. , so konnte leicht 
genug ein Dichter noch einen Schritt weiter gehn und auf den ^ii\i.oz 
geradezu übertragen, was allein von der i>*^yri galt und auf den 
O^jiö; nicht mehr mit angewendet werden durfte — wenn man cor- 
rect homerisch reden wollte; natürlich schwankt aber, da kein Concil 
die immer zu wiederholenden Glaubensformeln festsetzte, der Sprach- 
gebrauch leicht um die eigentlich allein correcte Mitte nach beiden 
Seiten etwas herum. 

In summa: ich glaube doch, dass ö'Uiiö^ in keinem wesentlich 
andern Verhältnis zu dem lebendigen Menschen steht, als z. B. jisvoj, 
der ja auch XOsxai im Tode, und zwar mit der '|. zusammen: ^oö 
8' a5ö"t XOd-y^ ^ux>^; ts jidvo^ xe (von Thieren : d-ojioO Se'jojidvou^ * dicö ya.p 
lievo^ EiXexo y^a.XY.6^ T 294). Es ist der Ansatz gemacht, den ^iiog 
zu einem besondern Wesen zu machen, aber er bleibt doch zumeist 
nur eine Function des Menschen ; was die '>^yx^/ nie ist. Ua nun 
meine Betrachtungen sich nur auf die Entstehung des Glaubens 
an ein ablösbares und schon bei Leibesleben selbständiges, mit dem 
Leibe, in dem es steckt, ganz nnvermischtes und darum aus ihm 
zuletzt unversehrt entfliegendes Seelen w e s e n bezogen und zu be- 
ziehn hatten, so konnte ich den ^ujid^ etc. bei Seite lassen; denn 
das lialte ich für sicher, dass ein Fortleben ohne den Leib von 
^•jjiöc etc. nicht angenommen wurde (auch H 131 nicht ernstlich), 
und nicht angenommen werden konnte, weil man die aus dem 
Innern des Menschen kommenden, nicht zu übersehenden Impulse 
u. dgl. in ihnen zusammenfasste , diese lmj)ul.se etc. aber nur im 
lebendigen und wachen Menschen als thätig und vorhanden kannte. 
Dagegen die 4*'JX^i — <1j^^s «i^ construirt wurde nach den Erschei- 
nungen des Doppellebens in Traum, Ekstase usw. sagt uns Ho- 
mer ja nicht deutlich, aber ich meine, dass nur bei Anwendung 
dieser Entstehungshypothese auch auf Homers (irlauben sich dessen 
Art, und ebenso die Art des poj)ulären Seelenglaubens aller 
Zeiten des (Triechenthums erklären lässt. Mit dem philosoj)hischen 
Seelenglauben ist es freilich grösstentheils anders.« 

Das schwierige Problem ist hier noch anschaulicher dargelegt, 
als später in der Psyche (LP S. 141 f., vgl. I- 8. 45 A) geschehn ist. 

Zu S. 175 f. 

Ueber die 'AO-Tjvaiwv TioXixeia und verwandte Probleme, über die 
sich K. nie im Zusammenhang geäussert hat, mögen einige Briefe 
an RCiiL reden. 2G VIII 91 schreibt Rohde , indem er den von 
Rühl im RluMii. :\lus. XLVI (istjl) S. 42G if. vertretenen Anschau- 
ungen entg»*gt'ntritt : »In Sachen des Aristoteles ist schwer zu ent- 
scheiden. Ich habe den Mann nie so venerirt, dass ich die vielen 
Hüchtigkeiten, Irrthümer und einfachen Bummeleien. <lie in der 
kleinen Schrift unleuj^bar steheii , ihm nicht ganz gemüthlich zu- 
trauen würde. Wer heisst uns, den A. für einen grossen Historiker 
halten? . . . nur die Herrn Berliner . . . Neben Thucydides ist 
er Ja ein Schacher, das ist offenbar. Aber wehihtM* Stümj)er ist 
er z. B. in der Lehre der Metrora, auch in vielen J^artion seiner 
Lehrt* von den organischen Wesen , ne])en den Pythagoreern oder 



Zu S. 169. 175 f. 180. 190 f. 285 

(vielleicht) neben Demokrit ! Schade ist es ja, dass wirklich, wie 
Sie sagen, eine Nachricht darum, weil sie in der 'A^vaicov tzoX. stellt, 
noch nicht gut, vielmehr eigentlich sehr schlecht beglaubigt ist. 
Aber damit kann ich ganz gut vereinigen, dass die Schrift von 
Aristoteles stammt. Dass sie dieselbe ist, die das ganze Alterthum 
unter seinem Namen las, das kann man doch nicht bestreiten. Es 
steht auch immerhin ausserordentlich viel Wichtiges und Schönes 
drin. Zu Lobespsalmen ist kein Anlass.c Ueber einige einschla- 
gende Einzelfragen (besonders die in der Politeia 55 gestreifte *Ana- 
krisis' der Thesmotheten) äussert sich Rohde später [18 XI 91]: 
». . . Ich halte es bei der Erklärung jenes ix xptyovtag *A9*y]valo; in 
der 0^6ojio9-»iü>v dtvdxptat; mit den 'Antiquaren' . . . Der Sinn der 
Frage kann kein andrer sein als: bist du jetzt, und ist dein V^ater, 
dein Grossvater 'ASifjvalog gewesen ? Davon, dass der Grossvater als 
'Ad-, geboren sein müsste, steht nichts da. Er konnte ja auch 5tj- 
\ionoLrizoi sein, dann war, wenn nach Verleihung des Bürgerrechts 
aus einer Ehe mit einer Athenerin geboren, sein Sohn ohne weiteres 
'A^valog. Es brauchte also nach dem Rechtsstand des Urgrossvaters 
gar nicht gefragt zu werden, jedenfalls liegt in der Formel nichts, 
was darauf hinweist (dann wäre es ja ftx xsxpaYovta^), und auch, wenn 
der Grossvater als athenischer Bürger geboren war, so muss eben 
mit der Constatirung dieses Factums die otvdxptot^ Halt gemacht 
haben, und wird sich über den Urgrossvater nicht weiter den Kopf 
zerbrochen haben, als insoweit der eben als Vater des Grossvaters 
genannt wird. Sollte der Rechtsstand des Vaters des Grossvaters 
erst formlich nachgewiesen werden, so konnte man ja auch damit 
nicht Halt machen, das hätte dann einen rer/ressus in infinltum gegeben. 
Sx iptYovta; TiovYjpo^ heisst bei [Demosth.] gegen Theokrines (58) § 17 
Einer, dessen Vater und Grossvater itovYjpot waren, mit ihm selbst 
macht das 3. Ebenso offenbar (denn das ist ja eine Anspielung 
auf die Formel 'AO-Yjvaloc iv. -ptyovia;) in der O-sajio^etwv dväxptat;. Der 
Urgrossvater kommt, wenn überhaupt, so doch nur im Genitiv, als 
Vater des (xrossvaters in Betracht. Demnach scheint eine völlig cor- 
recte Umschreibung dieses Sx xptyovias bei Aristoteles [Kap. 55] p. 138 
[^ 167] Ken. vorzuliegen : gefragt wird, ob A, sein Vater und sein 
Grossvater als athenische Bürger einem bestimmten 5^<|ios angehört 
haben, resp. augehören . . . .c 

Zu S 180. 190 f, 

C'ARL Neümann (Griechische Kulturgeschichte in der Auffas- 
sung Jakob Burckhardt's, Historische Zeitschrift XLIX 417 A. 1) 
erzählt: „Ich traf Rohde eines Tages bei der Lektüre von Gotheins 
Loyola; auch die seinen Studien entfernten Religionskreise und -Vor- 
stellungen zogen sein Interesse lebhaft an, und er sprach mir bei 
diesem Anlass von spanischer Mystik und von den Memoiren der 
h. Therese. In der Psv^che hat er, wo die Rede auf die Formen 
der Ekstase (IF-^, 27 Anm. 1) kommt, des spanischen recojimiento 
gedacht.** Mancherlei derart bietet der Briefwechsel mit Overbeck. 
Nicht nur, dass R. den Arbeiten des Freundes — z. B. seinen Un- 
tersuchungen über den Hebräerbrief — imit Aufmerksamkeit und 



286 Beilagen und Nachträge. 

Vergnügen an ihrem fest logischen und sichern historischen Gange« 
folgt [0. 2 I 81]. Er erkundigt sich schon 1885 [6 IV], .^wo man 
sich am besten unterrichtet über ältesten Märtyrer- und Heiligen- 
kult der christlichen Kirche, insonderheit über die Art der Vor- 
stellungen vom erhöhten Weiterleben dieser Märtyrer und Heiligen 
nach dem Tode im Gegensatz zum Vulgus der Menschen« — da- 
mals wurde zur ^Psyche' der Grund gelegt. Acht Jahr später [14 
III 9B] spricht er von einem Werke Schwallys über »Unsterblich- 
keits-(vel {j[uasi-)Vorstellungen der Juden . . . Merkwürdig unbe- 
fangen für einen Theologen; auch schien es recht solid fundirt«, 
und klagt zugleich, dass er »aus dem dicken Buche unsrers gemein- 
samen gottesfürchtig-schlauen Jenenser Freundes Spiess« gar nichts 
habe entnehmen können. Diese Hilfsstudien wirken aber in dem 
Buche meist nur indirekt; alles specifisch Christliche hat R., aus 
künstlerischen Rücksichten, von seiner Darstellung ferngehalten 
(s. oben S. 180). 

Zu S. 193, 1. 

Von dem Verkehr Rohde's und Ribbeck's giebt eben A. Haus- 
KATH *Zur Erinnerung an 0. Ribbeck' (Deutsche Rundschau 1902, 5, 
S. 243) ein anziehendes Bild. Gegen die Schlussbemerkungen des 
verehrten VeHassers möcht ich freilich meine Vorbehalte machen. 
Der color Latinus und vollends das griechische Scriptum spielen 
im Universitätsunterricht seit Menschengedenken eine äusserst be- 
scheidene Rolle: die etwaige IJeberspaunung nach dieser Seite hin 
war kein „philologischer Sport**, sondern ein pädagogischer; die wis- 
senschaftliche Unterweisung suchte und sucht ganz andre Ziele. Weim 
Leute, wie Rohde, nicht mehr „die Theilnahme der ganzen Nation 
erwecken'*, wie einst Heyne, Wolf oder gar Creuzer — so liegt das 
lediglich an der „Nation** und ihren veränderten Interessen und 
Aufgaben. 

Zu 8. 194 tf. 

Aus einem Briefe Rohde's [1(> VI 94] an Frau £. Förstee- 
NiETZSCHE, den mir die Empfängerin nach Abschluss meiner Arbeit 
zuzusenden die (lüte hatte, lerne ich, dass Rohde schon im Beginn 
des Sonnnerseniosters 1891 den philologischen Nachlass Nietzsches 
sehr gründlieh durchgesehn hat; die sännntlichen ihm übergebenen 
Hefte hat er damals, bis anf eins, zurückgescliickt. Mit der Auf- 
gabe, aus diesen Heften etwas für einen Xendruck der philologischen 
Schriften Nietzsche's zu retten, konnte er sich freilich nicht befreunden. 
Dagegen erklärte er sich bereit, die Pnblication der »bereits gedruckten 
Philologica« zu überwachen, was ja nur ein sachkundiger Philolog 
könne. »Ich verstehe aber diese Herausgabe dann nur so, dass das 
schon Gedruckte einfach wiederholt werde, ohne Anmerkungen und 
Zusätze , selbst wo evident Irriges und Unhaltbares , oder seitdem 
Ueberholtes und Widerlegtes vorkommt. Eine Durcharbeitung im 
Sinne neuerer Forschung etc. wäre endlose ]Mühe und doch vergeb- 
liche Mühe. Also wenn Sie nur einfach das Gedruckte wiederholen 
wollen, so will ich gern die (Jorrecturen lesen, und etwaige Schreib- 



Zu S. 194 ff. 201. 202, 1. 204. 208. 287 

fehler etc. stillschweigend beseitigen.« Zu solcher Arbeit hätte sich 
Rohde in jenen Jahren nie bereit erklärt, wenn sich's nicht um 
einen Liebesdienst für den Freund gehandelt hätte. 

Zu 8. 201. 

Es konnte wohl hervorgehoben werden, dass Rohde besonders 
die nach der Herausgabe der Psyche erschienenen Arbeiten Useneks 
und Oldenbergs genau durchgearbeitet hat; auf sie beziehen sich 
die zahlreichsten und bedeutsamsten Zusätze. 

Zu S. 202,1. 204. 208. 

Bei der Schilderung und Beurtheilung Creüzers hat sich Rohde 
auch mit dessen Gegner, Lobeck, von Neuem genau beschäftigt. 
Die Veröffentlichung des Briefwechsels zwischen Lobeck und Lehrs 
durch Ludwich veranlasst ihn zu folgender Aeusserung [Rü. 6 XLE 95] : 
»Die Briefe von Lehrs und Lobeck habe ich . . . mit wahrem Ver- 
gnügen gelesen: die reiche Natur des Lehrs (reich im Vergleich 
mit all den andern, z. B. mit Lachmann, mit Ritschi, — nun gar 
mit Köchly e tutti quanti !) erfreut Einen immer wieder. Und doch 
schmecke ich überall Wermuth und Schwermuth aus allen den Brie- 
fen heraus ; die vielseitige Empfänglichkeit des Gemüthes und Geistes 
bringt vorwiegend doch Verwundung, Auflockerung des Empfindungs- 
lebens mit sich ; der Stumpfe leidet weniger, freilich kennt er auch 
die Momente des vollen Lebens, des Lebens auf Adlerfittichen in 
den Lüften nicht, in der frohen Empfindung der eigensten Persön- 
lichkeit und ihrer Safte. Wie dürftig sind unsre Neuesten gegen 
diesen kleinen unästhetischen .luden doch allesammt angelegt . . .c 
Mittheilenswerth schien mir dies radikale Urtheil vor Allem als ein für 
den Schreiber charakteristisches Selbstbekenntnis. Der Brief schliesst, 
nach einigen kühlen Bemerkungen über sehr bekannte und betrieb- 
same Fachgenossen : »Leben möcht ich, in Gesundheit und leichtem 
Sinn, ja w^enn's zu haben wäre, in Leiclitsinu! Mein Haus und mein 
Kuid sind mir mehr, als alle diese gelehrten Ameisenhaufen . . .« 

Zu S. 204. 

Das citirte lateinische Schlagwort ist allerdings aus einem Satze 
Seneca's (ep. 108, 23) herausgebildet. Aber dass Rohde diesen Satz 
— wie man gemeint hat — unabhängig von Nietzsche in derselben 
Weise umgeprägt und angewandt habe, ist unglaublich — um so 
unglaublicher, als R. sich in jenen .Jahren sehr eingehend mit den 
philologischen Jugendarbeiten seines Freundes beschäftigt hat. Auch 
an der von Nietzsche's Schwester geschriebenen Biographie nahm 
er thätigen Antheil. Nach der Vollendung des ersten Bandes schrieb 
er ihr dann u. A. [3 VII 95] : »Es ist wirklich so, dass durch diese 
liebevolle Einführung in das ganz private Leben, die halb bewusste 
Entwicklungszeit Ihres Bruders, das Bild des guten, im Reinen 
lebenden und allmählich durch allerlei Umwege zu seinen eignen 
Wegen geleiteten Menschen aus diesen Confessionen und Erinne- 
rungsbildern ausserordentlich klar und liebenswürdig sich her- 



288 Beilagen und Nachträge. 

vorthut. Ich für meine Person wünsche nichts fort, auch von 
den unbedeutenden Erinnerungen: ausser vielleicht einigen leichten 
und leicht wiegenden Versen und ausser dem niederschlagend phi- 
liströsen und ungemüthlichen Bild aus seinem 18. Jahre . . . Ich 
wünsche Ihnen nun für den 2. Band . . . rechten Muth und frische 
Inspiration. Eigentlich geht es nun ja erst auf den wahren, den 
selbständig werdenden und gewordenen N. zu.« 

Zu S. 208, Anm. 2. 

Dass Rohdo zu Epikur in einem, man möchte sagen per- 
sönlichen Verhältnisse stand, bestätigen manche Briefstellen. So 
schreibt er einmal [0. 15 IV 80]: > Augenblicklich lese ich (ioethe's 
Briefwechsel mit Knebel, mit vielem Genuss, nicht nur an (loethe's, 
sondern auch an Kuebel's merkwürdig gelassener und im eigent- 
lichsten 8inne epikureischer Xatur.« Auch bei diesen Geistern zog 
Rohde am stärksten an, was Er nicht hatte. 

Zu S. 212, 2. 

Wenn Nietzscht«: dem Denken und Schaffen des Freundes schliess- 
lich fremd gegenübersteht, so ist das nur zum kleinsten Theil seine 
Scliuld. Auch zu ihm hat Rohde, nachdem ihm jener Plan einer 
Kulturgeschichte gekreuzt und verleidet war (oben S. 138), von 
seinen weitaursholenden religionsgeschichtlichen Studien brieflich so 
gut wie nichts verlauten lassen, während er von seiner philologischen 
Amts- und Tagesarbeit gelegentlich mit einer gewissen Selbstironie 
und Verdriesslichkeit spricht. Bei dem Wiedersehn in Leipzig sind 
die Freunde, bei der desperaten Stimmung Rohde's, überhaupt zu 
keinem unbefangnen Verkehr und Gedankenaustausch gekommen 
(s. oben S. 150 f.). 



289 



Register'. 



A. 



Aelius Promotus S. 43. 

Aesthetik und Historie 40. 135 f. 

dya^öc, Etym. 158, 1. 

a.'fÖLTZT, C. 90. 

Agon' der Komödie 276. 

Akademien und Universitäten 146. 

Alexandrinische Dichtung 79 ; ro- 
mantisch C. 22. 

Anaxagoras C. 10. 

Andreas F. C. 63. 177, 2. 

Andreas-Salome, Lou 177. 

Audresen, G. 24, 1. 

Angermann, K. 11. 

Animismus 181, 1. 

Ansprachen Rohde^s 145. 196. 

Antike Kultur, Werth und Bedeu- 
tung 58 f. 145. 173. 

Antisthenes 277. 

Anschauung und Begriff C. 16. 

Antrittsrede in Tübingen 102. 

d:iad-avaxia}ic(; 189. 

Apollo doros Chronika 275. 

Apulejus 12. 29 ff. 

Archäologie 36. 40. 269. 

Ariosto 24. 

Aristophanes 53 f. 276. 

— von ßyzanz 31. 

Aristoteles 175, 1. 200. 280; als Hi- 
storiker 284 ; Politeia 285. 

Armuth C. 74. 

Arnold 'Pfingstmontag' 226, 1. 

Arnold, R. 11. 

Assing, Ludmilla, 35. 

Assiai 35. 265. 

B. 

Bährens, Kmil 92. 96. 
Bandello 226, 1. 



I Basel 28. 38. 76. 

Baumgartner, A. 96. 

Baunack, Joh. 158, 1. 

Bayreuth 52. 64. 78. 88. 126. 153. 165. 
170. 182,1. 

Beethoven C. 36. 

Bekker, Imm. 195. 

Belgien 127. 

Benfev, Th. 84. 

Benndorf, 0. 84. 

Bentley C. 58. 

Bergk, Th. 130. 

Berlin 46. 121, 1. 125. 171. 

Bernays, J., über Fr. Nietzsche 58, 3. 

Bemus, Frh. v. 203. 

Bescheidenheit C. 61. 209, 3. 

Bewusstsein und Instinkt C. 11. 65. 

Beyle (Stendhal) 281. 

Bildlicher Ausdruck 73, 1. C. 40. 

Bismarck 46. 121. 166, 2. 173. 196. 

Böckh, A. 138. 

Böcklin 186,2. 

Boisseree 68. 

Bologna 36. 

Bolte, J. 84. 

Bon-mot-Stil C. 58. 

Bonn 8. 

Brambach, W. 38. 

Brandes, G. 167, 1. 176 f. 

Brandt, Alfred 3. 

Breal, M. 158, 1. 

Bruns, Ivo 100. 133. 

Buddhaismus C. 4. 

Burckhardt, Jakob 41. C.13\ über Py- 
thagoras54; historische Anschau- 
ung und Darstellung 71; wird mit 
Rohde bekannt S. 71, 1. 76 268; im 
'gr. Roman' berücksichtigt 82 ; grie- 
chische Kulturgeschichte 139, 2. 



* Die cursiv gedruckten Zahlen mit vorangeschicktem C. bezieben 
sich auf die Nummern der Cogitata S. 217 ff. 



C r u 8 i u s , K. Rohde. 



19 



290 



Register. 



281 : Verhältnis zu Nietzsche 72, 1. 

157, 3. 
Buresch. K. 170, 1. 
Byron 24. i 

C. 

Camaldoli 262. ' 

Carlyle 66. 140, 1. | 

Caasel 125. 

Catull 6. 12. 92. \ 

Chamberlain, H. St. 107, 4. i 

Chariton, Romandichter 19, 2. 80 f. , 
Choirilos-Artikel bei Suidas 275. i 
Christenthum C, 4. i 

Classen, J. 4. 5, 2. 
Clasöicismus 67. 136 A. 213. 
Clasßischer und romantischer Stil ' 
C. 22. I 

Clemm, W. 11. i 

Cobet C. 58. I 

Concil in Rom 35. 266. , 

Conflikt, tragischer 165. C. 29. j 

Conversation C. 5(J. ! 

Coulanges s. Fustel. 
Creuzer, Fr. 202. 281. 
Cultur, s. Kultur. ' 

Curtius, K. 2A. 55,1. ' 

Curtiuö, G. 13. 142, 149. 152. 

D. 

Daphnesage 154. I 

Deismus Ö. 31. ! 

Delbrück, B. 96. 

Demetrius von Phaleron C. 3. ; 

Demokrit 133 f. 282. ! 

Deussen, P. 17,3. I 

Deuteroskopie 18, 2. j 

Dialexeis 133. 

Dichter, ihre Bedeutung für die grie- 
chische Mythologie C. 82. 

Diels, H. 184. 

Dieterich, A. 174. 2. 180, 2. 189, 1. 

Dilthey. C. 34. 262. 

Dionysos und ApoUon 55 ; Dionysos- , 
kult und Unsterblichkeitsglaube 
182 ff. 

DittenbergtT, W. 280. 

Dixon, H. C. 31. 

Drama, Anfänge C. 17. 

Dümmler, F. 174,2. 

Dürer 07. C. 27. 

Dyroff, A. 134. 

K. ^ , 

Egoismus und Altruismu^^ 99. 
Eitelkeit C. 7(i. 
Ekstase 6^^. 183. ', 



Emendationen 2 A. ; ('. 58. 

Entlehnungen, litterarische ('. 37. 

Epikur 208, 2. 287. 

Erinnerung C. 41. 

Erdmannsdörfer, B. 84. 

Sptüg C. 9(). 

Erotik bei den Griechen 8U. 

Etrurien 84. 

Etymologica 42, 1. 

Euripides C. 10. 12. 

F. 

Feclmer, Fr. Th. 17. 235, 1. 
Fiesole, Fra Angelico 33 41. 259. 
Fischer, Kuno 195. 
Flach, Hans 107 if. 119,8. 274. 
Flaubei-t, G. 140, 1 . 
Florenz 33. 64. 264. 266. 
Förster-Nietzsche, E. 155,2. 281.286 f. 
Förster, K. 36. 
Folklore 44. 270. 

Forchhammer, P. W. 22 ; gegen Roh- 
de's Beförderung 51 ; vgl. 92. 101, 1, 
Franz von Assisi 265. 
Franzosen, ihr Stil C. 54. 157. 281. 
Frauenstudium 205. 1. 
'Freisinn' 166,2. 173,2. 
Freytag, G. 25. 
Fritzsch, Buchhändler 51. 
Fustel de Coulanges 211,3. 

G. 

Geiger, L., 203,2. 

Gelehrtenthum 3, 1. 94. 98. 

Genie, Genius 66; 75: C. 2. 20. 33. 
49. 69. 75. 

Gerechtigkeitslösung C. 32. 

Gersdorff, A. v. 51. 

Gessler, Minister 144. 

Giotto 265. 

Gleditsch, H. 132 A. 

(Gleichnisse, poetische 78, 1. C. 40. 

Glück, Gesundheit (\ 88. 

Goethe 9. 33. 46. 118 153 f. 163f. 178; 
6 Tidvu 267. C. 30. 36. 

Göring, Carl 17,2. 

Goniperz, Th. 192. 28U. 

Gothein. Eb. 285. 

Grenfell über Chariton 80, 2: TJrotk 
fnujmnit 200. 

Grillparzer 164. 

Grote, George 8. 

Günderode, Karoline v. 203 f. 

V. Gutschniid, A.. Lehrer R.'s in Kiel 
28; über Jo>ephu« 82, 4 ; für Roh- 
de's Beförderung 51 : College in 
Jena 87; in Tübnigen 101. 106 ; Ent- 
fremdung 1U8. 187.2; Verhältnis 



Register. 291 

zu Flach -274 ; politische Richtung Italien 33. 126. 163. 258. 

121,2; chronologische Annahmen , Isokrates bei Piaton 281. 

129: über Philosophie 16. 137,2:' 

vgl. 166, 1. C. 34. I J- 

.fahn, 0. 9. 269, 1. 
^^- : JaniblichuS; Quellen der Pythagoras- 

Haniburg 7. biographie 54 ; Plan einer Aus- 

Händel 9. gäbe 135. 

Hansen, Verwandter R.'s C. 41. 265. , Jean Paul 72. 164 C. 46. 
Hartniann, E. v. 36, 1. Jena 86. 96. 

Hartwig. P. 268. Johannesevangelium 68. 

Haupt, M. 18, 3. Josephushds. 32, 4. 

Havdn 9. Jung-Stilling 25, 1. 

Heidelberg 89. 150. 153. 
Heibig, Woltg. 33. 35. 178, 1. 268. K. 

269 f. Kanones der Schriftsteller im Alter- 

Heldenthum C 70. j thum 136 A. 

Hellenismus 79. 138. i Kant 17. 257 C. 36. 

Heraklit 134. I Karl August an Lavater 79. 249, 2. 

Herbst, L. 4. Karlsruhe 125. 161. 

Hermes Trismegistos 134. Keller, Gottfried 72 f. 

Herondas 175, 1. 200,1. Keller, 0. 132 A. 179,3. 

Hevse, Paul 60, 2. Kern, 0. 43. 

Hevse, Tb. 268. '. Kinkel, G. 11. 

Hildebrand, Br. 96. Kirchhotf, A. 130, 1. 

Hildebrand, R., über Nietzsche 70, 3; Klassizismus s. CL 

über S. Lipiner 87, 3. • Klebs, E. 80, 1. 

Hildeck. L. 17, 2. | Klebs, G. 153, 2. 

Historie, historische Autfassung 23. ' Kleinpaul R. 11, 3. 

41. 69. 71. 79. 82. 135 f. C. 47. Kleist, H. v. 24; C. 4U; Penthesilea 
Hötiseh«' Poesie des Mittelalters 80, 1. C. 7. 
Hölderlin 53. 168. | Knebel 287. 

Hölk, Corn. 162. | Klinger, M. 186, 2. 

Hörschelmann, W. in Dorpat 78. 275. ! Köchly, H. 170, 1. 287. 
Holbein C. 27. Köhler, Reinhold 84. 

Holland, Reise 127. Köstlin, K. 109. 133. 

Hölzer, E., 274. Kohl, 0. 11. 

Homer 24. 46. 129 f. C. 78. Komödie, megarische 93*; attische 

Hoi)fen, Hans 24. 131; dorischen Ursprungs 276. 

Horaz 173, 1. ; Krohn, A. 133. 278. 

Humor C. 81; vgl. 51. 210. 270. j Krumbholz, P. 104. 

Kultur, antike und moderne 145. 
^ ; 213 f. a 42. 

Idealismus Realisnnis C. 42. Kulturgeschichte , griechische 135. 

Idealität der Zeit C. 81. 193, 2. 

•Idee' als Aufgabe der bildenden Kunstgenuss C. 52. 

Kunst 41. 67; C. 39. 7;>. Kunstkritik C. 73. 

Ideenlehre Piatons 280. C. 86. \ Kussmaul, A. 196. 

Individualismus 118, 1 ; bei d. Grie- i 

chen 136 A. I^- 

Individuuui und Typus 146. C. 2. Lachmann, C. 13, 3. 46. 287. 
Individuum und Gattung 58; C.2.7. Lagarde, P. de 68. 124 A. 146,1. 
Instinkt und Bewusstsein C. 11. \ Landschaftsschönheit C. 28. 
Intellectualismus 155, 3. C. 5. 6. Lange, Fr. A. 17. 26. 
Intrigucnspiel im Drama (.\ 12. Lii Rochefoucauld 25. 

Ironie, tragische (\ 8. Lehrgedicht C. 44. 

Isigonus 43. , Lehrs, K. 287. 

19* 



292 



Register. 



Leipzig? 11 ff. 141 ff. 

Lenz 24. 29, 1. 

Leopardi 24. 86 A. 

Leasing 25. 72, 2 C. 2. 

LenkippoH 183 f. 

Leutsch, E. v., gegen Nietzsche'« 

Geburt der Tragödie 56, 1 ; zu R.\s 

Vortrag über die Novelle 84. 
Lichtenberg C. 27. 
Liebeatragödien C 7. 
Lipiner, S. 87. 90. 
Lipsius, R. 96. 
Liazt, Franz 159 f. 
Litteraturgeachichtliche Forschung, 

Methode 102. 275. 
Lobeck. Chr. A. 55. 202, 1. 287. 
Lotze, H. 190. 
Lübbert, E. 74. 
Lucian, Lukios 24. 29 : Scholien 42 ; 

C. 11. 
Ludwig, 0. 60, 2. 
Luther C. 76. 
Luini 41. 
Lyrik, griechische 108, 2. 120 A. 

M. 

Madvig C. 58. 

Märchenforschung 81. 

Mailand 87. 

Malerei, italiänische 40. 258 ff. 

Mantegna 267. 

Marwitz, Alexander v. 66. 

Marx, A. 162. 282. 

Masse und Persönlichkeit C. 24. 

Matz, Fr. 84. 86 f. 60. 268. 

Max, Gabriel m. C. 59. 

Mayser, E. 141. 

Medicin, antike 1. 48 f. 

Meltzer, H. 184,8 
Mendelssohn. Felix (■. 4S. 
Methode der litterargeschichtlichen 

Forschung 102 275. 
Metrik 181. 200 A. 276. 
Meyer, Ed. 82. 107, 1. 105. 
Meyer, El. H. 84, 2. 
Meyer, Victor 195. 
Michaelis, Ad. 178. 2. 
Mill, J. St. 66. 
Mitleid 25. 
Moininsen, A. 48, 1. 
Moral und Idee im Kuu>twerk C.2: 

Moral und Religion 197. 
»Moralisten' C. 71. 
Müller. H. I). 11^, 1. 181, 1. 
Müller, Jiucian 29. 1. 
Müller, Max 178, 1. 



Müller, Otfried 188. 

München 38. 125. 142. 198. 

Musik 2: 8: 15 f. ; 182, 1. 260; C. 66; 
Musik und Natur C. 04; und My- 
thus C. 67; und Moral C. 91. 

Mysterien, griechische 184 C. 16. 68. 
^80. 86 f. 

Mystik, griechische 55 ; C. 77. 

Mystiker C. 29. 77. 

Mythologie der Griechen C. 82. 

Mythus als Stoff der Tragödie 57: 
M. und Musik C. 67: Charakter 
des gi-iechischen Mythus C. 82.83. 

N. 

Naber, A. S. 80,2. 

Naeke, A. F. 275. 

Naturgefühl, sentimentales C. 38. 64 ; 
vgl 5. 96. 125. 

Naturnachahmung in der Kunst C. 6fß. 

Naturwissenschaft C. 26. 

Nauck, A. 135. 

Neapel 84. 262. 

Neumann, Carl 285. 

Nietzsche, Fr., in Leipzig 11. 14; 
musikalische Anregungen 16; phi- 
losophische 16 f.; 257; philologi- 
sche 19; Briefwechsel 25 ff'.; 262. 
265 f. : künstlerische Begabung 27. 
137 ; Berufung nach Basel 28; Wie- 
dersehn mit Rohde in Basel 38. 
268; im Kriege 1870 und bei R. 
Wagner 47; Pläne eines Zusam- 
menlebens mit R. 49 f. ; Erkran- 
kung 49; Wiedersehn in Leipzig 
50; Vermittler bei Ritschi. Engel- 
mann. Wagner, Zarncke 12. 29. 52. 
58; 'Geburt der Tragödie' 56 ff*. 
C. 44 : Wiedersehn in Bayreuth 64; 
Unzeitgemässe Betrachtungen 70. 
75. 97 : über den 'griechischen Ro- 
man' 85 : über (ielehrtenarbeit 94, 1. 
98: 'Menschliches, Allzumensch- 
liches' 97 ; 'D<'r Wanderer und sein 
Schatten' 111. 114: 'Jenseits von 
Gut und Böse' \)r\.C.14.29\ »Die 
fröhliche Wissen^(•haft• 115. 187. l. 
*Zarathustra' 59. 114. 1. 116; *Zara- 
thustra IV' 177: Verhältnis zu R. 
Wagner 11>^; in Leipzig (1886) 
148. 150. 281 : in Roh<le's Colleg 
152: Conflict mit R. i:»5ff*.: 'Zur 
Genealogie der Moral' 157 ff. : 168. 
177 : 'Fall Wagner', 'Köt/rMidämnu^- 
rnng' n. Ae. 168.8. 177.4: Erkran- 
kung (1^89) 167 ff. ; Rohde über 
die 'Nietzscho-Litteratur' 176 ff.: 



Register. 



293 



L. Stein 176: G. Brandes 176; Lou 
Andreas-Salome 177:N. über Diony- 
soskult und Unsterblichkeitsglau- 
ben 184 ff. ; Verhältnis zu P. Ree 
87 f. 97 ff. 112. 177,2; Verhältnis 
zu Schopenhauer 17. 185, 3. 187 A.; 
Briefe und Nachlass 194 ; in Roh- 
de's letzten Arbeiten nachwirkend 
197 ; vgl. 209, 1. 286 f. 

Nöldeke, Th. 51. 63. 206, 1. 

Novellenforschung 44. 83 f. 

Nürnberg 64. 67. 

O. 

Oldenberg, H. 201, 1. 

Orgiasmus 171. 188. 202 A. 

verbeck, Fr. *Über die Christlich- 
keit unsrer Theologie' 69 ; *Studien 
z. Gesch. der alten Kirche' 75; Be- 
kanntschaft und Briefwechsel mit 
Rohde 76. 110. 123. 124. 209, 1. 285 f. 

P. 

Pädagogik 4. 174. 

Palermo 263. 

Pantheismus 190. C. 9. 31. 

Papst, H. 36. 

Paradies C 35. 

Pariuioxographen 43. 

Paris 28. 40. 125. 

Parthey, Gustav 268. 

Paul s. Jean Paul. 

Penthesilea C. 7. 

Pt^rsius 172, 1. 

Persönlichkeit 155,3. 180. C. 69. 

Perugia 35. 264. 

Perugino, Pietro C. 48. 75; 264. 

Peschel, 0. 20. 

Pesöimisnms der Griechen C. 83. 

Petersen, Chr. 6. 

Pfteiderer, E. 110. 133. 

Phantasie der Thiere C. 45. 

Philologenvorsammlung in Rostock 
84; in Trier 127; in Wien 192. 

Philologie V. 145. 173. C. 58. 

Philosophie 16. 36 f. 40 f. 59. 136 f. 
190 f. 204. 271 f. C. 4. 5 f. 

Pindar 120 A. 154, 3. 

Pischel, R. 62. 

Plastik 40. 269. 

Platen C. 75. 

Piaton 17; Begründer des Romans 
nach Nietzsche 19; platonische 
Frage 133. 277 ff. : Spiritualismus 
ISO (\ SO: Phaedon 280; Theae- 
tet 277 ; Staat 278 f. ; Gesetze 279 : 
Ideenlehre 280; Allgemeines 279. 



Politische Ansichten R.'s 46 f. 120 f. 

166. 172,2. 196. 199. 
Pollux, Lexikon 24. 31 f. 
Porträtmal er ei 68. C. 27. 
Prag, Ruf 142. 
Prorectoratsrede R.'s 197. 
Protestantenvereinsreligion 257. 
cpüXTj und ^ü^iö^ 283 f. 
Pythagoraslegende 54. 

Q. 

Quellenforschung 23. 31. 
Quintilian 131. 

R. 

Raabe, W. C. 81. 

Raphael 264. C. Ü7. 

Realistik 67. 200; 264. 

Realismus C. 42. 

Ree, P. 87 f. 97. 99. 1 12. 177, 2. C. 70 f, 

Religion 68. 75. 134. 190. 257 ; Reli- 
gion und Philosophie 190; Reli- 
gion und Moral 197 ; C 40. 47. 56. 
77. 79. 

Religionsgeschichte 132. 143, 1. 

Renaissance 40. 127. 267. 

Rhetorik, griech.-römische 92. 

Ribbeck, 0., in Kiel 22. 267 ; für Roh- 
de's Ernennung zum P. E. 51 ; über 
Nietzsche's 'Geburt der Tragödie' 
57,2; vgl. 100, 1; über den »grie- 
chischen Roman' 79, 1 . 85 ; Brief- 
wechsel 110. 123; bei Rohde'a Be- 
rufung nach Leipzig 142 ff. 148 ff.; 
Geburt stagscannen Rohde's 271; 
über Rohde 12, 1. 22, 3. 209. 257. 

Richard, H., 5, 1. 24, 1. 36. 

Richter, Eugen, 166.2. 

Ritschi, Fr., in Bonn 8 f. ; in Leipzig 
11 f. 29 f.; Schriftstellertechnik 31; 
Besuch Rohde's bei R. 38; über 
die 'Geburt der Tragödie' 56, 1 . 77. 

Ritter, Const. 104. 131. 137. 271. 279. 

Rom 33. 171. 260. 265. 

Römische Dichtung 172. 

Roman. Plato sein Begründer nach 
Nietzsche 19; didaktisch C. 32. 
Rohde's Arbeiten über den griechi- 
schen Roman 55. 74 ff'. 199 f. 

Romantiker 25. 203. C. 22. 

Komundt, H. 11. 76. 257. 

Röscher. W. H. 33. 208. 262. 268. 

Röscher, W. 20. 

Roth, R. 109. 

Rothenburg a. d. T. 171. 

Rousseau C. 36. 

Rubens C. 27. 



294 



Register. 



Rückert C. 75. 

Rühl, Franz, in Kiel 32; in Rom 36; 
in Dorpat 78 ; Correspondent Roh- 
tle's in Könijraberg 110. 198. 275; 
über Rohde 35,1. 125,2. 214. 

Ruisdael C. 60. 

S. 

Sacchetti 265. 

Sage und Dichtung C. 32. 

V. Sarwey 148. 

Saturniiis 132 A. 

Schiller C. 36; ästhetische Schriften 
17; 56, 1; 66; Jungfrau C. 7. 

Schirren, K. Chr. 62. 

Schlegel, F. 267. 

Schieiden, M. J. und R. 2. 

Schleiernlacher ('. 4. 

Schmid, W. 30. 141. 174, 2. 209, 1. 273. 

Schmidt, Adolf 95. 

Schmidt, Bernh. 270. 

Schmidt, Moriz 87. 95. 102, 2. 

Scholl, Fr. 154. 161. 

Scholl, R. 36. 

Schöne, A. 129. 

Schopenhauer 17; Philosoph der Ro- 
mantik 18, 3. 25; ästhetiKcher Idea- 
lismus 40. 66; vgl. 8. 185,3. 187. 
217, 1. 226. 235, 1. 237, 1. 245, 1. 255, l . 

Schröder, R. 195,2. 

Schuld, tragische 58. 165. C. 62. 

Schule und Universität 213, 3. 271 ff.: 
Universalschule 257. 

Schumann, R. 9. 

Schwabe, L. 101 f. 

Schwally, Fr. 286. 

Seminar, philol. in Tübingen 103. 

Seneca C. 89. 287. 

SJiaker 68. C. 31. 

Shakespeare C. 2. 49. 

Sievers, E. 96. 106. 

Sigwart, Chr. 110. 137. 153, 2. 

Sittliche Emi)tindungen , ihre Ge- 
schichte C. 78. 

Sklaverei 75. 

Socin, A. 106. 

Sokrates 57, 2. C. 11. 26. 89. 

Sorrent 34. 262. 

Springer, A. 10. 148. 150. 151, 2. 

Stägemann, M. 8. 

Statins 60, 2. 172, 1. 

Stein, Ludwig 176. 

Stendhal (Beyle) 281. 

Stesimbrotus 95, 2. 

Stifter, Adalbert, 'Nachsommer' 112. 

Stil und 'Idealität' bei den (rriechen 
147. 



Stimer 17,2. 257. 

Stockhausen, J. 8. 

Stoiker 172, 1. 

Stolz und Eitelkeit 209, 3. C. 76. 61, 

Stoy, K. V. 4. 

Streitberg, W. 178, 1. 

Suidas 93. 129; seine Quellen 275. 

Sybel, H. v. 10. 

T. 

Taine, Hippolyte 155 ft*. 281. 

Talmis, Inschrift 199,4. 

Teuffei, W. S. 101. 103, 1. 

Theoklymeuos in der Odyssee 18,2. 

Theologie 27. 68 f. 285 f. C. 1. 

Thierverehruug C. 13. 

Thorwal dsen 27. 

Thukydides 5. 284. 

Tieck C. 75. 

^HÖC und c()üxi5 283 f. 

Timagenes, Quelle des Trogus 107, 2. 

Tragische Ironie C. 8; Schuld 165. 

C 62'. tragischer Conflikt C. 29; 

tragische Hehlen 57 f. 
Tragödie, Stil und Wesen 56 f. 67. 

165. C. 2. 7. 12. 18; Anfänge C. 17; 

dorischen Ursprungs 276. 
Träume der Thiere C. 45. 
Traum und Dichtung 60, 2. 200 A. 

C. 44. 
Trivialität C. 89. 
Trogus 107,2. 
Tübingen 102 ff. 
Tylor, H. 66. 

U. 

Ueberlieferte Stoffe in der Poesie 
C. 32. 

Uebersetzungskunst C. 43. 

Ullrich, F. W. 5 f. 22. 

Universitäten und Akademieen 119, 4. 
146,1. 

Unsterblichkeitsglaube bei den Grie- 
chen 140. 182. a 53. 

Usener, H. 44. 201, 1. 279. 

Usingt*r 74. 

Utopien, griechische 80. 

V. 

Van Dyk C. 27. 
Varnhagen v. Ens»^ 65. 
Velsen, F. v. 37. 267. 
Venedig 36. 193. 267. 
Verona 33. 259. 
Virgil 172. 

Vöchting, H. 166. 283. 
Völkerkunde 20. 



Register. 



295 



Voigt, F. A. 181. 186, 1. 

Volkelt, Joh. 61 A.; College in Jena 
87. 96; Correspondenz 110. 125. 
137 ; in Leipzig 151 : über Nietzsche 
159, 1. 161, 1 ; Zusammentreffen mit 
Rohde 165 f. ; *Prtntliei8mus und 
Individualismus' 190; vgl. 209,1. 

W. 

Wachsfiguren, ästhetische Wirkung 
C. 52. 

Wuchsmuth, C. 107, 2. 270. 

Wagner, Cosima 61, 1. 197 f 

AVagner, R. 1 5; Jugendwerkel 6; Taim- 
häuser C. 2i)\ W. als Schriftsteller 
26. 49 : 'deutsche Kultur' 48 ; Be- 
such Rohde's bei W. 268 ; persön- 
liche Beziehimgen zu R. 88. 52; 
in Hamburg 64; in Bayreuth 52. 
64. 78. 88 usw. ; Meistersinger 88. 
(;. <;<;; Nibelungen 78; Tristan 125. 
126»; Parsifal 118; Briefwechsel 
mit Liszt 159 f. ; Allgemeines 90. 
159. 168. 182, 1. C. 21. 

W'alz, K. 141. 

Weber, E. 104. 

Weihrauchduft C. 41. 

Weimar 15B. 

Weinhold, K. 25. 

Welcker, F. G. 9 f. 188. 



Weltphilosophie und Menschenphi- 
losophie C. 4. 10. 

Wendt. G. 161. 

Wien 192. 

V. Wilamowitz-Möllendorff, U. 56 f. 
60. 84, 1. 93, 2. 108, 3. 

Wilcken, U. 81, 1. 

Wille und Bewusstsein C. 63. 

Wilmanns, A. 88. 62. 

Windisch, E. 11. 

Winkelmann C. 3G. 

Wissenschaft und Kunst 145 ff. 

Wi8.ser, E. 11. 

Wolf, Hugo 141,2. 

Wundt, W. 137.2. 

Würzburg 170. 



X. 



Xenophon C. 89. 

Z. 

V. Zahn 20. 

Zangemeister, K. 154. 208, 1. 

Zarncke, Fr. 53. 56,1. 148, 1; über 

Nietzsche 70. 
Zeller, Ed. 133. 280. 
Zeno, Zeitalter 98, 1. 
Zielinski, Th. 131. 275. 
Zürich 38. 
*Zweck' des Menschenlebens 204. C. 

7. 14 f. 



B e r i c h t i g 11 II g e II. 

S. 46, Z. 23: sehr, versucht für versuchte. 
S. 247, C. 69y Z. 6 sehr, einem für einen. 
S. 254, C. 89. Z. 9 sehr, nur für nun. 



296 



Inb altsTerzeiclmis. 

Seite 

Vorwort III 

1. Das Vaterhaus. Die Schuljahre in Jena und Hamburg (1 845— 1865) 1 

IL Die Studienjahre. Bonn. Leipzig. Kiel (1865—1869) .... 8 

III. Erstlingsschriften. Die Reise in Italien und ihr Ertrag (1869. 1870) 29 

IV. Habilitation in Kiel. Studien über Pythagoras und den grie- 
chischen Roman. Die Streitschrift für Nietzsche (1870-1873) 45 

V. Das Buch über den griechischen Roman und Verwandtes 

(1873—1876) 74 

VI. Berufung nach Jena. Verheuathung (1876-1878) .... 86 

VIL Tübingen. Lehrthätigkeit und Leben (1878-1885) .... 101 

VIII. Der wissenschaftliche Ertrag der Tübinger Jahre .... 128 

IX. Abschied von Tübingen. Leipzig. Homerstudien (1886) . . 141 

X. Heidelberg. Die Vollendung der Psyche (1886-1893) ... 153 

XI. Das Prorectorat. Die Studien über Creuzer und die Günde- 

rode (1893-1896) 192 

XIL Das Ende. Zur Charakteristik (1897. 1898) 206 

Anhang : 

Cogitata. Aphorismen und Tagebuchblätter Erwin Rohde's 215 

Beilagen und Nachträgn 257 

Register 289 

Berichtigungen 295 



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STANFORD, CAUFORNIA 

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